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Gesellschaft & Geschichten

Gute*r Migrant*in, schlechte*r Migrant*in

Die Doppelmoral der Integration

Welche Sprache ist eigentlich die beste der Welt? Nein, nicht die schönste – die beste. Sie wissen es nicht? Ich auch nicht. Doch lange Zeit glaubte ich zu wissen, welche in Deutschland ganz oben und welche ganz unten rangiert. Als Deutsche mit türkischer Migrationserfahrung musste ich mir von der Grundschule bis zum Gymnasium immer wieder die Meckereien einiger Mitschüler und Lehrer anhören, die von mir und meinen Freundinnen verlangten, kein Türkisch in der Schule zu sprechen. Dass wir das nur in den Pausen oder auf dem Schulhof machten, wenn wir unter uns waren, und dass wir im Unterricht ausschließlich Deutsch sprachen, war ihnen egal. Fremde Wörter, die sie nicht kannten, und Unterhaltungen, die sie nicht verstanden, störten sie. Ich passte mich so weit an, dass ich damit aufhörte, in der Schule Türkisch zu sprechen.

Dazugekommen, um zu bleiben

Mit der Zeit verstand ich, dass mich nicht die ordentlich verpackten Pausenbrote, nicht die gemeinsame Goethe- Lektüre und auch nicht das Mitfiebern für die deutsche Nationalmannschaft zur Deutschen machen würden, sondern das Beherrschen der deutschen Sprache; Sprachkompetenz war DER Integrationsindikator. Ich wurde also verrückt nach Grammatik und richtiger Aussprache. Ich wollte Kommasetzung, Groß- und Kleinschreibung sowie die Doppel-s-oder-ß-Regel perfekt beherrschen. Mit der Hoffnung, mich optimal zu integrieren, machte ich es mir zum Ziel, makellos Deutsch zu sprechen. Dass sich niemand die Mühe machte, mich zu fragen, wie mein merkwürdig klingender türkischer Name richtig ausgesprochen wird, war mir egal. Oftmals gab ich mich im Unterricht und auf dem Pausenhof mit „Götzde“, manchmal sogar schon mit „Götze“ zufrieden und war froh, wenn ich Lehrer meiden konnte, die meinen Namen wider all meinen Korrekturen mit „Görschte“ aussprachen. Doch es war ja ich, die „dazugekommen“ war. Also glaubte ich, einem Idealbild entsprechen zu müssen, dessen Ansprüche niemandem im Geringsten klar zu sein schienen.

Leider keine Französin

Kurze Zeit später, als Ophélie, die Tochter französischer Geschäftsleute, in unsere Klasse kam, verstand ich zum ersten Mal, wie ein guter Migrant zu sein hatte. Von Anfang an wurde Ophélie gefeiert. Ihr französischer Akzent war bezaubernd, und all ihre Bestrebungen, Deutsch zu sprechen, fanden alle einfach nur toll. Fehler in der Aussprache wurden ihr schnell verziehen und Lehrer konnten über ihre Probleme bei der Groß- und Kleinschreibung locker hinwegsehen: „Im Französischen gibt es das ja nicht so wie im Deutschen“, hieß es da immer. Immer wenn ein neuer Lehrer in unsere Klasse kam, wurde ganz besonders auf die richtige Aussprache und Schreibweise von Ophélies Namen geachtet, während sich Özlem immer noch mit „Ötzlehm“ und Tuğce jeden Tag mit „Tuksche“ zufriedengeben musste. Als unseren Eltern auf Elternabenden eingeredet wurde, dass es mit uns auf dem Gymnasium nichts werden würde, traf sich unsere Französischlehrerin mit Ophélies Eltern in einem speziell für sie bereitgestelltem Zimmer, um ihnen jedes Detail der schulischen Leistungen ihrer Tochter auf Französisch zu erläutern. Die Unterschiede konnten deutlicher nicht sein. Und obwohl ich damals nicht wirklich verstand, was vor sich ging, spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Es folgten weitere Momente, die mich verletzen, Andersbehandlung, die ich nicht verstand. Eins wurde mir klar: Doppelmoral tut saumäßig weh.

Ich sehe was, was du nicht siehst

Diese Doppelmoral tut jedoch nicht nur weh: Sie baut unsichtbare Hierarchien auf und schafft eine Gesellschaft, in der manche Menschen bevorzugt behandelt werden. Und obwohl sie für Nichtbetroffene unsichtbar ist, bestimmt sie den Alltag der Betroffenen und prägt seit Jahrzehnten die Wahrnehmung dieser Menschen in Deutschland. Unmittelbar sichtbare Attribute wie fremd klingende Namen oder die Hautfarbe können einem auf dem Arbeitsmarkt, dem Wohnungsmarkt, ja sogar auf dem Liebesmarkt zum Verhängnis werden. Auf Tinder und Co ist die Chance, ein Match zu bekommen, mit der „falschen“ Hautfarbe geringer. Das sind nicht meine Hirngespinste, das ist, seitdem es mehrere Studien und Experimente belegt haben, Fakt.

Mit zweierlei Maß

Dennoch scheint in vielen Köpfen die feste Überzeugung verankert, gelungene Integration läge in den Händen des Dazugekommenen. Nach dem Motto: Wer deutsch sein will, muss hart dafür arbeiten, gut Deutsch sprechen und sich anpassen. Jeder, der mitmacht, so scheint es, könne in der Gesellschaft seinen Platz finden. Wirklich jeder? Auch die Migranten zweiter Klasse? Diese können doch nur davon träumen, es irgendwann in die Mitte der Gesellschaft zu schaffen. Fast zwanzig Prozent der in Deutschland lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund. Doch warum ist es für einige einfacher, gesellschaftlich akzeptiert zu werden, während andere auf diesem Weg zurückbleiben? Warum wird mit zweierlei Maß gemessen, wenn es um die Chancen von Murat aus Anatolien und Ryan aus Amerika geht? Warum wird der Einfluss Erdoğans auf die in Deutschland lebenden Türken als Angriff auf unsere Demokratie bewertet, während sich das Kanzleramt selbst über Jahre hinweg von den USA ausspionieren ließ? Im Parteiprogramm der AfD, die es geschafft hat, bei den Bundestagswahlen 2017 als erste Rechtsaußen-Partei seit der Frühzeit der Bundesrepublik in den Bundestag einzuziehen, lassen sich Antworten auf diese Fragen finden. Darin werden vor allem abendländische Werte und das Deutschsein glorifiziert, was erst einmal nicht verwunderlich ist für eine Partei, die am äußersten rechten Rand der Gesellschaft agiert. Blättert man weiter im Parteiprogramm, liest man, dass es nicht nur ums Deutschsein geht, sondern dass ganz klare Hierarchien definiert werden, die darüber entscheiden, wer Freund und wer Feind ist. Darin wird auch deutlich, dass die in Deutschland lebenden Muslime und „ihr Islam“ sowie Menschen aus Afrika und den arabischen Ländern weder nach noch zu Deutschland gehören. Doch das heutige Deutschland ist keineswegs das Deutschland der AfD. Und wird es hoffentlich auch niemals werden! Auch aus dieser Not können wir eine Tugend machen, denn diese Partei hält uns einen Spiegel vor: Sie erinnert uns an die grausame faschistische Vergangenheit dieses Landes. Der Blick in diesen Spiegel lässt vermuten, dass trotz erfolgreicher Demokratisierung Deutschlands die Wahrnehmung von Fremden und Nicht-Deutschen teilweise durch ein historisches Prisma erfolgt und deshalb Anerkennung und Akzeptanz nicht durch harte Arbeit, Erfolg oder das Beherrschen der deutschen Sprache zu erreichen sind. Vielmehr sollen es ethnische und religiöse Faktoren sein, die darüber bestimmen, wer zu diesem Land passt – und wer nicht.

 

Text: Gözde Böcü

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