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Gesellschaft & Geschichten

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust

Wieso wir uns nicht mehr entscheiden müssen sollten
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renk.PRINt

 

In der Oberstufe sollten wir für den Deutschunterricht Goethes Faust I lesen. Meistens fand ich Schullektüre ja recht öde, aber überraschenderweise konnte mich das Drama damals begeistern. Mich, ein Kind von Einwanderern, das bis dato nicht viel mit klassischer Literatur anfangen konnte und plötzlich von einem Stück fasziniert war, das nicht selten als das deutsche Werk bezeichnet wird. Ich weiß nicht genau, woher die Begeisterung kam. (Türkische Version hier / Türkçe Versiyonu burda)

Wieso wir uns nicht mehr entscheiden müssen sollten

Vielleicht war es der Konflikt des Protagonisten mit seiner gespaltenen Seele, das mein Interesse geweckt hat. Ein Dilemma, das keineswegs ein urdeutsches ist, sondern auch Menschen mit türkischem Migrationshintergrund nur allzu bekannt vorkommen sollte, denn es ist quasi unser Erbe, uns für eine von zwei Seiten zu entscheiden. Egal ob es um die Staatsbürgerschaft geht, welche Politik uns mehr interessiert oder welche kulturellen Gepflogenheiten wir schätzen; ständig wird uns unsere Gespaltenheit mit einem Spiegel vorgehalten. Wir sollen uns einer Seite verpflichten und die andere am besten so schnell wie möglich verdrängen. Aber muss das wirklich sein? Können wir ohne eine Wahl zu treffen kein Teil der Gesellschaft werden?

Can Dağarslanı – Identities

Eigentlich sollte das ganze Thema keine Rolle mehr spielen. Niemand sollte mehr ein Problem damit haben, wie oder als was sich jemand definiert, oder welche Staatsangehörigkeit sich jemand wünscht. Leider ist das Ganze noch nicht vollkommen egal und gerade deshalb ist es auch heute noch so wichtig darüber zu reden, selbst wenn das deutsche Anwerbeabkommen um türkische Gastarbeiter mittlerweile stolze 56 Jahre in der Vergangenheit liegt.

Immer wenn die AfD neuen Aufwind bekommt, Mesut Özil dafür kritisiert wird, dass er die deutsche Hymne nicht mitsingt, Herr Gauland Menschen in Anatolien „entsorgen“ will, die CSU sich dafür ausspricht, dass zuhause ausschließlich Deutsch geredet werden soll, oder Erdogan versucht, die türkische Diaspora als Teil der türkischen Nation zu stilisieren, um sie so für seine Zwecke zu gewinnen – immer dann sollte uns klar sein, dass noch lange nicht genug über all das geredet wurde und dass sich eine Antwort auf dieses Problem nicht einfach unter der Kategorie Nationalität im Ausweis finden lässt.

Viele meiner Freunde wundern sich, wenn ich das Thema anspreche. Oft wird angenommen, das sei sowieso nur Stoff für Stammtischgespräche und Vorurteile gegenüber türkischstämmigen Mitbürgern würden nur von älteren, konservativen Menschen oder AfD-Wählern kommen. Kurioserweise sind es aber auch vermehrt jüngere Menschen, die dieses Thema für sich entdecken und versuchen Stimmung damit machen. Beispielsweise unterstützte der Bundesvorsitzende der Jungen Union erst vor ein paar Monaten den Beschluss zur Abkehr von der Doppelpassregelung und forderte zugleich von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund endlich ein Bekenntnis für eine Kultur. Diskriminierung geht nicht nur von älteren Menschen aus, was auch der Zulauf junger Menschen bei der Identitären Bewegung verdeutlicht. Über das Thema zu reden heißt also nicht, über ein Randphänomen der Gesellschaft zu diskutieren.

Loyalität und Leitkultur – Relikte einer lange vergangenen Zeit

Ständig wird die Loyalität von MigrantInnen angezweifelt und auf eine Entscheidung für eine der beiden Seiten gedrängt. Was dabei aber immer übersehen wird ist, dass es auch möglich ist, sich mehr als nur einer Sache verbunden zu fühlen. Man kann zwei Lieblingsgerichte, zwei Lieblingsfilme, zwei Lieblingsfarben und auch zwei kulturelle Identitäten haben. Es ist kein Widerspruch, mehr als nur eine Sache zu lieben. Es kritisiert ja schließlich auch keiner meine Loyalität zu Nutella, wenn ich mir auch gerne Marmelade auf mein Brot schmiere.

Die Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft ist ein gutes Beispiel für das Entscheidungsdilemma, denn die Diskussion existiert schon seit vielen Jahren, ohne dass mal ein Ende in Sicht wäre. Ausgetragen wird dieses ewige Thema auf dem Rücken derjenigen, die oft nicht mal etwas für ihre Gespaltenheit können; schließlich sucht sich niemand den eigenen Geburtsort aus. Erschwerend kommt hinzu, dass oft eine gewisse Doppelmoral herrscht, wenn es um die Staatsbürgerschaft geht. Solange die Menschen aus Europa oder den USA kommen, wird ihre Loyalität nicht hinterfragt. Menschen mit türkischem Migrationshintergrund wird allerdings häufig Rosinenpickerei vorgeworfen. Letztere würden laut vielen Mitbürgern die doppelte Staatsbürgerschaft nur wollen, um irgendwelche eigenen Vorteile daraus zu schlagen. Im Umkehrschluss müsste dieses Argument dann aber auch bei jemandem angebracht werden, der zugleich US- und deutscher Staatsbürger ist. Dass das Ganze für viele mehr ist als nur den Eigennutz zu maximieren, wird häufig nicht akzeptiert.

Noch schlimmer ist da nur das Konzept der Leitkultur. Schon der Name sagt uns, dass eine Kultur gegenüber der anderen höhergestellt ist; sie leitet und man soll sich an ihr orientieren. Wieso eigentlich? Reicht das Grundgesetz denn nicht aus? Braucht es eine übergeordnete Kultur, nach der sich jeder richtet? Das Problem dabei ist doch, dass die Gegenseite so abgewertet wird und zwischen dem zivilisierten, westlichen Abendland und dem rückwärtsgewandten Morgenland unterschieden wird. Diese Unterscheidung hat sich so penetrant in unseren Köpfen festgebrannt, dass es nur sehr schwer ist, sie zu überwinden. Mit westlicher Kultur verbinden wir Wörter wie „zivilisiert“, „kultiviert“ und „rational“, während östliche Kultur mehr mit Wörtern wie „wild“, „barbarisch“ oder „bedrohlich“ verknüpft wird. Natürlich hat sich in unserer globalisierten Welt über die Jahre hinweg auch einiges getan. Es gibt bedeutend mehr interkulturellen Dialog und mentale Barrieren sind zunehmend schwächer geworden; diese positiven beziehungsweise negativen Assoziationen mit den jeweiligen Kulturen sind aber nach wie vor bei einigen Menschen da.

Dabei sehe ich doch beide Teile meiner Identität als gleichwertig an.

Goethe, Thomas Mann und Günter Grass waren wichtige Autoren, aber für mich spielen Nazim Hikmet, Orhan Pamuk und Orhan Veli ebenfalls eine große Rolle. Deutsche Komponisten waren vielleicht bedeutsam, ja, aber Anadolu Rock, Barış Manço und Tarkan sind es für mich nun mal auch. Türkische Kultur ist weitaus komplexer als die meisten denken und lässt sich nicht nur auf Döner reduzieren. Wieso sollte sie also weniger wert sein als die deutsche? Statt Leitkultur und Überlegenheitsgefühl wäre eine gleichberechtigte Koexistenz von Kulturen auf Augenhöhe deutlich sinnvoller und würde zu einem besseren und inklusiveren Miteinander führen.

Almancı oder Ausländer?

Leider sieht es oft auch auf der anderen Seite nicht besser aus. Mein Vater wird zum Beispiel nie müde mich zu ermahnen, niemals meine Wurzeln zu vergessen. Ich habe oft das Gefühl, dass ich seinen Erwartungen dabei nie gerecht werden kann und für ihn immer zu „deutsch“ bleiben werde. Sein größter Wunsch für die Zukunft ist es, mit uns irgendwann wieder in die Türkei zu ziehen. Für ihn als ehemaligen Gastarbeiter, der in der Türkei aufgewachsen ist und dort einen bedeutenden Abschnitt seines Lebens verbracht hat, mag das Sinn machen, für mich ist die Zeit hier allerdings nicht eine reine Übergangslösung. Ich bin hier in Deutschland geboren und selbst wenn ich mich in der Türkei genauso zu Hause fühle, es liebe durch die engen Gassen Istanbuls zu schlendern, mir nichts Schöneres vorstellen kann als einen Schwarztee mit Blick auf den Bosporus zu trinken und viele meiner Freunde und Verwandten dort leben; einen Teil meines Herzens habe ich nun mal hier in meinem Geburtsland gelassen und daran ändert auch die ständige Sehnsucht nach dem Heimatland meiner Eltern nichts.

Jeder, der in den Sommerferien Verwandte in der Türkei besucht hat, kennt vermutlich die berühmt-berüchtigte Frage, die einem als Kind immer wieder aufs Neue gestellt wird. „Almanya mı daha güzel, Türkiye mi?“. „Ist Deutschland oder die Türkei schöner?“. Eine nicht ganz so leichte Frage, die ich, zumindest gefühlt, nie wirklich zufriedenstellend beantwortet habe und auf die es erfahrungsgemäß auch keine richtige Antwort gibt. Weitaus unangenehmer wird es aber, wenn über das nicht ganz akzentfreie Türkisch gelacht wird, oder Verwandte sich bei den Eltern darüber empören, wieso ihre Kinder kein besseres Türkisch sprechen können und man so mit dem Gefühl konfrontiert wird, dass die eigene Kultur vernachlässigt worden wäre. Auch hier drängt sich einem hin und wieder der leise Verdacht auf, nicht ganz dazuzugehören.

Vielleicht können wir aber auf der Suche nach einer Lösung auch bei uns selbst anfangen. Als Kind habe ich mich lange Zeit für vieles geschämt, das zu meiner türkischen Identität gehört. In der Öffentlichkeit mit meinen Eltern Türkisch reden? Irgendwie unangenehm. Türkische Bücher lesen? Wieso? Auch das gebrochene Deutsch meines Vaters war mir vor Freunden peinlich. Ich wollte einfach nicht auffallen, normal sein und das hieß in diesem Fall, möglichst wenig fremd zu sein. Aber je mehr ich versucht habe, diese Seite von mir zu unterdrücken, desto unwohler habe ich mich gefühlt. Es ist eben nicht so, dass man einen Teil von sich einfach wegleugnen könnte.

Viele Bekannte von mir, die ebenfalls in der dritten oder vierten Generation von Einwandererfamilien aufgewachsen sind, plagen ähnliche Probleme. Entweder man ist zu wenig „deutsch“ oder nicht „türkisch“ genug. Es hat lange gedauert, bis es bei mir zu einem Sinneswandel kam. Nach und nach wurde mir erst bewusst, dass meine doppelte Identität gar kein Makel ist. Ich bin bilingual aufgewachsen und spreche daher von Haus aus schon eine Sprache mehr als andere. Das ist alles andere als ein Nachteil. Mir steht das Beste aus zwei Welten offen, egal ob es dabei um Essen, Bücher, Musik oder ganz generell die unterschiedliche Lebensart geht. Ich habe sogar mehr als eine Heimat. Vielleicht müssen wir einfach öfter über diese positiven Seiten reden. Heute stehen jedenfalls neben Goethes Faust ein Gedichtband von Oktay Rifat und Aras Örens Was will Niyazi in der Naunynstraße? in meinem Bücherregal.

Das verstaubte Konzept von Kultur endlich überwinden

Deutschland ist seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland und doch wird noch immer in veralteten Kategorien gedacht. Wir brauchen endlich eine neue Betrachtungsweise von kultureller Identität, die es uns als Gesellschaft erlaubt über diese altmodischen Denkweisen hinwegzukommen. Das Gezerre auf beiden Seiten bringt niemanden weiter, denn ich bin weder das eine noch das andere. Ich bin beides und ohne eine der zwei Seiten fehlt das, was meine Persönlichkeit ausmacht, das, was mich erst zu der Person macht, die ich bin. Der Drang, sich unbedingt entscheiden zu müssen, existiert doch nur, weil das Ganze überhaupt erst als eine Entscheidungsfrage definiert wird, statt die Menschen so zu akzeptieren wie sie sind und nicht immer ihre Identität oder Loyalität anzuzweifeln. Auch in Zukunft werden Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland kommen und zu neuen MitbürgerInnen werden.

Fehler aus der Vergangenheit müssen nicht immer wiederholt werden. Wenn wir endlich aufhören zwischen „uns“ und „denen“ zu unterscheiden, dann könnten zukünftige Generationen wirklich einmal als Teil der Gesellschaft aufwachsen, egal wo ihre Wurzeln oder die ihrer Eltern liegen. Ich jedenfalls bin Deutschtürke und das ist auch gut so. 

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Autor: Barış Yüksel
Fotograf: Can Dağarslanı / Identities

Kleiner Hinweis bezüglich des Konzeptes der renk. Print-Texte & Fotostrecke
Die Fotostrecken sind Auszüge aus unabhängigen Arbeiten
 und stehen in ihrer Ursprünglichkeit nicht in Zusammenhang mit den Texten. Die Kombination ist jedoch als pure Absicht zu verstehen. Sie wird dir, so hoffen wir, einen neuen Blickwinkel eröffnen und, dein Leseerlebnis bereichern.

Zur Fotostrecke Identities: Can Dağarslanı porträtiert zwei junge Frauen auf surreale Art und Weise. Der Fotograf spielt vor allem mit seinem Umfeld und der Positionierung der Models – so lässt er Bauhaus-Möbel und puppenähnliche Wesen miteinander verschmelzen.

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