«Un ibrik, s’il vous plaît!»

Auf einen türkischen Mokka bei Cathy im Pariser Café IBRIK

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Im Pariser Café IBRIK steht neben Espresso auch türkischer Kaffee auf der Karte. Schon deshalb ist der kleine Kaffeeladen neben den hippen Coffee-Shops und den klassischen Pariser Cafés etwas Besonderes. Ich treffe mich mit Cathy, der Besitzerin, und sie erzählt mir von ihrer Großmutter, von ihrer Heimat Rumänien, von dem Schriftsteller Marcel Proust und davon, was der türkische Kaffee mit all dem zu tun hat.

Cezve, Ibrik oder türkischer Kaffee

Es ist Anfang Februar und der Schneematsch klebt an meinen Schuhen, als ich das Café IBRIK betrete. Es befindet sich in einer kleinen Straße mitten im 9. Arrondissement von Paris. In der Ladenzeile eines der typischen schicken Pariser Altbauten fällt die knallrote Tür sofort ins Auge. Darüber hängt ein gemaltes Nazarlık, das blaue Auge gegen den bösen Blick.

„Du kannst mich Cathy nennen. Hier nennen mich alle Cathy“, sagt die Frau, die mich mit einem strahlendem Lächeln im Café IBRIK begrüßt und mir sogleich à la française einen café allongé kocht. Doch eigentlich steht „Ibrik“, der Begriff, der in Rumänien für türkischen Kaffee benutzt wird, ganz oben auf der Getränkeliste. „Man kann ihn nennen wie man will“, so erklärt mir Cathy,

In der Türkei sagt man eher Cezve, in Rumänien Ibrik, in Griechenland sagt man Briki.

Und bei den Kaffee-Weltmeisterschaften heißt es schlicht Cezve/Ibrik. Also beide Namen sind offiziell anerkannt.“ Gemeint ist mit diesen Bezeichnungen vor allem das kleine Messingkännchen mit Stiehl, in dem der Kaffee mit Wasser gemischt wird und dann in einem warmen Sandbad wie ein Tee ziehen kann.“

Cathy heißt eigentlich Ecaterina, hat rumänisch-griechische Wurzeln und ist im Alter von sechs Jahren aus Rumänien nach Paris gekommen. Ihre Familie ist damals vor der Diktatur Ceauşescus geflohen. Das Café IBRIK hat die heute 36-Jährige vor knapp zehn Monaten eröffnet. Davor arbeitete sie jahrelang im Finanzwesen. Doch warum jetzt ein Café mit türkischem Mokka?

Prousts Madeleine und Cathys Kaffee

„Ich hatte immer eine besondere Beziehung zum Kaffee. Wenn man in einer Diktatur lebt, gibt es keinen Zucker, keinen Kaffee, alles ist rationiert. In dieser Zeit war Kaffee extrem rar in Rumänien,“ erzählt mir die passionierte Cafébesitzerin. Und doch erinnert sich Cathy an den Kaffeeduft im Wohnzimmer ihrer Eltern und ihrer Großmutter, an gemeinsame Momente:

 „Wenn irgendjemand Kaffee hatte, haben sich alle Freunde bei derjenigen Person zu Hause versammelt und türkischen Kaffee gekocht.“

„Es gab nichts Anderes. Keine Kaffeemaschine, keinen Espresso. Das war alles viel zu teuer. So haben alle die Ibrik-Kanne benutzt.“ Da Rumänien lange Teil des Osmanischen Reiches war, ist der türkische Mokka dort genauso verbreitet wie in der Türkei. Auch wenn man ihn dort nicht unbedingt so nennt.

In Frankreich musste Cathy  sich schnell an ein neues Leben gewöhnen. „Als entwurzeltes Kind ist es schwer. Du kommst in eine neue Kultur, die nicht die deine ist. Wir sind aus dem Osten. Der Balkan gehört zum Orient. Die Osmanen haben Rumänien mehr als fünfhundert Jahre beherrscht,“ erzählt Cathy „Und hier in Frankreich war alles völlig anders. Du kommst in ein neues Land und sprichst die Sprache nicht. Das war alles sehr schwierig.“

Der Tasse auf den Grund gehen

Erst mit dreizehn Jahren kehrte sie nach Rumänien zurück, um ihre Großmutter zu besuchen. Von ihr lernte sie die traditionelle Zubereitung des türkischen Kaffees. Dabei trank sie in diesem Alter noch überhaupt keinen Kaffee. Aber ihre Großmutter sollte ihr den Kaffeesatz lesen. Und das mehrmals am Tag. Irgendwann sagte sie dann: „Wenn ich deinen Kaffeesatz lesen soll, musst du dir selbst deinen Kaffee kochen.“ Und so lernte Cathy, Kaffee mit der Ibrik zuzubereiten.

Den Kaffeeduft verbindet Cathy mit ihrer Kindheit, mit ihrer Zeit in Rumänien, aber auch mit ihrer Großmutter. Das sei ihr „Madeleine-Moment“, erklärt sie. Eine Madeleine ist ein muschelförmiger, kleiner französischer Kuchen und wurde durch eine Passage in Marcel Prousts Romanwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit weltberühmt. Darin tunkt der Erzähler den Kuchen in seinen Tee, und dieser Geschmack lässt einen längst vergessenen Moment seiner Kindheit in seiner Erinnerung lebendig werden.

„Kaffee ist meine Proust-Madeleine. Wenn ich den Duft von Kaffee rieche, kommt meine Kindheit zurück, meine Kindheitserinnerungen.“

Während ihres Studiums lebte Cathy einige Jahre in Athen und Bukarest auf der Suche nach ihren Wurzeln. Doch schließlich kehrte sie nach Paris zurück. „Ich bin in Frankreich aufgewachsen. Ich fühle mich als Französin,“ so sagt sie. Ein Stück ihrer Vergangenheit versucht sie nun, im Café IBRIK wiederzubeleben.

Kein Gold-Zeug und Orient-Kitsch

Im Café IBRIK führt Cathy die traditionelle Zubereitung des türkischen Kaffees fort. Neben der Theke steht eine „Hovoli“, eine griechische Kaffeemaschine, in der die Kännchen in den Sand gestellt werden. Dafür benutzt sie allerdings keinen herkömmlichen Kaffee, sondern einen Spezialitätenkaffee. Dabei handelt es sich um einen exklusiven und hochwertigen Kaffee, der per Hand gepflückt wird und schonend geröstet wird.

„Für mich ist der Spezialitätenkaffee ein lebendiger Kaffee. Kaffee ist der Samen einer Frucht. Das vergisst man oft. Also muss der Geschmack auch etwas säuerlich und süß sein. Wenn man einen Kaffee mit schlechter Qualität trinkt, hat man alle diese Aromen nicht,“ erzählt mir Cathy. Vor einigen Jahren entdeckte sie diese Art von Kaffee, und die Idee ein Café zu eröffnen, begann zu wachsen.

Türkischen Mokka mit Spezialitätenkaffee zu kochen sei in Paris jedoch einzigartig, so erzählt sie. Doch was denken die Pariser über dieses besondere Konzept, und mögen sie überhaupt türkischen Mokka? „Die Pariser trinken am liebsten Espresso“, sagt Cathy und lacht. „Sie sind immer gestresst.“ Es muss schnell gehen und günstig sein. Ein Grund mehr, den rotierenden Großstädtern ein bisschen Gemächlichkeit nahezubringen. Sie seien dafür sehr neugierig und an der Methode interessiert. Sie probieren gerne Neues aus, so Cathy.

„Viele Leute aus der Türkei oder aus Rumänien, die hierherkommen, sind dagegen manchmal etwas enttäuscht“, sagt sie, „Sie denken, sie finden hier das ganze Gold-Zeug, den ganzen Orient-Kitsch, das ganze Too-Much. So etwas wie hier erwarten sie nicht.“ Und was finden sie hier? Laut Cathy einen Einblick in ihre Identität:

„Das Café ist eine Mischung aus Orient und Okzident, aus Tradition und Modernität. Das bin alles ich. Das ist meine Geschichte. Mein Leben. “

 

Das Café ist hell, einladend, modern. Ein großes Nazarlık ist auf der Wand gegenüber vom Eingang gemalt. Daneben hängen Spiegel, und ein paar getrocknete Blumensträuße stehen auf den Tischen. Kleine Bilder und Figuren, sowie die alten Tische sollen an ihre Großmutter erinnern oder sich wie der Salon einer älteren Dame irgendwo im Balkan anfühlen.

„Ein bisschen mystisch“, so sagt Cathy. Doch vor allem soll das Café auch einen Ort der Begegnung schaffen. Die freundschaftliche und lockere Atmosphäre aus Rumänien fehle Cathy manchmal in Frankreich. „Um eine Ibrik kannst du stundenlang gemeinsam mit Freunden sitzen. Die Leute in Paris sind das nicht so gewohnt, aber hier haben sie die Möglichkeit, es schätzen zu lernen.“

 

Text/Fotos/Übersetzung aus dem Französischen: Eileen Kelpe

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