Die mystische Seite des Islams

Warum der Sufismus mehr ist, als romantische Poesie über Allah

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Für die meisten Menschen geht der Sufismus Hand in Hand mit der Poesie von Mevlana Celaleddin Rumi. Seine Dichtung ist bis heute ein Aushängeschild für die islamisch-orientalische Lyrik.

Rumi vereinte romantische Wortkunst mit der hingebungsvollen Liebe zu Gott und bekannte sich als Sufi. So lassen sich weder Rumi noch der Sufismus vom Islam abstrahieren, denn der Kern beider ist die spirituelle Praxis, die weitaus mehr beinhaltet als die romantischen Dichtungen über das Leben.

Im Zentrum dessen liegen die Botschaften des Korans und die Orientierung am Propheten Mohammed. Wir blicken tiefer in den Sufismus, der die friedvolle Liebe zu Allah und seinen Geschöpfen predigt.

Foto: harmankaya.net

Der Ursprung des Sufismus lässt sich zurückverfolgen auf das 7. Jahrhundert im heutigen Nordostiran, Afghanistan und Mittelasien Bedeutende Mystiker der Sufifrühzeit stammen aus dieser Region. Erst im 19. Jahrhundert wurden etliche Werke über die Entstehung und Tradition des Sufismus in Europa veröffentlicht. Heute existieren deutschlandweit 13 Sufi-Orden, die die Lehre des Sufismus am Leben erhalten.

Die Mitglieder der Orden werden als ,,Derwische“ bezeichnet. Ihre Praktiken beinhalten unter anderem ekstatische Tänze, bei denen sie sich zu meditativer Musik um ihre eigene Achse drehen, bis ein tranceartiger Zustand entsteht. Der Tanz – auch Sema genannt . Dieser gilt als Medium, um in die vollkommene Verbundenheit mit Gott zu tretten.

Der Gott, der nur vier Worte kennt.
Jedes Kind hat Gott gekannt.
Nicht den Gott der Namen,
nicht den Gott der Verbote,
nicht den Gott, der so viele seltsame Dinge tut.
Nein, den Gott, der nur vier Worte kennt und diese immer und immer wiederholt: “Komm, tanz’ mit mir!“ “Komm, tanz’ mit mir!“ “Komm, tanz’ mit mir!“
(Hafis, persischer Sufidichter, 1320-1390)

Der Sufi begibt sich also auf einen langen, spirituellen Weg, der gepflastert ist mit Dhikir – dem stetigen Gedenken an Gott, hingebungsvollen Gebeten und dem Rückzug vom irdischen Leben. Der Sufi übt sich darin, jeden Menschen zu lieben, wie er ist, denn jede*r trägt einen Funken Gottes Willen in sich.

Das Ziel dieser spirituellen Reise des Sufis ist es, die eigene Seele und die Begierden so zu beherrschen, dass er zum göttlichem Bewusstsein gelangt. Die Einswerdung mit dem göttlichen Bewusstsein darf hierbei nicht mit ,,Gott-Werdung“ gleichgesetzt werden. Der Sufi versteht sich als vollständig durch Gott und in Dankbarkeit und Ehrfurcht gegenüber der Welt, die er geschaffen hat.

,,Sterbt, bevor ihr sterbt“ sagte Rumi.

Der Sufi durchläuft in seiner spirituellen Reise verschiedene seelische Stationen, in denen er lernt, sein Ego und seine persönlichen Eigenschaften zu transformieren. Durch eine asketische Lebensweise soll er zu Reue, Barmherzigkeit, Bescheidenheit und Standhaftigkeit finden, um den Koran in seiner tiefen Ganzheit zu verstehen.

Dabei fastet der Sufi, gibt seinen Wohnort auf, übt sich darin, mit wenig Schlaf auszukommen und enthaltsam gegenüber jeglichen irdischen Freuden zu sein. Erst die vollständige Synthese von Glauben und Handeln resultiert in die Handlungen des Herzens. Was so romantisch klingt, ist eine Disziplin, die die völlige Hingabe zu Gott und das Aufgeben von Wünschen und Bedürfnissen erfordert.

Foto: Pascal Sebah

,,Der Sufismus ist eine mystische Strömung des Islam. Anstatt strikter Vorschriften lesen Sufis aus dem Koran symbolische Bedeutungen heraus, die nicht mit dem Verstand, sondern vielmehr mit dem Herzen zu erfassen sind.“

,,Wenn wir unterschiedliche Ansichten akzeptieren können und wenn wir verstehen, dass jedes Geschöpf den Namen Gottes trägt – dass nicht nur Menschen, auch Tiere und Pflanzen und sogar ein Stück Holz ein Teil von Gott sind. Dieses Gefühl gilt es zu finden, was übrigens viele Moslems auch nicht wissen – aber das ist die Erfüllung der islamischen Mystik, wir nennen es den Höhepunkt. Toleranz, Liebe, die Ansichten aller Menschen zu achten – das ist die Essenz des Sufismus.“ so Cemalnur Sargut, die Leiterin des sufistischen Rifa’iyya-Ordens.

Diese Form von islamischer Mystik, auf arabisch Tasawwuf genannt, verzichtet paradoxerweise auf die strengen Gebote, die man aus dem traditionellen Islam kennt. Ebenso sind Frauen im Orden gleichermaßen angesehen wie Männer. ,,Jeder ist willkommen“ sagte Rumi. Musik, Tanz und sinnliche Dichtung sehen die Derwische als Vergnügen.

Der Sufi darf Sünden begehen, um ganzheitlich zu verstehen, weshalb diese Gebote und Verbote brechen. Nur so kann nachvollzogen werden, weshalb diese ursprünglich verboten wurden. Und obwohl der Sufismus ihren Ursprung im Islam hat, ist er orthodoxen Muslimen deshalb oftmals ein Dorn im Auge.

Das reizvolle am Sufismus ist, dass er sowohl Sinnlichkeit als auch Enthaltsamkeit und Askese beeinhatet. Doch ganz gleich, ob man sich mit dem Glauben identifizieren kann, die Dichtung Rumis sind ein Vergnügen für die Seele.

„Sufismus bedeutet, nichts zu besitzen und von nichts besessen zu werden.“
– Abū Nasr as-Sarrādsch, Gelehrter

Foto: Regina Spehn

,,Schwerer Dunst steigt in die Atmosphäre,
Ach, welche Monde entstehen.
Wie das All.
Planeten die umher ziehen.
So dreht sich der Derwisch um seine eigene Achse.
Verbindet alle Geschöpfe.
Wir sind die Ellipse der Erde.
Die Welt ist unser Kessel, wir kochen Einheit und essen aus den Händen unserer Brüder und Schwestern.
Und so händigt der Derwisch seine linke Hand Mutter Erde aus, die rechte greift nach Vater Himmel.
Seine Mitte ist das Tor, aus dem Gottes Takt erblüht.
Seine Anmut ist die Feder, aus dem Dichtung fließt“
– Gonca Temurcin

 

Text: Gonca Temurcin

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