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Gesellschaft & Geschichten

Tayfun Guttstadt – Gestrandet. Teil 2

Im nächsten Kapitel aus „Gestrandet.“ nimmt uns der Hamburger Autor Tayfun Guttstadt mit nach Gaziantep. Dort trifft er eine Gruppe engagierter, syrischer Geflüchteter, junge Frauen und Männer, die sich mit sozial-politischer Arbeit für den Frieden in Syrien einsetzen will.

Eine werdende Demokratie

Eher zufällig finde ich in Gaziantep eine kleine Einrichtung, die von Syrer*innen betrieben wird. Hinter der unscheinbaren Tür mit arabischer Aufschrift befindet sich ein Zentrum für politisch-soziale Arbeit und Aufklärung, Empowerment nennen sie es. Es findet sich kaum jemand, der Türkisch spricht, dafür können viele sehr gut Englisch. Es ist voll, Frauen und Männer allen Alters tummeln sich in den verschiedenen Räumen, an deren Wänden große Zettel mit arabischen Schriftzügen hängen. Man kann sich kaum unterhalten, so viel Baulärm kommt aus den offenen Fenstern herein. Die Aufnahme ist sehr herzlich, es fallen ein paar türkische Grüße, sie fragen, was ich mache, wo ich war; wir scherzen, Gaziantep sei sicherer als alle anderen Orte der Türkei – in den kurdischen Gebieten steigt die Spannung von Tag zu Tag und gerade einen Tag zuvor ist eine Bombe in Istanbul explodiert.
Wir sind eine selbstorganisierte syrische Gruppe, die für Frieden in Syrien arbeitet, erzählt mir Zafer, man merkt, dass er es gewohnt ist, auf Englisch über seine Arbeit zu reden. Wir haben abgemacht, dass der Name der Gruppe nicht genannt wird, da sie keine Zustimmung aller Mitglieder einholen konnten. Zafer beschreibt die Tätigkeiten der Gruppe: Wir wollen die Leute bilden, wir veranstalten Workshops, um ihr Bewusstsein für politische Zusammenhänge und ihre eigene Rolle darin zu erweitern. Beim jetzigen Workshop – er zeigt auf den großen Raum, in dem ca. 30 Personen im Halbkreis sitzen – geht es darum, zu verstehen, wie es den Syrern in der Türkei geht und welche Faktoren hierbei eine Rolle spielen. Es sind verschiedene Gruppen aus Mersin, Şanlıurfa, Gaziantep, Reyhanlı und Osmaniye da, die sich größtenteils vorher nicht kannten.
Sie bringen mich in den großen Raum, alle der Anwesenden sind interessiert, wer ich bin, keiner hat Berührungsängste, auch die Frauen nicht, darunter viele mit Kopftuch. Sie tauschen sich aus über die Lage in den Städten, in denen sie wohnen: Wie viele Syrer*innen leben dort, wie hat sich die Situation verändert, was waren einschneidende Erlebnisse? Da alles auf Arabisch abläuft, kann ich nicht folgen und beobachte still die lebendigen Diskussionen, elegant geleitet von den sehr professionell arbeitenden jungen Männern. Am Ende des Workshops werde ich der Gruppe vorgestellt – As-Salamu Alaykum, sage ich, Wa-alaykum as-Salam, schallt es zurück.

Ich mache eine Umfrage mit der Gruppe, frage nach ihrem Befinden. Sie sagen, der türkische Staat fange an, den Syrer*innen das Leben in der Türkei schwer zu machen. Wir reden über Parallelen zu der Situation der Einwanderer*innen aus der Türkei in Deutschland vor 40 Jahren, ich sage ihnen, dass fast keine*r der Türk*innen zurückgekommen ist, obwohl das alle mal vorhatten. Türkisch lernen ist sehr wichtig, sage ich, manche murren, die meisten nicken. Eine Frau mit Kopftuch erklärt, sich in der türkischen Gesellschaft zu engagieren, müsse nicht bedeuten, seine Identität aufzugeben, sondern könne beide Seiten bereichern. Es gebe eine türkische Frauengruppe, mit der sie zusammenarbeite, wobei gemeinsame Interessen betont und Verschiedenheiten respektiert würden. Ein weiterer Mann beschwert sich, die legalen Rahmenbedingungen veränderten sich ständig und keiner erkläre den Syrer*innen, was die aktuellen Bestimmungen seien. Hier müsse der türkische Staat mehr leisten – Unklarheit bezüglich der Gesetze ist für alle ein Problem, große Zustimmung.

Gibt es in Syrien LCD-Fernseher?
Wir werden unterbrochen durch einen kurzen Kommentar von Osama, einem Teilnehmer, es bricht allgemeine Unruhe aus. Viele wollen Kontakte knüpfen, sich mit mir treffen, Musik machen, reden, Türkisch lernen. Leider muss ich ablehnen. Ich frage zwei junge Frauen mit Kopftuch, ob wir uns ein wenig unterhalten können, sie willigen sofort ein. Nach wenigen Sekunden tummeln sich mehrere Männer um unseren Tisch und hören geradezu aufdringlich zu. Marwa und Fatima sagen nichts, doch ich bitte die Herren, uns alleine zu lassen, woraufhin nach und nach alle mit einem Murren und Unverständnis in den Blicken verschwinden. Marwa und Fatima lächeln erleichtert – das war vielleicht anstrengend, sagen sie. Es gibt Sachen, die wir vor denen niemals hätten aussprechen können! Sie kannten die Männer gar nicht.
Beide können gut Türkisch und Englisch – außerdem Französisch, wie sie stolz anmerken –, sie entscheiden, dass wir uns auf Türkisch unterhalten. Sie sind seit drei Jahren hier, leben seit ihrer Flucht aus Syrien in Mersin, einer Hafenstadt am Mittelmeer.
Und wie ist Mersin so? Zu Beginn waren die Menschen dort sehr nett, aber mittlerweile hassen sie uns. Mersin und auch die Nachbarstadt Adana sind bekannt für Nationalismus und Gewaltbereitschaft. Hier bekommt die nationalistische MHP, die Partei der Grauen Wölfe, hohe Stimmenanteile. Fatima arbeitet mit Türk*innen zusammen und merkt, wie sie als minderwertig behandelt wird, was sie sehr stört. Was sind frauenspezifische Probleme?, frage ich. Oh, da gibt es sehr viele. Ich und meine Schwester wurden einmal von türkischen Frauen angesprochen: »Die syrischen Frauen sind doch alle so hinterhältig, machen sich hübsch, zeigen sich, um uns die türkischen Männer wegzunehmen – ihr seht ja gar nicht so aus! Warum denn das? Ihr seid ja ganz normal!« Wir lachen, als ich ihnen erzähle, dass das Vorurteil in Deutschland genau andersherum aufgebaut wird – die immergeilen Syrer würden sich an den deutschen Frauen vergreifen. Marwa erzählt, wie sie eine staatliche Einrichtung besucht habe, um etwas zu beantragen. Der Beamte habe schon da ständig zweideutige Anspielungen gemacht, sie später dann über Whatsapp belästigt. Ihre Nummer muss er aus ihren Unterlagen abgeschrieben haben. Ähnliches habe ich auch von türkischen Frauen schon gehört. Manche haben auch in die Polizei kein Vertrauen. Sie ist sehr sauer. Viel zu viele Männer würden anscheinend nur mit ihr reden, weil sie eine Frau ist, und nicht etwa, weil sie etwas im Kopf haben könnte, eine Geschichte zu erzählen habe oder gute Arbeit leisten könne.
Ich frage nach der Spaltung der türkischen Gesellschaft in religiöse und säkulare Gruppen; Frauen mit Kopftuch werden hierbei schnell in Ecken gedrängt, ob ihnen das auch passiere? Dies nicht direkt, aber was sie beide sehr störe, sei die Vorstellung vieler Türken, dass Syrien total zurückgeblieben sei. »Hmm, gibt es in Syrien auch LCD-Fernseher?« »Oh, Einkaufszentren? Ich dachte, so etwas habt ihr nicht!«, äffen sie die Fragenden nach, ziehen dabei Grimassen, sind sichtlich genervt. Manchmal, wenn ich mit lateinischen Buchstaben schreibe, wundern sich die Leute, dass ich das kann! Verdammt, wir sind ein kultiviertes Land!
Was ist mit den Geschichten über Zwangsheiraten, über den Handel mit Frauen, dass Männer junge Frauen teilweise nur für zwei Wochen heiraten und dann zurückgeben? So etwas gibt es. Die Frauen oder ihre Familien haben teilweise einfach nichts, keine Perspektive, keine Mittel. Manche türkische Männer nutzen dies aus. Es wird ein Imam gerufen, der die Ehe für religiös gültig erklärt, außerdem fließt Geld, um die Familie zum Einverständnis zu bewegen.
Wie ist es in der Türkei mit den religiösen Regeln, mit den Freiheiten für Frauen? Ist es in der Türkei lockerer als in Syrien? Ich erzähle von Leen, die die Türkei für viel freier hält als Syrien. In Syrien ist es eigentlich ähnlich wie in der Türkei, erklärt Marwa mit abwinkender Handbewegung. Für deine Bekannte mag ein Unterschied gewesen sein, dass sie hier niemanden kennt, das ist nämlich das Problem in Syrien, man steht quasi unter Beobachtung. Ansonsten fühlt es sich sehr ähnlich an. Aber die Regierung, der Staat hier in der Türkei ist auf jeden Fall besser. Wir lachen.
Fatima und Marwa machen sich auf den Weg, sie müssen den Bus nach Mersin erwischen. Die Gründer der Gruppe kannten sie vorher nicht, waren nur für dieses Vernetzungstreffen gekommen. Sie waren die letzten Besucher*innen, nur Nuwar und Zafer, die den Workshop geleitet haben, bleiben zurück. Sie räumen noch ein wenig auf, bevor wir uns gemeinsam bei einem Tee an den Tisch setzen.

 

Der Autor Tayfun Guttstadt ist in Hamburg geboren und aufgewachsen und hat dort Islamwissenschaften studiert. Er lebte vier Jahre in der Türkei und war u.a. in der dortigen Umweltschutzbewegung politisch aktiv. Inzwischen ist er nach Berlin gezogen. Zuletzt erschien von ihm 2014 im Unrast Verlag der Titel: Çapulcu. Die Gezi-Park-Bewegung und die neuen Proteste in der Türkei.

Gestrandet_Guttstadt_Buchcover

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Credits

Text: Tayfun Guttstadt
Fotos: Kemal Vural Tarlan / Kırkayak Kültür Merkezi
Titelbild: Unterkünfte für Flüchtlinge in Gaziantep. © European Union 2016 – European Parliament (Flickr/CC BY-NC-ND 2.0)

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