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Sprache & Literatur

»Gewalt ist überall«

Zu Gast bei der Journalistin Fatma Aydemir

Ursprünglich ist Fatma Aydemir über die Musik zum Journalismus gekommen. Mittlerweile ist sie leitende Redakteurin beim deutsch-türkischen Zeitungsportal taz.gazete, das kritischen Stimmen aus der Türkei ein Forum bieten möchte. Neben ihrer journalistischen Tätigkeit schreibt sie aber auch Romane. Nachdem Anfang dieses Jahres ihr viel beachtetes Debüt Ellbogen erschienen ist, plant sie derzeit ihr nächstes literarisches Projekt. Bei unserem Besuch in ihrem Kreuzberger Atelier erzählt uns Fatma nicht nur von der Idee hinter taz.gazete, sondern auch, wie sie zum literarischen Schreiben kam und was sie mit ihrer wütenden Romanheldin Hazal verbindet.

Du arbeitest als Redakteurin beim deutsch- und türkischsprachigen Zeitungsportal taz.gazete. Könntest du das Projekt kurz vorstellen?

Die Idee ist aus einer zweisprachigen Ausgabe der taz hervorgegangen, die wir im letzten Jahr zum Tag der Pressefreiheit herausgegeben haben. Die Texte, die auf Deutsch und Türkisch erschienen sind, stammten alle von Journalisten aus der Türkei. Wir wollten damit ein Zeichen gegen die dortigen Einschränkungen der Pressefreiheit setzen. Wir dachten damals, wir seien schon am Tiefpunkt angelangt, haben dann aber beobachtet, wie die Situation noch schlimmer wurde. Als die große Verhaftungswelle gegen die Zeitung Cumhuriyet losging, haben wir dann möglichst schnell und mit kleinen Ressourcen die taz.gazete als Online-Projekt gestartet, um auch die Menschen in der Türkei erreichen zu können. Die Idee hinter taz.gazete ist auf der einen Seite, Berichte zu bringen, die in der Türkei so nicht mehr druckbar sind, und auf der anderen Seite Stimmen Gehör zu verschaffen, die sonst untergehen würden, weil zum Beispiel die entsprechenden Medien in der Türkei geschlossen wurden.

Ihr bezeichnet das Portal als »Exil für kritische Stimmen«. Heißt das, ihr wählt gezielt oppositionelle Journalist*innen aus, die in der Türkei nicht mehr veröffentlichen können?

Ich würde nicht sagen, dass es bei uns so etwas wie einen Opferbonus für besonders bedrohte Journalist*innen gibt. Wir suchen einfach über die Kontakte, die wir schon haben, und über die Medien, mit denen wir zusammenarbeiten, nach interessanten Themen und guten Texten.

Mit der taz.gazete möchten wir die Hintergrundinformationen liefern, die wegen mangelnder Kapazitäten oft vernachlässigt werden.

Wird die Plattform tatsächlich von Leser*innen aus der Türkei genutzt, die sich jenseits der türkischen Medienlandschaft eine Meinung bilden wollen?

Vor allem am Anfang wurde die taz.gazete eher von Leser*innen aus Deutschland genutzt. Aber es geht uns natürlich auch darum, die Berichterstattung über die Türkei hierzulande zu verstärken. In der Türkei ereignet sich ja gerade an einem Tag so viel wie hier vielleicht in einem Jahr. Da passiert es leicht, dass man den schnellen Nachrichten hinterherrennt. Doch davon wollen wir wegkommen. Stattdessen möchten wir eher die Hintergrundinformationen liefern, die wegen mangelnder Kapazitäten oft vernachlässigt werden. Es werden aber mit der Zeit auch immer mehr Leser*innen aus der Türkei, die unsere Seite nutzen, und ich bin zuversichtlich, dass sich diese Tendenz in den nächsten Monaten noch weiter verstärken wird.

Mit Ellbogen hast du dieses Jahr deinen ersten Roman veröffentlicht. Mit den dort behandelten Themen wie Migration, Identität und Gewalt setzt du dich zum Teil auch journalistisch auseinander. Warum hast du nun die literarische Form gewählt und einen Roman geschrieben?

Ich habe in Frankfurt Literatur studiert. Und obwohl das Studium rein wissenschaftlich war, habe ich dabei den Drang entwickelt, auch selbst etwas zu schreiben. Zunächst habe ich das aber nicht aktiv verfolgt – auch weil ich mir das nicht so richtig zugetraut habe. Ich glaube, es hat sehr viel mit Selbstvertrauen zu tun, dass man sich tatsächlich hinsetzt und einen Roman schreibt. Dieses Vertrauen habe ich erst durch meine mehrjährige Tätigkeit als Journalistin entwickelt. Gleichzeitig habe ich bei der Arbeit am Roman oft gemerkt, dass mir das journalistische Schreiben eher im Weg steht. Wenn man versucht, immer alles zu benennen und zu erklären, schreibt man den schlechtesten Roman der Welt. Deshalb habe ich zunächst einen Sommer damit verbracht, nur Müll zu schreiben, bevor die Sache dann ins Laufen kam.

Deine Protagonistin Hazal ist knapp 18, weiblich und Kind türkischer Gastarbeiter. Warum hast du dich für diese Figur interessiert bzw. sie erfunden?

Abgesehen vom Alter ist mir Hazal als Figur natürlich erstmal ziemlich ähnlich. Ich bin auch Tochter türkischer Gastarbeiter, wir haben einen ähnlichen Musikgeschmack und zum Teil auch eine ähnliche Art, auf die Welt zu schauen. Die Figur hat mich außerdem interessiert, weil ich eine Coming-of-Age-Geschichte schreiben wollte. Es gibt aber kein reales Vorbild für Hazal und es war auch nicht mein Anliegen, eine Realität eins zu eins abzubilden. Die Sprache ist zum Beispiel komplett konstruiert. Da fließt zum einen mit ein, wie ich selbst spreche oder gesprochen habe, aber zum anderen auch, was ich gerne in einem Roman lesen würde. Jugendsprache eins zu eins abzubilden wäre nicht nur peinlich gewesen, sondern hätte auch für mich als Leserin nicht funktioniert. Deshalb hat es am Anfang ziemlich lange gedauert, den richtigen Sound für die Geschichte zu finden.

Hazal und ihre Clique begehen aus Wut eine spontane Gewalttat. Oft stoßen solche Gewalttaten in der Öffentlichkeit auf Unverständnis. Im Roman kommt man den Mädchen jedoch näher, kann ihre Gefühle vielleicht besser nachvollziehen. War es dir ein Anliegen, diese Hintergründe aufzuzeigen?

Ja, total. Die U-Bahn-Szene war auch das Erste, was ich zu der Geschichte im Kopf hatte. Ich bin mit der Frage in die Geschichte gegangen, wie es zu willkürlichen Gewalteskalationen im öffentlichen Raum kommt. Ich glaube zwar nicht, dass ich diese Frage vollständig beantwortet habe, aber es war mir wichtig, das Thema Gewalt auf verschiedenen Ebenen durchzuspielen. Deshalb geht es nicht nur um physische Gewalt, wie zum Beispiel beim U-Bahn-Schubsen, sondern auch um psychologische und strukturelle Gewalt, die sich in Sprache äußert oder im Umgang mit Gruppierungen wie Frauen oder Menschen mit Migrationshintergrund. Ich glaube, Gewalt spielt für uns alle eine große Rolle, ob wir sie nun wahrnehmen oder nicht. Man kann versuchen wegzuschauen, aber de facto ist Gewalt überall.

Gewalt scheint zunächst einmal männlich konnotiert zu sein. Als Hazal und ihre Freundinnen den Studenten vor die U-Bahn schubsen, kommt niemand auf die Idee, dass es sich bei den Tätern um drei Mädchen handeln könnte. Wolltest du auch mit den weiblichen Rollenklischees brechen?

Mir war es wichtig, die Rolle des armen Mädchens zu brechen, das immer nur Gewalt erfährt und nichts machen kann.

Ich wollte auf keinen Fall die klassische Geschichte vom Opfer-Mädchen reproduzieren. Der Gewaltakt ist deshalb ein Ausbruch aus dieser typischen Rolle und auch, zumindest für Hazal, ein Moment der Emanzipation. Der Tritt oder Schlag kann als eine Art Zurückschlagen gegen ganz viele Dinge verstanden werden, die sie in diesem Moment in dem Studenten verkörpert sieht.

Hazal flieht daraufhin nach Istanbul …

Genau, denn ich wollte auf der anderen Seite auch mit der Migrantenrolle brechen, über die sie sich definiert. Deshalb war es mir wichtig, dass Hazal in der zweiten Hälfte des Romans in Istanbul ist. Sie wird dort mit einem Sehnsuchtsort konfrontiert, den sie eigentlich nicht kennt und dessen Realität wie so oft eine andere ist als erwartet. Auch in der Türkei wird man nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen und hat es nicht leicht als junge Single-Frau aus einem benachteiligten Milieu. Dort wird ihr klar, dass einige ihrer Probleme nicht damit zusammenhängen, dass sie Deutsch-Türkin in Deutschland ist. Außerdem begegnet sie dort anderen Formen von Gewalt und wird mit den politischen Ereignissen in der Türkei konfrontiert, zum Beispiel mit den Auseinandersetzungen in den kurdischen Gebieten und dem Putschversuch im letzten Sommer. Es war nicht von Anfang an geplant, so viel Zeitgeschehen in den Roman miteinfließen zu lassen, aber ich hatte das Gefühl, dass ich all diese Geschehnisse nicht außer Acht lassen kann, weil sie die Menschen dort wirklich betroffen haben.

Was könnte deiner Meinung nach statt Gewalt eine Antwort sein auf die Wut, die Hazal fühlt – auch politisch betrachtet? Was würdest du dir von der Gesellschaft wünschen?

Ich bin nicht Hazal, aber ich bin auch wütend. Trotzdem schmeiße ich keine Leute vor die U-Bahn. Die Frage ist also, wie diese Wut kanalisiert wird. Wut kann auch total produktiv sein. Ich habe zum Beispiel teilweise aus einer Wut heraus geschrieben. Und es gibt auch unglaublich viele Gründe, wütend zu sein. Deshalb halte ich es für wichtig, über die Dinge zu sprechen, die einem auf den Sack gehen, anstatt sie als persönliche Probleme abzutun, mit denen man irgendwie alleine klarkommen muss. Denn es gibt wahnsinnig viele Leute, die ähnliche Probleme haben, und es gibt bestimmte Strukturen, die dafür sorgen, dass wir diese Probleme haben. Einen klaren Lösungsansatz habe ich nicht, sonst wäre ich wahrscheinlich in die Politik gegangen und nicht in die Belletristik. Aber ich wünsche mir, dass mehr gesprochen und mehr zugehört wird. Und dass Debatten auch offen stattfinden können, ohne dass Menschen für ihre Meinung gebasht werden – dass also ein offener Dialog geführt werden kann.

 

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