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Gesellschaft & Geschichten

Zwischen Liebesglück und Familientragödie

Im Gespräch mit einer Betroffenen von häuslicher Gewalt

Izmir 21:20 Uhr. Der Ezan (Gebetsruf) schallt durch das gesamte Land. Auf dem Esstisch in der Küche stehen zwei bauchige Çay-Gläser. Eines gehört mir und eines Lale (Name geändert). Als Lale beginnt, ihre Geschichte zu erzählen, fällt mir auf, dass ihr Çay dunkler und bitterer ist als meiner. Der Dunst ihrer Zigarette zieht aus dem geöffneten Fenster in die Dunkelheit. Lale erlebt Gewalt durch ihren Partner. Wie so viele Frauen* in der Türkei hat sie das lange hingenommen.

Lale erzählt:
,,Es begann, als ich in einer Boutique in Karşıyaka arbeitete. Es war nie wirklich viel los in unserem Laden, also vergingen die meisten Stunden damit, aus dem großen Fenster zu schauen. Menschen schritten vorbei, teilten ihren Simit (Sesamring) mit den Tauben.
Jeden Tag gegen 15:30 Uhr sah ich ihn. Seine Haut war braun gebrannt von der warmen Sonne. Er trug häufig weiße Hemden. Ich schmolz jedes mal dahin, wenn ich ihn sah.
Viele Monate vergingen, in denen sich unsere Blicke trafen. An einem milden Samstagnachmittag kam er dann in die Boutique und sagte „Wie geht es dir?“ Es fühlte sich so an als hätten wir schon etliche Male miteinander gesprochen.
Die Tage vergingen und wir aßen nahezu täglich miteinander zu Mittag. Er lernte meine Tochter aus meiner ersten Ehe kennen und ich seine.“

Zwischen Ayip und Tövbe

„Ein halbes Jahr später zogen wir gemeinsam mit unseren Töchtern zusammen. Bei dem ersten gemeinsamen Frühstück in unserer Wohnung stieß ich versehentlich sein Teeglas um. Als ich mich bückte, um die Scherben aufzusammeln, schlug er mir mit der heißen Pfanne, die auf dem Tisch stand, auf den Hinterkopf. Die Begründung: unkontrollierte Wut. Scherben und Blut, welches mir vom Kopf tropfte, mischten sich auf dem Küchenboden. Meine Tochter rief den Krankenwagen.“

,,Natürlich habe ich ihn angezeigt. Danach hat mich die Polizei aber zurück in das Haus geschickt. Dort wo ich von meinem Partner geschlagen wurde“, erzählt Lale weiter.
Die Gewalt seitens ihres Partners hörte trotz der Anzeige nicht auf. Er zwang sie, ihren Job zu kündigen. Sein Grund: Eifersucht.

,,Warum ich nicht schon bei den ersten Schlägen gegangen bin? Wo sollte ich denn als Frau* ohne familiären Rückhalt hin? Auch meine zweite Ehe beenden und stigmatisiert werden?“

Wir leben hier in einem Staat, der unfähig ist, Frauen* wie mich zu schützen!

Im Gegensatz zu Deutschland fehlt in der Türkei ein sicheres ökonomisches Feld für alleinstehende Frauen*. Es ist Ayıp (dt: Schande), wenn eine Frau* ihren Mann verlässt. Das Problem der türkischen Gesellschaft ist mitunter ihr Verharren auf patriarchale Strukturen und Traditionen. ,,El alem ne der?“ (dt: Was sollen denn die Leute sagen?). Familienehre und die Meinung der Anderen bedeutet meist leider mehr, als der Schutz der Frauen*.
Die türkische Kultur muss einen radikalen Mentalitätswandel hinsichtlich der Gewalt an Frauen* erleben. Die meisten Frauen* die in der Türkei leben sind in einer Kultur aufgewachsen, die uns lehrt, körperliche und emotionale Gewalt hinzunehmen. In den Nachrichten, in den alten türkischen Kultfilmen und innerhalb vieler Familien wird die Unterdrückung der Frau* als gewöhnliche Tat aufgeführt. „Es ist überall zu sehen, unsere Augen dürfen sich nicht daran gewöhnen“,sagt Lale.
Die bekannte Redewendung ,,Kızını dövmeyen, dizini döver“ (dt: Wer seine Tochter nicht schlägt, wird sich auf die Knie schlagen müssen) impliziert, dass Mädchen* erst dann wohlerzogen sind, wenn seitens der Eltern als erzieherische Maßnahme Gewalt angewendet wird.

Die konservative Ungleichheit der Geschlechter

Frauen* auf einer Demonstration gegen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, Istanbul, 2013. © Alexandros Michailidis

Nichtsdestotrotz ist die Gewalt an Frauen* nicht die Schuld veralteter Traditionen oder beknackter Redewendungen. Es ist auch nicht die Schuld einer konservativen und Frauen* unterdrückenden Politik, sondern die Schuld des Täters. Ich frage Lale nach Lösungen.
„Diese Gewalttaten werden von Männern begangen, also dürfen wir nicht von den Männern verlangen, Lösungen für Femizide oder häusliche Gewalt zu finden. Wir können unseren Schutz auch nicht dem Staat überlassen.
Es ist ein von Männern geschaffenes Problem, das nur wir Frauen* lösen können.“

„Wir müssen Männer für unser Leid sensibilisieren. Es muss ihnen klar werden, dass sie Verbrechen begehen, sobald sie ihre Hand erheben, aber uns muss klar sein, dass nur wir Frauen* können das Problem beheben“

Lale findet, das Land braucht starke Frauen*, die weiter und mehr füreinander einstehen, und gegen Frauen*morde ihre Stimmen erheben. Bildungschancen für Frauen* sind zudem ausschlaggebend. Wie können 7 Prozent der in der Türkei lebenden Frauen* Analphabetinnen sein? Wissen schafft Selbstvertrauen und verringert, dass wir Gewalt stumm hinnehmen.

Fürchten gewalttätige Männer gebildete Frauen*?

„Macht über Frauen* auszuüben, die nichts anderes tun, als Zuhause zu sitzen, ist einfach. Sie sind isoliert von der Außenwelt, kennen ihre Rechte und Möglichkeiten nicht. Alles dreht sich um den Mann und die Familie.
Natürlich erleben auch gebildete, berufstätige Frauen* häusliche Gewalt. Der Unterschied ist, dass sie ein größeres Umfeld haben, das kritisch nachfragt, wenn sie mit einem blauen Auge rumlaufen. So viele Frauen* die in der Türkei leben müssen das traditionelle Rollenverständnis der Frau* weiter verändern und arbeitende, kluge Frauen* als willkommene Selbstverständlichkeit begrüßen.“, sagt Lale.

„Frauen, die nicht Mütter werden, weil sie arbeiten, sind nur halbe Frauen.“
Recep Tayyip Erdoğan

Männer dürfen nicht weiterhin über Frauen* entscheiden. Durch Bildung, Zusammenhalt und eine Reform der kulturellen Normen werden Frauen*, im wahrsten Sinne des Wortes, unschlagbar. Frauen* machen die Hälfte des Landes aus, sie müssen nur noch lernen, zusammenzuhalten. Die moderne Frauen*rechtsbewegung macht es vor.

Neuanfang.

Ich frage Lale, wie ihre Partnerschaft weitergeht.
„Wir sind jetzt seit 6 Jahren zusammen und natürlich habe ich Angst vor ihm. Ich habe jetzt aber einen neuen Job. Sobald ich was zusammen gespart habe, nehme ich meine Tochter und ziehe in eine andere Stadt, wo uns niemand kennt. Ich werde meine Tochter dort zur Schule schicken und auch als alleinerziehende Frau* für uns einstehen.“

Auf den Schultern der in der Türkei lebenden Frauen* lastet enorm viel Verantwortung. Wir sind kulturellem, ökonomischem und familiärem Druck ausgesetzt, der meist von der Gesellschaft aufrechterhalten wird. Wir werden zum Beispiel in die Lage gebracht, uns verteidigen zu müssen, wenn wir nicht heiraten möchten. In der Türkei scheinen Frauen* mit am meisten unter der sozio-ökonomischen Rückständigkeit des Landes zu leiden, denn Eigenständigkeit und Emanzipation werden weiterhin verhöhnt und von der regierenden, konservativen Politik der AKP nicht gefördert.

Die Frauen* vergangener Generationen haben internalisiert, dass sie Ungerechtigkeit aushalten müssen, da sie andernfalls von der Gesellschaft und der Familie ausgestoßen werden. Bis zur Heirat leben Frauen* unter der moralischen Hoheit ihres Vaters, danach nehmen die Ehemänner diese Rolle ein. Eine Frau* ohne Mann an ihrer Seite gilt in der Türkei meist als schutzlos.

Demonstrant*in mit einem Eşitleneceğiz (Wir werden gleichberechtigt werden) Schild auf einer Demonstration für die Istanbul Konvention, 2020 © Huseyin Aldemir

 

Fotos: Shutterstock.com

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