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Bühne & Schauspiel

Masel Tov Cocktail

Ein Interview mit Arkadij Khaet

Man nehme für einen Masel Tov Cocktail: 1 Juden, 12 Deutsche, 5cl Erinnerungskultur, 3cl Stereotype, 2 TL Patriotismus, 1 TL Israel, 1 Falafel, 5 Stolpersteine, einen Spritzer Antisemitismus und mache daraus einen Kurzfilm der uns schwer begeistert hat. Masel Tov Cocktail geschrieben von Arkadij Khaet und Merle Teresa Kirchhoff handelt von dem 18-jährigen Dimitrij und einer Bestandsaufnahme des jüdischen Lebens und Daseins in Deutschland.

 

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Wie ist die Idee zu eurem Film Masel Tov Cocktail entstanden?

Die Idee zum Film ist weniger “entstanden”… sie hat sich viel mehr aufgedrängt. All diese Erfahrungen die man macht, wenn man als Jude in Deutschland aufwächst, mussten einfach in ein Drehbuch gegossen werden. Es ging von Anfang an darum, das Gefühl zu kommunizieren, wie es sich anfühlt in Deutschland jüdisch zu sein. Was macht es mit einem, wenn die eigene Anwesenheit in den Köpfen der Deutschen nichts anderes auszulösen scheint als die Bilder der Shoa (A.d.R.: Juden und Jüdinnen in und außerhalb Israels nennen den Holocaust auch „(die) Shoa“). Wie fühlt man sich, wenn das Outing als Jude in einer Gruppe, diese zum Schweigen bringt, weil die Leute nicht wissen, was sie jetzt sagen sollen? Das beispielsweise sind Situationen und Gefühle die schwer zu kommunizieren sind, aber im Medium Film haben wir zum Glück allerlei Werkzeuge um es sichtbar zu machen. Und natürlich wollten wir etwas über die russischsprachige jüdische Community in Deutschland erzählen, in der Arkadij Khaet aufgewachsen ist und die den Großteil der hier lebenden Jüdinnen und Juden ausmacht.

Vorne: Drehbuch & Regie: Arkadij Khaet , hinten: Regie: Mickey Paatzsch

Wie viel persönliche Erfahrungen sind in den Film eingeflossen?

Ohne persönliche Erfahrungen hätten wir das Drehbuch niemals so schreiben können. Arkadij ist selbst jüdisch und ist als Kind mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. Alle Szenen, die im Film auftauchen sind Situationen, in denen sich Jüdinnen und Juden in Deutschlang regelmäßig wiederfinden. Diese Situationen wurden bei Masel Tov Cocktail auf einen Tag verdichtet.

 

Der Film bricht stilistisch mit den Erwartungen, die mit Polit-Filmen verbunden werden. Der Film ist zum Beispiel sehr humorvoll, lässt aber dennoch Statistiken einfließen. Wusstet ihr von Anfang an in welche Richtung Masel Tov Cocktail gehen sollte?

Wir wussten von Anfang an was für eine Art Film dieser Cocktail werden sollte. “Polit-Film” war nie ein Wort das bei der Entwicklung gefallen ist. Wir wollten etwas herstellen was Spaß macht, was ermächtigt, aber gleichzeitig auch eine neue Perspektive eröffnet; irgendwas, was sich nicht nach einem Film anfühlt, den man schaut, wenn ein engagierter Lehrer den Fernsehschrank in die Klasse schiebt. Wir glauben gute Filme sind nicht dazu da, um zu predigen, sondern vielleicht, um zu lachen. Wir haben uns gefragt: “Was für einen Film würden wir selber gerne sehen zu dem Thema?” Wir waren die Filme über Juden leid, die mit einer traurigen Klezmer-Musik (A. d. R.: Jiddische Instrumentalmusik) beginnen und einen gebrochenen Juden seine Geige auspacken lassen. Durch den Humor wird alles etwas zugänglicher. Im Lachen wird das Publikum vereint – das jüdische wie auch das nicht-jüdische. Diese Lachallianz entkrampft uns alle. Wir hatten auch das Gefühl, dass es viel Aufklärungsbedarf gibt. Am Anfang haben wir uns gefragt: Was wissen die Deutschen eigentlich über Jüdinnen und Juden? Die Antwort ist: Nichts. Außer Hitler, Holocaust und Antisemitismus. Man nähert sich der jüdischen Kultur nur über diese Assoziationen, wenn überhaupt. Wer weiß irgendwas über die Migration von ca. 200.000 sowjetischen Jüdinnen und Juden in die Bundesrepublik?

Am Anfang des Projektes stand eine Notizensammlung die wir als Antwort auf die Frage: “Was würden wir der Mehrheitsgesellschaft aus einer jüdischen Perspektive heraus gerne sagen?”, geschrieben haben.

Da wird ihnen keiner was drüber erzählen. In Deutschland denkt man, Jüdinnen und Juden kommen aus Israel, nicht aus der Ukraine oder Russland. Am Anfang des Projektes stand eine Notizensammlung mit Video-Snippets, Statistiken und langen Monologen, die wir als Antwort auf die Frage: “Was würden wir der Mehrheitsgesellschaft aus einer jüdischen Perspektive heraus gerne sagen?”, geschrieben haben. Schon sehr früh stand fest, dass wir unsere Hauptfigur das Publikum direkt ansprechen lassen möchten und auch die Statistiken als Kommentar zu den Monologen auftauchen lassen wollen. Auch damit hinterher niemand sagen kann: “Naja, dass du das erlebt ist schade, aber das heißt nicht, das es allen so geht.” Die Erlebnisse von Dima stehen für die Erfahrungswelt der meisten Jüdinnen und Juden in Deutschland. Den Reflex, den Film auf unsere subjektive Sicht zu reduzieren, können die nüchternen Zahlen und Fakten direkt aushebeln. Und natürlich ist Dimas direkte Ansprache an das Publikum eine Provokation – aber auch eine Aufforderung zur Reaktion.

Was war deine bzw. eure persönliche Lieblingsszene im Film?

Es ist natürlich schwer eine Szene zu bestimmen, so wie eine Mutter nicht sagen kann, welches Kind sie am liebsten hat, aber wenn wir eine benennen müssen, dann ist es die, in der Dima seine Lehrerin Frau Jachthuber im Kaufhof trifft. Frau Jachthuber meint es ja gut mit Dima, trotzdem bringt sie ihn in eine unangenehme Situation. Wir glauben man versteht hier gut, wie bedrückend Philosemitismus sein kann. Für Frau Jachthuber ist Dima immer Jude. Und auch, wenn das für sie vermeintlich etwas positives darstellt, behandelt sie ihn wie ein rohes Ei und schafft es nicht das Thema direkt anzusprechen. Natürlich macht das Dima wütend. Aber der Graben zwischen ihm und seiner Lehrerin ist nicht so groß, wie vielleicht an anderen Stellen im Film. Alexander Wertmann, der den Dima spielt, zeigt hier ganz toll, dass es auch Sympathie zwischen den beiden gibt. Die häufigste Identifikation hat das nicht-jüdische Publikum auch mit dieser Figur. Zuschauer*innen, die den Film gesehen haben, erzählen uns manchmal, dass sie sich in Frau Jachthuber wieder finden. Und das ist natürlich schon bemerkenswert, wenn sich jemand traut, das auch zu sagen.

Es war kein gutes Casting. Alex las die Texte, als ob er auf einer Theaterbühne steht.

Alexander Wertmann, der im Film die Hauptrolle Dima darstellt, schafft es die Zuschauer*innen total in seinen Bann zu ziehen. Wie habt ihr ihn gefunden?

Das Casting des Hauptdarstellers war eine der größten Herausforderungen des Projektes. Uns war von Anfang an klar, dass wir einen jüdischen Hauptdarsteller wollen, da das Buch aus einer subjektiv jüdischen Perspektive geschrieben ist. Also begannen wir mit der Suche – die Auswahl war dementsprechend begrenzt. Wir haben nach jemandem gesucht, der vom Spielalter 18 Jahre alt ist, der Russisch und Deutsch spricht, der jüdisch ist und zu alle dem ein guter Unterhalter; mögen sollte man ihn und… ach ja Spielen muss er natürlich auch gut. Wir begannen Agenturen abzugrasen und nach jüdischen Schauspielern zu suchen. Das ist natürlich eine merkwürdige Anfrage, die wir an die Agenturen gerichtet haben. Wir schauten an den Schauspielschulen, an Theatern und fanden niemanden passendes. Also begannen wir in der muslimischen Community zu suchen, da wir das Gefühl hatten, dass Moslems in Deutschland mit ähnlichen Zuweisungen konfrontiert sind. Als die Zeit knapper wurde ließen wir uns E-Castings zukommen von allerlei talentierten Nicht-Juden und merkten, dass es nicht funktioniert. Wir glaubten den Leuten einfach nicht, wenn Sie in ihren Video-E-Castings spielten, dass sie Juden sind. Und dann kam uns das Schicksal zu Gute. Arkadij ist Stipendiat des Ernst-Ludwig-Ehrlich Studienwerkes, einer jüdischen Begabtenförderwerk mit Stipendiat*innen aus allen Fachrichtungen. Zweimal im Jahr wird ein Newsletter versendet, der über neu- aufgenommene Stipendiat*innen informiert. Es war ungefähr sechs Wochen vor Drehbeginn als er den Namen „Alexander Wertmann – Schauspiel“ las. Also schrieb Arkadij eine Mail, um sich und sein Anliegen vorzustellen. Nach einem Mailverkehr, zwei Telefonaten und einem E-Casting fuhren die Regisseure Mickey und Arkadij nach Berlin, um ein längeres Casting durchzuführen. Was soll man sagen? Es war kein gutes Casting. Alex las die Texte, als ob er auf einer Theaterbühne steht. Er war völlig unerfahren in Film, stand noch nie vor einer Kamera und wusste nicht, dass es hier nicht darum geht den Zuschauer in der letzten Theaterreihe zu erreichen. Aber er verstand das Buch, kannte alle Situationen aus seinem privaten Leben und konnte sofort andocken. Zusätzlich war er sympathisch, hatte die passende Energie und Ausstrahlung. Gerade im Hinblick auf die anfänglichen Schwierigkeiten ist Alex ́ schauspielerische Leistung im Film einfach grandios. Das wichtigste hatte er ja bereits mitgebracht, die übrigen Anforderungen konnte er schnell und präzise umsetzen. Rückblickend hätte es keinen besseren als Alexander Wertmann für uns geben können.

 

Dima trifft im Kaufhof zufällig auf seine Lehrerin Frau Jachthuber.

 

Masel Tov Cocktail spielt im Ruhrpott. Wieso dort?

Das Ruhrgebiet ist ein visuell spannendes und gleichzeitig untererzähltes Motiv. Wir haben uns sattgesehen an Locations wie Berlin und gleichzeitig war es wichtig zu zeigen, dass Juden und Jüdinnen überall in Deutschland leben und nicht nur in Städten mit großen jüdischen Communitys wie Frankfurt. Außerdem sind Merle Kirchhoff (Co-Autorin) und Arkadij beide im Ruhrgebiet aufgewachsen.

Der Protagonist Dima, der eigentlich nur einmal durch die Stadt zu einem Mitschüler laufen will, begegnet an jeder Ecke Antisemitismus in verschiedensten Ausprägungen. Obwohl sich Deutschland, wie auch im Film dargestellt, mit seiner Geschichte zumindest symbolisch auseinandersetzt (Stolpersteine, Denkmal, etc.) ist ja die Leugnung des eigenen Antisemitismus immer noch allgegenwärtig. Inwiefern können Filme wie „Masel Tov Cocktail“ solche Reflektionsprozesse anregen?

Stimmt, Masel Tov Cocktail spricht dieses Problem an. Die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus funktioniert in Deutschland auf institutioneller Ebene. Und das ist ja erstmal nicht schlecht: Symbole der Erinnerung in der Öffentlichkeit und auch Rituale, die staatstragend begangen werden. Aber offensichtlich bewahrt das die Deutschen nicht davor antisemitisch zu sein. Das Land der Vergangenheitsbewältiger und Erinnerungsweltmeister hat 15-20% Menschen mit antisemitischen Ansichten. In der Auseinandersetzung mit Antisemitismus werden Juden und Jüdinnen oft als wertvolle Fremde dargestellt, die man schützen muss, wie vom aussterben bedrohte Tiere. Die Wahrheit ist aber, dass es sich um deutsche Staatsangehörige handelt. Und da muss man sich fragen, was falsch läuft oder was man mehr und besser tun muss, wenn einem über Symbole hinaus daran gelegen ist, dass sich etwas ändert. Masel Tov Cocktail benennt das Problem – und zwar nicht diplomatisch, sondern laut und wütend. Was Masel Tov Cocktail aber nicht anbietet, sind Lösungen. Wir sind keine Pädagogen, sondern Filmemacher*innen. Lösungsansätze müssten dann tatsächlich durch Reflexionsprozesse gefunden werden. Klar, freuen wir uns, wenn das passieren würde. Zu optimistisch sind wir aber nicht. Trotzdem wollten wir die Probleme einmal schonungslos benennen – auch für unser eigenes Seelenheil. Ob es darüber hinaus etwas bewegen kann, können wir nicht beurteilen.

In einem anderen Interview hatte ich gelesen, dass ihr ein relativ begrenztes Budget hattet. Lag das an der Thematik?

Nein, das liegt eher daran, dass studentische Filmproduktionen eigentlich immer niedrig budgetiert sind und man mit viel Kreativität und alternativem Denken an die Produktion rangehen muss. Gleichzeitig ist ein FIlm wie unserer eine produzentische Herausforderung: Viele Drehorte, ein Haufen Schauspieler und ein großes Team, das verpflegt werden muss. Alle arbeiten umsonst, vom Set-Runner bis zum Hauptdarsteller. Trotzdem frisst die Produktion viel Geld. Für einen Studentenfilm war der Film gut budgetiert. Das liegt daran, dass es in Deutschland natürlich ein Interesse gibt an Filmen über Jüdinnen und Juden.

 

 

Das Team hinter der Produktion

 

Wie schaut ihr als junge Filmemacher*innen auf die aktuelle deutsche Filmlandschaft? Gibt es etwas, was ihr selbst in der Zukunft öfter sehen wollt?

Für die Zukunft wünschen wir uns weniger Klezmer, mehr Hip Hop und einen Masel Tov Cocktail zum anstoßen.

Der Film ist noch bis zum 05.04.2021 in der ard-Mediathek, sowie bis zum 14.05.2021 auf arte im Stream zu sehen. Cheers und le‘ chaim!

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