adressarrow-left Kopiearrow-leftarrow-rightcrossdatedown-arrow-bigfacebook_daumenfacebookgallery-arrow-bigheader-logo-whitehome-buttoninfoinstagramlinkedinlocationlupemailmenuoverviewpfeilpinnwand-buttonpricesine-wavetimetwitterurluser-darwinyoutube
Kunst & Design

Heldinnen – Teil 2

Frauen aus der türkischen Geschichte, die man kennen muss

Vor einiger Zeit haben wir euch hier schon ein mal Kurzbiografien zu drei wichtigen türkischen Frauen präsentiert. Die Zahl von der Geschichtsschreibung ignorierter Frauen kennt keine Grenzen. Ob Kunst, Politik oder Wissenschaft – überall gibt es Heldinnen, die damals und heute bahnbrechende Fortschritte machten und es lohnt sich, einen Blick auf ihr Leben und Werk zu werfen.

Weiter geht’s nun also mit drei Heldinnen der türkischen Geschichte.

Halide Edip Adıvar (1883 bis 1964) – die Frau, die einem Venus-Krater seinen Namen gab

Am American College for Girls in Istanbul (seit 1971 Teil des Robert College) erhielt Adıvar Unterricht in französischer, englischer und türkischer Literatur sowie Philosophie und Mathematik und schloss dort 1901 als erste türkische Frau ihren Bachelor ab. Sie engagierte sie sich als Frauenrechtlerin in Gesellschaft, Literatur und Politik. Der Kampf für die Türkische Nation und der Wunsch, die gesellschaftliche Stellung der Frau in der Türkei zu verbessern, waren Konstanten in ihrem Leben und Werk. In Romanen wie Seviye Talip (1910), Handan (1912) oder Vurun Kahpeye (Schlagt die Hure; 1926) setzte sie sich mit der Psyche und Innenwelt von Figuren auseinander, die den Idealtyp der neuzeitlichen Frau verkörpern, dabei jedoch oft in moralische Zwickmühlen geraten.

”Frau Muammilme, Ehrbarkeit stützt sich nicht darauf, ob eine Frau ihr Gesicht zeigt oder nicht. Auch der Glauben stützt sich nicht auf den Schleier.”

Der Frauentypus, den Adıvar erschuf, war eine Innovation in der türkischen Literatur, da in den Figuren die gesellschaftliche Widersprüche der Zeit verschmelzen. Einerseits symbolisieren Adıvars willensstarke Heldinnen das Ablegen eines mit dem Osmanischen Reich oder Islam verbundenen, regressiven Bildes der naiven Frau. Andererseits werden sie zum Ausdruck der kulturellen Entwurzelung und einer damit einhergehenden moralischen Verunsicherung. Adıvars Frauen sind westlich und zwanglos, aber halten an einem nationalen Bewusstsein sowie einer starken Sittenmoral fest.

Die Autorin engagierte sich zudem in der nationalistischen Organisation Türk Ocağı (Türkischer Verein), welche sich die Anhebung pädagogischer Standards und die Förderung sozialen und ökonomischen Fortschritts zur Aufgabe machte. Die Organisation trug maßgeblich zur Entwicklung des Nationalstaats bei und fusionierte später unter der Leitung Atatürks mit der CHP (Republikanische Volkspartei).

1913 gründete Adıvar mit anderen Frauen die Teâli-i Nisvan Cemiyeti (Organisation zur Verbesserung der Lage der Frau), die erste feministische Organisation im Osmanischen Reich, die sich um die Gleichberichtung der Geschlechter, die Einbeziehung von Frauen ins öffentliche Leben und ihre Bildung bemühte. Die Gemeinschaft nahm Mitglieder unterschiedlicher ethnischer Herkunft und verschiedener Konfessionen auf und legte mit Konferenzen, Lese- und Schreibkursen sowie Veröffentlichungen in Zeitungen und Magazinen die Grundsteine für die Rechte von Frauen im Land. 1917 erzielte sie eine historisch bedeutende Verordnung, die Frauen das Scheidungsrecht zugestand und Polygamie nur unter der Zustimmung von Frauen erlaubte. Auch Adıvar schied sich von ihrem ersten Mann, da sie seiner zweiten Eheschließung entgegenstand.

Überall entsteht eine langsame Bewegung, eine Kettenreaktion, in der Frauen aufwachen und voranschreiten. Dass ich heute zu dieser Stunde vor Euch spreche und Ihr mir zuhört, bedeutet zweifellos, dass auch wir Geschichte machen.

Als das Land 1919 mit der Besetzung Izmirs durch das Königreich Griechenland eine seiner dunkelsten Stunden erlebte, gab Adıvar dem Volk mit ihrer emotionalen und ausdrucksstarken Rede auf der Sultanahmet-Tagung in Istanbul Hoffnung. Sie fühlte sich der türkischen Nation so verpflichtet, dass sie 1920 nach Anatolien ging, um an der Seite Mustafa Kemal Paschas (später Atatürk) im Türkischen Befreiungskrieg zu kämpfen. Hier wurde ihr zuerst der Dienstgrad des Korporals (onbaşı) und anschließend der des Sergeants (üstçavuş) verliehen.

Halide Edip Adıvars Rede auf der Sultanahmet-Tagung 1919:

Statt ehrenlos auf unserem Boden zu leben, ist es uns eine Ehre, unter diesem Boden zu liegen. Lasst uns einander die Hände reichen und zu einem Ziel schreiten, für die türkische Zukunft und zum Zwecke der Republik. Unser Heimatland wird sich ganz gewiss befreien.

Nach einem Zerwürfnis mit der CHF (heute CHP) und Mustafa Kemal Pascha verließ Adıvar 1926 die Türkei und lebte 20 Jahre in verschiedenen Ländern, wo sie Gastvorlesungen hielt. Neben der Columbia-Universität in New York unterrichtete sie an der Nationalen Islamischen Universität in Delhi, wohin sie von Mahatma Gandhi persönlich eingeladen worden war. Nach ihrer Rückkehr nach Istanbul wurde sie im Jahr 1940 an der Universität Istanbul Leiterin der Fakultät für Englische Philologie und war von 1950 bis 1954 als unabhängige Abgeordnete der Demokratischen Partei Mitglied des türkischen Parlaments.

Adıvars erfolgreichster Roman The Clown and his Daughter (ins Türkische übersetzt als Sinekli Bakkal) entstand 1935 vor dem Hintergrund einer neuen Türkei, die sich mit der 1923 ausgerufenen Republik gen Westen gewandt hatte, seit den osmanischen Tanzimat-Reformen (1839) aber in einem Ost-West-Konflikt gefangen war.

Halide Edip Adıvars Einsatz für die Rechte der Frauen in der Türkei ist unbestreitbar. Nicht nur als Leiterin einer feministischen Organisation, Akademikerin oder Politikerin, auch als Autorin trug sie maßgeblich zu einem neuen Bild der Frau in einer Zeit großen politischen und gesellschaftlichen Wandels bei. Ihre Betrachtung des Innenlebens, Charakters und der Verhaltensweisen von Frauen war eine Neuerung im türkischen Roman. Es wundert also nicht, dass Adıvars viele Disziplinen umspannende Erfolge mit der Benennung eines 30km großen Venus-Kraters nah ihr geehrt wurden.

Mihri Müşvik Hanım (1886 bis 1954) – Plädoyer für das Recht der Frauen Kunst zu lernen und lehren

Mihri Hanım wurde in Istanbul in eine wohlhabende, georgisch-stämmige Familie geboren und genoss als Tochter eines osmanischen Gouverneurs eine europäisch orientierte Privaterziehung in Literatur, Musik und Malerei. Nachdem eines ihrer Bilder in die Hände des regierenden Sultans Abdülhamit II. fiel, erhielt sie die Möglichkeit, bei Fausto Zonaro, einem am Palast beschäftigten Maler, Unterricht zu nehmen und wird folglich als erste moderne türkische Malerin anerkannt.

Da die damals einzige Kunsthochschule Sanayi-i Nefise Mektebi nur männliche Schüler aufnahm, wurde in Mihri Hanım der Wunsch groß, für ihre Ausbildung nach Europa zu gehen. Sie flog 1903 mit einem gefälschten Reisepass, den ihr die Frau des französischen Botschafters besorgt hatte, nach Rom und später nach Paris, um dort als Porträtistin zu arbeiten. Während sie die modernen Kunstbewegungen aus der Nähe beobachtete, lernte sie in verschiedenen Ateliers ihr Handwerk. Auf Einladung des damaligen Finanzministers des Osmanischen Reiches kehrte sie 1913 nach Istanbul zurück, um am Dârülmuallimât, einer Lehrer-Ausbildungsschule für Frauen, Kunst zu unterrichten. Anschließend gründete sie 1914 die Inas Sanayi-i Nefise Mektebi, eine Akademie der Schönen Künste für Frauen, welche sich heute im Hauptgebäude der Universität Istanbul befindet. Mihri Hanım wirkte dort als Lehrerin und Schulleiterin und ebnete den Weg für viele nachfolgende Künstlerinnen wie Aliye Berger und Nazlı Ecevit.

In einem Land wie unserem, das – im Vergleich zu Europa – zurückgeblieben ist, ist kein Weg so schwierig wie der von Künstlern. Denn unser Beruf erfordert sehr viel Selbstlosigkeit.

Obwohl Mihri Hanım bei Künstlern lernte, die im orientalistischen oder impressionistischen Stil arbeiteten, lässt sich ihr Werk keinem Genre zuordnen. In ihren Portraits und Stillleben ist jedoch eine umfassende künstlerische Bildung sowie ein Fokus auf das Motiv der Frau in all ihren Facetten zu erkennen. Neben einem drei Meter hohen Porträt Atatürks, welches sie ihm im Çankaya-Palast persönlich überreichte, fertigte sie ein Porträt von Papst Benedikt XV. Nachdem sie einige Familienmitglieder verlor, zog Mihri Hanım Ende der 1930er in die USA, wo sie an internationalen Ausstellungen teilnahm, Gast-Professuren in New York, Washington sowie Chicago innehatte und außerdem den 32. US-Präsidenten Franklin Roosevelt portraitierte.

Mihri Hanım verließ ihr aristokratisches Umfeld, um ihrer Liebe zur Kunst nachzugehen. Auch wenn aus ihrer Zeit im Ausland wenig Quellen zu finden sind, gilt sie als wichtige Figur für die türkische Kunst, nicht nur als erste bekannte moderne Künstlerin, sondern auch als Vorreiterin für den Einzug der Frauen in die Künste. 1954 starb sie im Alter von 68 Jahren in New York. Ihre 150 bekannten Bilder kann man im Pariser Louvre Museum oder Istanbuler Sakıp Sabancı Museum bestaunen.

Prof. Dr. Dilhan Ezer Eryurt (1926 bis 2012) – Astrophysikerin, die das Alter der Sonne bestimmte

Die in Izmir geborene Eryurt geriet für ihre akademischen Leistungen schon am Mädchen-Gymnasium Ankara drei Jahre in Folge in die Bestenliste und wurde vom damaligen Bildungsminister Hasan Ali Yücel mit einer Ausgabe von Atatürks historischer Rede Nutuk beschenkt, in der er eine persönliche Notiz hinterließ – laut Eryurt, die eine Reihe von Preisen gewann, die größte Anerkennung, die sie jemals erhalten habe.

1942 begann sie an der Universität Istanbul Hohe Mathematik mit Nebenfach Astronomie zu studieren und erhielt dort Unterricht von renommierten Professoren, die aus Nazi-Deutschland geflohen waren. Nachdem sie für ihr Master-Studium an die University of Michigan gegangen war, promovierte sie an der Universität Ankara in Astronomie.

Eryurt war so erfolgreich in ihrem Feld, dass sie 1959 mit einem Stipendium nach Kanada ging und anschließend im von der NASA betriebene Goddard Space Flight Center in Maryland, USA arbeitete. Hier forschte sie mit anderen Astrophysikern zur Struktur und Evolution der Sterne und entdeckte unter anderem, dass die Helligkeit und Wärme der Sonne abnimmt und ihr Alter somit höher ist, als zuvor angenommen. Ihre Untersuchungen waren maßgeblich für den Ausbau der Raumfahrt und die erste Mondlandung des Menschen im Rahmen der Apollo 11-Mission im Jahr 1969, sodass Eryurt von der NASA mit dem Apollo Achievement Award geehrt wurde. Vier Jahre später ging sie nach Ankara an die Orta Doğu Teknik Üniversitesi (Technische Universität des Nahen Ostens), wo sie den Fachbereich der Astrophysik aufbaute und von 1988 bis 1993 als Dekanin der Fakultät der Künste und Naturwissenschaften wirkte. Eryurt unterrichtete zahllose Studenten in der Türkei und war am Ausbau der astrophysischen Forschung des Landes beteiligt. Dazu hinterließen sie und ihr Mann ihren Nachlass der Bildungs-Direktion von Erzurum, damit eine Grundschule und ein Mädchen-Wohnheim gebaut werden konnten. Ihre Entscheidung begründete sie mit folgendem Satz:

„Wir sind am Ende unseres Lebens angelangt und wollen die Treue, die wir unserer Heimat schulden, halten.“

Dilhan Ezer Eryurt geht nicht nur als eine der ersten türkischen Astrophysiker in die Geschichte ein. Sie schuf mit ihrer Arbeit bei der NASA auch wichtige Grundlagen für die Messung des Sonnenalters und die erste Mondlandung. Indem sie ihr Wissen mit hunderten Studenten teilte und die Fakultät der Astrophysik ausbaute, trug sie auch maßgeblich zum Ausbau dieser Wissenschaft in der Türkei bei.

Die spannenden Leben und großen Errungenschaften dieser Frauen sind es wert, dass wir über sie sprechen und schreiben. Nicht, weil Frauen im Mittelpunkt stehen, sondern weil diese Menschen und ihre Leistungen ein unabdingbarer Teil unserer Geschichte sind und zu unserem Fortschritt beigetragen haben. Damit diese Heldinnen nicht in Vergessenheit geraten, sollten wir sie bekannt machen und in unser geistiges Quartett der großen, heldenhaften Menschen aufnehmen. In der nächsten Folge geht es weiter mit drei weiteren türkischen Frauen, die man kennen muss.

 

Nächster Artikel

Gesellschaft & Geschichten

Heimat ist kein Ort

Ein persönliches Schicksal

Lust auf Lecker Newsletter?