Literatur als interkulturelle Brücke

Zu Gast bei Autorin Deniz Selek

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Von Rumänien nach Istanbul, vom Schwarzen Meer an die Ostsee: Die Autorin Deniz Selek hat in ihrem jüngsten Roman die Geschichte ihrer tatarischen Urgroßmutter, türkischen Großmutter sowie ihrer deutschen Mutter verarbeitet – und nicht zuletzt auch ihre eigene. Nachdem sie zuvor eine Reihe an Jugendbüchern veröffentlicht hat, ist mit Die Frauen vom Meer 2016 ihr erster Roman für Erwachsene erschienen. Wir haben Deniz besucht und mit ihr über ihre Familiengeschichte, die Recherchearbeiten für den Roman und Literatur als Mittel der Völkerverständigung gesprochen.

In fast allen deinen Büchern spielt Istanbul eine Hauptrolle. Was verbindet dich mit der Stadt?

Istanbul ist Teil meiner Seele. Die Gerüche, die Geräusche, die Farben, die Wärme, das Licht, das Meer, die Menschen, die Sprache, alles habe ich in meinen ersten Lebensjahren aufgesogen. Alles habe ich abrufbereit im Ohr, vor meinem inneren Auge, zum Teil körperlich spürbar. Auch wenn ich dort heute nicht mehr leben möchte, ist Istanbul nach wie vor mein Synonym für unbeschwerte, zutiefst glückliche Kindheitstage. Ich fahre immer wieder hin, um die Atmosphäre zu erleben, mich treiben zu lassen und ein bisschen nach Hause zu kommen. Ich liebe Istanbul, die Verbindung ist essenziell.

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Du hast zunächst Germanistik und Pädagogik und anschließend Innenarchitektur studiert. Wie kam es dazu, dass du Schriftstellerin wurdest?

Es ließ sich einfach nicht mehr unterdrücken, es war mein größter Wunsch, seit jeher. Ich wollte immer Schriftstellerin werden, wusste aber lange nicht, wie ich das anstellen sollte. Nachdem all meine Texte von Verlagen abgelehnt wurden, studierte ich erst einmal, arbeitete, gründete eine Familie und bekam Kinder. Nebenbei schrieb ich weiter journalistische Artikel, redaktionelle Beiträge und Texte für gemeinnützige Organisationen. Irgendwann war die Idee da, von der ich intuitiv sofort wusste, dass ich damit bei einem Verlag landen würde. Die ersten Zeilen für die Geschichte lieferte mir ein alter Deutschaufsatz aus der elften Klasse. Darin ging es um mein türkisch-deutsches Ich, und wie zwiegespalten ich mich oft fühlte. Es dauerte zwar noch über zwanzig Jahre, bis daraus mein erster Jugendroman Zimtküsse wurde. Doch dann war ich in der luxuriösen Lage, mir den Verlag aussuchen zu können. Ein phantastisches Gefühl!

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Deinen jüngsten Roman Die Frauen vom Meer bezeichnest du als dein „Herzensbuch“. Warum?

Die Frauen vom Meer trage ich ebenfalls schon sehr lange mit mir herum. Eigentlich waren sie von vornherein da. Entstanden in den ersten Kindheitsjahren in Istanbul, wo ich mit jenen Frauen lebte, die mich am stärksten geprägt haben: Meine deutsche Mutter, die im zweiten Weltkrieg geboren wurde, hatte einen ebenso großen Einfluss auf mich wie meine türkische Großmutter und meine Tante, deren Vorfahren ursprünglich in Rumänien lebten. Es ist ein Herzensbuch, weil ich ihnen darin nachspüre, und das ging mir buchstäblich ans Herz. Ich bekam eine völlig neue Sicht auf das Leben meiner Urgroßeltern, Großeltern und Eltern. Und am Ende dann auch auf mein eigenes.

Davor hast du ausschließlich Jugendbücher veröffentlicht. War es eine große Umstellung für dich, für ein erwachsenes Publikum zu schreiben?

Nicht wirklich. Ich habe immer beide Genres im Blick gehabt und verschiedene Manuskripte begonnen, weil ich beides reizvoll finde. Im Jugendbuch kann sich meine eigene jugendliche Seele austoben. Dort bin ich keinen Tag älter als fünfzehn, schreibe wie ich spreche, und konfrontiere die Erwachsenen mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten. Ein herrliches Spielzeug! Im Erwachsenenbuch hingegen kann ich die ganze Bandbreite meiner Erfahrungen, Erkenntnisse und sprachlichen Eigenheiten nutzen. Da sind die erzählerischen und konzeptionellen Freiräume größer. Ein ebenso herrliches Feld!

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Die Handlung von Die Frauen vom Meer spielt u.a. im Rumänien der 20er-, Pommern der 40er- sowie Istanbul der 60er-Jahre. Wie hast du die Nachforschungen zu den verschiedenen Schauplätzen und geschichtlichen Hintergründen angestellt?

Ja, das war in der Tat nicht so ganz einfach, gerade was Rumänien in den 20er-Jahren anging, weil mir aus erster Hand niemand mehr etwas über die Zeit erzählen konnte. Einiges erfuhr ich von meinen Verwandten, aber ich bin auch selbst nach Constanta geflogen und habe dort die Bibliothek, das Museum und ein tatarisches Volksfest besucht. Das war aufschlussreich und wichtig, weil ich über das tatarische Volk so gut wie nichts wusste. Für den Teil in Deutschland habe ich die Erfahrungen meiner Mutter nutzen dürfen.
Natürlich war ich Dauergast in der Staatsbibliothek, habe mich durch Bücherberge gefräst und stapelweise Kopien nach Hause getragen. Denn es sind die vielen kleinen Details, die aus einer Beschreibung eine bestimmte Atmosphäre machen: Die einfachsten Fragen, wie „Was hat man 1920 in Rumänien oder 1943 in Pommern eigentlich genau gegessen?“ oder „Wie waren die Menschen eingerichtet?“, „Wie sahen Landschaft und Ortschaften zu der Zeit aus?“, „Was wurde angebaut?“, „Was war politisch los?“ Das Herausfinden der Lebensbedingungen und die Beantwortung solcher Fragen haben mich viel Zeit gekostet, obwohl im Buch letztlich nur wenig davon auftaucht. Istanbul in den 60er-Jahren war nicht mehr so schwierig, weil ich auf viele eigene Erfahrungen und unsere alten Familienbilder zurückgreifen konnte.

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Du schilderst, wie die Frauen unter der Bevormundung durch ihre Familien und den Zwängen traditioneller Rollenbilder leiden. War es dir wichtig, diese spezifisch weibliche Perspektive aufzuzeigen?

Darüber habe ich so nicht nachgedacht. Ich fand einfach die Lebenswege der einzelnen Frauen interessanter als die der Männer. Gerade weil sie unter anderen Härtebedingungen leben mussten. Unfrei, abhängig, und immer darauf bedacht, aus dem dauerhaft herrschenden Mangel noch irgendetwas zu machen. Gerade meine Urgroßmutter, die in Die Frauen vom Meer Seza heißt, war eine sehr beeindruckende Persönlichkeit, von der ich unbedingt erzählen wollte. Als berufstätige Schneiderin am Theater war sie eine Ausnahmeerscheinung. Selbstbewusst, kreativ, mutig und mit einem großen Drang nach Selbstbestimmung ist diese Frau an der Engstirnigkeit der damaligen türkischen Gesellschaft gescheitert. Sie trug schon vor Atatürk kein Kopftuch.

Auch die Schwierigkeiten beim Verständnis von kulturellen Unterschieden werden im Roman thematisiert. Welchen Beitrag kann Literatur deiner Meinung nach auf diesem Gebiet leisten?

Ich denke, dass das Verständnis und die Empathie für Menschen aus anderen Kulturkreisen aus verschiedenen Quellen gespeist werden; aus Literatur, Film oder dem persönlichen Miteinander. Auch Musik und Kunst können eine emotionale Brücke schlagen. Über die Literatur und den Film gelingt es meiner Ansicht nach am besten, weil ich dort etwas Abstand zu „dem Fremden“ habe, zu mir unbekannten Sitten und Gebräuchen, in meinem eigenen Tempo Beobachtungen und Vergleiche anstellen kann, ohne zu einer direkten Reaktion gezwungen zu werden. Ich befinde mich in einem geschützten Raum, wenn ich über Charaktere einer fremden Kultur lese und mir Gedanken dazu mache. Gleichzeitig nehme ich geistig und emotional jedoch bereits Kontakt auf, fühle mich ein, lerne, was diese andere Gesellschaft ausmacht, wie ihre Gesetze sind etc. Damit erschließe ich mir eine neue Welt, die bestenfalls zu mehr Verständnis führt. Das geschriebene Wort gibt jedem ausreichend Zeit zum Nachdenken, zum Besinnen, zum Neugierigwerden und Interessiertsein. Deshalb denke ich, dass Literatur ein sehr kostbares und unverzichtbares Werkzeug der Völkerverständigung ist.

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