Liana Georgi – Der Kampf der LGBTQIA+ Szene in Istanbul

Ein Interview mit der Sänger:in und Aktivist:in

Liana Georgi, eien frau mit langen braunen Haaren, steht auf der straße vor einer Vielzahl an Polizeibeamten und hat eine Pfeife im Mund und streckt ihre Arme in die Höhe.
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Liana Georgi lebt nicht nur für die Gerechtigkeit und den Mut. Nein, der Mut sowie die Gerechtigkeit leben in ihr. Als Sängerin und Aktivistin lebt sie den American Dream in türkischer Version, in einem Land der unbegrenzten Verhaftungen, wo die Sonne am Bosporus untergeht.

Energisch erzählt sie mir von ihrer Lieblingszeile aus ihrem neuen Song: „Baby, I got heels on and I learnt from you how to run!“- Mit etwas politischem Scharfsinn könnte man verstehen vor wem. Die Not und Verzweiflung zwingen zum Handeln in einer Zeit, in der queere Menschen in der Türkei gebrandmarkt werden. Liana Georgis Video ging im Netz viral. Darin posiert sie stolz mit einem Regenbogenbeutel und einer Pfeife vor türkischen Sicherheitskräften während der Istanbuler Pride, die wieder einmal von staatlicher Gewalt versucht wird zu beenden. Mit Selbstbewusstsein führt sie die Polizeikräfte hinter sich, streckt die Arme raus und wirkt schon fast wie eine Avantgarde. Sogar Pop-Ikone Madonna wird auf sie aufmerksam und teilt ihr Video. Schließlich möchte sich niemand mit einer Person anlegen, die Madonna auf der Rückbank sitzen hat.

„Liana! Du hast fast immer den Regenborgenschirm mit dir. Auf jeder Demo nimmst du ihn mit. Erzähl doch einfach mal die Geschichte deines Schirmes. Warum darf er auf keiner Demo fehlen?“

„Gerne! Eigentlich wurde er am 1. Juli zerrupft. Da hat ihn die Polizei geschnappt und einfach zerrupft! Es war so animalisch und weil ich so irritiert war, habe ich mir einen neuen gekauft. Er ist immer da, weil hier halt Regenbogensachen erst ab 18 verkauft werden und es immer sehr heiß im Sommer ist; das heißt ich finde ihn sehr praktisch, weil er einfach als Sonnenschirm fungiert und mein Zeichen ist, um zu sagen, dass man LGBTQI+ nicht einfach verbieten kann. Wir sind da und das ist unsere Realität und ich fühle mich auch sicherer, weil ich halt weiß, dass die Leute mich damit erkennen werden. Mit dem Schirm bin ich bekannt und ich habe viele Menschen, die mich unterstützen. Wenn mir jemand dumm kommt, muss ich demjenigen nur sagen ‚Pass auf! Willst du mal mit Madonna reden?‘ Das ist der momentane Zweck des Regenschirmes“

Mit einem Fahrrad, ohne Geld und einem Zelt, hat die Berlinerin mit bulgarischen Wurzeln que(e)r durch Europa die Freiheit gesucht und sie letztlich in Istanbul gefunden. Man könnte meinen, dass Istanbul zu ihrer Muse geworden ist. Eine Weltmetropole, die zwei Welten verbindet, ist für Liana ein Zuhause geworden.

„Ich bin in der Türkei angekommen und dann wurde mir einfach alles geboten, was ich je wollte. Mir wurde ein Jazzstudium angeboten. Ich wollte halt schon immer Musik machen und hatte nie den Mut, den Raum dafür einzunehmen. Wie vielleicht auch schon mein Regenschirm ganz viel Raum einnimmt und überall sichtbar ist – diesen Mut hatte ich nicht. Hier und mit der Reise habe ich den Mut gefasst und hier wurde mir dann alles gegeben und eben auch eine Queer-Community, die hatte ich so in Deutschland nicht.“

„Also versteht sich der Regenschirm auch als Mutbringer?“

„Genau, dieser Regenschirm ist auf der einen Seite so groß und laut und ein Statement, aber dabei schützt der mich irgendwie auch. Ich habe auch keine Angst mehr diesen Raum einzunehmen. Dafür steht der Regenschirm für mich.“

„Eine sehr schöne Symbolik! Du hast gerade angesprochen, dass du dich in Istanbul innerhalb der Community wohler gefühlt hast. Da würde ich gerne anknüpfen wollen. Was sind eigentlich die Unterschiede zwischen der Türkei und Deutschland im Hinblick auf Aktivismus und sozialen Bewegungen? Warst du schon immer Aktivistin?“

„Ich war nicht immer Aktivistin. Das Video von mir hat alles verändert, weil es mir eine Stimme gegeben hat und weil ich gedacht habe, dass diese Stimme nicht mir gehört, sondern UNS! Sofort habe ich mich verantwortlich gefühlt, aber auch viel Hoffnung gespürt, weil ich dachte ‚hey, das ist ja toll! Wir können dieses Video nutzen.‘ Und erst darüber bin ich Aktivistin geworden“

 

Liana Georgi, eine Frau mit langen braunen Haaren, steht in der Mitte umgeben von vielen Menschen auf einer Demo und hat eine Pfeife im Mund.

„Und deine Tätigkeit als Künstlerin?“

„Ich bin Sängerin. Ich trete jede Woche auf und versuche mehr Gigs zu bekommen. Ich habe hier Jazz studiert und in Deutschland Psychologie. Ich bin klinische Psychologin, aber das will ich gar nicht machen. Ich will Kunst machen und ich glaube das ist der große Unterschied, den ich generell zwischen der Türkei und Deutschland spüre.“

„Wie meinst du das?“

„Ich habe das Gefühl, dass hier Dinge aus einer Notwendigkeit bestehen. Deutschland ist einfach ein Luxusstaat und das ist einfach vielen Menschen nicht bewusst und genau das nervt mich. Aktivismus ist auch in Deutschland wichtig und es gibt viele Dinge, die sich auch in Deutschland ändern müssen. Es ist natürlich schon so, dass hier in der Türkei die Leute unterdrückt sind. Es ist ganz schwierig hier eine Stimme zu finden.“

„Du bist also eine Stimme?“

„Ich gebe eigentlich nur zurück, was die Menschen hier für mich getan haben. Es ist krass, wie offen die Menschen in der Türkei sind und dass sie mich mit offenen Armen hier aufgenommen haben. Es ist aber auch schwierig, hier eine Bewegung zu sein. Deswegen rede ich, ja, und gehe auch auf Interviews, weil oftmals Organisationen aus Sicherheitsgründen das nicht können. Hier werden einfach von queeren Organisationen Büros geschlossen. Das kann ich aber auch nur als Beobachterin sagen.“

„Warum als Beobachterin?“

„Weil ich letztlich das Privileg habe mit meinem Deutschen Pass einfach gehen zu können und Aktivist:innen, die das hier schon seit Jahren machen, haben da einen anderen Blickwinkel drauf und ich versuche irgendwie mit ihnen einen Weg zu finden, dass auch sie einen Raum finden, um zu sprechen. Die wissen natürlich vieles besser als ich. Es ist schon schwierig hier Aktivist:in zu sein.“

„Es ist schon außergewöhnlich, dass jemand aus Deutschland sich vor Ort mit Betroffenen von staatlicher Gewalt solidarisiert. Das ist nicht selbstverständlich.“

„Das freut mich zu hören! Ja, wir wollen Menschen Raum geben zu sprechen, aber häufig spreche ich. Das finde ich nicht unbedingt okay. Auf der anderen Seite geht das manchmal nicht anders.“

„Kann man das als ein Savior Complex verstehen?

„Das ist schwierig und ja, wir haben eben auf der einen Seite diesen White Savior Complex. Es wollen ja nicht alle, dass ich für sie spreche. Ich kann ja auch gar nicht für alle sprechen und es ist für mich auch schwierig, richtig zu handeln. Ich bin nicht auf einmal da, um der ganzen queeren Community in der Türkei eine Stimme zu verleihen. Die haben schon eine Stimme und die hatten sie auch schon lange vor mir. Ich persönlich hatte halt das Glück, dass das Video von mir viral gegangen ist, aber das finde ich eben auch wichtig, es ist mir wichtig, weil ich als ein Teil davon fühlen möchte. Ich bin gerne ein Sprachrohr und ein Sprachrohr hat immer zwei Seiten. Es geht viel darum, dass man zuhören muss, dass man gemeinsam versucht, Lösungen zu finden. Ich glaube auch, dass jede:r Aktivist:in sein kann oder ist.“

„Glaubst du das oder weißt du das?“

„Nehmen wir mich als Beispiel! Ich bin nun mal eine queere Sängerin. Wenn ich Songs covere, dann übersinge ich oft männliche Pronomen. Anstelle von Boy, sage ich halt Girl! Es sind halt die kleinen Dinge. Es ist meine Identität, queer zu sein und genau diese Identität hat mich auf einmal laut gemacht. Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass Aktivismus in allen steckt.“

Eine Frau mit langen braunen Haaren, Liana Georgi, steht im roten Kleid auf der Bühne und singt ins Mikrofon.

„In der Türkei wird bekanntlich ja viel Identitätspolitik gemacht. Aktuell viel in der queeren Community. Ist das nach deiner Wahrnehmung ein Fluch oder ein Segen?“

„Das ist wie mit dem Labeln. Es ist halt wichtig das Label zu kennen. Und so ist das auch mit Identitäten und der Identitätspolitik. Es gibt ein Rassismusproblem in der Türkei. Ich glaube, dass Identitäten wichtig sind, um ein Problem zu identifizieren und eine mögliche Lösung zu identifizieren und ich hoffe, dass die Lösung nicht darin liegt mehr über Nationalitäten zu sprechen oder dem Gender. Es sollte egal sein, ob man queer ist, aber man muss ja auch die gewisse Heteronormativität brechen. Als ich mein Coming-Out hatte, dachte ich: Ich will in eine Bar gehen und eine Frau anmachen können. Mir ist eben auch bewusst, dass ich das nicht kann. Auch nicht in Deutschland. Es ist wichtig, dass es da eine queere Identität gibt, um eben ein Gegenpol zu bilden, damit die sich irgendwann hoffentlich wieder auflösen. Bis dahin ist aber noch ein langer Weg. Deshalb brauchen wir verschiedene Identitäten“

Lianas nächstes Projekt äußert sich in Form von einer Kombination aus Aktivismus und ihrer Musik. Lieder über queere, besonders lesbische Liebe, seien in der Medienbranche zu unterpräsentiert. Das möchte sie verändern. In einer Zeit wo der Rechtspopulismus, Demagogen und Präsidenten die Oberhand einnehmen, scheint Liana die Ebene zu sein, die man stärker fühlen muss. Ihre blauen Augen strahlen beim Verabschieden zusammen mit ihrem Lächeln eine Wärme aus. Aus dem Fenster meines Büros blickend, sehe ich den grauen Alltag vor mir. Die Regentropfen prasseln an das Dachgeschossfenster und innerlich fühle ich eine Wehmut und muss dabei sofort an ihren Regenbogenschirm denken.

Autor: Torhan Gülderen
Fotos: Liana Georgi

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