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Musik & Tanz

Derdiyoklar Ali – der unbesungene Vater des Anadolu Rock

Am vergangenen Freitag hat Derdiyoklar Ali zusammen mit Farfara im legendären ACUD in Berlin-Mitte gespielt und ordentlich das Haus gerockt. Vor dem Konzert konnte ich kurzfristig noch ein Interview mit Ali Ekber Aydoğan von Derdiyoklar organisieren. Umso mehr war ich aufgeregt, als ich verspätet ankam. Zum Glück haben die Türken ja quasi das akademische Viertel erfunden: Alle waren zu spät. Alles gut. Wir setzten uns in den Backstage-Raum und der große bärtige Mann begann zu erzählen.

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„DAS INTERNET HAT UNS MUSIKER ÜBERROLT“

Als mir meine türkischen Musikerfreunde, nicht ganz ohne Ironie, bei einem Istanbul-Aufenthalt Anfang 2000 zum ersten Mal Derdiyoklar Ali im Internet zeigten, wurde ich locker zwei Jahrzehnte in meine Kindheit zurück katapultiert. Das Gefühl war so ähnlich, wie wenn man seltsame Familienfotos von früher beim Umzug wiederfindet. Die Musik, aber vor allem auch die Performance, bewegte damals etwas Tiefes in mir, das ich erst jetzt verstehe, nachdem ich ihn live gesehen habe.

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Ich sage nicht ganz ohne Ironie, weil Derdiyoklar Ali bis dahin in der Türkei wenig bekannt war. Erst mit der Digitalisierung von alten VHS-Aufnahmen von türkischen Hochzeiten und Sünnetfesten in Deutschland erreichten sie auch meine Generation und beeinflussten unzählige neue Musiker.

Der Grund für diese späte Aufmerksamkeit war ihr damaliges Plattenlabel Türküola, das die Platten hauptsächlich im Ausland vertrieb und nicht in der Türkei, da ihr Sound dort als Protestmusik eingestuft wurde. Die Einnahmen der GEMA und alle anderen internationalen Anstalten gingen daher direkt an das Label und Derdiyoklar hat bis heute keinen Kuruş davon gesehen. Wie auch bei vielen anderen Protestmusikern in der Türkei wurden ihre Kassetten nur auf den Schwarzmarkt verkauft.

VON PROTESTMUSIK ZUR REVOLUTION EINES GENRES

Dabei geht die Geschichte der türkische Protestmusik bis zu den mystischen Aşık Sängern der vorislamischen Zeit zurück. Damals wie heute sangen sie um Geschichten und universelles Wissen an das Volk weiterzugeben und galten als Verfechter der Wahrheit. Das gleiche gilt für die Musik von Derdiyoklar. Mit Liedern wie „Liebe Gabi“ und „Hop Hop Dazlaklar“ machte er früh auf den Fremdenhass in Deutschland aufmerksam. Als die Regierung Kohl Anfang der 80er ein neues Gesetz verabschiedete und den Gastarbeitern bis zu 20 Tausend DM für ihre Emigration zahlte, ließen sich viele davon blenden und gingen zurück in die ihnen fremd gewordene Heimat. Das Geld war schnell weg und die Enttäuschung groß. Derdiyoklar Ali arbeitete die Leidensgeschichte dieser Rückkehrenden in seine Texte ein, um andere vor dem gleichen Schicksal zu warnen, getreu der  Tradition mündlicher anatolischer Überlieferungen. Heute kann man fast schon von Kısmet reden, in Anbetracht der Tatsache, dass Helmut Kohls Sohn Peter eine Türkin geheiratet hat.

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Das Talent wurde Derdiyoklar Ali praktisch in die Wiege gelegt. Er kommt aus einer traditionsreichen Familie der Sänger und Musiker. Aşık Mahzuni Şerif war sein „Kirve“. Bereits als Kind spielt er Tambour und schreibt prämierte Gedichte, die er im staatlichen TRT-Radiosender vortragen darf – die gleiche Sendeanstalt, die ihn später zensieren wird. Gelernt hat er bei Größen wie Arif Sağ, der damals schon zu ihm sagte, dass er die Noten zwar kennen sollte, aber sich beim Spielen nicht an ihnen festhalten und lieber auf sein Gefühl hören solle. Sein Style zu texten ähnelt dem freien Vers von Nâzım Hikmet. Er singt auf mehreren Sprachen und spielt so ziemlich alles von der arabischen Ud bis zur griechischen Bouzouki. Mit diesem eklektischen Fundament und der Vision musikalisch Orient und Okzident zu fusionieren, landet er Anfang der 70er über Istanbul in Deutschland. Hier tritt er zu Beginn in „Gazinos“ und „Muzikhols“ auf und spielt später mit seinem Partner İhsan Güvercin als „Derdiyoklar İkilisi“ erfolgreich auf türkischen Feiern, wovon es bekanntlich unzählige gibt. Der Sound, der in dieser Zeit entsteht, ist tatsächlich etwas Besonderes. Derdiyoklar Ali wurde oft als türkischer Jimmy Hendrix bezeichnet. Als ich ihn darauf anspreche, sagt er mir, dass er Hendrix damals gar nicht kannte und einfach sein eigenes Ding gemacht hat. Er mischte Disco, Pop, Folk, Funk, Krautrock, Psychedelia und drehte das Ganze durch den Fleischwolf traditioneller türkischer Musik.

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DAS MUSIKALISCHE VERMÄCHTNIS

Heute gibt es nach eigenen Angaben über 3000 Interpreten, die direkt oder indirekt von seiner Musik und ihrem Stil beeinflusst wurden. Die Referenzen lassen sich in Textzeilen von Barış Manço bis hin zu Riffs in Tarkan-Songs wiederfinden.

Tatsächlich aber hat er eine ganze Musikergeneration von Digital Natives geprägt, die ihn erst, wie ich, durch das Internet entdeckt haben. In Istanbul gibt es zur Zeit eine sehr lebendige Free- und Improvszene, bei der man immer wieder direkte Einflüsse von Derdiyoklar wiederkennen kann. Teil davon ist die progressive Band Farfara. Ihr Gitarrist Etkin Çekin, der im Gegensatz zu Ali andersherum in Deutschland geboren und in Istanbul aufgewachsen ist, erzählt mir, dass Krautrock die Schnittstelle zwischen ihrer Musik und der von Derdiyoklar ist. Ausgerechnet Krautrock, was von den „Krauts“ also den Deutschen kommt. Deutsche Bands wie Can, Neu! und Amon Düül II … Ich bin mega gespannt auf den Auftritt.

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Als das Konzert losgeht und der Sound anfängt transzendental zu treiben, macht plötzlich alles Sinn. Ich sehe vor meinen Augen ägäische Okraschoten wie auf dem Can Album Cover. Checke, dass Kraut, beziehungsweise das damit verbundene Konzept von Deutschsein, relativ dehnbar ist. Und merke mal wieder, wie grenzübergreifend Musik wirklich sein kann. Heimlich bin ich sogar ein bisschen froh darüber, dass das Internet die alte Generation der Musiker überrollt hat.

Credits
Text: Selim Pekin Güngör
Fotos: Sarah Ungan

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