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Musik & Tanz

„Keiner sagt, was jeder weiß“

Im Gespräch mit dem Duo Yarınistan

In einem Land von Morgen

Über drei Jahrzehnte ist es her, dass sich die beiden Vollblutmusiker Nedim Hazar und Geo Schaller kennenlernten. Für ihr Duo schufen sie den Neologismus Yarınistan, Land von Morgen. Heute teilen die beiden zwar keine Wahlheimat mehr, aber auch auf Distanz verbindet sie kompositorischer Facettenreichtum und politischer Tatendrang.

Von Filmmusik, Bandproben über Skype und einem Akkordeon, das zum Streik ruft, sprechen die beiden im Interview.

Fangen wir im Jahr 1984 an – wo habt ihr euch kennengelernt und was hat Sie dazu veranlasst, gemeinsam eine Band zu gründen?

Nedim: Wir haben uns bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen kennengelernt. Dort war ich als Schauspieler im Ensemble tätig und Geo als Musiker. Als Band kamen wir allerdings in Köln zusammen.

Geo: Ich hatte mein Musikstudium und den Zivildienst absolviert und hab mich erstmal mit Straßenmusik durchgeschlagen. Ich war auf der Suche nach einer eigenen Band, das war immer mein Traum. Dass ich Nedim traf, war ein Glücksfall. Das Thema „Türken in Deutschland“ lag auf der Straße und wurde ein Selbstläufer.

Zwischen Geo in Köln und Nedim in Antakya liegen rund 3.600 Kilometer. Wie gestaltet sich das Bandprojekt auf diese Distanz?

Nedim: Als Duo sind wir 1994 auseinandergegangen. Aber der Kontakt und die Freundschaft hielten an. Ich ging 2004 nach Istanbul, quasi als „Gastarbeiter“, denn ich besitze lediglich die deutsche Staatsangehörigkeit. Dort arbeitete ich fast zehn Jahre lang bei dem türkischen Fernsehsender NTV als Regisseur und wurde 2013 während der Gezi-Proteste, zusammen mit Dutzenden anderen KollegInnen, entlassen.

Danach stieg ich in ein unabhängiges Doku-Filmprojekt über die Prinzeninseln ein. Für die Filmmusik rief ich sofort Geo an. Entstanden ist der Film „Unsere Inseln – mit den Augen eines Musikers“. Er wurde in Programmkinos in der Türkei und auf Festivals wie dem New York Independent Film Festival und dem CinemAvvenir Rom gezeigt.

Als im Juli 2015 die Wahlen in der Türkei bevorstanden, entwickelte ich mit dem heute verbotenen liberalen (pro-kurdischen) Sender IMC-TV eine Wahl-Show, die täglich in einer anderen Stadt, insgesamt an über 40 Stationen, aufgenommen wurde – ein Rednerpult für Wähler und Politiker mit Unterhaltung zwischendurch. Für die Show haben wir auch Geo gewinnen können. Vor allem in kurdischen Gebieten war es für die Zuschauer ein absoluter Kulturschock, wenn Geo „ihre Musik“ auf Instrumenten wie der Zurna (Schalmei) spielte. Zwischendurch sind wir auch einige Male in Deutschland aufgetreten. In Köln trat als Special Guest mein Sohn Eko Fresh auf.

Geo: Ich hatte das Glück, 1995 in die Filmmusik einzusteigen und habe dann für rund 1.000 Folgen von Verbotene Liebe und etwa 70 arte-Dokus Musik komponiert. Mit Open your eyes von den Guano Apes hatte ich 1997 einen Nummer-eins-Hit. Aber der Kontakt zu Nedim blieb immer bestehen. Besonders lustig ist es, wenn wir über Skype proben.

Wir waren zwei junge Musiker als wir uns kennenlernten und jetzt sind wir beide fast sechzig. Der kulturelle Hintergrund spielte kaum eine Rolle in unserer Beziehung.

Was habt ihr übereinander in den Jahren des Zusammenseins gelernt und was schätzt ihr besonders am jeweils anderen?

Nedim: Geos sogenannte deutsche Eigenschaften. Seine Disziplin, Pünktlichkeit, Gründlichkeit… Scherz beiseite. Wir waren zwei junge Musiker als wir uns kennenlernten und jetzt sind wir beide fast sechzig. Der kulturelle Hintergrund spielte kaum eine Rolle in unserer Beziehung, sondern eher die Kreativität des jeweils anderen. Geo ist ein super talentierter Musiker. Er ist musikalisch sehr flexibel und facettenreich.

Nach bis zu 100 Auftritten im Jahr kannten wir alle unsere Sünden (und unsere wenigen Tugenden). Wir waren wie ein Ehepaar (lacht).

Geo: Nedim verkörpert das, was uns Deutschen oft fehlt: Er ist ein Macher. 1984 war die türkische Kultur für Deutsche fremder als heute. Ich hatte meine Vorurteile, aber unsere kreative Zusammenarbeit hat sie in Neugierde umgewandelt.

Wer ist euer größter Fan?

Nedim: Viele unserer Fans sind, wie wir selbst, älter geworden. Sie sind uns aber bis heute erstaunlich treu. Cem Özdemir ist ein Fan von uns. Wir haben ihn bei seiner allerersten Wahlkampagne begleitet. Wir sind einige Male auch mit Günter Wallraff zusammen aufgetreten, als sein Buch Ganz Unten veröffentlicht wurde. Auch Eko Fresh ist ein Fan von uns. Er lässt sich von alten Stücken inspirieren und spart dabei noch GEMA Kosten (lacht).

Es gibt sicherlich nicht nur positive Reaktionen auf eure Musik. Ihr beschäftigt euch in Ihren Liedern mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in der Türkei – auf eine amüsante, aber durchaus kritische und direkte Art. Ein Beispiel dafür ist ein Song mit dem Titel Muhtar ve Kediler. Worum geht es darin und welche Rückmeldungen gab es auf dieses Lied?

Nedim: Wir setzen uns auch mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in Deutschland auseinander:

„Zigeuner sind lustig / Die Türken sind froh / Trinken viel Raki und putzen das Klo (…) Im dritten Stock kehrt Ruhe ein / Der Selim ist schon weg / Draußen in den Pissoirs / Wartet schon der Dreck / Keiner sagt was jeder weiß / Deutschland ist ein Scheiß“

Dieses Stück wurde 1988 veröffentlicht und kam damals in die Liederbestenliste des SWR. Es war allerdings bei einigen Zuschauern verpönt. „Was will er noch? Er darf als türkischer Sänger auftreten und fängt gleich an, Deutschland zu beschimpfen.“

In einem anderen Stück haben wir die damals inflationären Ausländerfreundschaftsfeste veräppelt: „Wenn wieder mal ein Haus abbrennt, dann sehen wir uns wieder“.

Das Stück Der Stadtteilbürgermeister und die Katzen entstand, als in dem Istanbuler Stadtviertel Cihangir ein Plattenladen überfallen und die geplante LGBTI Demonstration verboten wurde. Wir haben es erstmals Anfang Juni 2016 bei unserem Berliner Konzert gespielt. Durch den Putschversuch einen Monat später, gewann das Stück noch mehr an Bedeutung. Es gab kaum negative Rückmeldungen. Ganz im Gegenteil: Es traf einen Nerv in der Türkei. Doch wir bekommen – wahrscheinlich aus Verfolgungsangst – zu wenige Shares in den sozialen Medien.

Das Duo in den 80ern

Welche Unterschiede stellt ihr im täglichen Leben in der Türkei im Vergleich zu den 80ern fest?

Nedim: Die aktuelle Zuspitzung der Lage in der Türkei erfolgte nach den Wahlen im Juni 2015. Die Lage, vor allem in den frühen 80ern, war allerdings auch nicht besser. Damals war eine Militärjunta an der Macht. Ich selbst kam nach Deutschland, weil ich verfolgt wurde und bis 1987 nicht in die Türkei einreisen konnte – wegen angeblicher Anstiftung von Arbeitern zum Streik… mit meinem Akkordeon! So steht es in meinen Akten.

Was erwartet ihr von deutschen Politikern in Bezug auf die politische und gesellschaftliche Situation in der Türkei? Auch und insbesondere in Bezug auf den „Flüchtlings-Deal“?

Nedim: Ich war positiv überrascht, als Züge voller Flüchtlinge in deutschen Bahnhöfen gastfreundlich aufgenommen wurden. Es erinnerte mich an das Bild des Portugiesen, der ein Moped geschenkt bekam, weil er Deutschlands millionster Gastarbeiter war.

Die Provinz Hatay, zu der Antakya gehört, liegt an der syrischen Grenze. Da meine Frau für eine deutsche Hilfsorganisation arbeitet, bin ich gut informiert über die Situation der syrischen Flüchtlinge. Die einheimische Bevölkerung (übrigens zur Hälfte arabischer Herkunft) beträgt 1,5 Millionen Menschen. Hier leben zurzeit eine halbe Million Syrer, Tendenz steigend, vermutlich für immer. Wir haben es wohl mit einem total neuen Phänomen der Weltgeschichte zu tun.

Sorry, ich habe die Migration der Homo Sapiens nach Europa vergessen. Und überhaupt, was ist eigentlich aus dem Neandertaler geworden?

Unabhängig von aktuellen politischen Akteuren finde ich es richtig und absolut notwendig, dass die Türkei EU-Gelder bekommt. Und ja: Das darf lediglich ein Teil der humanitären Unterstützung sein. Viele Flüchtlinge wollen eigentlich nach Europa. Es muss daher globale Antworten geben. Europa kann sich nicht freikaufen. Im Übrigen: Ich muss immer an die Neandertaler denken, wenn von der AfD die Rede ist.

kürzlich bei einem Auftritt in Van

Erhofft ihr euch einen Beitritt der Türkei in die EU und falls ja, unter welchen Vorzeichen und Bedingungen?

Nedim: Die Türkei gehört in die EU. Aber Europa muss sich fragen, wie es mit Regierungen wie der von Orbán in Ungarn oder eben hier in der Türkei umgehen will. Da sehe ich keinen großen Unterschied.

2005 als die Türkei ziemlich nahe dran war die EU-Voraussetzungen zu erfüllen, wurde sie in Brüsseler Hinterzimmern als nicht kompatibel abserviert. Dagegen wurden Rumänien und Bulgarien in derselben Zeit mit ihren noch herrschenden „um-doktrinierten“ Altkadern ohne Verzug sofort aufgenommen. Wussten Sie, dass jetzt etwa 400.000 vermeintliche Gastarbeiter aus den beiden benannten Ländern in der Türkei arbeiten?

Und wenn wir schon dabei sind: Darf ich noch erwähnen, dass die Türkei 1947 als Gründungsmitglied des Europarates, vertreten durch den Ministerpräsidenten Faruk Günaltay, in einer leidenschaftlichen Rede an alle anderen europäischen Staaten appellierte, die neugegründete und nach demokratischen Standards noch nicht überzeugende Bundesrepublik ebenfalls in den Club aufzunehmen? Schließlich dauerte es noch Jahrzehnte, bis Deutschland die Nazis aus den Ämtern jagte.

Geo: Wenn man sich wirklich sicher sein könnte, dass ein Beitritt mehr Stabilität, Demokratie und Frieden in die Türkei bringen würde, dann ja. Aber ich habe auch die Befürchtung, dass der kulturelle Unterschied zu groß ist und das meine ich nicht wertend. Eine kulturelle und politische Qualität der Türkei ist, dass sie Vermittler zwischen Orient und Okzident, zwischen Europa und Asien ist. Als Teil der EU würde sie von Europa absorbiert werden. Wäre das gut für die Türkei? Für mich eine sehr schwierige Frage.

Gibt es für euch Hoffnungsträger in der Türkei, die eure Vision für die Zukunft verfolgen?

Nedim: Zahlreiche engste Freunde meiner Frau und mir sind seit Monaten im Gefängnis. Der Autor Ahmet Şık, der Unternehmer Osman Kavala, bis vor Kurzem die auf den Prinzeninseln festgenommenen Menschenrechtsaktivisten, Feministinnen, Parlamentsabgeordnete… Leute, mit denen ich meine Zukunftsvision teile, sitzen gerade im Knast.

Andererseits erlebe ich trotz allem auch Positives. Hier vor Ort haben wir zusammen mit jungen Menschen den Club der Reichen gegründet, eine Anspielung auf den Namen des hiesigen Viertels, in dem früher einmal christliche und jüdische Minderheiten lebten.

Wenn ihr einen eurer Auftritte auswählen müssten, der euch am meisten beeindruckt hat, welcher wäre es und warum?

Geo: Ich glaube, es war die Premiere unseres Musiktheaterstückes Herrlich ist der Orient übers Mittelmeer gedrungen, nebenbei bemerkt ein Goethe-Zitat. In diesem Stück geht es um den Einfluss des Orients im Mittelalter auf das Abendland. Mir war vorher überhaupt nicht klar, wie viel von der heutigen vermeintlichen Überlegenheit des Westens seinen Ursprung im Osten hat. Diese Botschaft dann von der Bühne aus vermitteln zu dürfen, war sehr erfüllend.

 

Das Gespräch führte Lisa-Marie Schöttler

Mehr zu dem Duo findet ihr hier.

 

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