Kryptoarmenierinnen und Kryptoarmenier: Die Vergessenen eines Völkermordes

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„Kryptoarmenier“ bzw. „versteckte Armenier“ (türk: Kripto Ermeniler, Gizli Ermeniler, arm: ծպտեալ հայեր) ist ein Sammelbegriff für Armenierinnen und Armenier, die während und unmittelbar nach dem Armenien-Völkermord zwangsislamisiert, türkisiert oder kurdisiert wurden sowie für deren Nachfahren in der Gegenwart.

Einige setzen im Verborgenen ihre Existenz als Armenier*in fort. Verschiedenen Quellen nach hat eine unbekannte Anzahl an sich als „Türkinnen und Türken“ sowie „Kurdinnen und Kurden“ identifizierenden Personen armenische Vorfahren. Einige von Ihnen sind sich dessen jedoch nicht bewusst, weil ihre Eltern oder Großeltern es jahrzehntelang verschwiegen haben oder das Bewusstsein bzw. das Datenmaterial zur eigenen Familiengeschichte in den darauffolgenden Jahrzehnten vollständig verschwand.

Der türkische Journalist Erhan Basyurt bezeichnet Kryptoarmenier*innen als „Familien, und in einigen Fällen ganze Dörfer und Nachbarschaften, die zum Islam konvertierten, um den Deportationen und Todesmärschen (von 1915) zu entkommen, aber ihr verborgenes Leben als Armenier fortsetzen, untereinander heiraten und in einigen Fällen heimlich zum Christentum zurückkehren“

Tessa Hoffman publizierte im Jahr 2010 das Werk „Armeniens verborgene Kinder: Die so genannten Krypto-Armenier in der Republik Türkei“. In ihrem fachliterarischen Werk erklärt sie die katastrophalen Auswirkungen für die Frauen und Kinder, die unmittelbar nach dem Völkermord ihrer Identität beraubt wurden: „Während eines Genozids wird der Druck zur Assimilation zum Zwang, denn die Zerstörung der kollektiven Identität der Opfergruppe bildet ja das Hauptziel dieses größten aller Verbrechen. Frauen und Kinder fallen aufgrund ihrer Wehrlosigkeit der genozidalen Assimilation am häufigsten zum Opfer. Unter den Bedingungen fortgesetzter Lebensgefahr und extremer Unsicherheit für Leib und Leben bot 1915 die vollständige Anpassung an die Sprache, Kultur und Religion der islamischen Mehrheitsgesellschaft die einzige Alternative zum langsamen Hunger- und Seuchentod auf den Deportationstrasßen oder im mesopotamischen Deportationsgebiet“ (Tessa Hoffman).

Daraufhin haben viele deportierte Armenier*innen ihre Kinder benachbarten Muslim*innen und Jüdinnen und Juden anvertraut, um das Leben ihrer Kinder zu sichern. Die armenischen Kinder wurden bei Weitem nicht ausschließlich aus Gründen der Gutherzigkeit aufgenommen. Oft wurden sie ausgebeutet, nicht nur bei der Arbeit im Haushalt, auf dem Feld oder beim Viehhüten, sondern sie wurden auch sexuell missbraucht. So blieben mehrere Zehntausende armenische Kinder und Frauen in muslimischen Familien gefangen und unterlagen einem multidimensionalem Assimilationsdruck, der dafür gesorgt hat, dass ihre Sprache, Religion und die armenische Identität stark beeinträchtigt wurden oder sogar für immer verschwanden.

Historische Einordnung des Armenien-Völkermordes

Wenige Jahre vor dem Zusammenbruch wurde das Osmanischen Reich von 1913 bis 1918 von dem jungtürkischen „Komitee für Einheit und Fortschritt“ regiert. Während des Ersten Weltkrieges wurden zur Endphase des Osmanischen Reiches von 1915 bis 1916 schätzungsweise 1,5 Millionen Armenier*innen, darunter auch Assyrer*innen und Chaldäer*innen, systematisch von den Jungtürken ermordet. In einer Atmosphäre der zunehmenden Feindlichkeit gegenüber Armenier*innen wurden am 24. April 1915 während Razzien gegen die armenische Elite in Istanbul Tausende Intellektuelle verhaftet und deportiert. Im Mai begann die osmanische Armee mit der Massenvertreibung. Ab Ende Mai 1915 begann die systematische Vertreibung von Armenier*innen, die in die syrische Wüste umgesiedelt wurden. Schätzungen zufolge kamen vor Aufbruch und auf dem Weg eine halbe Million Armenier*innen ums Leben. Vertriebene, die es in die syrische Wüste geschafft haben, wurden in Lagern interniert. In den Lagern starben tagtäglich Tausende an Hunger, Durst und sich ausbreitenden Krankheiten. Insgesamt wurden etwa 1,5 Millionen Armenier*innen, darunter auch aramäisch-syrische und chaldäische Christ*innen, systematisch ermordet. Neben dem Hauptverantwortlichen jungtürkischen Komitee und ihren zahlreichen Anhänger*innen tragen einige kurdische Hilfstruppen, wie die regierungstreuen Hamidiye-Einheiten, eine Mitverantwortung für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Viele Kurd*innen, Ezid*innen und Alevit*innen jedoch, insbesondere aus den Regionen Dersim und Mardin, retteten mehrere zehntausende Armenier*innen und boten ihnen Zuflucht. Wolfgang Gust, Experte für den Völkermord, differenziert: „Kurden haben mitgemordet und Kurden waren auch die wichtigsten Helfer der Armenier. Nicht wenige Armenier haben überlebt, weil Kurden sie versteckt haben“.

Anzahl der Kryptoarmenier*innen

Über die genaue Anzahl der sogennanten „versteckten“ oder „Kryptoarmenier“ in der Türkei und weltweit gibt es zahlreiche Spekulationen, die numerisch zum Teil stark voneinander abweichen. Aus zeitgenössischer Perspektive schätzte der Schweizer Feldscher Jakob Künzler für das Jahr 1919 die Zahl der christlichen Waisen auf 132.000. Johannes Lepsius, zeitgenössischer Theologe, ging von 200.000 „islamisierten Armeniern“ bzw. „verkauften Frauen, Mädchen und Kindern“ aus. Archivdokumente der USA zufolge existierten im Jahr 1921 über 95.000 armenische Waisen. Bedros Hadjian schätzt sogar, dass ab 1915 Hunderttausende Überlebende zwangsislamisiert wurden, mit weitreichenden Folgen: „Die Islamisierung der Armenier war das Transportmittel par excellence, um sie zu entarmenisieren: Sie wurden zu nicht-armenischen Nicht-Christen […]“.Er geht von 3 Millionen Kryptoarmenier*innen aus, von denen alleine 300.000 in Deutschland leben sollen.

Laut dem Historiker Salim Cöhce, wurden ca. 600.000 Armenier*innen, größtenteils Kinder, von 1915 bis 1923 zwangsislamisiert. Er schätzt die Zahl der Nachfahren der Überlebenden in der Gegenwart auf 4 Millionen. Aus heutiger Perspektive wird die Anzahl der Personen mit armenischen Vorfahren, die den Völkermord überlebt haben, auf mehrere Millionen eingeschätzt. Seit die Türkei ab dem Militärputsch 1960 liberaler wurde, konvertierten einige Kryptoarmenier*innen zum Christentum zurück und änderten ihre Namen zu typisch armenischen. Diese Tendenz der Rückbesinnung zu den eigenen Vorfahren ist ein ziemlich komplexer und schmerzhafter Prozess.

Psychische Schäden

Seit den 1970er Jahren scheint das Verschweigen der eigenen Identität ein Ende zu finden. Laut Haykazun Alvrtsyan, Direktor des Forschungsinstituts „Study Center for Western Armenian Issues“, wurde diese Tendenz insbesondere durch den langanhaltenden „Kurdenkonflikt“, dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den EU-Beitrittsbestrebungen der Türkei positiv beeinflusst. Er selbst schätzt die Zahl der islamisierten, türkisierten und/oder kurdisierten Armenier*innen aus bis zu 3 Millionen, von denen ein Teil außerhalb der Türkei lebt. Im Osten der Türkei, in dem mehrheitlich Kurd*innen leben, sollen es seiner Schätzung nach 2,5 Millionen sogenannte „Kryptoarmenier*innen“ geben, von denen die Hälfte ihre Identität versteckt bzw. das Bewusstsein dafür verloren hat.

Islamisierung von Armenierinnen

Hunderttausende Frauen und Mädchen, die den Völkermord überlebten, wurden sowohl von türkischen als auch von kurdischen Personen islamisiert und ihrer Identität beraubt. Dieses Phänomen der „islamisierten Armenier“ ist die Kontinuität des eigentlichen Armenien-Völkermordes: „Hunderttausende Frauen überlebten den Völkermord und lebten fortan als Konvertiten in muslimischen Familien – oft der eigenen Sprache, Religion und Lebensgeschichte beraubt. So laufen die Lebenswege historischer Täter- und Opferkollektive in vielen Stammbäumen anatolischer Familien faktisch zusammen“.

Thessa Hoffmann, Philologin, Soziologin und Autoren, beschäftigt sich mit Fragen der Identitätsbildung, der Zugehörigkeit zum armenischen Volk und die besonderen Schwierigkeiten von Kryptoarmenier*innen. Die Frage nach der Bedeutung von Religion für die armenische Identität wirft nämlich Fragen auf. Oft wird bestritten, dass man nicht muslimisch und armenisch zugleich sein könnte. Denn die Religion und die Ethnizität sind  zwei wesentlichen Elemente der armenischen Identität – bedingt durch die historischen Erfahrungen, die zu einer frühen Verschmelzung und historischen Verflechtung von Religion und Ethnizität geführt haben.

Re-Armenisierung

Die Armenien-Expertin Thessa Hoffman geht davon aus, dass die Bildung eines Gebiets zur Re-Armenisierung Westarmeniens (Ostanatolien, Kurdistans) zurzeit unwahrscheinlich sei, da die Nachfahren der Überlebenden des Armenien-Völkermordes kein kohärentes und einheitliches Geschichtsbewusstsein aufweisen. Das liegt daran, dass einerseits nicht alle Nachfahren sich über ihre Familiengeschichte bzw. ihren armenischen Wurzeln bewusst sind und andererseits eine starke Tendenz der Verleugnung vorherrscht, nach der viele Kryptoarmenier*innen im Zuge der Islamisierung, der multidimensionalen Assimilation hinsichtlich der Ethnizität sowie Religion, und des Homogenitätsdrucks ein Bewusstseinsverlust, eine emotionale Distanz oder sogar Abneigung gegenüber ihren eigenen Vorfahren entwickelt haben. Diese Entfremdung von den eigentlichen Wurzeln ist eine Nachwirkung des Armenien-Völkermordes.

Thessa Hoffmann nimmt diesbezüglich, wie folgt, Stellung; „Die „verborgenen Armenier“ in der Türkei und sogar in ihrer Diaspora sind im Gegenteil der traurige Beweis für die Richtigkeit von Raphael Lemkins Völkermord-Definition: Dem Hauptautor der UN-Genozidkonvention zufolge zeichnet sich Völkermord dadurch aus, dass die Überlebenden nicht mehr als Angehörige der vernichteten Gruppe bestehen können. Um zu überleben, müssen sie die Kultur, Sitten, Gebräuche und Institutionen der Täter annehmen“. Dieses Phänomen der „islamisierten Armenier“ ist die Kontinuität des eigentlichen Armenien-Völkermordes.

Die Islamisierung von armenischen Frauen, die Unterbringung von armenischen Waisenkindern in türkischen und kurdischen Familienstrukturen und die Assimilation der Überlebenden hat die Identität von Hunderttausenden Armenier*innen beraubt. Der Bewusstseinsverlust für die eigenen armenischen Wurzeln ist, laut der Völkermord-Definition von Lemkin, als kontinuierlich stattfindender Völkermord zu bewerten.

Wissenschaftliche Erforschung der psychologischen Auswirkungen

Die Hrant Dink Stiftung hat im Jahr 2013 eine Konferenz zur Geschichte der sogennanten „Kryptoarmenier“ geplant. Dabei kooperierte die Stiftung mit der Fakultät für Geschichte der Bosporus Universität Istanbul Boğaziçi Üniversitesi) und Malatya HAYDer zusammen. Die Konferenz „Conference on Islamized Armenians“ fand vom 2. Bis zum 4. November 2013 statt. Noch heute verleugnen einige Menschen ihre armenischen Wurzeln. Türkische Staatsbürger*innen armenischer Herkunft sind oft benachteiligt und werden aufgrund ihrer Abstammung diskriminiert. Diese weit verbreitete Armenierfeindlichkeit gilt als Anlass, um die existenziellen und psychologischen Auswirkungen des Verleugnens der eigenen Herkunft auf die Nachkommen der „islamisierten Armenier*innen“ zu untersuchen. Zudem sollen Lebensläufe von damaligen armenischen Kindern untersucht werden, die damals von nicht-armenischen Familien adoptiert bzw. aufgenommen und als muslimischen Türk*innen oder Kurd*innen erzogen wurden

Verschiedene Einschätzungen halten es für möglich, dass rund „200.000 Tausend Armenier*innen, größtenteils Frauen und Kinder, während des Völkermordes dem Tod entfliehen konnten, weil sie zum muslimischen Glauben zwangskonvertierten“. Viele behielten den christlichen Glauben weiterhin bei. Heutzutage dürfte die Zahl der Personen, die von den 200.00 Tausend Armenier*innen abstammen, um ein Vielfaches gestiegen sein. Die höchste Einschätzung geht von 4 Millionen Kryptoarmenier*innen aus, von denen 300.000 allein in Deutschland leben sollen

Kommentar aus einer kryptoarmenischen Perspektive

Die Erkenntnis, dass man armenische Vorfahren hatte, die den Völkermord überlebt haben, ist zutiefst belastend. Einerseits ist man stolz, dass sie den Völkermord überlebt haben, anderseits fragt man sich, warum man erst verspätet davon erfahren hat und inwieweit die Unterdrückung der Armenier*innen mit der eigenen Familiengeschichte zusammenhängt. Dazu kommt die Einsicht, dass man als kryptoarmenische Person letzten Endes ein Produkt eines Völkermordes darstellt, denn Kryptoarmenier*innen existieren nur, weil die Armenier*innen deportiert, vertrieben, unterdrückt und zwangsassimiliert wurden. Hunderttausende armenischen Frauen mussten konvertieren, ihre Traditionen ablegen und ihre Muttersprache vergessen. die Waisenkinder wurden in kurdischen und türkischen Familien integriert und ihren eigentlichen Wurzeln entraubt. Kryptoarmenier*innen sind die Kinder der Überlebenden, die selbst keine Armenier*innen sein durften. Wir wurden unseren eigentlichen Wurzeln entrissen, weil es uns nicht mehr geben sollte. Diese Kontinuität der Verleugnung muss ein Ende finden. Auch wenn wir die Sprache, Kultur und Tradition unserer Vorfahren nicht lernen und wertschätzen durften, möchten wir uns zu Ihnen bekennen und als aktiver Bestandteil der Erinnerungskultur an den Armenien-Völkermord mitwirken. Wir sind die Nachfahren der Überlebenden des Armenien-Völkermordes.

 

Text: Dawud Yildirim

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