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Gesellschaft & Geschichten

Heldinnen – Teil 5

Frauen, die man kennen muss

Wieder einmal präsentieren wir euch drei Frauen, die uns mit ihrem Engagement inspirieren und Geschichte machten. Von Halet Çambel, die es nicht nur schaffte, Tafeln mit hethitischer Aufschrift zu entziffern, sondern auch als Fechterin für die Türkei zu den Olympischen Spielen reiste, über Semiha Es, die für die türkischen Medien die Kriege in Korea und Vietnam fotografierte, bis hin zu Türkan Saylan, eine Ärztin und Professorin, die Initiativen für benachteiligte Menschen gründete. Alle drei überschritten damit Grenzen ihrer Zeit.

Halet Çambel – eine Archäologin, die uns vergangenen Zivilisationen näherbrachte

Heute gilt Halet Çambel als eine der bedeutendsten Archäolog*innen der Türkei und eine der wichtigsten Expert*innen um Hethitologie, der Studie eines prähistorischen anatolischen Volkes. Tatsächlich geht sie auch mit einem ganz anderen unerwarteten Erfolg in die Geschichte ein: sie war eine der ersten türkischen Teilnehmerinnen bei den Olympischen Spielen.

Einen Handschlag mit Hitler lehnte sie ab

Halet Çambel wurde 1916 als Enkelin Ibrahim Hakkı Paschas, dem osmanischen Botschafter zu Deutschland, in Berlin geboren. Ihr Vater Hasan Cemil Çambel war Militär-Attaché und enger Freund Atatürks, und Halet wuchs in einem liberalen Haushalt auf. Ihre Erkrankung an Hepatitis und Typhus im Kindesalter machte ihren Eltern große Sorgen und das junge Mädchen beschloss Sport zu treiben, um sich zu stärken. Inspiriert von den Rittern aus der deutschen Kinderliteratur begann sie zu fechten. Als Halet acht Jahre alt war, kehrte ihre Familie mit ihr in die Türkei zurück. Sie besuchte das amerikanische Mädchen-College in Istanbul-Arnavutköy (heute Robert College). Im Alter von 20 Jahren nahm sie 1936 als Fechterin für die Türkei an den Olympischen Spielen in Deutschland teil. Mit ihrer Partnerin Suat Fetgeri Aşeni wurde sie kurzfristig nach Berlin geschickt. Zwar schafften beide es nicht, Medaillen zu gewinnen, dennoch verdienen sie weltweite Anerkennung: zum einen als die zwei ersten türkischen und muslimischen Teilnehmerinnen bei den Wettkämpfen, zum anderen für ihren Widerstand gegen Hitlers Regime.

So lehnten die beiden Athletinnen mutig ab, als man sie bat, Hitlers Hand zu schütteln. In einem Interview mit der BBC erzählte Halet Çambel, dass sie gar nicht erst das Land habe betreten wollen, jedoch die Aufforderung des türkischen Staates nicht abweisen konnte. Bei den wohl kontroversesten Olympischen Spielen in der Geschichte des Events hatte Atatürk der Welt das Bild einer modernen Republik signalisieren wollen. Erstmals waren auch weibliche Sportlerinnen zur Teilnahme ermutigt worden.

Die Kunst, jahrtausendalte Geheimnisse zu Tage zu bringen

Bevor sie an den Olympischen Spielen teilnahm, hatte Çambel ein staatliches Stipendium aus Frankreich erhalten. An der Sorbonne-Universität in Paris studierte sie Archäologie und die Hethitischen, Assyrischen und Hebräischen Sprachen. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs brach sie ihre Doktorarbeit ab und kehrte in die Türkei zurück, welche am Krieg nicht beteiligt war. An der Istanbul-Universität arbeitete ab 1940 sie als wissenschaftliche Assistentin, später folgten ihre Promotion und Professur.

In den späten 40ern machte sie eine Entdeckung, die den Wendepunkt ihrer Karriere und der türkischen Archäologie darstellen sollte. Auf Hinweis eines örtlichen Schäfers barg sie mit einem Kollegen die neo-hethitische Festung von Karatepe-Arslantaş in der Provinz Osmaniye. Hier in den Taurus-Bergen fanden sie verborgene Schätze eines Königreichs des 8. Jahrhunderts v. Chr. Jedes Jahr verbrachte Çambel sechs Monate dort. Da die Gegend jedoch von dichtem Wald überzogen ist und es in den 1950ern noch keine Wege gab, konnte die Ausgrabungsstätte nur durch mühsame Pferderitte erreicht werden.

Engagement für Kultur und Tourismus

Çambel widmete fast ihr ganzes Leben diesem Ort und schloss Freundschaft mit den örtlichen Stämmen. Aus Mangel an Schulen, unterrichtete sie Kinder in den umgebenden Dörfern und förderte außerdem die Herstellung alter Kunsthandwerke. Sie leitete eine Vielzahl an Forschungen zu neolithischen Siedlungen in Südostanatolien und leistete einen entscheidenden Beitrag zur Entzifferung der hethitischen Hieroglyphen. In Karatepe förderte sie die Entstehung des ersten Freilichtmuseums der Türkei und eines Nationalparks. Mit ihrem Mann zusammen wirkte sie persönlich an der Konstruktion der Stätte sowie Schulen in der Umgebung.

Çambel setzte sich auch dafür ein, dass in Südanatolien andere wichtige Kulturstätten erforscht und beschützt wurden. Sie engagierte sich in der Städte- und Tourismusplanung, sodass beispielsweise Orte entlang der Küste Adanas an das Verkehrsnetz angebunden wurden.

„Ich habe diese Arbeit vor über fünfzig Jahren begonnen und werde nicht aufhören, bevor ich hier fertig bin.“

Die Archäologin spielte eine große Rolle im Ausbau der türkischen Archäologie und der Erforschung kultureller Schätze im Südosten Anatoliens. Sie baute das TÜBITAK Archäometrie-Institut mit auf und teilte ihr Wissen mit vielen jungen Archäolog*innen. Ihre Arbeit in Karatepe führte sie auch nach ihrer Pension fort und wirkte bis zu ihrem Tod im Alter von 97 Jahren an diesem Ort sowie am Schutz kultureller Artefakte in der Türkei mit. Nicht zuletzt war sie auch eine Trailblazerin für muslimische Athletinnen und ein Symbol politischen Widerstandes.

Semiha Es – eine, die hinauszog, um die Tragödien des Krieges menschlich zu machen

Ihr Leben umspannt ein ganzes Jahrhundert und große Teile der Welt: Semiha Es gilt als erste bekannte Fotojournalistin der Türkei und dokumentierte wichtige geschichtliche Ereignisse für die türkischen Medien. In mehr als 70 Jahren sah sie und machte sichtbar, was sich andere nicht einmal vorstellen konnten.

Unterwegs für Hürriyet

1912 wurde Semiha Es in Istanbul in eine mittelständische Familie hineingeboren. Bereits im Alter von 15 Jahren begann sie, als Beamtin in einer Telefonzentrale zu arbeiten, um ihre Familie finanziell zu unterstützen. Weil sie dafür eigentlich zu jung war, benutzte sie den Ausweis ihrer älteren Schwester. Als sie von einem Schönheitswettbewerb erfuhr, beschloss sie teilzunehmen, wurde jedoch aufgrund ihres jungen Alters nicht zugelassen. Hier lernte sie Hikmet Feridun Es kennen. Die beiden verliebten sich auf den ersten Blick und heirateten schon nach kurzer Zeit.

Als Auslandskorrespondent für die Zeitung Hürriyet war ihr Mann viel unterwegs. Damit die beiden nicht länger voneinander getrennt leben mussten, lernte Semiha das Handwerk der Fotografie und begleitete ihn bei vielen seiner Aufträge. Gemeinsam dokumentierten den Vietnamkrieg, die Tutsi-Massaker in Rwanda und schließlich den Koreakrieg.

1950 wurde das Paar von Hürriyet beauftragt, die Ereignisse im Koreakrieg für die türkischen Medien festzuhalten. Hier erlebten sie Unvergessliches: In Militärkleidung gingen sie mit an die Front, reisten in Bomben-Transportern und gerieten öfter unter Beschuss. Der Krieg hinterließ bei Semiha bedrückende Erinnerungen:

„Zu sehen, wie die Zivilbevölkerung in einem politischen Interessenkonflikt gefangen bleibt und leidet, war eine schwierige und schmerzliche Erfahrung.“

Sie dokumentierte die menschlichen Tragödien des Krieges

Zu Einladungen in den Botschaften erschien die Fotografin in Militärhosen, während andere Frauen sich schick machten. In gleich zwei von Männern dominierten Bereichen – dem Militär und dem Journalismus – bewies sie Eigensinn und Ausdauer. Ein Großteil ihrer Fotos aus den Korea- und Vietnamkriegen wurden jedoch niemals veröffentlicht, da man den Leser*innen das Leid und Entsetzen der Kriege nicht zumuten wollte.

Die Journalistin hielt mit ihren Fotos das Trauma der Kriege insbesondere im Leben von Kindern und Frauen fest und über mehrere Jahre waren ihre Bilder für die türkische Gesellschaft nahezu der einzige Zugang zu weltweiten Ereignissen. Die Kriegsreportagen, die Semiha Es mit ihrem Mann fertigstellte, waren auch entscheidend für das Wachstum der erst 1948 gegründeten Zeitung Hürriyet zu einem großen, bedeutenden Blatt und etablierten die Wichtigkeit der investigativen Berichterstattung in der Türkei.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, Angst vor dem Tod gehabt zu haben, als um uns herum die Kugeln flogen.“

Obwohl sie die Fotos zu den meisten Berichten ihres Mannes machte, verblieb Semiha Es während ihrer gesamten Karriere in seinem Schatten. Selten wurden ihre Werke ihrem Namen zugeschrieben. Mit der Erkrankung ihres Mannes widmete sich Semiha seiner Pflege und hörte auf zu fotografieren. Nachdem ihr Partner 1992 verstarb, führte Semiha Es bis zu ihrem Tod 2012 mit 100 Jahren ein einsames Leben.

Es waren ihre Fotos, die türkischen Zeitungsleser*innen die Welt näherbrachten – von Völkern Afrikas und Ozeaniens zu den Kriegen in Korea und Vietnam. Auch wenn Es‘ Arbeit nicht umfassend dokumentiert ist, unterstreicht sie die Rolle der Fotografie in der Hinterfragung dominanter politischer Narrativen. Territorialstreit und ideologische Polaritäten von totalitärem Sozialismus und liberaler Demokratie dominierten den Diskurs des Koreakriegs. Die Fotos aus dieser Zeit zeigen aber, dass Kriege über abstrakte Konzepte hinaus, Konsequenzen für alle Beteiligten haben und dass gegnerische Zivilbevölkerungen in ihrem Leid und ihrer Menschlichkeit vereint sind. Fotojournalismus und insbesondere Kriegsfotografie haben nicht nur die Kraft, Geschehnissen Aufmerksamkeit und Wirkungskraft zu geben, sondern auch Menschen über Grenzen hinweg zu verbinden.

Türkan Saylan – stark sein für die Schwachen

Die Medizinerin Türkan Saylan setzte sich in ihrem Leben für viele Menschen ein, die zu schwach waren, um sich selbst zu helfen. Sie versuchte, die Welt mit ihrem Engagement wenigstens ein bisschen besser zu machen. Das ist ihr auch geglückt.

Türkan Saylan wurde am 13. Dezember 1935 in Istanbul geboren und starb dort am 18. Mai 2009 in Folge einer Krebserkrankung. Sie war Ärztin und Professorin, mit einer Ausbildung, die sowohl in der Türkei als auch in England und Frankreich stattfand, denn dort studierte und arbeitete sie in den 1970er Jahren.

Vorreiterin im Kampf gegen den Schrecken

Lepra Bereits während Saylans Medizinstudium in den 1950er Jahren widmete sie sich den aus der Gesellschaft ausgestoßenen Leprakranken und gründete einen Verein zum Kampf gegen Lepra. In den 1970er Jahren eröffnete sie die erste moderne Spezialklinik für Leprakranke in Istanbul. Für die Weltgesundheitsorganisation war sie bis 2006 als Beraterin für Lepra tätig.

Darüber hinaus war sie eine der Hauptinitiant*innen der großen „Demonstrationen für die Republik“, die 2007 in Ankara, Istanbul und Izmir stattfanden. Am 13. April 2009, also etwa einen Monat vor ihrem Tod wurde Saylans Haus im Rahmen der Ergenekon-Ermittlungen durchsucht und die Schwerkranke kurzzeitig festgenommen, was großes Aufsehen erregte.

„Schon mein ganzes Leben bin ich bereit gewesen, von Null auf anzufangen. Wenn man mir eines Tages das Diplom abnimmt, würde ich mir ein neues holen.“

„Frauen für Frauen“

Saylan rief auch die landesweit arbeitende Bürgerinitiative „Çağdaş Yaşamı Destekleme Derneği” (dt. Verein zur Förderung der zeitgemäßen Lebensweise) nach dem Motto „Frauen für Frauen“ ins Leben. Der Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Unterstützung und Förderung von Mädchen aus ärmeren Regionen und Schichten. Damit verschaffte Saylans Initiative den Mädchen, die ansonsten wenig Chancen auf Bildung gehabt hätten, die Grundlage einer schulischen Ausbildung, des Abiturs und für einige sogar des Universitätsstudiums. Auch Kurse für Frauen zum Schreibenlernen, zur Familienplanung und zur Berufsausbildung stehen dort auf dem Plan. Viele der Geförderten bereichern heute ihre Dörfer mit ihrer Arbeit als Krankenschwestern oder Lehrerinnen. Mit ihren Angeboten für Frauen weckte Saylan vor allem ihr Selbstbewusstsein, sie motivierte und zeichnete Wege aus dem Elend vor.

Als sie davon erfuhr, dass die Krebserkrankung, mit der sie seit Jahren rang, sich auf ihre Leber ausgeweitet hatte, sagte Saylan:

„Der Tod kommt mir nicht einmal in den Sinn. Ich habe noch viel zu tun.“

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