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Gesellschaft & Geschichten

„Ich habe mich meinen Filmen gewidmet“

Der Kassettenladen Ergin - Ein Weddinger Urgestein

Der Kassettenladen Ergin befindet sich seit ca. 30 Jahren in Wedding an derselben Stelle, an der er damals eröffnet wurde. Er ist so etwas wie die letzte Brücke, die die Gastarbeiter*innen in Deutschland mit der Türkei und ihrer Pop-Kultur verbindet, und der Letzte seiner Art. Besitzerin Yüksel Ergin und ihr Sohn Levent haben sich den neuen Technologien nicht gebeugt und den Laden erhalten. Trotz der sinkenden Kundenzahlen beschwert sich Frau Yüksel nicht, sie erzählt von ihrem Laden, als wäre dieser ihr Zuhause.

Wann und wie habt Ihr euch entschieden solch einen Laden zu eröffnen? 

Yüksel Ergin: Damals hat fast jeder aus der türkischen Nachbarschaft einen kleinen Laden eröffnet. Unseren Laden haben wir dank unserer Nachbarn übernommen.

Habt ihr immer in Wedding gelebt?

Levent Ergin: Ja. 1978 sind wir mit meiner Mutter und meinen Geschwistern nach Deutschland gekommen. Mein Vater war kurz vor uns eingereist.

Die Besitzer des Kassettenladens

Yüksel Ergin und ihr Sohn Levent vor ihrem Laden

Wo war vorher eure Heimat?

Y.E.: Wir kamen aus Ankara, aber unsere Heimat ist Bolu. Genauer gesagt das Dorf Kıyaslar in Bolu. In unserem Dorf ist jedoch niemand geblieben. Alle sind entweder ins Ausland oder in die Städte gezogen. Ich fahre nur noch sehr selten hin, vielleicht alle 7-8 Jahre. Hier in Berlin habe ich zumindest Freunde und Bekannte, die ich immer sehen kann.

Wenn Ibrahim jetzt noch ein neues Album veröffentlichte, würde ich ein gutes Geschäft machen.

Wie hat sich Euer Viertel in Wedding verändert?

L.E.: Viele neue Läden wurden hier eröffnet, vor allem „Shisha-Bars“. Ich bin nicht so ein Fan davon. Aber es gibt natürlich auch schöne neue Geschäfte und Cafes. Besonders seit dem Mauerfall hat sich hier natürlich Einiges verändert.

Ladenfenster

Die Ladenfront.

Welche Art von Kassetten habt Ihr früher verkauft?

Y.E.: All diese Regale waren voller Videokassetten. Wir haben auch Musikkassetten verkauft, aber deutlich weniger. Es gab hauptsächlich türkische Filme und auch ein paar indische. Für kurze Zeit haben wir es auch mit deutschen Filmen versucht. Nach einigen Jahren wurde dann plötzlich eine Videothek nach der anderen eröffnet.

Wie habt Ihr die Kassetten beschafft?

Y.E.: Es gab einige Großhändler, von denen wir jede Woche die neuesten Filme bezogen haben. Wir besorgten gleich vier Stück, weil man vertragsbedingt ein Paket kaufen musste. Ob dies ein guter oder ein schlechter Film war, mussten wir so dem Schicksal überlassen.

Ich kaufte einfach grundsätzlich immer jeden neuen Film. Und meine Kunden guckten sich diese an und brachten sie am nächsten Tag zurück.

(In diesem Moment kommt ihr großer Sohn Bülent herein)

Die Filme und Kassetten welcher Künstler und Sänger verkauften sich am meisten?

Y.E.: Früher besorgten sich die Menschen jeweils einen Film unterschiedlicher Genres. Ein Melodrama, eine Komödie… Kemal Sunal hat sich immer gut verkauft. Von den Sängern war natürlich  İbo (Ibrahim Tatlıses, A.d.R.) der Beliebteste. Wenn er jetzt ein neues Album veröffentlichte, würde ich ein gutes Geschäft machen. Und wenn er nur hustet, jeder würde es kaufen. Tarkan und Sezen (Sezen Aksu) gehen immer noch gut. Müslüm Gürses genau so. Besonders Lastwagenfahrer, die sich auf lange Weg machen, hören Müslüm gern.

Laden von Innen

Ein analoger Blick ins Innere des Ladens.

Kassetten

Musik en masse. Eine kleine Auswahl.

Was hat sich seit damals an diesem Laden verändert?

Y.E.: Dieser Laden lief tatsächlich sehr gut, wir haben also ein gutes Geschäft gemacht. Aber mittlerweile ist er ein Hobby von mir, mein Mann und ich sind in Rente. Ich möchte am liebsten, dass dieser Laden meinen Kindern und Enkelkindern bleibt.

Weil ich so lange schon Mieterin bin, ist die Miete noch ganz in Ordnung. Es kommen immer wieder Leute und fragen, ob ich verkaufe. Doch wenn ich nicht in meinem Laden, sondern zu Hause wäre, würde ich aus Langeweile wahrscheinlich drei Mal am Tag zum Arzt gehen. Ich vertreibe mir hier meine Zeit. Im Laufe des Tages kommen Bekannte vorbei, ich höre Musik, ich gucke einen Film, und ehe ich mich versehe, ist schon Abend.

Die Leute haben die gekauften Filme immer im Keller verstaut und vergessen. Diese Kassetten sind abgenutzt und morsch geworden. Ich wiederum habe diese Kassetten nicht weggeschmissen, sie sind alle noch da. Meine Kinder und meine Familie, wir sind natürlich immer zusammen, das ist klar, aber ich habe mich meinen Filmen gewidmet. Wenn ich daran denke, wische ich sie alle einzeln ab.

Jeden Tag ordne ich die Regale. Das mag ich sehr. Und das Geld ist mir dabei egal.

L.E.: Heutzutage gibt es Musikstreaming und digitales Fernsehen. Kaum jemand bringt mehr ein Album heraus, jeder veröffentlicht Singles. Früher verkauften sie Millionen, jetzt werden Verkäufe von über 100.000 in der Türkei als Rekord gewertet. Meine Mutter hat sich so sehr daran gewöhnt, dass sie jetzt mehr Zeit in diesem Laden verbringt als zu Hause.

Verbringt auch ihr viel Zeit in diesem Laden, Levent?

L.E.: Als ich jung war schon. Wir versammelten uns mit meinen Freunden immer hier. Es gibt so viele Erinnerungen an diesem Ort. Wir feiern alle unsere Geburtstage hier. Zum Beispiel gestern den Geburtstag meiner Mutter. Dieser Laden bringt uns zusammen. Meine Kinder sind da nicht so interessiert wie wir. Die neue Generation versteht das natürlich nicht. Keiner kauft Kassetten, einige wissen noch nicht mal, was das ist.

Kassette

Weitere Kassettenmengen.

Was kaufen die Menschen heute?

Y.E.: Ich habe einen Kunden, der nimmt jedes Mal mindestens 15 Filme mit. Immer solch alte Filme wie diesen hier (sie steht auf und zeigt im Regal auf den Film „Kara Sevda“). Danach wechselt er die abgenutzten Hüllen aus und bringt sie mir wie neu zurück. Manche pflegen sie so sehr und andere schmeißen sie in die Ecke.

L.E.: Es gibt auch einige Sammler aus der Türkei, die bei uns Kassetten kaufen, die es in der Türkei nicht mehr gibt.

Y.E.:  Letztens habe ich fast 600 Musikkassetten geschickt, von hier nach Adıyaman. Der Kunde hat Kassetten von alten Musikfirmen wie Türkola, Uzelli und Destan bestellt. Stell dir vor, diese Person findet diese Kassetten in der Türkei nicht und kauft sie hier. Ich habe es erst nicht geglaubt, ich dachte sie nehmen mich auf den Arm.

Ich verlasse den Kassettenladen Ergin mit Sezen Aksus Album „Işık Doğudan Yükselir“, welches ich zuletzt 1995 im Auto meines Vaters gehört hatte.

 

Text & Bilder: Asena Bulduk

Übersetzt von: Cansu Özden

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