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Business

Wie grün ist die Türkei?

 Ein Interview mit dem Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul

An den Themen Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Klimawandel kommt in Deutschland und in Europa spätestens seit der Klimastreikbewegung „Fridays for Future“ niemand mehr vorbei. Berechtigterweise. Doch wie sieht es in einem Land mit mehr als 80 Millionen Einwohnern wie der Türkei aus?

Wir haben mit Kristian Brakel, dem Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung, über Umweltpolitik, Minderheiten, Fridays for Future und über sein Leben in Istanbul gesprochen.

Merhaba Herr Brakel! Können Sie uns kurz erzählen, wie Sie persönlich dazu gekommen sind, für die Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul zu arbeiten?

Ich habe Islamwissenschaft und Erziehungswissenschaft studiert. Mein erstes Auslandssemester hat mich nach Izmir an die Dokuz Eylül Uni geführt in einem Austauschprogramm, was eigentlich für Lehramtsstudierende gedacht war. Weil sie nicht genug Lehrer*Innen finden konnten, durfte ich mit. Neben der Uni konnte ich vor Ort an einem Anadolu Lisesi unterrichten, was mir interessante Einblicke in das türkische Bildungssystem ermöglicht hat. Das war 2001, die Zeit der letzten großen Wirtschaftskrise in der Türkei, die damals omnipräsent war.

Der Aufenthalt hat daher nicht nur zu meinem Interesse an der Türkei geführt, sondern auch dazu, dass ich mich intensiv damit beschäftigt habe, wie politische und wirtschaftliche Krisen entstehen und wie Politik darauf reagieren kann. Ich habe mich daher im Studium dann auf Entwicklungspolitik fokussiert und dazu in Berlin noch ein Aufbaustudium absolviert. Danach hat mich mein Arbeitsleben quer durch den Nahen Osten geführt, wo ich meist an der Schnittstelle zwischen Außen- und Entwicklungspolitik gearbeitet habe und zwar meist in oder für Ländern, die in gewaltsame Konflikte verwickelt sind. Mein Wunsch war es dabei immer, irgendwann mal eine Stelle in Istanbul zu finden und da kam eigentlich nur die Stiftung in Frage, der ich auch politisch nahestehe.

Inwiefern unterscheidet sich die Türkei hinsichtlich der Arbeitsweise, des Arbeitsalltags und in der Arbeitsmentalität im Gegensatz zu Deutschland?

Wenn man in einer deutschen Institution arbeitet, dann sieht man da, glaube ich, nicht so starke Unterschiede zu Deutschland.  Wo ich am meisten Unterschiede spüre, ist natürlich im politischen System und welche Auswirkungen es auf die Menschen hat.

Das fängt bei der Rhetorik an — ich kann nicht verstehen, warum alle Politiker und Politikerinnen in der Türkei bei Reden immer so rumschreien – das ist für mich eher abschreckend.

Aber klar, wenn ich türkischer Linker wäre und die Erfahrung gemacht hätte, dass der Staat mich ggf. ins Gefängnis steckt, weil ich eine andere Meinung habe oder in früheren Zeiten mich einfach auf der Straße erschießen ließ, wäre ich wahrscheinlich auch kompromissloser. Ein anderer Punkt, bei dem ich die Unterschiede noch sehr stark merke, sind geschriebene Texte. Wir veröffentlichen ja auch selber sehr viel und wie rein stilistisch hier auch in großen Tageszeitungen geschrieben wird, ist völlig konträr zu deutschen Lesegewohnheiten. Kommentator*Innen schreiben zum Teil zehn Seiten, wo der deutsche Zeitungsleser eher nur eine Seite lesen will.

Diese meisten anderen Klischees in Bezug auf die türkische Arbeitsweise halte ich für äußerst schwierig bzw. rassistisch. Erstaunlicherweise sind da meiner Erfahrung nach Türk*Innen untereinander wesentlich abwertender. Also es sind meist eher europäisch orientierte Türk*Innen, die einem z.B. raten, keiner türkischen Firma zu vertrauen.

Ich sehe die Unterschiede oft weniger in meiner direkten Arbeit als in meinem sonstigen Umfeld. Also dafür, dass die Türkei sich als so gastfreundlich rühmt, ist es zum Beispiel oft schwierig, guten Service zu bekommen. Angestellte bei Turkish Airlines, Turkcell oder selbst hochpreisigen Hotels zeigen einem oft sehr deutlich, dass sie sich nicht dafür interessieren, ob Dinge funktionieren oder nicht. Das liegt natürlich auch daran, dass die Masse dieser Leute schlecht bezahlt ist.

Und Hierarchie spielt oft eine größere Rolle als selbst im obrigkeitsgläubigen Deutschland. Ich sehe immer wieder Leute, die mit dem Argument „Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?“ versuchen, eine Sonderbehandlung rauszuschlagen.

Aber das sind die negativen Seiten, die positiven gibt es natürlich auch!

In dem Vorstellungstext der Stiftung steht: Schwerpunkt sei die Zukunft der türkischen Energiepolitik und die Entwicklung des ländlichen Raums. Nun weiß jeder: Istanbul ist nicht gleich Türkei. Wie schätzen Sie die Entwicklung in den ländlichen Gebieten in Anatolien ein?

Das steht da? Sollte eigentlich nicht  — wir haben unser Programm aktualisiert und sind nicht mehr so stark im ländlichen Raum aktiv, auch wenn wir weiterhin auch viel außerhalb Istanbuls, Ankaras und Izmirs machen.

Ich glaube übrigens, dass dieser Satz „Istanbul ist nicht die Türkei“ nicht zutrifft: Im Gegenteil, Istanbul als Stadt repräsentiert das Land in seiner ganzen multi-ethnisch, multi-religiösen Ausprägung, wie wenig andere Städte das weltweit tun.

Die Türkei ist seit Jahrzehnten durch Migration geprägt und das Ziel dieser Wanderungsbewegungen, ganz gleich ob Türk*Innen, Kurd*Innen oder aktuell Syrer*Innen, war immer Istanbul! Was stimmt, ist, dass das Istanbul, was die meisten von uns kennen, d.h. Kadiköy, Beyoglu oder auch mal Balat, wenig mit der Türkei an sich zu tun hat bzw. mit der Realität der meisten Istanbuler. Sie wohnen oft in gesichtslosen Hochhausvierteln wie Atasehir. Istanbul hat wirtschaftlich eine Kraft, die es auf dem Land so nicht gibt. Diese Zentralisierung der Wirtschaft war und bleibt ein Problem, auch wenn sich in den letzten Jahrzehnten im ländlichen Raum sehr viel getan hat.

Im Jahr 2015 legte die türkische Regierung den Grundstein für das erste kommerziell betriebene Kernkraftwerk in Mersin. Das AKW Akkuyu wird aufgrund seiner Nähe zu erdbebengefährdeten Gebieten kritisiert. Wie beurteilen Sie diese Gefahr?

Ich bin kein Nukleartechniker und kann das nicht selbst beurteilen. Aber natürlich sehe ich das, was Fachleute schreiben über das Risiko und ich denke, das sollte man ernst nehmen. Und selbst, wenn wir das Erdbebenrisiko ausblenden, haben wir immer wieder bei Reaktorunfällen gesehen, dass es Faktoren geben kann, die wir nicht miteinkalkuliert haben. Das Risiko ist einfach sehr, sehr hoch und die Frage ist, wofür?

Die Türkei hat eigentlich perfekte Voraussetzungen für einen verstärkten Ausbau erneuerbarer Energien.

Hier ist in den letzten Jahren einiges passiert, aber es gibt noch viel Luft nach oben. Kernkraft ist, das wird oft vergessen, bizarr teuer und braucht Jahrzehnte, bis sich ein AKW amortisiert. Dafür gibt es dann die Abnahmegarantien für den Strom durch den Staat. Das ist alles Steuergeld, was man sinnvoller ausgeben könnte, als es Rosatom zu überlassen. Aber bei dem Projekt geht es ja vermutlich auch nicht in erster Linie um Strom oder um Erdbeben, es ist der Versuch, die russisch—türkische Partnerschaft zu zementieren. Die hat nochmal ganz eigene Probleme.

Was würden Sie sagen, wie grün ist die Türkei?

Landschaftlich sehr, politisch eher weniger. Es gibt tatsächlich eine grüne Partei in der Türkei, auch wenn sie sehr klein ist und zur HDP gehört und „Fridays for Future“ ist in der Türkei bisher eine relativ überschaubare Bewegung, die sich auch v.a. auf die großen Städte konzentriert. Die Türkei ist in einer Liga mit vielen aufstrebenden Schwellenländern dem Glauben verfallen, dass alles, was der Wirtschaft nützt, ohne Rücksicht auf Natur und Umwelt, auch gemacht werden sollte. Zumindest die Regierung hat ihr ganzes Wirtschaftsmodell darauf ausgerichtet, die Bauindustrie zu fördern, wo es nur geht. Und das hieß halt in den letzten Jahren, dass man zubetoniert, was man findet. Dem zugrunde liegt eine technokratische Weltanschauung in der AKP: man nimmt an, dass der Übergang in die Moderne bedeutet, Natur und Umwelt zähmen und verbessern zu müssen.

„Klar, der See ist sehr schön, aber noch viel schöner wäre er doch, wenn wir 500 Grillplätze schaffen!“ Neben dem Raubtierkapitalismus – denn natürlich werden einige Leute mit den Projekten, die da in die Landschaft gepflastert werden, auch unheimlich reich, nicht zuletzt die Parteikassen der AKP füllen sich – kommt aber natürlich auch noch die Tatsache hinzu, dass viele Menschen im Land arm sind und wirklich auf wirtschaftlichen Wohlstand hoffen. Als etwa die großen Umweltdemos gegen den Goldabbau in den Kaz-Bergen letztes Jahr losgingen – und da waren ja Tausende von Menschen – haben diejenigen, die da wohnen und die es eigentlich am meisten betrifft, größtenteils gesagt: „Was wollt ihr hier? Wir finden den Goldabbau super, denn die Firma baut uns eine Schule, eine neue Moschee und sorgt für Arbeitsplätze.“

Dieses Gegeneinanderabwägen von Wirtschaft und Umwelt ist aber kurzsichtig, es muss viel mehr darum gehen, Wirtschaftsformen zu fördern, die nachhaltig sind und die Umwelt nicht zerstören.

Die Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul beschäftigt sich besonders mit der Geschichte und Gegenwart des armenischen Bevölkerungsteils in der Türkei. Wie beurteilen Sie die Situation der armenischen Minderheit in der Türkei und welche zivilgesellschaftlichen Initiativen gibt es hinsichtlich dieser Thematik?

Die Stiftung arbeitet zu zwei Themen, die auch die armenische Minderheit betreffen: zum einen für eine Zukunft für eine multi-ethnische Realität einer demokratischen, inklusiven Türkei und zum anderen zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Beides sind Themen, die für die armenische, aber auch für andere Minderheiten im Land relevant sind. Im Vergleich mit den 90ern haben wir hier schon große Fortschritte gemacht, aber die Hinwendung der AKP zum Ultra-Nationalismus in den letzten Jahren hat auch vieles wieder zunichte gemacht.

Das Problem für die meisten Armenier*Innen oder auch andere Minderheiten in der Türkei ist ja meist nicht, dass sie nicht als türkische Staatsbürger*Innen anerkannt wären. Sondern, dass alles, was die Eigenschaften als Minderheit betonen würde, negiert wird.

Das Staatsverständnis ist bei vielen Menschen eines, das davon ausgeht, dass der Staat diese Minderheiten — seien sie jetzt kurdisch, armenisch oder syrisch – kontrollieren solle, denn von ihnen ginge eine implizite Gefahr aus. Das ist der gleiche Humbug, den die AfD uns in Deutschland über (Deutsch-)Türk*Innen oder Syrer*Innen verkaufen will. Wenn Sie heute nach Ani fahren, finden Sie auf der Beschilderung des Tourismusministeriums das Wort „armenisch“ mit keiner Silbe erwähnt. Wovor hat der Staat soviel Angst? Armenien selbst ist ein geopolitisch und ökonomisch relativ unwichtiges Land, die Idee, dass die jetzt auf einmal auf die Osttürkei vorrücken, ist absurd.

In den letzten Jahren ist die EU-Mitgliedschaft immer weniger Thema auch in türkischen Debatten. Können Sie sich in absehbarer Zeit eine Annäherung auch nur ansatzweise vorstellen?

Leider nein. Weder die Türkei, noch die EU sind aktuell an einem Beitritt wirklich interessiert. Die EU ist strukturell zurzeit nicht in der Lage weitere Mitglieder aufzunehmen, selbst die West-Balkanländer, die ja wesentlich leichter aufzunehmen wären, haben aktuell keinen guten Stand. Und die Türkei hat sich in den letzten Jahren immer weiter von den Kopenhagener Kriterien wegbewegt, was Demokratie und Rechtsstaatlichkeit angeht. Die Türkei aufzunehmen wäre selbst unter optimalen Bedingungen eine riesige Herausforderung — politisch und wirtschaftlich.

Mit dem aktuellen Präsidenten, der die EU maximal als erweiterte Brieftasche nützlich zu finden scheint, ist ein Beitritt auf keinen Fall zu machen. Und auf europäischer Seite wird man die nächsten Jahre erstmal mit den wirtschaftlichen Schäden der Coronakrise zu tun haben, da wird man für einen Türkei-Beitritt keine Kapazität haben. Eine Annäherung hingegen ist vorstellbar, ggf. geboren aus der Notwendigkeit der Krise und mittelfristig auch mit einer anderen türkischen Regierung.

Auch wenn der Beitritt nicht kommt, die Zukunft der Türkei liegt politisch und v.a. wirtschaftlich in Europa. Russland hat langfristig hier wenig anzubieten außer Erdgas und Rüstungsgüter – allein damit lässt sich aber keine zukunftsfähige Türkei bauen.

Und auch die meisten Türk*Innen sehen das doch so: bei einer kürzlichen Umfrage sagten selbst 43,2% der befragten AKP-Anhänger*Innen auf die Frage, wohin sie gerne auswandern würden, als Allererstes: Deutschland! Nach Russland wollten nur 6,8%, nach Saudi-Arabien nur 12,3%! Wir haben viele Probleme in der EU: Nazis, veraltete Strukturen, wirtschaftlich schwächelnde Mitgliedsländer. Aber im Großen und Ganzen ist Europa immer noch ein Riesenerfolg und eine Vision für die Zukunft!

Die Türkei ist auch ein Land mit einem riesigen Potential und ich wünsche mir sehr, dass die Türkei und Europa zusammen an dieser Vision einer besseren Zukunft bauen.

Autor: Emre-Can Tan

Illsutration: Binnur Çavuşlu

 

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