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Reisen

„Weit weg. Ganz weit weg!“

Über TürkInnen in Kambodscha

Von traumhaften Stränden bis hin zu Wasserfällen und Dschungellandschaften bietet Kambodscha so ziemlich alles, was das Herz einer*s Reisenden begehrt. Das Land ist ein beliebtes Reiseziel, wenn auch noch nicht überall bekannt. Zwischen Vietnam, Laos und Thailand befindet es sich am Golf von Thailand.

Kambodscha erholt sich langsam aber sicher von der Schreckensherrschaft der roten Khmer (1975–1979), die nach Schätzungen 1,7 bis 2 Millionen Menschenleben kostete. Heute leben dort knapp 16 Millionen Menschen und das Land wird wieder attraktiver – und moderner. Dass es auch eine Heimat für viele Türken und Türkinnen wurde, war ein Überraschung für mich.

Lady, you know Atatürk?

In der internationalen Community fanden die Auswanderer schnell Anschluss.

Ich bereiste das Land zum ersten Mal 2017 und war beeindruckt. Vor allem davon, dass einige mich besser auf Türkisch zu verstehen schienen als auf Englisch. Ein TukTuk-Fahrer fragte mich sogar: „Lady, you Turkey? You know Atatürk?“ Woher kannte er wohl den Namen Atatürks? Als ich mich von der Hauptstadt Phnom Penh gen Süden bewegte, traf ich auf erste türkische Mitbürger*innen und meine Frage klärte sich langsam.

Von der traumhaft schönen Insel Koh Rong hatte ich gehört – besonders neugierig machte mich aber, dass Koh Rong auch Türkeninsel genannt wird und ein Mann namens Bora als ihr König gilt. Er und sein Bruder bereisten Kambodscha vor sechs Jahren, sie kommen aus Istanbul. Sie erkannten das Potenzial der Insel und Bora eröffnete das erste Hotel, während sein Bruder die Fähren betreibt.

Betül Abla in ihrem Restaurant.

Als ich endlich auf diese Fähre zur Insel stieg, saß ich neben einer Frau. Khmer war sie auf jeden Fall nicht, dachte ich, auch westlich sah sie nicht aus, aber wie eine Touristin auch nicht. Für eine Weile telefonierte ich auf Türkisch, und als ich auflegte auf kamen wir ins Gespräch: „Mir wird auch immer seekrank auf Fähren. Der Trick ist, dich auf einen Punkt am Horizont zu konzentrieren und ihn während der Fahrt zu fokussieren.“

Sie sprach Türkisch und ich war verblüfft. Höflich bedankte ich mich. „Bei uns auf der Insel leben viele Türkinnen und Türken. Wir haben sogar zwei neue aus Istanbul“, erklärte sie. „Lebt ihr auch hier?“ fragte ich weiter. „Ja, seit zwei Jahren schon. Mein Mann und ich haben ein Restaurant übernommen, direkt am Strand. Er macht die besten Pizzen auf der ganzen Insel!“

Ausgerechnet Kambodscha?

Mir schossen viele Fragen durch den Kopf: Warum entscheidet man sich für Kambodscha? Was hatte ihr Interesse geweckt? Und warum kommen ausgerechnet viele Türk*innen hierher? Am selben Abend traf ich Betül Abla wieder. Ihr Mann stand im Restaurant und bediente die Gäste, Betül Abla saß davor am Strand, trank Bier und rauchte eine Zigarette – genau wie sie es beschrieben hatte.

„Güzelim, komm zu uns! Sieh mal, das sind Asena und Barış aus Istanbul.“ Barış arbeitete bei Betül Abla als Kellner, Asena hatte aus Istanbul Henna mitgebracht und bemalte die Hände von Tourist*innen. Für mich war das ein ungewohnter Anblick und ich fragte, weswegen sie aus der Türkei hierher zogen.

„Bak güzelim, die Türkei hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Die Politik ist radikaler geworden, die Religion spielte in allen Bereichen unseres Alltagslebens eine große Rolle. Inşallah Maşallah war nun das Motto. Die Angst vor Bombenattentaten, vor allem aber die Angst vor Repressionen, wenn man seine Meinung öffentlich äußert, ist größer geworden. Jeder ist misstrauisch!

Ich konnte meiner langjährigen Nachbarin nicht mehr vertrauen, als ich hörte, sie würde die AKP unterstützen. Ich hatte Angst um meine Kinder. Die sind zwar alt genug, aber wenn meine Tochter nur ins Theater ging, machte ich mir Sorgen. Was ist, wenn ihr etwas passiert? Was ist, wenn genau während der Aufführung eine Bombe in die Luft geht? Es wurde immer schlimmer, bis mein Mann die Idee hatte, auszuwandern.“

Betül Abla blickte nachdenklich an mir vorbei, direkt ins Meer, nahm einen Zug von ihrer Zigarette und einen Schluck Bier und lächelt mich an. „Warum Kambodscha?“ frage ich. „Warum nicht Deutschland oder Belgien oder ein anderes europäisches Land?“ „Wir erzählten unseren Kindern von der Idee und sie waren begeistert. Nun mussten wir uns noch auf ein Land einigen, das war schwerer als gedacht! Natürlich dachten wir an Holland, weil wir da Verwandte haben, aber das wäre zu einfach für uns gewesen. Ehrlich gesagt, wir wollten raus aus diesem System und weit weg von den Problemen in Europa. Ganz weit weg! In dem Moment lief eine Reisedokumentation über das Land der Khmer und wir waren beeindruckt von Kambodscha.

Wir wussten überhaupt nichts darüber, weder über die Menschen noch über die Arbeitsstruktur, aber es fühlte sich gut an!

Also verkauften wir unser Hab und Gut und sechs Monate später waren wir in Phnom Penh. Es dauerte nicht lange, da trafen wir auf andere türkische Familien. Die erzählten uns von Koh Rong.“ Ich wollte wissen, ob Betül Abla ihre Heimat vermisste. „Ehrlich gesagt: nein! Na gut, vielleicht ein kleines bisschen, aber hier ist es einfach so, wie ich die Türkei vor fünfzehn bis zwanzig Jahren kenne. So bin ich aufgewachsen. In einer Welt mit nachbarschaftlicher Hilfe. Wir haben unbesorgt auf den Straßen gespielt, es gab noch Natur, Bäume, Blumen. Inzwischen ist nichts mehr davon übrig, nur noch Erinnerung. Hier in Kambodscha fühle mich sicher. Ich komme gut mit den Khmer aus, wir verstehen uns zwar sprachlich nicht gut, aber manchmal sind Worte doch überflüssig. Unsere Kulturen, unsere Gastfreundschaft und die Liebe zum Teilen verbinden uns.

Im eigenen Café.

Betül Ablas Erzählung inspirierte und ermutigte mich, und zwar so sehr, dass ich ebenfalls entschied, nach Kambodscha auszuwandern. Im Herbst 2018 war es soweit. Auch ich hatte, ehrlich gesagt, wenig Ahnung davon, was ich tat und bin meinem Bauchgefühl gefolgt. Nach einem Monat hatte ich bereits ein Landhaus in Kampot gemietet und ein Restaurant eröffnet – ein türkisches Frühstückshaus in Kambodscha! Es dauerte nicht lange, bis Türkinnen und Türken aus aller Welt bei dem Frühstück hier zusammenkamen. Es sind Tourist*innen aus Deutschland, England und den USA, vor allem aber Türken*innen, die selbst in Kampot leben.

Zusammenhalt ab Stunde Null

Ezgi und Burak waren unter meinen ersten Kund*innen: Ezgi ist 30 und hat Lehramt studiert, Burak ist 33 und Journalist. Die beiden leben seit vier Jahren in Kampot und betreiben inzwischen zwei Restaurants, in denen sie neben leckerem Essen auch Yoga anbieten. Beide kommen aus Izmir und lebten eine lange Zeit in Istanbul, bevor sie sich entschlossen, ihre Heimat zu verlassen: „Wir haben uns nie wirklich wohl gefühlt in Istanbul. Izmir ist da nochmal anders, liberaler. Istanbul ist das natürlich auch, aber da muss man auch mit viel Gegenwind rechnen. Burak und ich waren damals politisch sehr aktiv.“

Ezgi lacht. „Die ganze Situation verschärfte sich während den Protesten im Gezi Park. Natürlich standen wir dort in erster Reihe. Es ging um weit mehr als um den Park, es ging um unsere Stimme, die Stimme der Zukunft. Alles lief aus dem Ruder und Burak wurde verhaftet. Das war ein ziemlicher Einschnitt in unserem Leben. Zum Glück kam er nach drei Tagen raus…“

Ich spürte ihre Angst beim Erzählen. Sie streichelt Burak durch das Haar und lächelt ihn an. Er nimmt sie in die Arme. Burak, der aus allem einen Witz macht, löst die Anspannung auf und witzelt: „Ist das nicht süß? Sie hatte Angst um mich!“ „Wie auch immer. Er kam endlich raus und wir waren nun in unserem eigenen Land politisch Verfolgte. Stell dir das mal vor, in deiner eigenen Heimat! Nicht mal unsere freie öffentliche Meinungsäußerung blieb uns mehr. Direkt kauften wir uns Tickets nach Thailand, verabschiedeten uns von unseren Familien, und nun sind wir hier!“ Seitdem sind weder Ezgi noch Burak wieder in die Türkei gereist. Das Risiko, dort verhaftet zu werden, ist zu hoch. Ihre Familien haben sie seitdem persönlich nicht mehr gesehen.

Ein Teil der türkischen Community Kambodschas.

Die Türkeninsel

Ich fragte sie, ob Kambodscha von Beginn an ihr Ziel war. „Ja, wir hatten von der Türkeninsel gehört, Koh Rong. Dort lebten wir sogar auch für die ersten 2 Jahre, oder Burak?“ „Genau, 2 Jahre. Aber so schön, wie ein Inselleben auch klingen mag, ist es nicht. Es war sehr, sehr anstrengend! Wir trugen täglich die gleiche Kleidung und hatten immer und überall Salz am Körper kleben. Irgendwann wollten wir auch einfach nicht mehr mit so vielen Türk*innen auf der kleinen Insel leben. Naja, du weißt schon, was ich meine. Es gab viel Getratsche und uns wurde wieder klar, dass wir das nicht möchten. Ezgi und ich lieben unsere Kultur, aber ich sehe die Türkei leider auch nicht mehr als meine Heimat an.“

Für Burak ist die Türkei das Land seiner Geburt, aber Heimat ist da, wo er sich sicher und frei fühlt, und das fanden Ezgi und Burak nun in Kampot.

Aslı lebt seit 8 Jahren in Kambodscha und arbeitet als Köchin in Ezgis und Buraks Restaurant. Wie die meisten strandete allerdings auch sie zuerst auf der Insel Koh Rong. In der Türkei arbeitete sie in einem 3-Sterne-Restaurant in Istanbul. „Ich war nur arbeiten, hatte keine Freizeit, kein Leben, nichts. Ich ging im Dunkeln zur Arbeit und ging im Dunkeln nach Hause. Zwar wohnte ich in einer der schönsten Städte der Welt, direkt am Bosporus, doch ich hatte einfach nichts davon. Dazu kam noch der Druck meiner Familie. Du musst heiraten, Kinder kriegen und deinen Ehemann glücklich machen. Das ging mir alles sehr auf die Nerven, irgendwann hatte ich die Nase voll!“

Sie macht kurz Pause, überlegt. „Ich hatte einen Nervenzusammenbruch auf der Arbeit und kündigte. Das hatte ich mir immer schwerer vorgestellt, aber es kam einfach so in dem Moment. Dann packte ich meine Tasche und flog direkt nach Phnom Penh. Ich wollte nach Koh Rong, denn davon hatte ich bereits gehört. Damals war das Land noch ein Geheimnis unter Insidern. Ich wollte eigentlich nur ein paar Monate entspannen, doch im Endeffekt blieb ich hier. Und ich fühle mich einfach zu Hause. Man hat keinen Leistungsdruck, niemand verurteilt dich dafür, was du machst, Hauptsache du verdienst Geld und kannst dich über Wasser halten.“ Aslı war in den letzten 8 Jahren nicht wieder in der Türkei.

„Weißt du Derya, es ist einfach hier, sich seine eigene Welt zu erschaffen, seine eigene Blase, ohne dass sie zerstört wird. Man erschafft seine eigene Realität fernab der Probleme in Europa und vor allem in der Türkei… Alles, dessen ich auf jeden Fall sicher bin, ist dass ich hier zu Hause bin!“ Als ich auch Aslı frage, ob sie die Türkei nicht vermisse, lacht sie: „Eindeutig vermisse ich Rakı!“.

Text und Fotos: Derya Tuerkmen

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