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Gesellschaft & Geschichten

Der Bahnhof Bülowstraße

Erinnerungen an einen vergessenen Ort

Wenn wir Sehnsucht nach unserer Heimat hatten, und die hatten wir ständig, gingen wir zum U-Bahnhof Bülowstraße. Damals, in den Achtzigern, als Berlin noch in zwei Welten geteilt war, hatten auch wir unsere eigenen Welten erschaffen. Eine davon war der legendäre Türkische Bazar im U-Bahnhof Bülowstraße, der über 20 Jahre bis zum Jahr 1993 bestand.

Die Linie 2 wurde nach dem Mauerbau stillgelegt und ein cleverer türkischer Geschäftsmann kam im Jahr 1972 auf die glorreiche Idee, den Ort weiterhin zu nutzen und einen Bazar im Bahnhof zu eröffnen. Also wurde das Gleisbett überbaut und kleine Buden entlang des Bahnsteigs aneinandergereiht. Die Händler boten alles Feil, was unsere sehnsüchtigen Herzen damals begehrten oder unser türkisches Leben hier in Berlin so brauchte. Es gab Juweliere, Hochzeitsläden, Musikkassetten-Läden, kleine Teestuben, Süßigkeitenhändler und vieles mehr.

Für mich als kleines Mädchen war jeder Besuch ein Eintritt in eine magische Welt, so verzaubert wirkte dieser Ort.

Bülowstraße Berlin

Özlem mit ihren Eltern 1988

Die Sehnsucht trieb uns sehr oft zu dieser Oase. So schlenderte ich an der Hand meines Vaters über den Bahnsteig an den bunten Buden entlang und staunte über das skurrile Treiben. Auslagen, mini Schaufenster, Kisten, aneinandergereihte Goldmünzen in verschiedenen Größen, goldene Armreifen auf Plastikarmen, Sonnenblumenkerne in Säcken, Star-Poster überall. Hochzeitskleider für die aufgeregten Anwärterinnen, türkischer Honig in allen Geschmacksrichtungen, Küchenutensilien wie die mir in Erinnerung gebliebene Sarma-Maschine zum leichteren Befüllen unzähliger Weinblätter, sowie teetrinkende und plaudernde Händler. Andere flanierende Familien, die Kinder an den Händen ihrer Eltern. Hier und da konnte man Gesprächsfetzen auffangen, wieviel D-Mark man der Familie schicken wollte, wer von wem übers Ohr gehauen wurde, mit welchem Auto man im nächsten Sommer in den Urlaub fahren würde. Am Ende des Bahnsteigs angekommen, stand man dann am Eingang zum Gazino (eine Art Bar mit Livemusik – A.d.R.).

Die Gazinos in der Türkei hatten ein wechselhaftes Image. Es gab große bekannte Gazinos aus den früheren „goldenen“ Zeiten und die weniger angesehenen Etablissements, versteckt in engen dunklen Gassen. Das Gazino im Türkischen Bazar war etwas von allem und hatte etwas für alle. Das Programm war eher lokal und viele Musiker, Sänger und Sängerinnen probierten sich hier aus und erlangten sogar manchmal West-Berliner-Ruhm. Das männliche Publikum schien hier zu dominieren. Aber manchmal kamen die Stars aus der Türkei. Da gingen dann alle hin. Denn das war die Gelegenheit, um sich auf den neusten Stand in Sachen Klatsch und Tratsch zu bringen, sich in der Community zu zeigen und für die eine oder andere Frau herauszufinden, wo sich der Gatte abends gerne hinschlich. Die Familien, die sich die Tickets leisten konnten, putzen sich heraus, nahmen Kind und Kegel mit und erlebten einen unvergesslichen Abend. Auch wenn dieser oft mit betrunkenen Ehemännern, genervten Frauen und auf zusammengeschobenen Stühlen eingeschlafenden Kindern endete. Es war immer ein Erlebnis, besonders für uns Kinder.

Das Beste waren die vielen Video-Buden im Türkischen Bazar. Hier konnte man sich Videokassetten mit türkischen Filmen ausleihen. Erst gab es Betamax, später VHS.

Scharen von Vätern pilgerten jeden Freitag oder Samstag mit ihren Kindern zum Bülowbogen, um für die Wochenend-Unterhaltung zu sorgen, die Frauen bereiteten derweil die köstlichsten Speisen für den Abend zu. Denn an den Wochenenden besuchten sich die Familien gegenseitig, um gemeinsam Zeit zu verbringen. Dabei wurden Filme aus der Türkei geschaut, und nie weniger als drei. Zwischen den Filmen wurden längere Pausen eingelegt, damit sich die überhitzen Geräte abkühlen konnten. Die Erwachsenen unterhielten sich dabei über die neusten Automodelle, ihre Akkord-Arbeitszeiten in den Fabriken, erzählten sich Geschichten von den Verwandten aus der Heimat, kicherten über die eine oder andere freizügige Szene im Film oder wischten sich verstohlen schnell die eine oder andere Träne aus dem Gesicht. Die Erwachsenen lachten und weinten gemeinsam, und wir Kinder liebten es, ihren Geschichten zu lauschen.

Am Sonntagnachmittag machten wir dann unseren Familienausflug zum Türkischen Bazar und brachten die geliehenen Filmkassetten zurück. Dann kauften wir noch etwas ein, um unseren Abend-Çay zu versüßen und freuten uns schon auf das nächste Wochenende.

Credits

Text: Özlem Suzana Ayaydinli
Titelbild: Spiegel.de/ Mac Clinton

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