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Bühne & Schauspiel

Murat Ünal – die Kralle von Kreuzberg

Drehbuchautoren verleihen Figuren Seele aber bleiben im Gegensatz zu Buchautoren meist als Schöpfer im Hintergrund. Ich habe mich gefragt, wer hinter dem alter Ego „Tiger – die Kralle von Kreuzberg“ steckt und mich auf die Suche gemacht. Wir trafen den Erfinder dieser Kunstfigur, Murat Ünal, im Herzen Berlins.

„Ich wollte meine eigenen Geschichten erzählen“

Du hast BWL studiert und mit Diplom abgeschloßen, wie kam der Sinneswandel hin zur Filmproduktion?

Ich komme aus einer Gastarbeiterfamilie. Wie bei vielen andere türkischen Familien wurde das Augenmerk auf ein erfolgreiches Studium und einen akademischen Titel gelegt. Daher entschied ich mich fürs BWL-Studium und wollte anschließend eigentlich in die Textilbranche einsteigen. Doch nach dem Abschluß ging ich meinen eigenen Wünschen nach und begann von Null an als Setrunner und Praktikant in diversen Filmproduktionen zu arbeiten, um so das Handwerk des Filmemachens zu erlernen.

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„Türken haben einen eigenen Sinn für Melancholie“

Du hast anschließend deine eigene Filmproduktion gegründet, warum?

Ich hatte viele Ideen, die ich nur innerhalb einer eigenen Filmproduktion hätte realisieren können. Während meiner Praktika habe ich gesehen, dass sich eigenwillige Geschichten schwer verkaufen. Aber ich wollte meine eigenen Stories erzählen und die Entscheidungsgewalt behalten, da erschien die eigene Filmproduktion nur logisch. Türken haben einen eigenen Sinn für Melancholie. Ich schrieb Drehbücher und beschäftigte mich viel mit dieser Thematik. Insbesondere das Gefühl der Sehnsucht ist bei der türkischen Diaspora in Deutschland sehr stark ausgeprägt. Mein erster Film war dann auch tatsächlich ein Liebesfilm – „Yakarım dünyayı“.

Bekannt wurde indes deine Kunstfigur Tiger – die Kralle von Kreuzberg.

Ich hatte anfangs wenig Geld und das Interesse für türkische Themen war noch gering, daher war es nicht einfach Fördermittel zu akquirieren. Ich erhoffte mir mehr Aufmerksamkeit mit etwas Komsichen und erfand eine Kunstfigur, die gewisse Klischevorstellungen über Türken persifliert. Cemal Atakan aka Tiger, ein sympathisch angelegtes Großmaul, das sich im Kiezleben für unentbehrlich hält und den Zuschauern versucht, seine Weltsicht nahezubringen. Gespielt wurde die Figur von Serkan Çetinkaya, einem alten Freund von mir, der Jura studiert hat. Die Rolle war wie für ihn gemalt, da er die „Kanak Sprak“ perfekt imitieren konnte. Anfangs konnten wir die Produktion nicht verkaufen und luden sie daher ins Internet hoch. Durch die schlechte Auflösung der Videos auf Youtube wirkten die Aufnahmen noch authentischer.

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„Wir lachen eigentlich viel über uns selbst“

Im Netz erreichte Tiger schnell einen hohen Bekanntheitsgrad. Viele hielten ihn für echt. Im Grunde ist die Figur eine überspitzte Mischung aus Gehörtem und Gekanntem, garniert mit scharfen Voruteilen, die ein dementsprechender Zuschauer bestätigt sieht. In erster Linie ging es uns aber darum, unseren eigenen Geschmack zu bedienen. Die Übertreibung und Selbstironie ist auch in der Türkei ausgeprägt, die Türken lachen eigentlich viel über sich selbst.

Wie ging es mit Tiger weiter?

Der RBB entdeckte die Serie nachdem sie im Netz Kultstatus erreicht hatte. Wir bekamen eine eigene Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die Süper Tiger Show in der Tiger Gäste aus Film, Sport und Unterhaltung empfing. Für das Engelbrot-Theater konzipierte ich gemeinsam mit Serkan eine 90 minütige Stand-up Show namens „Abziehaopfazbodysolariummädschen“ – das Theater war zum ersten mal in ihrer Spielgeschichte ausverkauft! Für TV-Berlin konnte ich einen großen Wunsch realisieren: wir schrieben eine Serie, in der alle Charaktere vorkamen, die Tiger in seinen Videos anspricht, wie beispielsweise Konkret-guter-Preis-Ahmet: „Tiger, der Serie“.

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An welchen Projekten arbeitest du momentan?

Ich habe einen eigenen Youtube-Kanal, mit Podcasts und Rezensionen zum Thema Film. Derweil arbeite ich an einem neuen Filmprojekt und bin mitten im Casting: „der Hollywoodtürke“ – eine romantische Komödie. Es geht um einen jungen Türken, der sich in ein deutsches Mädchen verliebt und sich als Italiener ausgibt.

„Man muss sich trauen authentische Geschichten zu erzählen“

Wie beurteilst du bisherige Filme, die sich mit Deutschtürken befassen?
Filme wie „Türkisch für Anfänger“ oder „Fack ju Göthe“ haben die Thematik salonfähig gemacht, allerdings haben die Redakteure und Drehbuchautoren alle einen deutschen Background und wenig Einsicht in das wirkliche Leben. Die Tatsache, dass Elyas M’barek als Halb-Tunesier der bekannteste „Türke“ ist, sagt schon viel über die deutsche Filmlandschaft aus. Es geht hier nicht um das Talent, sondern vielmehr darum, einem bestimmten Klischeedenken zu entsprechen: schwarze Haare und Kanakdeutsch. Im Grunde muss man sich auch trauen, auch authentische Geschichten zu erzählen. Fatih Akın hat Risiken auf sich genommen und Namen wie Sibel Kekilli oder Birol Ünel besetzt und damit Filmgeschichte geschrieben.

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Credits
Text: Hakan Dağıstanlı
Fotos: Ferhat Topal

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