Die Aramäer in der Türkei

Auf den Spuren einer Minderheit

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Die Aramäer (tr. Süryaniler) sind die älteste ethnische Minderheit in der Türkei und doch weiß man wenig über sie. In der öffentlichen Wahrnehmung und gesellschaftspolitischen Gegenwart der Türkei wirkt das aramäische Volk unsichtbar. Obwohl die Aramäer ein Teil der türkischen Gesellschaft sind und das türkische Fernsehen bereits im Jahr 2006 die erfolgreiche Serie Sıla ausstrahlte, in der u.a. das aramäische Leben in der multiethnischen Stadt Mardin eine große Nebenrolle spielte und nur Momentaufnahmen ihrer Kultur und religiösen Tradition gezeigt wurden, wird seitdem kaum mehr über die Aramäer in den Kulturmedien berichtet. Dabei ist die Volksgeschichte der Aramäer stark mit der Türkei verknüpft, ihre kulturellen Einflüsse sind besonders im Südosten des Landes zu sehen. Seit dem 14. Jahrhundert v. Chr. ist das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris im Länderdreieck von Türkei, Syrien und Irak die Heimat der aramäischen Christen. Die Heimatregion der Aramäer ist dabei das Hochplateau Tur Abdin im Südosten der Türkei, nahe der Provinzstadt Mardin. Heute leben schätzungsweise noch rund 20.000 aramäische Christen in der Türkei, 12.000 davon in Istanbul. Mittlerweile dürfte ihre Zahl sogar durch syrische Kriegsflüchtlinge angewachsen sein.

Aramäer sind keine Armenier

Wusstest du, dass die Aramäer und die Armenier nicht das Gleiche sind? Beide Völker unterscheiden sich ethnisch – so gehören die Aramäer zur semitischen Volksgruppe und sprechen eine dem Hebräischen verwandte, semitische Sprache, während die Armenier zur indogermanischen Volksgruppe gehören und eine indogermanische Sprache sprechen. Die Aramäer haben keinen eigenen (National-) Staat, sondern leben verstreut u.a. im Südosten der Türkei, in Syrien, im Irak und im Libanon. Zwar haben die Armenier einen eigenen Staat (Armenien), jedoch leben auch viele von ihnen u.a. in den Nachbarländern Iran, Syrien, Georgien und der Türkei. Eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass beide Volksgruppen Christen sind und der orientalisch-orthodoxen Kirche angehören.

Zur Volksgeschichte der Aramäer in der Türkei

Wusstest du, dass die Volksgeschichte der Aramäer bis in das 35. Jahrhundert vor Christus zurückgeht? In der Geschichtsepoche der Antike wurden sie Assyrer und Chaldäer genannt und erhielten die Bezeichnung „Antike Aramäer“. Die ethnische Minderheit stammt ursprünglich aus Mesopotamien, auch Zweistromland genannt, und ist heute in der südöstlichen Türkei, dem nordöstlichen Syrien und dem nördlichen Irak beheimatet. Infolge der islamischen Expansion seit dem 7. Jahrhundert n. Chr. sowie dem Völkermord an den syrischen Christen während des Ersten Weltkrieges leben viele Aramäer in der westlichen Diaspora – u.a. in Australien, in den USA, in Schweden und in Deutschland (Kreis Gütersloh). Die historische Auseinandersetzung mit den Aramäern wirft einen dunklen Schatten auf das immer noch nicht aufgearbeitete Vergangenheitsbewältigungskapitel in der Landesgeschichte der Türkei. Zwischen 1915 und 1917 wurden beim Völkermord an den Armeniern und Aramäern mehr als eine halbe Million durch die Jungtürken (eine politische Bewegung im Osmanischen Reich Ende des 19. Jh., die auf eine konstitutionelle  Staatsform hinarbeiteten) getötet. Dabei wurde der Gewaltakt an den Aramäern vom Völkermord an den Armeniern überschattet. Auch heute noch wird in der Rezeption auf fehlende Quellen zu den Geschehnissen hingewiesen, da lokale Erfahrungen und selektive Erinnerungen an das völkerrechtswidrige Massaker in der Türkei sehr subjektiv und lückenhaft von den Überlebenden berichtet werden. Die Aramäer nennen die schrecklichen Ereignisse Seyfo (syro-aramäisch für „Schwert“) und sind ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Warum werden die Aramäer in der Türkei nicht als eigenständige ethnische und religiöse Minderheit anerkannt?

Die Aramäer haben heute noch eine konfliktbehaftete Stellung in der Türkei. Dies drückt sich insbesondere in ihrem rechtlichen Status aus, da er sich von den restlichen christlichen Gemeinden in der Türkei unterscheidet. Die Aramäer werden im Vertrag von Lausanne 1923 nicht als eigenständige religiöse Minderheit anerkannt, während den griechisch-orthodoxen, jüdischen und armenischen Gemeinden ein Minderheitenstatus zugesichert wird. Daher durften sie auch als Gemeinde rechtlich kein Eigentum erwerben. Dies wurde 2011 sogar durch eine Verkündung der AKP-Regierung, aus der hervorgeht, dass  konfiszierte Besitztümer an die in der Türkei lebenden religiösen Gemeinden zurückgegeben werden sollen, besonders stark betont, da die Aramäer davon ausgeschlossen wurden. Dadurch stellt sich der Erwerb von Eigentum und der Bau oder der Erhalt von Kirchengebäuden für die Aramäer als ein großes Hindernis dar. Außerdem ist die Ausbildung des Priesternachwuchses und das Unterrichten der aramäischen Sprache bis dato verboten.

Sichtbare (historische) Vermächtnisse der Aramäer

Auf der Spurensuche von Aramäern in der Türkei führt der Pfad bis in den tiefsten Osten. Wusstest du, dass sich in Hakkâri das ehemalige Dorf namens Konak (Qudschanis) befindet, wo einst christliche Assyrer angesiedelt waren? In Diyarbakir kann man die Chaldäische St.-Anton-Kirche bestaunen, in der die Aramäer ihren christlichen Glauben praktizieren. In der südostanatolischen Region liegt die Provinz Mardin. Dort stehen die ältesten christlichen Klöster Dayro d-Mor Hananyo und Mor Gabriel sowie das Mor Behnam Kırklar-Kloster, die zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert n. Chr. erbaut worden sind. In der Stadt Midyat liegt das Kalksteingebirge Tur Abdin (aramäisch für “Berg der Knechte Gottes”), das seit 1.700 Jahren ein spirituelles Zentrum für Christen ist. Im Tur Abdin florierten einst 80 Klöster der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien, von denen heute nur noch sieben aktiv sind.

Die Aramäer haben weitreichende Spuren in der türkischen Geschichte, Gesellschaft und Kultur hinterlassen und prägen das Land bis heute. Die kulturelle Vielfalt sollte weiterhin fortbestehen und die aramäische Identität als ein kostbares Fragment ethnischer Minderheiten in der Türkei (im Sinne des Völkerrechts) anerkannt werden.

Zu den kulturellen Einflüssen der Aramäer in der Türkei

Wusstest du, dass der erste türkische Wein aus der Heimat der historischen Aramäer von Mesopotamien stammt? In der von Aramäern besiedelten Region Tur Abdin (Provinz Mardin) wachsen neben Granatäpfeln, Feigen, Melonen und Aprikosen auch 17 verschiedene Traubensorten, aus denen die Aramäer ihren berühmten Wein Shiluh herstellen. Dieser ist auch als der ,,Wein des Berges Izala” im alten Testament bekannt und hat für die Provinz Mardin einen nationalen Wert, da er die mehr als sechs jahrtausendelangen Geschichte der aramäischen und assyrischen Kultur repräsentiert. Wusstest du, dass auch in der türkischen Küche aramäische Einflüsse wiederzufinden sind? Die Spezialität Kutle (gefüllte Bulgur-Klöße mit Hackfleisch), die im Türkischen İçli Köfte heißen, als auch Apprach (gefüllte Weinblätter) sind Speisen, die auch in die türkische Küche Einzug erhalten haben. Nicht nur für die türkische Küche stellt der kulturelle Einfluss der Aramäer eine Bereicherung dar, sondern auch das Aramäische Auge (tr. Süryani Gözü) schmückt mittlerweile etliche Häuser und Körper. Das blaue augenförmige Amulett hat wie im Türkischen und Arabischen die gleiche Bedeutung – es soll den Bösen Blick abwenden.

 

 

Text: Dilek Kalın

Illustration: Yasmin Anılgan

Lektorat: Reyhan Söğüt

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