Sucuk und Sauerkraut

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Ein türkisches Sprichwort besagt „Bir lisan, bir insan. İki lisan, iki insan.“ Sinngemäß bedeutet es „Wer eine Sprache spricht, der ist nur ein Mensch; Wer aber zwei Sprachen spricht, gilt als zwei Menschen“. Wie stark prägt die umgebende Kultur einzelne Personen und was passiert, wenn man mit zwei Kulturen aufwächst? Den einen Vorzeige-Lebenslauf gibt es nicht. Dafür sechs wunderschöne Varianten mit zwei Kulturen zu leben.

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„Durch uns finden Menschen zusammen. Sie alle verschmelzen zu einer Gesellschaft“, sagt Ali Köken. Dabei baut er eine neue Puppe für sein Schattentheater. Ali Köken ist einer der sechs Protagonisten in Filiz Demircis Dokumentarfilm „Ich mag Sucuk, du magst Sauerkraut!“. Als Puppenspieler des traditionellen türkischen Schattentheaters Karagöz & Hacivat leistet er einen Beitrag zur kulturellen Integration. „Das Theater ist eine Gesamtheit. Es erklärt den Menschen die Menschen. Egal ob Türke oder Europäer, am Theater zählt nur der Mensch“, so Ali Köken. Sechs Episoden, sechs Personen, sechs Leben, sechs Leidenschaften. In 30 Minuten lernt man Gönül Şen-Menzel, Ertu Kile, Burak Fahri Içer, Didem Sözen, Ali Köken und Fuat Arslan kennen. Alle wohnen in Deutschland und erzählen, wie sie in und mit beiden Kulturen leben; der türkischen und der deutschen.

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Zum Beispiel Gönül Şen-Menzel. Sie ist Künstlerin, lebt seit 32 Jahren in Deutschland und widmet sich voll und ganz der Malerei. Sie leugnet ihre Herkunft nicht, vielmehr betont sie ihren Bezug zu beiden Kulturen: „Deutschland ist nicht nur meine zweite Heimat. Es ist mein Zuhause geworden. Aber in der Türkei bin ich aufgewachsen. In beiden Ländern hatte ich eine schöne Zeit.“ Für Ertu Kile, Modevertreter bei der Firma FALKE hingegen ist Heimat dort, wo er sein Geld verdient. Er war einer der ersten Ausländer in dem Unternehmen und seiner Erfahrung nach beruht Anerkennung auf Leistung: „Also ich glaube, die Akzeptanz muss man sich generell verdienen. Es ist zu einfach zu sagen: ‚Ja, ich werd’ ja eh nicht akzeptiert, weil ich türkisch bin.‘ Das seh ich nicht so.“

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„Ich mag Sucuk, du magst Sauerkraut!“ – der Titel zieht scheinbar kulturelle Grenzen. Tatsächlich spielt er mit etablierten Klischees und will mit einer lockeren Wortwahl genau diese Grenzen aufweichen und Brücken bauen. „Mögen“ definiert eine Vorliebe – und Vorlieben lassen sich leichter tolerieren und akzeptieren. Das plumpe Klischee, das der Titel aufruft, hat nichts mit dem Inhalt des Films zu tun. Ganz im Gegenteil: Man lernt sechs interessante und zielstrebige Personen kennen, die auf verschiedenen Wegen ihre Träume verwirklichen und um eine Kultur in ihrem Herzen reicher sind.

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Durch den gezielten Einsatz von visuellen Analogien verdeutlicht Filiz Demirci immer wieder das Wechselspiel der Kulturen und die berufliche Zielstrebigkeit der einzelnen Personen. Wunderschöne Nahaufnahmen von Händen zeigen sich durchgehend in den Episoden und werden zum Sinnbild von Leistung und Leidenschaft. Es sind die Hände der einzelnen Charaktere. Hände, die etwas kreieren. Hände, die malen, bauen, sensibel über einen Stoff streichen, liebevoll Dolma oder einen Espresso zubereiten.

Optisch werden die einzelnen Episoden durch einen konsequenten Wechsel von Schwarz-Weiß- zu Farbaufnahmen strukturiert. Akustisch durch den immer wieder auftretenden Wechsel zwischen türkischer und deutscher Sprache. Angesichts der allgegenwärtigen Debatte um Migration und Integration vermittelt der Film einen interessanten Einblick in das Leben und den Werdegang von Menschen, die zwei Kulturkreise verbinden.

Der 2013 gedrehte Dokumentarfilm „Ich mag Sucuk, du magst Sauerkraut!“ ist der erste Film von Filiz Demirci.

(Am 21.12.2014 feierte er Premiere im Lichtblick-Kino Berlin. Zur Premiere war Filiz Demirci auch persönlich vor Ort. Zu Ehren von Gönül Şen-Menzel wird der Film sein Online-Release am 29. März 2015, ihrem Todestag, haben.)

Credits
Text: Büke Schwarz
Screenshots: www.elephilant.de

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