Heldinnen – Teil 4

Frauen aus der türkischen Gegenwart, die man kennen muss

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Aus den letzten Teilen unserer Reihe kennt ihr nun schon einige wichtige Frauen der türkischen Geschichte und Gegenwart. Doch die Liste von Heldinnen, deren bahnbrechende Leistungen in Kunst, Wissenschaft und Politik kaum beachtet werden, ist endlos. Weiter geht es also mit drei weiteren Türkinnen, die man kennen sollte:

Canan Arın – Vorreiterin der türkischen Frauenrechtsbewegung

Bereits in ihrer Kindheit und Jugend wurde Canan Arın ihren Brüdern gegenüber gleichberechtigt. „Es war bei uns selbstverständlich, dass meine Brüder dieselben Pflichten und Rechte hatten wie meine Schwester und ich“, erzählt sie im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung. Bestimmt hat diese Erziehung dazu beigetragen, dass die 1942 geborene Ankaranerin sich später zum Kampf gegen die Ungleichheit der Geschlechter berufen fühlte.

Nachdem Canan in Istanbul Jura und Politikwissenschaften studiert hatte, promovierte sie an der „London School of Economics and Political Science“. Gleich im Anschluss zog es sie jedoch wieder zurück in die Türke, wo sie als Anwältin zu arbeiten begann. Mit dem Militärputsch von 1980 ging ein Beben durch die türkische Gesellschaft, es bildeten sich zahlreiche revolutionäre politische Gruppierungen – unter anderem eine sehr aktive feministische Bewegung. Canan Arın war eine der Initiatorinnen dieser organisierten Frauenrechtsverfechter*innen.

Das türkische Familienrecht besagte damals, dass der Mann als Familienoberhaupt sowohl über Wohnort als auch Berufstätigkeit seiner Gattin entscheiden durfte. Bei Ehrenmorden wurde Männern Straferlass garantiert. Dagegen kämpfte Canan Arın juristisch an und verteidigte zahlreiche Frauen vor Gericht. 1990 gründete sie mit einigen Mitstreiterinnen Mor Çatı (Lila Dach), die erste Frauenhausstiftung der Türkei. Etwas später rief Arın Kader ins Leben, eine Organisation, die Kandidatinnen verschiedener Parteien bei ihrem politischen Werdegang unterstützt.

Unermüdlicher Kampf gegen Gewalt und Unterdrückung

Vor allem geht es Canan in ihrer politischen und juristischen Arbeit um die Aufdeckung und Anklage von Gewalttaten gegen Frauen. In einem TED-Talk über Kinderehen in der Türkei aus dem Jahr 2016 sagte sie:

„Gewalt gegen Frauen basiert auf den ungleichen Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern. Diese basieren wiederum auf dem patriarchalen System, in dem wir leben, auf dem Verlangen einiger Männer nach Macht über Frauen und ihre Körper.“

Bis heute bieten die Frauenhäuser von Mor Çatı Frauen und Kindern Zuflucht, „[…] sie sind bei uns oftmals besser aufgehoben als in den staatlichen Frauenhäusern, [denn diese] muten oftmals wie Gefängnisse an. Unser Haus dürfen die Frauen jederzeit verlassen, etwa um Arbeit zu suchen oder Freunde zu treffen“, so berichtet Arın der Neuen Zürcher Zeitung.

Seit Jahren wirft Canan dem türkischen Präsidenten Erdoğan vor, Gewalt gegen Frauen zu verharmlosen und durch seine konservative Politik patriarchale Systeme weiter salonfähig zu machen. Und tatsächlich ist die Zahl der Frauen, die durch ihre Ehemänner oder männlichen Verwandten ermordet werden, in den letzten Jahren wieder gestiegen. Im Jahr 2012 wurde Arın mit einer Verhaftung gedroht, die jedoch durch weltweite Proteste von Frauenrechtsaktivist*innen verhindert werden konnte.

Dem Deutschlandfunk gegenüber äußerte sie sich so:

„Solange er [Erdoğan] öffentlich Dinge sagt, wie ,Frauen und Männer sind nicht gleich, das widerspricht der Natur‘, solange die AKP-Regierung Paare ermutigt, so früh wie möglich zu heiraten, und solange die Frau weiter ausschließlich als heilige Mutterfigur dargestellt wird, wird sich diese Gewalt nicht stoppen lassen.“

Muazzez İlmiye Çığ – Historikerin, die Geschichte schrieb

Die allermeisten von uns Normalsterblichen werden in unserem Leben kaum in einem Wikipedia-Artikel vorkommen, wir können froh sein, wenn man uns über die Google-Suche findet. Muazzez Ilmiye Çığs Name hingegen findet sich in über zehn Einträgen auf Wikipedia: Einer ist ausschließlich ihrem Leben und Werk gewidmet, zudem steht ihr Name auf der Liste der wichtigsten Wissenschaftler*innen der Türkei, in einer Aufzählung der einflussreichsten türkischen Schriftstellerinnen und – nicht zu vernachlässigen – ist Çığ eine der Personen im Verzeichnis der lebenden Personen über hundert.

Muazzez Ilmiye Çığ kam 1914 in Bursa zur Welt und schloss dort im zarten Alter von siebzehn Jahren die Lehrerinnenschule ab. Nach einiger Zeit des Schulalltags wollte Çığ jedoch mehr und bewarb sich an der Universität in Ankara. Ursprünglich hätte sie gerne Französisch studiert, da die Sprachkurse jedoch bereits voll waren, entschied sie sich für Altertumswissenschaften. Muazzez spezialisierte sich auf die Sumerologie, ein Teilgebiet der Altorientalistik, in dem Sprache, Kultur, Religion, Literatur und Archäologie des mesopotamischen Volkes der Sumerer im Mittelpunkt stehen.

Fünfundsiebzigtausend Tontafeln

Nach Beendigung ihrer Studien begann Muazzez Ilmiye Çığ, am Archäologischen Museum Istanbul im Team des berühmten Historikers Samuel Noah Kramer an der Restauration und Übersetzung von ca. 75.000 sumerischer Tontafeln zu arbeiten. Diese Tätigkeit gefiel ihr so gut, dass sie sie trotz über zwanzig Jahre lang ausübte. Nachdem sie 1971 in Ruhestand ging, konnte Çığ es jedoch nicht lassen, in der Sumerologie aktiv zu bleiben: Es sind eine Zahl populärwissenschaftlicher Arbeiten von ihr erschienen, zudem nahm sie Übersetzungen von Abhandlungen über die Sumerer ins Türkische vor. Im Jahr 2000 erhielt sie von der Philosophischen Fakultät der Universität Istanbul einen Ehrendoktortitel.

Für eine Trennung von Religion und Staat

In einem ihrer Bücher stellte Çığ die These auf, dass das Kopftuch als erstes in vorislamischen Zeiten von sogenannten Tempelhuren, also sumerischen Priesterinnen getragen wurde, zu deren Pflichten es gehörte, sexuelle Rituale mit Männern durchzuführen. Dafür wurde sie 2006 von einem Anwalt aus Izmir angezeigt, der in dieser wissenschaftlichen Theorie „Aufstachelung zum Hass“ und eine Beleidigung des Korans sah. Vor Gericht wurde sie freigesprochen.

Der SPIEGEL interviewte sie zwei Jahre nach diesem Vorfall über die damals viel diskutierte und mittlerweile durchgesetzte Aufhebung des Kopftuchverbots in öffentlichen Einrichtungen. In diesem Gespräch sprach sie sich klar für den Laizismus, also die Trennung von Staat und Religion, aus.

„Säkularismus ist nicht gegen die Religion gerichtet, aber er vollzieht eine Trennung zwischen Staat und Religion.“

sagte sie dem SPIEGEL gegenüber. Muazzez forderte sogar Emine Erdoğan, die Ehefrau des Präsidenten, in einem Brief auf, ihr Kopftuch abzulegen, weil sie sich von ihr nicht repräsentiert fühlte.

Trotz ihres Alters von 104 Jahren scheint Muazzez Ilmiye Çığ nie stillzustehen, noch immer tritt sie in Talkshows und Diskussionsrunden auf. Und dabei macht sie nicht nur ihren Wikipedia-Einträgen, sondern auch ihrem zweiten Vornamen alle Ehre: Ilmiye heißt nämlich auf Deutsch „Wissen“.

Aslı Erdoğan – Autorin und Physikerin im Exil

Zwei Herzen scheinen in Aslı Erdoğans Brust zu schlagen: Das der Naturwissenschaftlerin und das der Schriftstellerin. Bereits als junges Mädchen verfasste die nun Einundfünfzigjährige Kurzgeschichten. Als sie zehn war, wurde eine davon sogar in einer türkischen Zeitschrift veröffentlicht. Nachdem sie die Schule abgeschlossen hatte, widmete sich Erdoğan jedoch den Wissenschaften: Sie studierte Informatik und Physik an der Bosporus-Universität in Istanbul.

Tagsüber forschen, nachts schreiben

Nachdem Aslı eine Zeit lang an der Fakultät für Physik gearbeitet hatte, wurde sie mit nur vierundzwanzig Jahren eingeladen, am europäischen Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz über das Higgs-Bosom zu forschen. Jeder, der Illuminati gelesen hat, hat wohl ein stark verklärtes Bild des Alltags am CERN. Erdoğan berichtete der Neuen Züricher Zeitung, wie es wirklich war:

„Ich war die einzige Frau, die einzige Türkin in einem Team von Französisch sprechenden Männern. Frauen waren am CERN generell in der Minderzahl und entsprechend exponiert, und das Konkurrenzdenken, die Aggressivität waren unerträglich.“

Diese Umstände hinderten die Istanbulerin aber nicht, sich jeden Tag nach vielen Stunden der wissenschaftlichen Arbeit nächtelang an das Manuskript ihres ersten Romans zu setzen. Mucizevi Mandarin (dt.: Der wundersame Mandarin) handelt von Liebe und Einsamkeit, einer jungen Frau, die sich im fremden Genf nicht so richtig zurechtfinden will.

Für ihre Promotion zog Aslı 1994 nach Rio de Janeiro. Vor allem, weil sie sich in der Türkei nicht mehr sicher fühlte. Die junge Frau unternahm einige anthropologische Forschungsreisen ins Amazonasgebiet. Doch auch Rio de Janeiro schien einen bleibenden Eindruck bei Erdoğan hinterlassen zu haben – dort spielt schließlich Kırmızı Pelerinli Kent (dt.: „Die Stadt mit der roten Pelerine“), der Roman, der schließlich für ihren literarischen Durchbruch sorgte.

Worte des Widerstands

Als Erdoğan mit einem Doktortitel nach Istanbul zurückkehrte, gab sie sich ganz der Schriftstellerei hin, die Naturwissenschaften sollten ab sofort keine allzu große Rolle mehr spielen. Sie verfasste von nun an aber nicht mehr nur Prosa, sondern auch journalistische Texte. Drei Jahre lang schrieb Aslı Erdoğan Kolumnen in der linksliberalen türkischen Zeitung Radikal. Darin ging es um die erschreckenden Zustände in den Gefängnissen der Türkei, um Folter und Gewalt gegen Frauen, die Diskriminierung, mit der Kurd*innen täglich zu kämpfen haben.

Zu dieser Zeit lebte Aslı mit afrikanischen Geflüchteten in Cihangir, einem ärmlichen Stadtteil Istanbuls. Dort bekam sie mit, wie drei kurdische Mädchen von Polizisten vergewaltigt wurden. Als sie dies öffentlich zur Sprache brachte, wurde sie Opfer von Schikanen durch Sicherheitskräfte. Kurz darauf wurde sie entlassen und ihre Kolumne wurde eingestellt.

Leben auf der Flucht

Aslı Erdoğan blieb nur noch das Exil, die Hetze in der Türkei wurde unerträglich. Sie fand Zuflucht in Zürich, Graz und Krakau, stets unterstützt durch Organisationen wie ICORN, ein Städtenetzwerk zum Schutz von Schriftsteller*innen.

„Mein Leben ist das eines gejagten Tigers.“

sagte sie der FAZ gegenüber. Seit 2011 schrieb Erdoğan für die kurdische Tageszeitung Özgür Gündem. Am 16. August 2016 wurde sie im Rahmen einer Verhaftungswelle mit zahlreichen anderen Journalist*innen festgenommen, nachdem die Zeitung auf Anordnung der Staatsanwaltschaft geschlossen wurde. Ihr wurde unter anderem „Propaganda für eine illegale Organisation“, die PKK, vorgeworfen. Überraschenderweise wurde sie im Dezember aus der Untersuchungshaft entlassen.

Seit September 2017 lebt Erdoğan nun in Frankfurt am Main im Exil, sie erhielt das zweijährige Stipendium „Stadt der Zuflucht“. Eigentlich kam sie lediglich nach Deutschland, um den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis entgegenzunehmen. Ihr wurde jedoch davon abgeraten, zurück in die Türkei zu reisen. Zu gefährlich. Seitdem lebt sie in einer kleinen Wohnung mit Blick auf den Main, ohne persönliche Gegenstände.

So richtig zuhause fühlt Erdoğan sich in Frankfurt nicht: In Deutschland gehe es „sehr geordnet zu“, erzählt sie im Gespräch mit der FAZ. Sie, die immer „von Chaos umgeben war und sich davon inspirieren ließ“, könne sich daran nur schwer gewöhnen. Im letzten Jahr erschien ihre Essaysammlung „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ im Knaus Verlag. In der Türkei durfte das Buch nicht veröffentlich werden.

Diese drei Frauen verdienen zweifellos unsere Aufmerksamkeit, unseren Respekt. Sie sind es wert, über sie zu schreiben und zu lesen, nicht aufgrund ihres Geschlechts, sondern weil die Welt ohne ihre Errungenschaften etwas anders aussehen würde. Doch sie sind nicht die einzigen. In der nächsten Folge stellen wir euch drei weitere Heldinnen der türkischen Geschichte und Gegenwart vor.

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