Warum Migrant:innen sich häufig selbstständig machen

Migrantische Ökonomie

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Späti, Supermärkte, Restaurants, Nagelstudio, Floristen und Co. sind alles Betriebe, die oftmals mit Migrant:innen verknüpft werden. Aber warum sind so viele Migrant:innen selbstständig? Was motiviert ihre Entscheidung? Und was bedeutet eigentlich „migrantische Ökonomie“?

Was ist migrantische Ökonomie?

Unter migrantische Ökonomie ist die selbständige Erwerbstätigkeit von Personen mit Migrationshintergrund gemeint.

Gerade in der Wissenschaft, Politik als auch in der Sozialforschung stellt sich seit längerer Zeit die Frage, warum sich Zugewanderte aus bestimmten Herkunftsländern in stärkerem Maße unternehmerisch engagieren und die Selbstständigkeit anstreben. Migrantische Ökonomien seien noch durch ihren geringen Aufwand bei ihrer Gründung gekennzeichnet. Aufgrund mangelnder Alternativen bei nicht-selbstständiger Beschäftigung entstehen so wenig kapitalintensive Kleinst- und Kleinbetriebe.

Mit der steigenden Zahl von Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland hat sich auch die Zahl der unternehmerisch tätigen Personen mit Migrationshintergrund erhöht.
Insgesamt hat die Zahl der Unternehmer:innen mit Migrationshintergrund von 2005 bis 2018 um gut 200 Tausend auf 773 Tausend Personen zugenommen.

Warum die Selbstständigkeit?

Mit der Frage beschäftigen sich Wissenschaft und Politik gleichermaßen. Frühe Untersuchungen verstanden sie oftmals als Reaktion auf Diskriminierung und Ausgrenzung, z. B. auf dem Arbeitsmarkt. In Deutschland hat die sogenannte “Notgründungsthese” einen hohen Stellenwert. Diese besagt, dass es die Angst vor der Arbeitslosigkeit sei, die die Menschen in die Selbstständigkeit treibt. Die Zahl der Unternehmensgründungen nimmt gerade in schlechten Zeiten zu, aber das nicht nur bei Migrant:innen.

Andererseits sind es die ungleichen Chancen oder besonderen Kenntnisse (z.B. Konsumbedürfnisse der eigenen Community), die den Schritt in die Unternehmensgründung unterstützen können. Auch der Wunsch nach Autonomie und Selbstverwirklichung und der damit einhergehenden Einkommenssteigerungen und Verbesserung des Status sind einige von vielen Motiven für den Schritt in die Selbstständigkeit.

Migrantische Ökonomien übernehmen aber auch gesellschaftspolitische Funktionen. Beispielsweise können sie marginalisierten Personen den Zugang zu sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Ressourcen öffnen. Sie können außerdem eine Art “Vorbildfunktion” übernehmen, da der sichtbare berufliche Erfolg eine Signalwirkung auf andere migrantische Unternehmer:innen haben kann. Zugleich engagieren sich viele Unternehmen von Migrant:innen mit großem Ausmaß an der Ausbildung von Jugendlichen und benachteiligten Gruppen.

Migrantischen Ökonomien werden in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft sowohl Potenziale als auch Unzulänglichkeiten zugesprochen.

Auf dem Weg zur beruflichen Selbstständigkeit und Unternehmensgründung müssen Migrant:innen immer noch vergleichsweise höhere Hürden überwinden, die durch institutionelle Regulierungen und häufig schwer zu erfüllende formale Qualifikationsanforderungen errichtet sind.

Die Bezeichnung “migrantische Ökonomien” ist aus postmigrantischer Perspektive jedoch problematisch, da sie (ethnische) Differenzen (re-)konstruiert und nicht kenntlich gemacht wird, was mit ihr markiert werden soll. Es wird ein Unterschied zwischen migrantischen und nicht-migrantischen Ökonomien hergestellt, den es “in der Realität” möglicherweise nicht gibt. Letztendlich weisen Forschungen darauf hin, dass Migrant:innen durch den Schritt in die Selbstständigkeit ihre Chancen für soziale Mobilität und strukturelle Integration erheblich verbessern. Sie leisten außerdem mit ihrem unternehmerischen Engagement einen beachtlichen Beitrag zur Beschäftigung und Ausbildung, sowie zur wirtschaftlichen Entwicklung insgesamt.

Quellen:

Schuleri-Hartje, Ulla-Kristina, Holger Floeting und Bettina Reimann (2005): Ethnische Ökonomie. Integrationsfaktor und Integrationsmaßstab. Darmstadt/Berlin: Schader-Stiftung, difu.

Expertise „Migrantische Ökonomie“ Fachkommission Integrationsfähigkeit ifm, Universität Mannheim (2021)

IQ Fachstelle Migrantenökonomie (2020)

Migrantenunternehmen in Deutschland von 2005-2018 (Bertelsmann Stiftung, 2020)

Arbeit und Migration. Geschichten von Hier. (Technoseum Mannheim, 2021)

Bpb, “Migrantische Ökonomien in Deutschland” (2021)

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