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Sprache & Literatur

Wanderer zwischen den Kulturen – Feridun Zaimoğlu und Yaşar Aydın

Zu Gast bei Feridun Zaimoğlu und Yaşar Aydın

Wir waren vergangenen Monat für Euch in Stuttgart, als Feridun Zaimoğlu, Yaşar Aydın und das Deutsch-Türkische Forum Stuttgart eine Antwort auf Fragen zur aktuellen Lage der Türkei in einem europäischen Dialog suchten.

Seit Jahrzehnten kommen Menschen aus der Türkei nach Deutschland, um zu arbeiten, eine Familie zu gründen, kurzum: um hier zu leben. Es gibt allerdings auch einen anderen Trend. Aus „Gastarbeitern“ sind Wanderer zwischen den Kulturen geworden. Wir waren vor Ort als der Autor Feridun Zaimoğlu und der Soziologe Yaşar Aydın im Literaturhaus Stuttgart über Migration und Ethnozombies sprachen. Der Abend wurde vom Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart veranstaltet.

Auf dem Podium: Moderatorin Sibylle Thelen, Feridun Zaimoğlu und Dr. Yaşar Aydın, von links

Auf dem Podium: Moderatorin Sibylle Thelen, Feridun Zaimoğlu und Dr. Yaşar Aydın, von links

Stuttgart – „Stell dir vor, du kannst deutsch und trotzdem Türke sein“, rappte der Stuttgarter Max Herre schon 1999 in dem Lied „Nebelschwadenbilder“. Diese Vorstellung ist inzwischen Realität geworden. Das sagt zumindest der Soziologe Yaşar Aydın am Dienstag im Literaturhaus Stuttgart: „Durch Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter haben Migranten einen anderen Kommunikationsradius als früher. Sie müssen sich nicht mehr auf eine Kultur und Sprache begrenzen.“

Feridun Zaimoğlu mag zwar kein glatter Mensch sein, doch nie hat er sich in die von der deutschen Mehrheitsgesellschaft vorgegebene Ordnung zwingen lassen. Der Schrift- steller blickt auf die fast schon prototypische Lebensgeschichte eines türkischen Einwandererkindes zurück.

Aber schon hier beginnt das Problem. „Wenn wir zurückblicken, beginnen wir zu lügen“, sagt Zaimoğlu. Er weiß, dass sich jeder im Publikum in diesen Sekunden auf die Suche nach den eigenen Lügen macht, wo er sich gegen den Anpassungsdruck der Gesellschaft durchgesetzt und wo er vielleicht nachgegeben hat. Ob er eher ein „Wanderer zwischen den Kulturen“ geworden ist – so der Titel der Podiumsdiskussion – oder doch eher zur Spezies der „Ethno-Zombies“ gehört. Das ist die Bezeichnung, die Zaimoğlu für jene Migranten parat hat, die in ihrer Integrationswut die eigene Identität verlieren.

Den wissenschaftlichen Gegenpart zu Zaimoğlu bildet Yaşar Aydın. »Wir müssen uns loslösen von der Norm, man muss dem Individuum überlassen, aus welcher Kultur es schöpft«, erklärt Aydın. Der präzise formulierende Soziologe lehrt an der Universität Hamburg zu Themen wie Zuwanderungspolitik. Auf den ersten Blick gleichen die Geschichten beider einander, beide sind als Kinder mit ihren Eltern aus der Türkei nach Deutschland gekommen und haben in ihrer neuen Heimat Norddeutschland Karriere gemacht. Doch sind beide ein sehr gutes Beispiel für die „Einwanderungslüge“. Sie haben völlig verschiedene Charaktere und unterschiedliche Sozialisationen. Dennoch – oder gerade deshalb – kommen beide zum gemeinsamen Schluss:

Die Entwicklung der Migration verlaufe nicht nach einem Einheitsschema, sei nicht linear – auch wenn die Mehrheitsgesellschaft das gerne so hätte. Auch die Wissenschaft habe in der Vergangenheit mit ihren Forschungen falsch gelegen, unterstreicht Aydin. „Lange wurde angenommen, man muss die eigene Kultur ablegen, wenn man sich integrieren will“, sagt er. „Heute aber ist klar, dass man sich nicht mehr entscheiden muss, woraus man seine eigene Identität zusammensetzt.“ Der Soziologe gibt zu bedenken, dass jeder Mensch sowieso viele Identitäten in sich trage. Er selbst habe die Rolle des Vaters, des Hamburgers, des Deutschen und auch des Europäers. „Die Identität besteht aus zahlreichen Ebenen“, fügt er hinzu.

Diese sehr differenzierte Sicht auf Identitäten macht es für Aydin allerdings schwer, zu definieren, wo seine Heimat liegt. Das sei für ihn der Ort, an dem er sich wohl fühle, die deutsche und die türkische Sprache oder seine Freunde, erklärte der Soziologe. Zaimoğlu beantwortet die Frage nach Heimat mit einem Wort: „Norddeutschland!“ Nach der Massen-Arbeitermigration der 1970er Jahre sei es lange Zeit Ziel der deutschen Migrationspolitik gewesen, Migranten „rückkehrfähig“ zu halten, sagt Aydın. So wurden türkische Kinder beispielsweise in separate Schulklassen gesteckt. Heute werde der sogenannte Herkunftslandbezug als Problem angesehen.

„Annem Sıgarayı görmesin!“ (Meine Mutter soll die Zigarette nicht sehen!) - Zaimoğlu

„Annem Sıgarayı görmesin!“ (Meine Mutter soll die Zigarette nicht sehen!) – Zaimoğlu

Dabei sollte man sich von solchen Entweder-oder-Fragen lösen und die Entscheidung dem jedem einzelnen überlassen, sagt Aydın: „Man kann nicht sagen: Integration ist gut, Assimilation und hybride Identitäten noch besser. Jedes Individuum muss für sich selbst entscheiden, welchen Weg es einschlägt.“ Um sich in einem neuen Land einzufinden, müsse man die kulturellen Muster der Eltern nicht verlernen. Das sieht auch Zaimoğlu so: „Die Überwindung der Fremdheit als Ziel der Integration ist doch immer langweilig gewesen.“

Die Türkei ist nicht meine Heimat

Aydın nennt sich einen „Deutschen mit Wurzeln und Kontakten in die Türkei“, er hat die türkische Staatsbürgerschaft zugunsten der deutschen aufgegeben, schöpft aber aus beiden Kulturen. Zaimoğlu geht noch einen Schritt weiter: „Die Türkei ist die schöne Heimat meiner Eltern, aber sie ist nicht meine Heimat.“ Die Wahrnehmung seiner Mitmenschen weiche davon häufig ab, so der Schriftsteller. „Ich sehe mich jeden Morgen im Spiegel. Ich weiß, dass 98 Prozent der Menschen da draußen denken: Deutsch? Du doch nicht“, sagt Zaimoğlu. „Aber es geht ja nicht um die anderen. Es geht um mein Selbstverständnis.“

Herr Zaimoğlu und Herr Aydın, ich bedanke mich, dass Sie sich nach der Podiumsdiskussion noch die Zeit nehmen, sich mit mir zu unterhalten. Wo befindet sich die Türkei im europäischen Dialog?

Aydın: Durch die Gezi-Proteste haben wir gesehen, dass es in der Türkei Menschen gibt die für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte auf die Straße gehen und sich auch nicht scheuen, die Staatsgewalt zu provozieren. Das sind europäische Werte – die Gezi-Proteste haben das europäische Gesicht der Türkei gezeigt. Doch die Türkei hat auch ein anderes Gesicht – ein islamisches Gesicht, was man auch nicht wegdiskutieren kann. Die Türkei ist ein Land zwischen Europa und dem Islam. Man kann sich die Türkei ohne den Islam gar nicht denken. Aber man kann sich die moderne Türkei auch nicht ohne Europa vorstellen.

Zaimoğlu: Es wird immer von der Türkei gesprochen, aber leider nicht von der türkischen Gesellschaft. In den Bildern, die die deutschen Medien von der Türkei zeigen, begegne ich dem Homogenisierungszwang und ich begegne einer Schwarzweißmalerei, die man den Türken vorwirft. Nur man darf Folgendes nicht verkennen: Die Gewaltkultur der türkischen Gesellschaft. Im Grunde sehe ich in der türkischen Gesellschaft so viele schöne Facetten, so viele mutige, so viele kluge und widerständige Menschen. Mich kotzt

es einfach an, dass man die Türkei so unterschätzt. Ich habe noch einen Kinderglauben und meine Großmutter sagte mir immer, Gott habe sie selig: „Zalimin zulmü varsa, sevenin allah’ı var.“ (Anmerkung des Autors: Wenn der Grausame die Quälerei hat, hat der Liebende Gott.)

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Was verbindet die Türkei und Deutschland?

Zaimoğlu: Wir riechen anders. Wir gucken anders. Wir essen anders, wir Schwarzköpfe. Ich kann noch so oft sagen, dass ich deutsch bin, da gröhlen doch alle.

Wie haben Sie das Gastarbeiteranwerbeabkommen miterlebt?

Aydin: Also ich habe das überhaupt nicht miterlebt. Ich bin mit vier Jahren nach Deutschland „mitgebracht worden“. Ich habe nicht die Prozesse, die ein Migrant macht, erlebt. Ich war noch zu jung, nur irgendwann habe ich bemerkt, dass ich etwas anders bin als die anderen, dass wir eine andere Herkunft und Sprache haben. Ich habe nie eine Entwurzelung erlebt. Ein Beispiel: Als in den späten 70ern Deutschland gegen die Türkei gespielt hat, hat uns unser Lehrer getröstet und gesagt: „Ja eure Mannschaft hat eigentlich besser gespielt, aber leider fehlte euch das Glück.“ Er hat immer von eurer Mannschaft gesprochen, anstatt zu sagen, dass auch die deutsche Mannschaft unsere Mannschaft ist. Kein Lehrer kam je auf die Idee, so etwas zu sagen.

Zaimoğlu: Kinderkumpel Bernhard fragt mich: „Was gibt es bei euch zu essen?“ „Bauch aufgerissen“, antworte ich ihm. „Hä, wie?“, erwidert Bernhard. Ich sage ihm: „Jo Alter, weisst du, Auberginen mit Hackfleisch gefüllt und dazu Reis mit Rosinen.“ „Ihh, Rosinen …!“, ekelte sich Bernhard. Ja, dieses Ihh mochte ich sehr. Ich hasse Harmonie. Für mich sind gekochte Rosinen gegarte Muttermale. Ich halte die erste Arbeitergeneration, ich bin Sand unter ihren Füßen, für mich ist es die goldene Generation. Damals hießen die Gegenden, in denen sie wohnten Gastarbeiterwohnheimelager. Also vom Konzentrationslager zum Gastarbeiterlager. Diese Arschlöcher, die heute mit Deutschkenntnissen kommen, denen will ich was sagen: Damals hatte meine Mutter Börek gemacht und bei uns sagt man: „Jeder Bissen, den du verzehrst, führt zum Teufel, wenn dein Nachbar hungert.“ Deshalb ist mein Vater immer raus und hat Hungernde gefüttert frei nach dem Motto „Deutschland, hast du Hunger?“ Sie sind ins Nachbarhaus und sagten, hier das ist für sie. Man hat ihnen eiskalt die Tür zugeknallt. Und dann beschwerten sich die Leute bei der Heimleitung. Fort an war jeglicher Kontakt zu Deutschen untersagt. Das war eine Generation von großartigen Menschen. Für mich sind das Helden. Für jeden Ossi baut man nach der Wende ein Denkmal, aber für die goldene Generation, auf sie lasse ich echt nichts kommen, gibt es nichts. Ihre Geschichte muss noch geschrieben werden – die goldene Generation. Die erste Generation – Gold, die dritte – Scheiße, die haben nichts gelernt.

Wir sind heute in der ditten oder vierten Generation, viele denken über eine Rückkehr nach. Was denken Sie, wo Deutschland bei den Jugendlichen versagt und die Türkei sie bereichert?
Aydin: Ich würde das nicht als versagen bezeichnen, wir leben in einem Zeitalter der Mobilität. Aufgrund der Verflechtungen zwischen Deutschland und der Türkei ist es völlig normal, dass Leute ihr Glück in der Türkei suchen. Das sind ja nicht nur türkischstämmige. Ich finde auch, wir sollten abrücken von diesem Wort „Rückkehr“, das ist keine Rückkehr mehr. Das hat mit einer zirkulären Bewegung zu tun. Es gibt ja auch türkischstämmige, die woanders hingehen, das ist eine Strategie. Ich habe auch für meine Studie nur Leute interviewt, die hier eine Arbeit ausüben und gut integriert sind, jetzt nutze ich selber das Wort Integraion („Pfui“ von Zaimoğlu). Warum wandern diese

Menschen aus? Wenn ich jetzt Zum Beispiel nach Istanbul auswandern würde, dann wäre das keine Rückkehr, denn meine Eltern kommen aus der Schwarzmeerregion („Lase?! Leute, das sind die Ostfriesen der Türkei!“, fügt Zaimoğlu lachend hinzu.).
Zaimoğlu: Noch einmal: Ein Blick auf die Türkei, um zu verkennen, was das für eine dynamische Machenschaft ist, das können nur Idioten. Also sprich 90 Prozent der Türkeiexperten in Deutschland. Entweder sind es Weltreporter, Süddeutschereporter, FAZ-Reporter oder Spiegelreporter, die sowieso keine Ahnung von Tuten und Blasen haben. Die gehen dahin, laufen einmal die Istiklal-Caddesi hoch und runter und wollen nur die üblichen Bilder und verkennen, was das für eine hochdynamische Gesellschaft ist, die sich entwickelt. Jeden Tag! Sehr dynamisch! Sehr lebhaft!

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Credits
Text & Fotos: Ridvan Cavus

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