Gezi Pride

Gezi als Wendepunkt für die LGBTQIA+-Bewegung?

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#DirenAyol – Parolen der türkischen LGBTQIA+-Bewegung

,,Wo bist du, Liebste*r?“ (tr. Nerdesin aşkım) wird die große Menge gefragt. „Hier bin ich, Liebste*r“ (tr. Burdayım aşkım) schallt es zurück. Eine Parole, die der Gezi-Protest hervorbringt. Hashtag des Tages in den sozialen Netzwerken: #DirenAyol (zu Deutsch etwa Halte durch, Darling). Parolen und Chorgesänge der türkischen LGBTQIA+ sind überall zu hören. Eins ist sicher: Die LGBTQIA+ ist Teil der Gezi-Bewegung.

Sechster Jahrestag der Gezi Proteste

Vor sechs Jahren wollen Aktivist*innen mit der Besetzung des Gezi-Parks ein Brauprojekt verhindern. Es folgen landesweite Demonstrationen gegen den damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Besonders sichtbar und aktiv sind während der Proteste die LGBTQIA+-Gruppen. Sie bilden einen Block mit eigenen Demonstrationen, Kundgebungen und Diskussionsveranstaltungen. Eine Demonstration anlässlich des Christopher Street Day schafft es durch den Einfluss der Gezi-Proteste hunderttausend Teilnehmer*innen zu gewinnen. Kann hierbei von einem Wendepunkt für die türkische LGBTQIA+-Bewegung gesprochen werden?

Wir blicken nach Istanbul, wo alles anfing. Es ist Sommer. Wir befinden uns im Jahr 2013. Ein friedlicher Protest von Umweltschützer*innen soll die Bäume des öffentlichen Parks Gezi neben dem zentralen Taksim-Platz retten. Denn die Regierung unter der Führung der AKP beabsichtigt, den Gezi-Park zu zerstören und den Nachbau einer osmanischen Kaserne (Topçu Kışlası) zu errichten.

Erst nachdem türkische Polizeikräfte die Demonstrant*innen aus dem Park drängen, weitet sich der Protest in andere Städte innerhalb der Türkei als auch international aus. Neben der Frage der Notwendigkeit für den Polizeieinsatz, löst auch die Art und Weise der Polizeioperation Solidarität mit den Protestierenden aus. Es entsteht eine Massenbewegung. Die Anzahl der Demonstrant*innen steigt rasant. Das Ziel, den Park zu erhalten, formt sich in andere Ziele um. Dazu zählt beispielsweise Kritik an der Regierungsführung sowie an ihrem autoritären Verhalten. Auch Aspekte wie Missachtung der Menschenrechte und Korruptionsvorwürfe werden angesprochen.

„Leben wie ein Baum, alleine und frei und gleichzeitig brüderlich wie ein Wald“ (Nazım Hikmet)

Aufbruchstimmung

In den Protesten stellen LGBTQIA+-Gruppen einen beachtlich großen Anteil der Demonstrant*innen dar. Die LGBTQIA+ übernimmt hierbei eine entscheidende Rolle. Unverhältnismäßige Gewalt als Reaktion auf die Gezi-Proteste trifft jedoch sichtbare geschlechtliche Minderheiten ganz besonders.

Die Gruppe thematisiert ihre politischen und sozialen Forderungen und tritt dabei in engen Kontakt mit sozialen Gruppen – wie beispielsweise mit Feminist*innen, Antimilitarist*innen, Linken, Arbeiter*innen, Kurd*innen, Angehörigen nicht-muslimischer Minderheiten wie Armenier*innen und anderen diskriminierten Gruppen. Durch den Einfluss Gezis nehmen annähernd hunderttausend Menschen an dem CSD teil. Somit kann die queere Community neue Netzwerke aufbauen. Sie beginnt, sich in die Politik einzubringen.

An einzelnen Universitäten in Istanbul und Ankara werden Fächer wie „Queer Studies“ oder „Genderforschung“ eingeführt. Auch politische Fortschritte sind zu verzeichnen. Eine Anzahl von CHP-Abgeordneten wird auf die Rechte und Forderungen der LGBTQIA+ hingewiesen und mobilisiert. Mahmut Tanal, Abgeordneter der CHP, verteidigt die explizite Nennung von LGBTQIA+-Personen in Antidiskriminierungsvorschriften. Zudem werden in der pro-kurdischen Partei BDP LGBTQIA+-Gruppen gegründet. Im Weiteren folgt in Istanbul die Einrichtung einer Poliklinik für die queere Community und Sexarbeiter*innen. In etlichen Regionen werden während sowie nach den Gezi-Protesten eine Vielzahl von LGBTQIA+-Organisationen gegründet, von denen heute rund fünfzig existieren.

„Liebe, Liebe, Freiheit – Weg mit dem Hass“

Der CSD, im Türkischen bezeichnet als Onur Yürüyüşü (dt. Marsch des Stolzes) hat auch im Folgejahr nach dem Gezi-Aufstand eine hohe Anzahl von Beteiligten. Eine Wende ereignet sich 2015. Der Gouverneur Vasip Şahin verbietet ohne Vorwarnung die Parade. Tausende Teilnehmer*innen, die sich trotz Verbots auf dem zentralen Taksim-Platz versammeln, werden von der Polizei angegriffen. Viele werden verletzt. So auch 2016.

2017 fällt die Parade mit dem Fest des Fastenbrechens zusammen. Sie wird durch Polizeiintervention unter Einsatz von Gummigeschossen und Wasserwerfern verhindert. Die Begründung des Verbots: Gefährdung der Sicherheit von Bürger*innen und Tourist*innen sowie der öffentlichen Ordnung durch die Gay Pride. 2018 untersagt man die Demonstration anlässlich des CSD das vierte Jahr in Folge. Die Polizei unterdrückt den „Marsch des Stolzes“ teilweise mit Gewalt und einigen Festnahmen.

„Transfrauen in der Türkei sterben durch die Hand transphober Männer. Schuld hat auch ein System, das ausschließt und stigmatisiert“

Falsche Hoffnungen?

Die Gezi-Bewegung trägt einerseits zur stärkeren Sichtbarkeit der LGBTQIA+ in den (Print-)Medien bei. Das bestätigt die von Akademiker*innen herausgegebene Zeitschrift Alternatif Politika, die die auflagenstärksten Zeitungen der Türkei im Jahr 2013 untersucht. Andererseits bleibt die Anzahl der Artikel in Bezug auf die Demonstrationen, Veranstaltungen, Vorträge und Aussagen der LGBTQIA+ weiterhin begrenzt. Ferner ist in der aktuellen Gegenwart wieder ein Rückgang zu beobachten. So sind die Entwicklungen, die sich nach Gezi zeigen, nicht nachhaltig. Auch wenn die Proteste einen Einfluss auf die Sichtbarkeit und Legitimität der LGBTQIA+-Bewegung haben, sind die politischen und gesellschaftlichen Fortschritte beschränkt oder widersprüchlich. Zwar sind Nachrichten wie der Beitritt der Transperson Niler Albayrak in die Kreisverwaltung des Stadtteils Avcılars unter der CHP zu verzeichnen. Doch kann man unter der Berücksichtigung der Tatsache, dass die Demonstrationen anlässlich des CSD das vierte Jahr in Folge untersagt werden, von positiven Entwicklungen ausgehen?

Auch in Ankara sind alle LGBTQIA+-Veranstaltungen seit 2017 verboten. In Bezug auf die Trans-Morde steht die Türkei auf Platz eins in Europa, auf dem neunten Platz weltweit. Nach den Angaben des von Kaos GL (eine Initiative aus Ankara, die ihre politische Arbeit mit einer LGBTQIA+-Zeitschrift startet) erstellten Protokolls, das die Statistiken der Hassverbrechen im Jahr 2017 auflistet, ereignen sich diese überwiegend im öffentlichen Raum.

Die Gezi-Proteste wecken Hoffnungen für die LGBTQIA+. Später, insbesondere nach den Wahlen 2015, wandelt sich das hoffnungsvolle Bild schlagartig.

Kann man die Gezi-Proteste als Wendepunkt für die LGBTQIA+-Bewegung sehen? Die Frage mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten fällt schwer. Gegebenenfalls können sie als Höhepunkt bezeichnet werden, denn: Der Höhepunkt kommt vor dem Fall.

Auch wenn Gezi anfangs Hoffnungen weckt, wandelt sich das optimistische Bild schlagartig. Zwar wird der Begriff LGBTQIA+ während und nach den Protesten präsenter, doch das Interesse seitens der Medien lässt wieder nach. Nichtsdestotrotz feiert die Türkei am internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie großen Erfolg: Laut dem von ILGA Europe (International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association) veröffentlichtem Ranking Rainbow Europe ist die Türkei an zweiter Stelle mit der LGBTQIA+-feindlichsten Gesetzgebung. Die Lage in der Türkei habe sich in den letzten Jahren stetig verschlechtert.

Dabei gehört die Türkei zu den wenigen muslimisch geprägten Ländern der Welt, in der Homosexualität gesetzlich nicht verboten ist! Selbst in Deutschland, wo bis zum Jahr 1994 „homosexuelle Handlungen“ durch den Unrechtsparagraphen 175 strafbar sind, steht die Türkei wie ein scheinbar demokratischer Fels in der Brandung. Doch was nützen Gesetze, wenn diese von Politikern nicht respektiert, von Richtern nicht verteidigt und von der Bevölkerung nicht akzeptiert werden?

 

Text: Berivan Kaya
Fotos: Shutterstock

 

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