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Allgemein

Dergin Tokmak über das Fliegen auf Krücken

Schon mit drei Jahren lernte Dergin Tokmak auf seinen Händen zu gehen. Fast dreißig Jahre später hat er, nach mehreren Stationen in Hip-Hop-Tanzgruppen, mit dem Cirque du Soleil die Weltbühne betreten. Beeindruckend genug, doch ein Detail fehlt noch: Als Dergin acht Monate alt war, erkrankte er an Kinderlähmung. Inzwischen ist der Tänzer auf Krücken ein internationaler Star der Akrobatenwelt.

Dergin, als einer der ersten hast du angefangen, auf Krücken zu tanzen. Erinnerst du dich, wie du auf diese Idee gekommen bist?

Schon in meiner Kindheit habe ich oft gemeinsam mit meinem Cousin getanzt. Wir haben uns einfach auf der Hand gedreht oder auf dem Rücken. Ein Anfang, aber ich fühlte mich noch nicht in meinem Element: Ich ging auf den Boden, machte dort eine Bewegung und ging dann wieder hoch auf die Krücken – es war einfach kein kompletter Tanz. Irgendwann brachte mein Cousin mir eine Aufnahme von dem Film „Breakin’“ mit. Darin tanzt jemand in einer sehr kurzen Szene auf Krücken. Damit konnte ich mich natürlich super identifizieren. Die Krücken sind praktisch an meinen Händen festgewachsen, mit denen konnte ich schon damals sehr gut umgehen. Und weil ich sowieso immer auf ihnen unterwegs war, konnte ich in jeder freien Minute üben, zum Beispiel wenn ich auf den Bus gewartet habe. Der Asphalt, die Krücken, die Turnschuhe – das war die perfekte Umgebung. Ausschlaggebend war dann die Musik. Diese Hip Hop-Sounds brachten mich dazu, mich zu ihnen zu bewegen.

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Das ist inzwischen fast dreißig Jahre her. Was hat sich seitdem in der Krückentanz-Szene getan?

Der Tanz hat sich inzwischen etwas etabliert und es gibt immer mehr von uns. Wir sind zwar nicht viele, aber jeder hat seinen eigenen Style. Ausschlaggebend sind die Krücken. Meine sind ganz normale Unterarmgehstützen, die Anderen – der amerikanische Style – nutzen Krücken, die bis unter die Schultern gehen. Meinen Stil nenne ich „Stixsteps“.

Kannst du mehr über deinen eigenen Stil erzählen?

Ich habe einen zeitgenössischen akrobatischen Tanz auf Krücken entwickelt. Meine Wurzeln liegen im Hip Hop und Breakdance und mit der Zeit kamen immer mehr akrobatische Elemente hinzu. Ich habe allen neuen Moves Namen gegeben und sie klassifiziert und ich möchte sie weitergeben. Deswegen will ich mich auch nicht mehr auf eine bestimmte Musikrichtung beschränken. Ich will mich möglichst weit öffnen, damit dieser Stil etwas wird, das ein Tänzer als Basis immer dabei haben kann. Irgendwann wird dieser Stil vielleicht ein ebenso klassischer Tanz wie Ballett. Vor dreißig Jahren gab es im Hip Hop oder Breakdance vielleicht ein oder zwei Moves, inzwischen sind es über tausend.

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Was bedeutet dir das Tanzen?

Freiheit. Ich muss dabei oft an Derwische denken – die drehen sich so lange im Kreis, bis sie in einen Trancezustand geraten. Sie glauben dann, dass sie mit Gott verbunden sind. Genauso eine Energie hat der Tanz für mich. Mein Körper funktioniert nur zu fünzig Prozent, aber beim Tanzen fühle ich mich mental bei über zweihundert Prozent. Wenn ich dann merke, was ich alles mit meinem Körper anstellen kann – das ist so richtig geil! Ein Gefühl sowohl körperlicher als auch spiritueller Stärke. Ich sage immer: Ich habe zwar bis heute noch nicht gelernt, wie man laufen kann, aber ich habe auf den Krücken ein bisschen gelernt zu fliegen.

In den meisten Interviews und Videos von dir steht deine Behinderung mehr im Mittelpunkt als deine Kunst selbst. Hast du manchmal das Gefühl, als Tänzer nicht ganz ernst genommen zu werden?

Inzwischen habe ich verstanden, dass mein Tanz mehr geschätzt wird, wenn man die Vorgeschichte dazu kennt. Manchmal wünsche ich mir, mehr über meinen Tanzstil und diese Kunst erzählen zu können. Aber Menschen, die nicht tanzen, können damit wenig anfangen. Menschliche Geschichten hingegen sprechen jeden an. Drama verkauft sich immer besser als Action. Und beides zusammen, wie bei mir, sind eine super Verbindung – ein Blockbuster! Dabei haben wir ja eigentlich alle ein Handicap: Jeder trägt irgendwo eine Stütze, bei manchen sieht man sie, bei anderen nicht.

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Was sind deine nächsten Projekte?

Ich gehe mit Feuerwerk der Turnkunst auf Tour, einer großen Show mit vielen internationalen Künstlern. Wir treten insgesamt 31 Mal in ganz Deutschland auf, vom 28. Dezember bis zum 25. Januar.

Credits
Text: Dorothea Drobbe
Fotos von stixsteps.de

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