Ehrenmord oder Femizid?

,,Ehrenmord'' oder Femizid? Die Verwendung des Begriffs ,,Ehrenmord" verschleiert die strukturellen Ursachen von Gewalt gegen Frauen und kann zu rassistischer Stigmatisierung führen. Stattdessen sollte der Begriff ,,Femizid'' verwendet werden, um die systematische Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts zu beschreiben. Es ist wichtig, die gesellschaftliche Wahrnehmung von Gewalt gegen Frauen zu hinterfragen und die strukturellen Ursachen anzuerkennen.

Anzeige

,,Trennungsmord’’ und ,,Beziehungsdrama’’

Wird eine Frau von einem Mann ermordet, wird die Tat im öffentlichen Diskurs je nach Täter unterschiedlich bezeichnet: Bei einem weißen Täter ist oft von ,,Beziehungsdrama’’ oder ,,Trennungsmord’’ die Rede.

Allerdings tragen diese Begriffe zur Verschleierung der wahren Natur dieser Verbrechen bei und können die Opfer stigmatisieren oder die Täter entschuldigen.

Der Begriff Femizid wird daher von vielen Feminist*innen bevorzugt. Er weist auf die Geschlechterdynamik und die systematische Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts hin. Dadurch wird die strukturelle Dimension der Gewalt hervorgehoben und betont, dass Femizide Teil eines größeren gesellschaftlichen Problems sind, das Frauen betrifft.

,,Ehrenmord’’

Bei muslimischen, rassifizierten und migrantisierten Tätern wird wiederum oft von ,,Ehrenmord’’ gesprochen. 

Die Bezeichnung Ehrenmord wird für Mordtaten verwendet, die im Zeichen der familiären Ehre begangen werden. Dabei wird dem Opfer zugeschrieben, die Ehre der Familie verletzt zu haben. Meist handelt es sich dabei um ,,Verstöße’’ gegen kulturelle und familiäre Normen. Die Morde werden meist von engen Familienmitgliedern begangen. 

Beim ,,Ehrenmord’’ werden die Taten in einen kulturellen und/oder religiösen Kontext gestellt, was dazu führt, dass marginalisierte Gruppen stigmatisiert werden.

Dieses vereinfachte Label für Geschlechtergewalt im Kontext migrantischer Femizide hat schwerwiegende Auswirkungen. Indem die Taten ausschließlich auf kulturelle oder religiöse Traditionen zurückgeführt werden, wird die strukturelle Dimension von Geschlechtergewalt vernachlässigt. Es wird suggeriert, dass solche Gewaltakte ausschließlich das Ergebnis einer spezifischen kulturellen Praxis oder religiösen Überzeugung sind, anstatt sie als ein globales Phänomen struktureller Unterdrückung von Frauen zu betrachten.

In Filmen und anderen Medien werden stereotype Darstellungen häufig verstärkt, indem migrantische Männer als gewalttätig oder rückständig dargestellt werden. Die strukturellen und sozialen Ursachen von Geschlechtergewalt werden dabei häufig ignoriert. Die Realität komplexer sozialer Probleme wird so vereinfacht.

Gesamtgesellschaftliche Probleme werden hier auf Minderheitengruppen projiziert und für Migrations- und Integrationsdebatten missbraucht. Die ausschließliche Verbindung von ,,Ehrenmorden’’ mit migrantischen Männern konstruiert ein Bild von kultureller und patriarchaler Andersartigkeit. Dies verstärkt Stereotypen und Vorurteile gegenüber migrantischen Gemeinschaften und trägt zur Marginalisierung bei. 

 

Diese einseitige Betrachtung lässt außerdem außer Acht, dass Gewalt gegen Frauen in allen Gesellschaften, unabhängig von kulturellem Hintergrund, existiert und bekämpft werden muss.

Alles Femizide!

Die Verwendung des Begriffs ,,Ehrenmord“ kann die wahren Ursachen und Dynamiken dieser Gewaltakte verschleiern und dazu beitragen, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung von Gewalt gegen Frauen verzerrt wird. Stattdessen kann der Begriff ,,Femizid“ verwendet werden, um Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts zu beschreiben. Denn dieser Begriff hebt die strukturelle Dimension von Gewalt gegen Frauen hervor und beschreibt, dass solche Morde nicht auf individuelle ,,Ehrenkonflikte“ reduziert werden sollten, sondern als Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems betrachtet werden müssen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass Morde im Namen der Ehre nicht auf eine bestimmte Kultur oder Ethnie beschränkt sind, sondern vielmehr ein Problem patriarchaler Strukturen und der Unterdrückung von Frauen darstellen. Statt die Gewalt auf einen bestimmten kulturellen oder ethnischen Kontext zu reduzieren, sollten wir uns darauf konzentrieren, die strukturellen Ursachen von Geschlechtergewalt in allen Gemeinschaften anzugehen und die Sicherheit und Gleichberechtigung von Frauen zu fördern.

 







Folge uns
auf Instagram!