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Kunst & Design

Eva und der Apfel, Sisyphos und Erdoğan

Provokation, Poesie und Performance von Işıl Eğrikavuk

„Visuelle Verschmutzung“ – das war die Begründung dafür, dass Işıl Eğrikavuks Installation „Time To Sing a New Song“ im April 2016 von türkischen Behörden beendet wurde. Nur drei Tage lang durfte das Video auf der Dachterrasse des Istanbuler Marmara Pera Hotels gezeigt werden, bevor Vertreter der Bezirksverwaltung Beyoğlu es als sog. „Beleidigung religiöser Ansichten“ bezeichneten und die Ausstellung stoppten. Denn die Animation zeigte den Slogan „Eve, Finish Up Your Apple!“ (z. dt.: „Eva, iss deinen Apfel auf!“) und das Emoji eines Frauengesichts, das sich langsam in einen Apfel verwandelte.

Işıl Eğrikavuk, Time To Sing A New Song, Video-Installation über Marmara Pera Hotel, 2016

Işıl Eğrikavuk spielte damit auf die biblische Figur der Eva an, die oft als Prototyp der durchtriebenen, verführerischen Frau gelesen wird. Dieses Frauenbild herrscht der Künstlerin zufolge in allen monotheistischen Weltreligionen. Aber Eğrikavuk nahm die Zensur ihrer Kunst nicht tatenlos hin: Sie reagierte – wie könnte es anders sein – mit einer Performance. Gemeinsam mit ihren Student*innen rief sie während der Performance vor dem versammelten Publikum die Bezirksverwaltung an, tanzte, während sie darauf wartete, dass jemand abheben würde. Mit Humor schaffte sie es aus der Opferrolle hinaus.

Işıl Eğrikavuk, Eve Part 2: A Fairytale on the benefits of Apple, Performance, 2016 Photo @Nazlı Erdemirel

Auf ihrer Facebook-Seite zeigte sich Eğrikavuk schockiert und fassunglos: „Werden alle Kunstwerke, die Worte von und über Frauen enthalten als Verschmutzung angesehen?“

„Werden alle Kunstwerke, die Worte von und über Frauen enthalten als Verschmutzung angesehen?“

Literatin und Künstlerin

Die Künstlerin Işıl Eğrikavuk. Photo © Asya Çetin

Dass Eğrikavuk gut mit Worten umgehen kann, ist eigentlich kein Wunder: von 2003 bis 2008 studierte sie westliche Literatur an der Boğaziçi Universität in Istanbul. Sie veröffentlichte zwei Bücher, schrieb für Magazine und war bis zur ihrer Schließung 2016 Kolumnistin für die türkische Zeitung Radikal. Ihr Hauptfokus lag jedoch stets auf der Kunst. Nach ihrem Performancestudium an der MFA School of the Art Institute in Chicago ging es steil bergauf für die junge Eğrikavuk. Im Jahr nach ihrem Master durfte sie bereits während der Biennale in Istanbul ausstellen, 2012 in Brasilien, Irland und im SALT in Istanbul. Im selben Jahr gewann sie den Full Art Prize, den ersten türkischen Preis für zeitgenössische Kunst. Es folgten zahlreiche internationale Residencies und Ausstellungen, unter anderem im Lenbachhaus in München. Zwischen 2009 und 2017 lehrte sie Kunst und Medien an der Bilgi Universität in Istanbul. Mittlerweile lebt Işıl Eğrikavuk in Berlin und ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität der Künste.

Işıl Eğrikavuk, Pluto’s Kitchen, 2017. Courtesy of Block Universe and Open Space Contemporary. Photo © Arron Leppard

Tschüss Großbritannien, tschüss Pluto

Gegenwind zu ihrer Arbeit sollte Eğrikavuk jedoch gewöhnt sein, denn politische Themen ziehen sich durch ihr gesamtes Werk. Eine gute Portion Humor darf dabei jedoch auch nicht fehlen. Als Reaktion auf das Votum zum Brexit veranstaltete die Künstlerin 2017 im Rahmen des London Block Universe Festival die Dinner-Performance „Pluto’s Kitchen“ (dt.: „Plutos Küche“). Die Teilnehmer*innen verabschiedeten sich bei einem Abendessen von Großbritannien, vom Pluto, der seit einer Ankündigung der NASA nur noch als Zwergplanet angesehen wird, und von ihren Ex-Partner*innen, indem sie Texte verlasen. Schlussmach-Briefe von Liebenden, vom Nicht-mehr-Planeten an die Menschen und eine Anleitung dazu, wie man sich verhalten soll, wenn man verlassen wird, immer wieder durchwoben von skurrilen Zitaten und Gesten aus einer Rede Theresa Mays zum Brexit.

Işıl Eğrikavuk, Pluto’s Kitchen, 2017. Courtesy of Block Universe and Open Space Contemporary. Photo © Arron Leppard

Işıl Eğrikavuk, Pluto’s Kitchen, 2017. Courtesy of Block Universe and Open Space Contemporary. Photo © Arron Leppard

Poesie aus Performance

Für die dritte Mardin Biennale, die 2015 unter dem Titel „Mythologies“ stattfand, arbeitete Eğrikavuk gemeinsam mit dem Filmemacher Jozef E. Amado eine Performance aus, in der sie drei völlig unterschiedliche Texte vereinten und mit den Zuschauer*innen ein Telefonspiel spielten.

Işıl Eğrikavuk & Jozef E. Amado, Every Kind of Myth is Written With Care, dritte Mardin Bienniale, 2015

„Every Kind of Myth is Written With Care“ (z. dt.:“Jeder Mythos wird sorgsam geschrieben“) besteht aus Zeilen aus dem Sisyphos-Mythos, einer Rede von Recep Tayyip Erdoğans und einem Absatz aus einem Mythologie-Buch des Theoretikers Roland Barthes. Zusammen ergeben sie obskure Poesie:

„The freedom of a society is not their happiness
A friend said freedom
Indigestion, a middle-aged lady, an elephant with big nails
Guerilla says hello. Holy Mary is very happy about it, while,
Here the witness started to slow down to babble
They are gonna trick Aysel in a month
Turkish bride is always bright […]“

„Die Freiheit einer Gesellschaft ist nicht ihr Glück
Ein Freund sagte Freiheit
Magenverstimmung, eine mittelalte Frau, ein Elefant mit großen Nägeln
Guerilla sagt Hallo. Die Heilige Maria ist sehr froh darüber, während
Hier fing der Zeuge an, langsamer zu brabbeln
Sie werden Aysel in einem Monat hereinlegen
Türkische Braut ist immer klug […]“ (z.dt.)

Eğrikavuks Kunst ist keine visuelle Verschmutzung. Im Gegenteil: denn ihre Arbeit, in der sie Politik und Fiktion mit humoristischen, absurden Komponenten zu etwas verstrickt, das einen staunend den Kopf schütteln lässt, ist zu bewundern.

Text: Lisa Genzken

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