Mein osmanisches Erbe: Yüzük

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Er ist wie die meisten Ringe: rund. Ein Kreis aus Messing mit einem Durchmesser von etwa zwei Zentimetern. Sein schwarzes, lebloses Gesicht ist rund und dick. Dagegen steht der goldene hauchdünne Reif, nicht größer als vier Millimeter. Er glänzt wie die Schuppen eines Fisches unter Wasser, wenn die Sonne aufgeht. Von vorn angeschaut wirkt er fast hypnotisierend, als ob sein dunkles Gesicht ein antikes Geheimnis birge. Umgedreht ist er weniger stattlich, die Dünne des Metalls zeugt von seiner Geringwertigkeit, der Rand des Bandes ungefähr so scharf wie ein stumpfes Messer. Auf dem Ring befindet sich ein einziger grauer Strich, die Narbe einer Modifizierung der Größe. Er wurde dadurch gebogen, nicht mehr perfekt, sondern ein bisschen bozuk (kaputt).

Er wurde an einem Wintertag 2014 von dem Vater eines sehr guten Freundes im Nordwesten der Provinz Kırklareli entdeckt. Mehr dazu weiß ich nicht. Er lag offensichtlich auf dem Boden und fiel Keman Abi ins Auge. Alle meinten, er sei aus Gold. Als mein Kumpel, Onur, ihn mir zeigte, hatte ich meine Zweifel an der erhofften finanziellen Auszahlung. Aber der Ring, Gold oder nicht, gefiel mir, mir, der sonst nie Schmuck trägt. Und nachdem der Juwelier Onur aus dem Laden spottete – der Ring war ja kein Goldring und hatte dementsprechend keinen finanziellen Wert– fasste ich die Gelegenheit beim Schopfe. Lieber auf meinem Finger als im Müll.

»Ich bin in der Türkei ein yabancı.«

Kurz zu mir: ich bin gebürtiger Amerikaner und zunächst Germanist, der in der Türkei ansässig ist. Noch kürzer zu mir: ich bin in der Türkei ein yabancı (Ausländer). Und im Februar 2014, als der Ring zum ersten Mal seinen zukünftigen Platz auf meinem Mittelfinger nahm – der Ring ist eigentlich zu groß für mich, der Ringfinger kam nicht infrage – war ich nicht nur ein normaler yabancı in der Türkei, sondern auch ein frischer.

Am Anfang war mir immer bewusst, dass er da auf dem Finger steckte. Es war komisch, Schmuck zu tragen. Während meine nationalistisch geneigten Bekannten ihre schönen osmanischen Ringe verglichen, hing meiner am Griff meines Koffers fest und riss bei der Ablösung ein bisschen Haut mit. Er kam mir oft in die Quere, und ich weiss nicht, wie oft er beim Treppensteigen die Farbe des Geländes abkratzte.

Mit der Zeit wurde der Ring, wie die Türkei, zum Bestandteil meines Alltags. Jeden Morgen wurde er auf den Finger gesteckt, jeden Abend am Band meiner Armbanduhr befestigt, damit ich ihn nicht verlor. Obwohl er mir nicht passte, trug ich ihn trotzdem. Der alte, ich vermutete osmanische Ring steckte immer da auf der von ihm grün gefärbten Haut unter dem Fingerknöchel. Wie besessen dreht ich ihn immerzu, es war fast wie Fingernägel abzukauen, der Ring war mein Anti-Stressball, meine Art tesbih (islamische Betperlen) sozusagen. Aus Messing sei er, sagte ein guter Freund, der sich in der Welt der antiken türkischen Ringschwarzmärkte– ja, so was gibt’s! – auskennt.  Ob es stimmt oder nicht, weiß ich nicht. Mir sind solche Details sowieso egal. Von mir aus könnte er aus Stahl sein, so lange er nicht verloren geht.

Anne Berger

Mir ist das gebogene Accessoire immer zu groß, aber ohne geht’s nicht mehr; mein Finger fühlt sich ansonsten nackt an. Er kommt überall mit, egal ob Berliner-Hiphop-Event oder Türkü-Abend in Izmir, pennsylvanische Kneipe oder Arbeit. Inzwischen ist er kein yabancı mehr wie am Anfang -und ich auch nicht. Obwohl das dunkelbraune Haar und meine martı kaşlı (Monobraue) auch eine Rolle spielen, werde ich mittlerweile nicht mehr als Ausländer erkannt, sondern gefragt, warum mein Türkisch ein bisschen bozuk ist. Wie der Ring.

Ihr habt auch eine tolle »Mein osmanisches Erbe« Story die in den deutsch-türkischen Kontext passt? Schreibt sie mir an: roma@renk-magazin.de.

Credits
Text: Matze Kasper
Fotos: Anne Berger

Oder auch spannend. Die letzte Geschichte zu dem Thema: „Mein Osmanisches Erbe“ und was passiert, wenn der Schwiegervater mit Planungszwang aus dem Osten zu besuch in Istanbul ist.

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