Von Ali, Amuletten und Assimilation

Über Geschichte, Glaube und Gegenwart der Alawit*innen

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Seitdem ich denken kann, begleiten mich Amulette, kleine mit Panzertape umwickelte Päckchen und mintgrüne Stoffstreifen, die nach einem Urlaub in der Heimat unsere Handgelenke schmückten. Was es mit diesen Dingen auf sich hatte, wusste ich nie so genau. Ich wusste nur, dass es meiner Mutter sehr wichtig war, dass wir sie im Alltag an uns trugen und die Symbole einen religiösen Hintergrund haben. Wie ich mit meiner wachsenden Neugier feststellen musste, war nicht nur mein Wissen über das Alawitentum sehr beschränkt. Auch in meinem alawitischen Umfeld stieß ich mit meinen Fragen schnell auf Grenzen. Das Alawitentum ist nämlich eine Geheimreligion, dessen Lehre auch innerhalb der Gemeinschaft nur bestimmten Personen, vor allem den Männern, zugänglich ist.

Ein mit Panzertape umwickeltes Päckchen, in dem sich von einem alawitischen Scheich geschriebene Gebete befinden, denen Alawat*innen beschützende und stärkende Kräfte nachsagen und ein mintgrüner Stoffstreifen. Die Gebete auf Papier hängen zum „Schutz vor Bösem“ seit sehr vielen Jahren über der Haustür unser Autorin. Foto: Begüm Karagöz

Religionen und Kulturen sind das Produkt historischer, gesellschaftlicher, aber auch politischer Gegebenheiten. Für viele Minderheiten mündeten Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen häufig in Assimilation, Rebellion oder in strenger Geheimhaltung des Glaubens und das Koexistieren mit anderen religiösen Gemeinschaften in einer Verschmelzung unterschiedlicher Weltanschauungen und Glaubensansätze. Besonders gut zeigt dies auch die Entwicklung des Alawitentums.

Alawit*innen stellen heute eine religiöse Minderheit dar, die zum Islam gehört, und größtenteils in Syrien und in den türkischen Provinzen Hatay, Adana und Mersin, ansässig ist. Auch in Deutschland bilden sie mit geschätzt 70.000 Personen einen Teil der migrantischen Diaspora.

 

Von Selbst- und Fremdbezeichnungen der Alawit*innen

Oft werden Alawit*innen fälschlicher Weise zu kurdischen und türkischen Alevit*innen gezählt, allerdings sind die kulturellen und religiösen Unterschiede groß. Arabisch ist die Muttersprache aller Alawit*innen, weshalb sie auch oft als „arap aleviler” (z.Dt: „arabische Alevit*innen“) bezeichnet werden. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird die Bezeichnung „Alawī” (aus dem Arab. übersetzt: „Anhänger von Ali“) dem zuvor gängigen Begriff „Nuṣayrī” vorgezogen. Letzterer geht auf Muhammad Ibn Nusair al-Namiri zurück, der im 9. Jahrhundert die religiöse Gruppe der „Nusairier“ begründet haben soll. Es handelt sich aber um eine veraltete Fremdbezeichnung, die oft abwertend von sunnitischen Fundamentalist*innen gebraucht wird, um dem Alawitentum die Eigenschaften einer unislamischen Sekte zuzuschreiben.

Osmanische Kalligraphie aus dem 18. Jahrhundert mit der Bedeutung: „Ali ist der Statthalter Gottes“ in beide Richtungen. Bild: Library of Congress

Im Osmanischen Reich war auch die Bezeichnung „Fellah” (z.Dt.: „Fellache“) üblich. Das Wort bezeichnet ursprünglich all diejenigen in Südwestasien und Ägypten, die auf Feldern und Ackern arbeiteten und hat erstmal nichts mit Alawit*innen zutun. Jedoch entwickelte sich „Fellah” aufgrund der Tatsache, dass fast alle Einwohner*innen an der syrischen Küste alawitische Bauer*innen waren zu einer abwertenden Bezeichnung für diese. Das erklärt übrigens auch, woher die aus Bulgurbällchen bestehende Spezialität „Fellah Köftesi“ ihren Namen hat: sie stammt aus eben diesen von Alawit*innen bewohnten Regionen.

Ursprung und Mystik im Alawitentum

Der religiöse Ursprung der alawitischen Religion wird im Irak des 9. und 10. Jahrhundert vermutet. Der Gefolgsmann des 10. Imams Ali al-Hadi namens Ibn Nusair, gilt als erstes religiöses Oberhaupt der alawitischen Gemeinschaft. Seine zweite Nachfolge, Salmān al-Fārisī, verlieh dem alawitischen Glauben durch seinen Hang zu verschiedensten Wissenschaften einen sufistischen, mystischen Einschlag. Recht, Astronomie, Astrologie und Philosophie wurden durch ihn zu bedeutenden Elementen.

 

Die Rolle von Ali und anderen Religionen

Alawit*innen verstehen sich als Anhänger*innen Alis, dem Schwiegersohn und Vetter des Propheten Muhammad. Obwohl Ali bei ihnen eine andere Rolle spielt, werden sie aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur „ahl al-bait” (z.Dt.: „Gemeinschaft des Hauses“) nicht selten den Schiiten zugerechnet.

Im Alawitentum entsprechen Worte und Taten des Imams dem Willen Gottes. Das Verständnis des Wesens seiner Person und seiner Familie gilt somit als Schlüssel zu Gott. Ali wird auch als Manifestation Gottes auf Erden verstanden, weshalb Alawit*innen oft als „extreme Schiiten” oder „Ghulāt” (z. Dt.: Übertreiber) bezeichnet werden.

Des Weiteren sind auch Elemente des sunnitischen, jüdischen, christlichen, zoroastrischen und paganistischen Glaubens vorhanden. So wurden Feiertage wie Heiligabend und Newroz übernommen. Die Verbundenheit zu anderen Religionen spiegelt sich auch in der Wertung der Tora, Bibel und des Korans wider. Diese gelten im alawitischen Glauben als gleich wichtig für das religiöse Gesamtverständnis und beruhen demnach auf dem Wort Gottes.

Religiöser Ursprungsmythos und Seelenwanderung

Laut dem alawitischen Ursprungsmythos sind sogenannte Lichterseelen zur Bestrafung auf die Erde gefallen und ihre Schatten in menschliche Gehäuse eingekerkert worden. Erlangen sie das erforderliche Wissen, ist es ihnen möglich durch Seelenwanderung in eine höhere Daseinsform aufzusteigen. Im besten Fall werden die Lichterseelen dabei vom irdischen Dasein erlöst und steigen wieder auf zu Gott. Im schlimmsten Fall enden sie in einem Stein oder anderen unlebendigen Dingen. So bleibt die Seele dann für immer auf der Erde gefangen.

Die alawitischen Glaubenshäuser und die gemeinschaftliche Ordnung

Alawitische Gebetsstätten werden „Ziyarā” (z.Dt.: Besuch) genannt. Bei diesen handelt es sich nicht um Moscheen, sondern um schlichte Bauten um die Sarkophage wichtiger Scheiche. Die alawitischen Scheiche gelten als die Hüter des religiösen Wissens. Machen sie sich zu ihren Lebzeiten einen Namen als besonders weise und gutmütig, werden sie in einer „Ziyarā”, welche dann ihren Namen trägt, verehrt.

Das religiöse Wissen ist jedoch nur männlichen Alawiten vorbehalten, die eine aufwendige Einweihung in den Kreis der Gelernten abgeschlossen haben. Für Außenstehende sind die Kerninhalte ein Mysterium – zu ihnen gehören auch alawitische Frauen. Aufgrund des fehlenden Zugangs zum religiösen Wissen ist bei ihnen häufig eine besonders starke Bindung zu Amuletten oder Magie beobachtbar. Dazu gehörten auch die geheimnisvollen Päckchen, die ich mit mir trug. Heute weiß ich, dass sich darin von einem Scheich geschriebene Gebete befanden, denen meine Mutter beschützende und stärkende Kräfte zusprach.

Khidr-Heiligtum bei Samandağ in der Türkei mit einem Fahrzeug bei der dreifachen rituellen Umkreisung. Foto: Wikipedia User PaFra Lizenz: CC BY-SA 3.0

Alawit*innen in der Türkei und Deutschland heute

Seit Beginn des Kriegs in Syrien 2011 und mit wachsendem Einfluss des sunnitischen Islams auf die türkische Politik, sind Veränderungen von Identität und Stimmungen innerhalb alawitischer Gemeinschaften spürbar. Der Konflikt zwischen der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung und der alawitischen Minderheit, der auch der syrische Machthaber Bashar al-Assad angehört, verstärkte sich. Auf alawitischer Seite herrscht großes Misstrauen gegenüber den von der AKP unterstützten und geschützten syrischen Oppositionskämpfer*innen. Viele Alawit*innen in der Türkei befürchten Feindseligkeit oder islamistische Einstellungen bei Geflüchteten aus Syrien, die vermehrt in den grenznahen Regionen angesiedelt werden. Für sie besteht die Sorge, dass die Sicherheit der alawitischen Bevölkerung durch eine Verlagerung des syrischen Konflikts nach Hatay und Umgebung gefährdet sein könnte. In Kombination mit der islamistischen Linie der AKP wird die Angst vor verstärkter gesellschaftlicher Diskriminierung größer.

Verteilung von Alawit*innen in der Levante. Bild: Wikipedia User Moester101 Lizenz: CC0

Um in Zeiten der wieder größer werdenden Intoleranz gegenüber Minderheiten ihre Gruppenidentität zu schützen, organisieren sich vor allem in Deutschland viele Alawit*innen in Vereinen und Gruppen. In diesen versuchen sie dem Verlust der religiösen, kulturellen und sprachlichen Identität und somit auch einer Assimilation entgegenzuwirken. Doch auch die fehlende Einbindung der Frauen ist vor allem bei jungen Alawitinnen immer häufiger Thema. Angesichts der Tatsache, dass Religionen und Kulturen dynamisch sind, bleibt offen, ob der religiöse Stellenwert der alawitischen Frau sich eines Tages ändert.

Text: Begüm Karagöz
Illustration: Yasmin Anılgan

Quellen:
„Alawiten – Geschichte, Glaubenssystem und Situation in Deutschland“ von Necati Alkan (in: Udo Tworuschka/Michael Klöcker (eds.), Handbuch der Religionen [2019]

„Die „Gemeinschaft des Hauses“: Religion, Heiratsstrategien und transnationale Identität türkischer Alawi-/Nusairi-Migranten in Deutschland“ von Laila Prager (2010)
„Die Zeichen der Wiedergeburt: Körper, Stigmata und Seelenwanderung bei den Alawiten der Südosttürkei“ von Laila Prager (2013)

“The Alawi Community of Syria: A new dominant Political Force” von Mahmud A. Faksh (1984)

Alawite Anxiety in Turkey (2013) von Public Broadcasting Service (PBS). https://video.lpb.org/video/religion-and-ethics-newsweekly-alawite-anxiety-turkey/

Deutsche Welle. Alevites in Turkey concerned over repercussions of Syrian violence (2012) von Dorian Jones. https://www.dw.com/en/alevites-in-turkey-concerned-over-repercussions-of-syrian-violence/av-15824684

 

 

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