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Gesellschaft & Geschichten

Identity Crisis Reloaded

Ein Leben zwischen Selbstverortung und Anpassung

Wie einen Text beginnen, der stellvertretend für die Konflikte von Generationen von Menschen steht, die sich immer wieder (neu er-)finden müssen? Oder besser, warum schon wieder ein Text über Identität, Krise und Selbstzweifel? Es klingt wie nach einem von diesen schlechten Klopf, Klopf-Witzen, die eigentlich nur nerven und bei denen migrantisierte Personen schon längst wissen, wer auf der anderen Seite der Tür steht.

Klopf, Klopf…
“Wer da?“.
„Ich bin´s. Deine Identitätskrise.“
„Damn, nicht schon wieder…“

Vorab muss noch erwähnt werden, dass es sich hierbei um meine Identitätskrise handelt. Bei Fragen oder Nebenwirkungen fragen Sie Ihre engsten BI_PoC oder migrantische Freunde zum Austausch und gegenseitigen Support. Jetzt zum Text.

Von Identitätskrisen und Anderem

Hätte mich noch vor wenigen Monaten jemand gefragt, wohin ich mich zugehörig fühle und was ich über Kategorien wie „deutsch“, „türkisch“, „alevitisch“ oder „kurdisch“ denke, hätte ich wahrscheinlich selbstbewusst einen Aufklärungsmonolog mit anschließender PowerPoint-Präsentation gehalten. Das hat sich geändert. Ich stecke wieder in einer dieser Identitätskrisen fest.

Nicht, dass ich mir diese Zweifel ausgesucht hätte oder es von einem Tag auf den anderen geschehen wäre, trotzdem drängen sich mir seit einiger Zeit wieder intensiv Fragen auf, die ich zuvor für bereits beantwortet oder irrelevant gehalten hatte.

Per se sind Identitätskrisen nichts Außergewöhnliches. Im Laufe des Lebens sollten eigentlich fast alle Menschen solche durchlebt haben, spätestens in der Pubertät, in der die Sinn- und Identitätsfrage individuell gelöst werden muss. Doch gibt es auch Menschen, die ihr Leben lang latent mit diesen Fragen oder Selbstzweifeln konfrontiert werden. Diese Irritationen in der Identitätsentwicklung finden durchgehend statt, mal mehr, mal weniger spürbar. Dabei können die Irritationen verschiedene Gründe haben und lassen sich in drei Gruppen einteilen.

© Andrew Stripes

Das flexible Selbst

Irritationen, die von außen verursacht werden, von innen kommen oder auch beides zugleich (Worst-Case-Szenario). Anlass für Irritationen von außen sind zum Beispiel: Die Person sieht nicht so aus, wie sie heißt. Oder: Der Mensch wird in seinem Verhalten gesellschaftlichen Ansprüchen oder Erwartungen nicht gerecht. Oder: Es gibt eine „stillschweigende Norm“, von der die Person abweicht, um nur einige Fälle zu nennen. Irritationen von innen hingegen gehen meistens mit einer Persönlichkeitsentwicklung bzw. dem Älter werden einher, oder auch mit dem Start in ein neues Lebenskapitel.

Beide Gründe haben eine Neujustierung des Selbst zur Folge, die von einer verstärkten Reflexion über Identität und Selbstverortung begleitet wird. Es findet ein Perspektivwechsel statt. In welche Richtung und mit welcher Intensität dieser Veränderungsprozess stattfindet, ist vorab meistens nicht zu bestimmen. Im schlimmsten Fall gibt es keinen Perspektivwechsel und es kommt zur Resignation. Für die meisten jungen türkisch-deutschen Erwachsenen bedeutet das dann: Zurück in die Türkei.

Back to the Future?

Meine Eltern haben mir erst kürzlich mitgeteilt, dass sie in einigen Jahren auch wieder komplett in die Türkei zurückkehren wollen. Haben sie resigniert? Nein, sie hatten nämlich nie den Anspruch, „Deutsche“ zu werden und haben bis heute eine klare Verbundenheit zur türkischen Gesellschaft und Kultur. Unserer (jungen) Generation fehlt es womöglich häufig auch nicht an dieser Verbundenheit zur Türkei, aber sie gilt meistens zusätzlich auch der deutschen Gesellschaft, in der wir geboren oder zumindest aufgewachsen sind.

© Andrew Stripes

Das ist nun die Stelle, an der die meisten „Identitätskrisen-Texte“ zu der Erkenntnis kommen, dass wir mehr seien als „türkisch“ oder „deutsch“ und das Beste aus Beidem verbinden sollten oder gar „an erster Stelle Mensch“ seien.

Die romantisierende Vorstellung von hybriden Identitäten, die nach dem Motto „Mach das Beste aus der Situation“ leben, verklärt die Tatsache, dass Migration vor allem eins bedeutet: Konfliktbewältigung.

Konflikte und deren Bewältigung haben nicht nur unsere Gastarbeiter-Großeltern erlebt, sondern sie sind in gewandelter Form, zum Beispiel als Identitätskrisen, an uns weitervererbt worden.

Was hat das alles mit mir zu tun? Alles, wenn du die vorausgegangenen Bedingungen, wie die familiäre Migrationsbiografie, den sozial-kulturellen Impact, den Lebensstil, die Religion und all die Verwobenheit anerkennst und für dich annimmst. Und nichts, wenn du sie für dich nicht anerkennst und annimmst.

„Per se sind Identitätskrisen nichts Außergewöhnliches.“

Meine Story

Mein Name ist Tahir. Ich bin 26. Ich studiere Geisteswissenschaften. Ich komme aus einer türkisch-kurdisch alevitischen Familie und gehöre damit zu einer Minderheit in der Türkei, und erst recht in Deutschland. Ich bin der erste aus der Family, der in Deutschland studiert, meine Eltern gehen klassischen Arbeiter*innenjobs nach. Seit Neuestem beginne ich zu erahnen, was dieser „Rucksack“, den alle Migrant*innenkinder mit sich tragen, noch alles bedeuten kann.

Neben meiner Rolle als Sohn, Bruder, WG-Mitbewohner, Student, Alevite, Sazspieler, Türke, Kurde, Alman…etc. stellt sich mir die Frage, wie viel Platz diese Rollen in meinem Leben einnehmen und in welchem Maße sie in Zukunft weiter bestehen sollen. Es geht mir also nicht um die Frage nach dem Was-von-all-dem, sondern eher um das Wie-viel-von-all-dem. Es ist die Frage danach, welche Rolle nicht nur im Hintergrund, sondern auch im Vordergrund stehen soll. Als was ich mich selbst identifizieren und als was ich identifiziert werden will, hängt viel von meiner eigenen Priorität ab. Diese ist subjektiv und variiert teilweise im Laufe des Lebens.

© Andrew Stripes

Assimiliation

Wenn wir ehrlich sind, ist sozialer Aufstieg und Akademisierung für migrantische Menschen immer mit einer gewissen Form von Assimilation verbunden. Wir adaptieren sowohl bewusst als auch unbewusst Wahrnehmungen und Verhaltensweisen, die typisch sind für die sozialen Landschaften, in denen wir uns am meisten bewegen. Das bedeutet eigentlich nichts anderes als: Je höher wir die Karriereleiter in Deutschland erklimmen, desto kartoffeliger werden wir und umso größer wird die Distanz zu unserer sozialen Herkunft und Community.

Im Umkehrschluss benötigt eine entsprechende Priorisierung eine aktive Entscheidung zum Erhalt und zur Pflege der eigenen, in meinem Fall alevitischen, kurdisch-türkischen Wert- und Sinnvorstellungen.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass ich bisher nur Alman-Freundinnen hatte, mit denen ich in Beziehungen war. Vieles aus meinem alltäglichen Leben konnte ich mit ihnen teilen, aber sehr vieles eben auch nicht. In Bezug auf meine alevitische Kultur oder meine türkisch-kurdische Herkunft war es einseitig. Ich erzählte und sie hörten zu. Es kam nichts zurück.

Im Nachhinein betrachtet, denke ich, ein großer Bereich meiner Identität besteht nun mal aus diesen Teilen und kann unter der genannten Konstellation keine Resonanz erfahren. Die Frage ist, wie sehr wünsche ich mir diese Resonanz in einer Beziehung, und sei es nur die Vertrautheit, miteinander in der anderen Muttersprache zu reden? Wie kann ich diesem kulturellen Erbe oder Rucksack gerecht werden? Habe ich vielleicht gar eine Verpflichtung dazu? Nein, das sehr wahrscheinlich nicht, doch jetzt wird es spannend.

© Andrew Stripes

Kein Fazit

Als Teil einer Minderheit, die in der Türkei bis heute vielfach diskriminiert wird, genieße ich in Deutschland relative Freiheiten, die die Migrationsbewegung trotz all der Konflikte mit sich gebracht hat. Doch nicht die Freiheit, die eigene soziokulturelle Herkunft vergessen zu dürfen. Ich möchte hier kein Plädoyer für rückschrittlich patriarchale Gedanken halten. Es geht mir viel mehr um dieses Spannungsverhältnis zwischen Nicht-Vergessen bzw. Praktizieren und dem Dazulernen.

Migrant*innen neigen dazu, ihre Werte und Lebensstile im „neuen“ Ankunftsland zu konservieren, so dass sie sogar konservativer als die Menschen aus ihrem eigenen Herkunftsland werden können. Darum geht es mir nicht. Es geht mir um die Verantwortung, die wir gegenüber unseren Eltern und den Generationen zuvor haben und den aktiven Erhalt einer Kultur, die uns an den Punkt gebracht hat, wo jede*r Einzelne von uns heute steht. Diese Selbstverständlichkeit anzuerkennen und ihr Respekt zu erweisen, ist gerade ein wichtiger Teil für meinen eigenen Aushandlungsprozess.

Es geht mir um die Verantwortung, die wir gegenüber unseren Eltern und den Generationen zuvor haben und den aktiven Erhalt einer Kultur, die uns an den Punkt gebracht hat, wo jede*r Einzelne von uns heute steht.

 

Bilder: Shutterstock/Andrew Stripes

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