Erci-E – das musische Chamäleon

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„Ich möchte nicht offene Türen noch einmal einrennen“

Wir treffen Erci-E in seinem Studio und damit inmitten seiner täglichen Arbeitsatmosphäre. Hier produziert er seine Songs, moderiert seine Sendung Turkish Delight für den Radiosender Metropol FM und empfängt Talkgäste. Als Sänger hat Erci solo und zusammen mit der Band „Cartel“ in den Neunzigerjahren die Musikgeschichte zweier Kulturen mitgestaltet. Mit dem Gespräch tauchen wir in seinen Alltag ein, der daraus besteht, scheinbar polarisierendes Miteinander zu verbinden.

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Erci, dein Song Deutschland Sensin ist einer deiner Soloerfolge. Wie ist es heute um die „Migrationsmüdigkeit“ bestellt, die du in deinem Song Deutschland Sensin zum Ausdruck gebracht hast?

Mit diesem Song habe ich mich befreit. Deutschland Sensin kommt mir wie ein sehr persönlicher Brief vor. Mittlerweile ist zu dem Thema alles gesagt worden. Traurig ist der luftleere Raum, in dem sich junge Deutschtürken heute befinden. Sie haben das Gefühl, sie könnten morgen wegziehen und würden nicht vermisst werden. Beide Seiten ziehen sich wieder in ihr Milieu zurück. Dadurch ist keine Seite gezwungen, sich mit der andern zu beschäftigen. Das war in meiner Jugend besser. Der Umgang mit Migration in der Kultur und im Satirebereich hingegen ist eleganter geworden, die Stimmen stärker. Da hat sich was bewegt.

Auf welche neuen Projekte dürfen Fans von dir hoffen? Wird es in Zukunft wieder eigene Songs geben?

Zuletzt habe ich den Soundtrack für die neue türkische Version der amerikanischen „Police Academy“ Filmreihe vertont. Das war eine Herausforderung: Musik machen zu müssen, die einer Idee dient. Die Produzenten wollten wirklich einen Erci-Song, der wie Erci klingt. Am 17. April startet der Film. Außerdem produziere ich direkt hier im Studio die neuen Songs für meine EP. Dafür experimentiere ich mit verschiedenen Einflüssen und löse mich auch ein wenig vom Hip-Hop. Die Platte wird zusammen mit dem Film veröffentlicht.

Das hat ganz schön lange gedauert. Warum die Pause?

Man verliert viel Energie in meiner Lage. Ich stehe musikalisch zwischen zwei Ländern. Dadurch kann ich mir schwer eine Fangemeinde aufbauen, die stetig wächst und um die ich mich gebührend kümmern kann. Ich weiß zum Beispiel nicht, in welcher Sprache ich bei Facebook posten soll, damit mich alle verstehen. Dieser Spagat zwischen der Türkei und Deutschland ist auf Dauer aufreibend. Ich würde auch mehr deutsche Lieder schreiben, aber hier werde ich nicht gebraucht. Das Gefühl habe ich jedenfalls. Vielleicht stimmt es nicht, aber in Deutschland ist vieles schon gemacht worden. Ich möchte nicht offene Türen noch einmal einrennen.

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Welche Türen öffnest du denn mit deiner Radioshow Turkish Delight für Metropol FM?

Was viele nicht wissen: die Türkei ist ein musikverrücktes Land. Es gibt dort beispielsweise eine unglaublich lebendige Hip-Hop-Szene, die ständig neue Sachen hervorbringt. Dort wird noch Musik um der Musik willen gemacht. Für die türkische Musikindustrie ist das zu alternativ, so dass die Künstler kein Geld damit verdienen können. Ich spiele diese Musik in meiner Show, weil sie mir nahe geht. Und weil sie gut ist. Die Hörer sind oft überrascht, was in der türkischen Musikszene so geht. Das weiterzugeben, ist meine Mission im Bereich Radio.

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Und gab es auch eine Mission für Cartel“ damals?

Ja, aber das ist mir erst im Rückblick klar geworden. Gastarbeiter wurden damals nicht wahrgenommen, sie waren zwar existent, aber öffentlich unsichtbar. Es gab keine deutsch-türkischen Schauspieler, Moderatoren oder Künstler in den breiten Medien wie heutzutage. Hip-Hop war zu der Zeit eine Nische, mit der sich insbesondere Migranten identifiziert haben. Viele Leute fragen mich jetzt noch, warum wir, (das damalige Rap Duo Karakan aus Nürnberg, die Gruppe Da Crime Posse aus Kiel und Erci-E) aus drei verschiedenen Ecken Deutschlands zusammenkamen, um mit unterschiedlichem Background gemeinsame Sache zu machen. Was soll ich sagen? Wir kamen nun mal aus verschiedenen Städten, und wir hatten dieselbe Idee: wenn man schon rappt, kann man auch auf Türkisch rappen. Und wenn man dieselbe Idee hat, kann man sich auch zusammen tun. „Cartel“, das war ein ungeplanter emotionaler Aufschrei, den aber alle gebraucht hatten.

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Fassen wir zusammen, Erci: du moderierst, produzierst, musizierst. Woher kommt dein Antrieb, dich in all den verschiedenen Bereichen auszuprobieren?

Alles was Musik bedeutet, hat mich immer angezogen. Aber seit jeher ist das Musikmachen mein größter Antrieb. Beim Radio ist der Perspektivwechsel das Spannende, also selbst eine Auswahl zu treffen. Am Anfang gab es den Radiosender KissFM, der den Hip-Hop nach Deutschland gebracht hat – und ich durfte mitmachen. Dann kam mit „Cartel“ der große Knall, den wir ebenso nicht planen konnten. Da steckt kein großartiger Plan dahinter. Seine Leidenschaft täglich aufs Neue ausleben zu können, wünsche ich jedem. Natürlich ist das immer mit Unsicherheit gekoppelt, aber für mich ist das mein Lebensweg geworden.

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Credits
Text: Genna-Luisa Thiele
Fotos: Ferhat Topal

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