Wenn sie die Universitäten schließen, lasst uns eine Hintertür finden!

Im Gespräch mit Tuba İnal Çekiç

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Seit dem Putschversuch von 2016 wurden in der Türkei tausende Akademiker*innen entlassen. Viele von ihnen sind im Exil, vielen wurden ihre Pässe genommen, ganze Universitäten wurden geschlossen – Brain Drain in der Türkei. Die Hochschulen werden weniger regierungskritisch, AKP-näher, konservativer. Doch es gibt regen Widerstand, wie die Proteste an der Istanbuler Boğaziçi Üniversitesi aktuell zeigen.

Auch die 2017 in Berlin von Betroffenen der Entlassungen gegründete Off-University wehrt sich auf ihre Weise: Die Organisation bietet Wissenschaftler*innen und Studierenden die Möglichkeit, ihre Forschung und Lehre fortzuführen, online, wo keine Autorität sie einschränkt. Dabei hat Off-University ein besonderes Konzept, das ganz grundsätzlich das Bildungssystem infrage stellt.

Tuba İnal Çekiç, Mitgründerin von Off-University

Wir haben uns mit Tuba İnal Çekiç, einer der Macher*innen von Off-University, in Berlin getroffen. Sie selbst verlor ihre Stelle an der Yıldız Teknik Üniversitesi in Istanbul und ihren Reisepass, nachdem sie eine Petition der Initiative Barış İçin Akademisyenler (dt.: Akademiker*innen für den Frieden) unterzeichnet hatte, die ein Ende der Angriffe gegen kurdische Gemeinden forderte. Seit 2016 lebt sie in Berlin, wo wir uns mit ihr am Gendarmenmarkt über die Missstände im Universitätssystem, neue Möglichkeiten durch digitale Lehre und Bildungsutopien unterhalten haben.

Wie ist die Off-University entstanden?

Anfang 2017, nachdem viele Akademiker*innen entlassen wurden, die die Academics for Peace-Petition unterzeichnet hatten, haben wir, rund dreißig Wissenschaftler*innen und Freund*innen aus Deutschland und der Türkei, beschlossen, dass wir etwas tun müssen. Einige von uns waren hier in Deutschland, an einem sicheren Ort. Viele andere Kolleg*innen saßen aber in der Türkei fest und hatten ihre Pässe und Jobs verloren. Sie konnten nicht reisen, unterrichten, an Forschungsprojekten teilnehmen oder auch nur die Bibliothek betreten.

Und dann kam uns die Idee: Im Internet gibt es keine Pässe, keine Grenzen. Wenn sie die Universitäten schließen, lasst uns eine Hintertür finden!

Also fanden wir eine, eine virtuelle, und gründeten die Organisation im Mai 2017. Die Kickoff-Veranstaltung der Off-University war eine Konferenz mit dem Titel Tough Questions on Peace. Sie erregte viel Aufmerksamkeit, denn damals war die Idee einer Online-Konferenz noch ziemlich neu. Mehr als zehntausend Menschen haben teilgenommen.

Nachdem wir unsere erste Förderung erhalten hatten, konnten wir in Kooperation mit der Universität Potsdam unseren ersten Online-Kurs anbieten. Seitdem sind wir Stück für Stück gewachsen. Inzwischen haben wir Verbindungen zu vielen der großen deutschen Universitäten, aber auch zu einigen in den USA. Und wir können mehr Stiftungen erreichen, die bereit sind, uns zu fördern. Angefangen haben wir mit Wissenschaftler*innen aus der Türkei, aber dann haben wir unser Netzwerk erweitert und arbeiten heute mit gefährdeten Akademiker*innen aus vielen Orten: Aserbaidschan, Weißrussland, Indien…

Unsere Autorin und Tuba İnal Çekiç von Off-University beim Interview am Gendarmenmarkt

Wie funktioniert Off-University?

Wir bieten Online-Kurse an, die von „echten“ Universitäten gehostet werden, aber auf unserer Plattform stattfinden. Jede*r kann mitmachen, da die Kurse kostenlos sind und wir keine Akkreditierung verlangen. Es gibt keine Vorbedingungen, um an den Kursen teilzunehmen. Wir erreichen mehr als zweitausend Studierende und können ihnen eine Zertifizierung geben, sodass sie sich die ECTS-Punkte an ihrer Heimatuniversität anrechnen lassen können.

Wir bieten zwar kostenlose Kurse für unsere Studierenden an, aber wir wollen auch politisch gefährdete Wissenschaftler*innen finanziell unterstützen, die nicht in ihrem Fachgebiet lehren können. Dieses Wissen ist in Gefahr. Das betrifft in der Regel Peace Studies, Gender Studies oder Konzepte, die die Universität neu denken wollen. Es ist für uns nicht verhandelbar, dass wir unseren Dozent*innen für das Semester, in dem sie bei uns unterrichten, genug bezahlen, sodass sie davon leben können.

Wer sind die Studierenden, die Eure Kurse besuchen?

Natürlich haben wir diejenigen, die unsere Kurse über ihre Heimatuniversitäten besuchen, HU Berlin, LMU München, Universität Potsdam und so weiter.

Andere kommen aus der ganzen Welt: aus Syrien, der Türkei, den USA, Korea, Aserbaidschan! Dieses Semester bieten wir einen Kurs an, bei dem ein Teil der Studierenden aus einem Refugee Camp auf Lesbos zugeschaltet wird.

Aber es ist schwer, etwas über den Hintergrund der Studierenden allgemein zu sagen, denn der wesentliche Unterschied zwischen der Off-University und anderen Online-Unis ist, dass unsere Studierenden wählen können, anonym zu bleiben. Es ist uns wichtig, sie zu schützen, denn zum Beispiel in der Türkei können Studierende stigmatisiert werden, wenn sie einen Kurs bei eine*r Dozent*in belegen, die*der per Notstandsdekret entlassen wurde und als Terrorist*in gelabelt wird. Also wissen wir oft gar nicht, wer unsere Studierenden sind und von wo sie sich zuschalten. Natürlich bekommen wir aber manchmal einen Eindruck während der Kurse, wenn sich Teilnehmende dafür entscheiden, von sich zu erzählen.

Ihr sagt auf Eurer Website, dass ihr Utopist*innen eines alternativen Bildungssystems seid. Was ist Eure Kritik am herkömmlichen Universitätssystem und was wäre Dein Ideal?

Es ist einfacher, sich nicht auf das zu konzentrieren, was man erreichen will, sondern auf das, was man vermeiden will: Wir können nicht die Traumuniversität schaffen. Aber es gibt ein paar Dinge, die viele stören, und wir beginnen, sie abzuschaffen. Zum Beispiel Hierarchien.

Wir können nicht die Traumuniversität schaffen. Aber es gibt ein paar Dinge, die viele stören, und wir beginnen, sie abzuschaffen. Zum Beispiel Hierarchien.

Wir tun unser Bestes, das hierarchische System im Klassenzimmer zu ändern. Für uns sind Dozent*innen und Studierende „Teilnehmer*innen“, und was an einer konventionellen Universität als Lehrassistent*in bezeichnet wird, ist bei Off-University ein*e „Lerndesigner*in“. Darüber hinaus verfolgen wir die Aktivitäten der Studierenden nicht: Wir müssen nicht wissen, wie oft sie einen Kurs verpasst haben oder wie viele Stunden sie auf unserer Plattform verbringen. Das ist nicht unser Anliegen.

Noch etwas, das wir kritisieren, ist, dass man im herkömmlichen Universitätssystem ein „trendiges“ Thema finden muss, zu dem man forscht. Sonst wird man nicht gefördert. Das wollen wir ändern. Wir fördern die Produktion und Verbreitung von gefährdetem Wissen. Wenn man bei uns über etwas forschen will, muss es nicht populär sein und es muss der Universität kein Geld bringen.

Vielleicht können wir als Organisation, die auf ehrenamtlicher Arbeit basiert und nicht genug finanzielle Förderungen erhält, diese Strukturen nicht komplett verändern. Aber wir können sie herausfordern. Es gibt Kanäle, durch die wir das System ein wenig ankratzen können – zum Beispiel, indem wir die richtigen Leute unterstützen.

Es gibt Kanäle, durch die wir das System ein wenig ankratzen können – zum Beispiel, indem wir die richtigen Leute unterstützen.

Off-University setzt sich für die Aufrechterhaltung des akademischen Lebens in repressiven Systemen ein. Welche Rolle können Universitäten bei der Veränderung dieser Systeme spielen?

Ich denke, die Rolle der Wissenschaft ist ziemlich groß. Ich habe nichts anderes getan, als eine Petition zu unterschreiben, und wurde entlassen! Das bedeutet, dass rund tausend andere Akademiker*innen und ich die Strukturen herausfordern. Wenn Universitätsprofessor*innen ihre formelle Kleidung tragen und damit auf die Straße gehen, wie bei den Boğaziçi-Protesten, ist das symbolisch enorm wichtig, es löst gesellschaftlich etwas aus und ermutigt die Studierenden. Aber wir haben viele Leute verloren. Ich meine, hunderte Akademiker*innen, die gegen die repressive, autoritäre Politik aufgestanden sind, wurden entlassen. Viele von ihnen sind hierher nach Deutschland oder in andere Länder ausgewandert. Jetzt haben die Universitäten ihre Vielfalt verloren. Früher waren sie bunt, jetzt denken alle das Gleiche und niemand will sich bewegen.

Jetzt haben die Universitäten ihre Vielfalt verloren. Früher waren sie bunt, jetzt denken alle das Gleiche und niemand will sich bewegen.

Als Off-University gegründet wurde, waren Online-Kurse noch recht neu. Seit über einem Jahr jedoch ist wegen der COVID-Pandemie an vielen Orten der Welt virtuelle Lehre zur Normalität geworden. Der Online-Unterricht kann also eine Lösung für die Probleme gefährdeter Wissenschaftler*innen sein und für die Probleme, die mit der Pandemie aufkamen. Glaubst Du, dass das die Zukunft ist?

Ist das die Zukunft…? Die Möglichkeiten waren schon eine Weile da, wir haben sie nur nicht genutzt. Natürlich habe ich – wie alle anderen auch – die Nase voll davon, nicht persönlich miteinander interagieren zu können. Aber das eröffnet auch Möglichkeiten: Stell Dir das mal vor, jemand aus einem Refugee Camp auf Lesbos kann jetzt an einem Kurs teilnehmen, der an der HU gehalten wird! Jetzt wird allen bewusst, dass das Chancen birgt. Der Online-Unterricht wird uns noch weiter begleiten, da bin ich mir sicher. Ich denke, es hängt sehr stark von der Art des Kurses ab – aber es gibt einige, die online sogar besser funktionieren, weil es so viele tolle Tools gibt, die man nutzen kann.

Lektorat: Deniz Lara Zimmermann

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