In Erinnerung an Uğur Mumcu

Journalist, Schriftsteller
, Denker und Vertreter der Meinungsfreiheit

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„Unutmayalım ki cesur bir kez, korkak bin kez ölür. Önemli olan, insanın böyle bir toplumda mezar taşı gibi susmamasıdır!“ (dt. „Man sollte Folgendes nicht vergessen – der Mutige stirbt einmal, der Feigling eintausend Mal. Das wichtigste ist, dass der Mensch in solch einer Gesellschaft nicht wie ein Grab schweigt!“). Der türkische Journalist und Schriftsteller Uğur Mumcu trug mit seinen Schriften zum Wertefundament des kritischen Denkens und der Meinungsfreiheit in der Türkei bei. Er gilt als der große Aufklärer im Journalismus; seine fundierten innenpolitischen Berichterstattungen sowie Bücher sind heute noch wirksam und aktuell. Er porträtierte die Türkei als ein großes Minenfeld, wo bei jedem Schritt große Vorsicht geboten war. Dementsprechend lebte er selbst auf gefährlichem Fuß und bezahlte sein Streben nach einer aufgeklärten und mündigen türkischen Gesellschaft schließlich mit seinem Leben. Doch wer war dieser Mann? Warum erinnert man sich kaum an ihn? Was war sein Wirken?

Für viele Leser*innen verkörperte er kostbare Werte, wie den Mut zu haben, über schwierige und konflikthafte gesellschaftspolitische Themen zu schreiben, bestehende ideologische Vorurteile abzubauen, immer nach der Wahrheit zu suchen und diese als Prinzip zu verfolgen. Er war ein großes Vorbild der intellektuellen und belesenen Schicht und hatte einen enormen Bekanntheitsgrad in den türkischen Großstädten. Sein aufklärerischer Charakter drückte sich im fundierten Recherchieren und kritischen Schreiben aus. Der politisch verfolgte und derzeit im deutschen Exil lebende türkische Journalist Can Dündar bezeichnet ihn als den mutigsten investigativen Journalisten der Türkei.

Das Leben des kritischen Denkers und Aufklärers

Uğur Mumcu kam am 22. August 1942 in Kırşehir (Zentralanatolien) als drittes von vier Kindern zur Welt. Sein Vater war ein Beamter beim Katasteramt und wegen seiner Berufstätigkeit zog die Familie nach Ankara. 1961 studierte Mumcu in der türkischen Hauptstadt Rechtswissenschaften. Schon während seiner Studienzeit unternahm er erste journalistische Schreibversuche und schrieb über diverse innen- und gesellschaftspolitische Themen. Hierfür lieferte ihm u.a. der Militärputsch vom 27. Mai 1960 in der Türkei genügend Schreibstoff, da dieses Ereignis das Land politisch und gesellschaftlich tiefgreifend prägte. Es war der erste Staatsstreich seit Gründung der türkischen Republik, der infolge eines bürgerrechtlichen Widerstands gegen die zunehmend autoritärer werdende Regierung unter Adnan Menderes und seiner Forderung zu einer Rückkehr zum islamischen Staat ausgeübt wurde.

Uğur Mumcus erste Schriftstücke verschafften ihm die erhoffte Resonanz, und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. So gewann er bereits im Jahre 1962 mit einem Artikel über den türkischen Sozialismus seinen ersten Journalistenpreis. 1965 absolvierte er sein Jurastudium und übte in erster Linie den Beruf des Journalisten aus. Zwischen 1965 und 1967 war er bei der türkischen Politik-Zeitschrift Yön Dergisi und Kim Dergisi (beide links und kemalistisch orientiert) sowie der einstig linken Oppositionstageszeitung Akşam als Journalist tätig. Im darauffolgenden Jahr ging er nach England, um Fremdsprachen zu lernen. 1969 kehrte Uğur Mumcu in die Türkei zurück und arbeitete bis 1972 als Assistent an der juristischen Fakultät der Universität Ankara. Zeitgleich setzte er seine journalistische Tätigkeit bei verschiedenen Zeitungen wie Milliyet (damals Mitte-links orientiert) und Cumhuriyet sowie bei den Zeitschriften Ant Dergisi und Devrim Dergisi (beide links-sozialistisch orientiert) fort.

Anfang der 1970er gab es wieder innenpolitische Krisen und zivilgesellschaftliche Unruhen in der Türkei, die Uğur Mumcu dazu veranlassten, die Geschehnisse journalistisch und schriftstellerisch aufzuarbeiten. Im März 1971 putschte das türkische Militär erneut. Die militärische Intervention war eine Reaktion auf abermals initiierte und gescheiterte Umsturzversuche einer linksgerichteten Junta aus Militärs und Zivilist*innen. Diese forderten die Errichtung eines revolutionären Einparteiensystems, die Verstaatlichung von Industrien sowie die Loslösung der Türkei aus dem westlichen Bündnis. Durch den Putsch des militärischen Oberkommandos wurde ein Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Süleyman Demirel erzwungen und das Parlament gedrängt, eine technokratische Regierung einzusetzen.

Uğur Mumcu hatte während seines Wehrdienstes mit einem kritischen Artikel über die türkische Armee einen Skandal ausgelöst, sodass man ihn wegen Verunglimpfung zu 7 Jahren Haft verurteilte. Nach einem Jahr Untersuchungshaft entkam er dieser Anklage knapp und setzte seine Wehrpflicht fort. Nach seinem Wehrdienst setzte er 1974 seine Arbeit als Journalist und Kolumnist bei der linken Tageszeitung Yeni Ortam fort. 1975 wechselte er zur Zeitung Cumhuriyet und veröffentlichte sein erstes Buch mit dem Titel “Suçlular ve Güçlüler“ (dt. Die Schuldigen und die Mächtigen). Darin beschreibt Mumcu das türkische Rechtssystem, das durch den Machtmissbrauch eines fundamentalistischen sowie diktatorischen Regimes ausgehöhlt würde und gegen das Gerechtigkeitsprinzip einer Gesellschaft verstieße. Bei seinen fundierten Recherchen zu diesem Buch stieß er auf religiöse Bewegungen mit politischen Strukturen in der Türkei, die den Rechtsstaat entmachten und den Laizismus abschaffen wollten. Mumcu zufolge würden diese immer größeren Einfluss innerhalb der Gesellschaft und in der Politik gewinnen, sodass er mit seinem Werk an das türkische Volk appellieren wollte, damit es aufwacht und sich gegen diese rechtsstaatliche Gefahr stellt.

Wenn gesellschaftspolitische Krisen sich zuspitzen und journalistische Vorhersagen sich bestätigen…

Im September 1980 wurde Uğur Mumcu nochmals Zeitzeuge eines dritten Militärputsches in der Türkei. Dabei kam es zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen ultralinken und rechtsgerichteten Gruppierungen, die die Türkei an den Rand eines Bürgerkriegs brachten. Die politische Regierung erwies sich als unfähig, die eskalierende Gewalt zu kontrollieren und rechtfertige damit die dritte Militärintervention. All diese innenpolitischen Unruhen und zivilgesellschaftlichen Krisen brachten Mumcu dazu, über die schwierigen, hochkomplexen und bis heute ungelösten Konfliktthemen der Türkei zu schreiben. Bei seinen  Recherchen stieß er auf die Korruptionsfälle bei staatlichen Institutionen, den Waffenschmuggel an radikale religiöse Gruppen, den wiederaufkommenden Islamismus und die tatsächlichen Gründe der ungelösten Kurdenfrage in der Türkei. Über letzteres fing er 1992/93 an Nachforschungen zu machen und in seinem unvollendeten Buch “Kürt Dosyasi“ (dt. Das Kurdendossier) darüber zu berichten. Kurz darauf wurde Mumcu am 24. Januar 1993 Opfer eines Bombenattentates und kam dabei ums Leben. Sein Mord wurde bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Zu seinem Gedenken gründete seine Familie 1994 die Uğur Mumcu Stiftung für investigativen Journalismus.

Seine Ermordung löste in weiten Teilen der Bevölkerung und vor allem in den Großstädten eine tiefgreifende Sympathie-Welle, Empörung gegen die Mörder und ihre Drahtzieher sowie Wut gegen den Staat aus. Der Anschlag an Uğur Mumcu bewegte viele Menschen in der Türkei und mündete in ein breites Volksbegehren, das Druck auf die Regierung und den Staat ausübte. Dabei kam zum ersten Mal ihr Verlangen nach demokratischen Verhältnissen und der Wunsch nach einer Einheit im linken und rechtsliberalen Spektrum zur Sprache, die im Zuge des Militärputschs von 1980 durch staatliche Maßnahmen und außenpolitische Einwirkungen im Keim erstickt wurden. Ziel der Uğur-Mumcu-Bewegung war und ist es heute noch, die Rückkehr in osmanische Verhältnisse und die zunehmende Verquickung von Regierungs- und Staatsgeschäften mit den fundamentalistischen Kräften sowie die immer stärker sichtbar werdende Abkehr von den laizistischen Prinzipien zu unterbinden.

Warum Uğur Mumcu heute mehr denn je relevant ist und nicht in Vergessenheit geraten sollte…

Der kritische Denker Uğur Mumcu war einer der beliebtesten und mutigsten Journalisten der Türkei. Er schrieb viele Jahre für die linksliberale Zeitung Cumhuriyet und berichtete über viele umstrittene Themen der türkischen Tagespolitik – von Mafiastrukturen in Wirtschaft und Staat, über spekulative und riskante Geschäfte auf dem Aktien- und Immobilienmarkt, den Waffen- und Drogenhandel, das Papst-Attentat, über terroristische Organisationen und schließlich bis hin zu fundamentalistischen Aktivitäten zur Gründung eines islamischen Gegenstaates. Er hat versucht, die illegalen und geheimen Aktivitäten des türkischen Staates offenzulegen, um eine gerechte, mündige sowie aufgeklärte Gesellschaft zu schaffen. So war es auch leider nicht verwunderlich, dass Mumcu bedroht wurde. Auch wenn er persönliche Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatte und unter Polizeischutz stand, konnte ein Attentat auf ihn nicht verhindert werden. Uğur Mumcu bezeichnete sich selbst als Demokrat, Menschenrechtler und Kemalist. Besonderen Wert legte er auf die laizistischen Elemente der Reformbestrebungen der jungen türkischen Republik, denn diese schienen ihm am stärksten bedroht zu sein.

Erwähnenswert ist auch, dass zu Ehren von Uğur Mumcu die türkisch-deutsche Exil-Zeitung Özgürüz (dt. Wir sind frei) unter Leitung von Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet, am 24. Januar 2017 online ging. Die digitale Exilzeitung für türkische Themen wurde durch Spenden und Stiftungsgelder finanziert und verfolgt das Ziel, den in der Türkei bedrohten investigativen Journalismus wiederzubeleben.

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