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Gesellschaft & Geschichten

Dek

In Haut gestochene Geschichte
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Ein 500 Jahre alter Brauch der traditionellen Tätowierungen wurde noch bis in die 00er – Jahre in Anatolien und Mesopotamien in der Türkei praktiziert. Ein Brauch, der vielen Menschen, sowohl in der Türkei als auch in Deutschland nicht bekannt ist und eine tiefgreifende Verewigung von Geschichte auf der Haut darstellt. Im Kurdischen „Dak“ oder „Dek“  genannt, ist es eine Art der Tätowierung, die auf eine bestimmte Art und Weise gestochen wird. Dabei werden besondere mystische Symbole dargestellt, die langsam in Vergessenheit geraten.

„Dek“ wurde traditionell mit drei bis sieben fest zusammengebundenen Nadeln gestochen.

Dabei handelt es sich oftmals um naturverbundene Motive, die sowohl Männer als auch Frauen der älteren Generationen in dörflichen Regionen der Türkei tragen. Sie sind Türken oder gehören der alevitischen, kurdischen, syrischen, arabischen oder jesidischen Minderheit an. Diese unterschiedlichen Volksgruppen mögen unterschiedliche Sprachen sprechen, doch die Symbole, die ihre Körper zieren, sprechen eine gemeinsame Sprache. Die Motive schmücken den Körper nicht nur, sondern drücken die Wünsche, das Verlangen und damit auch die Charaktere der Menschen aus.

Sonne, Mond und Sterne

Sie erinnern an vereinfachte Darstellungen von Sonne, Mond und Sterne, der Pflanzen- und der Tierwelt. Dabei haben die Motive einen sehr linearen, fast schon geometrischen Stil. Zudem sind die Symbole nicht nur auf der Haut, sondern auch in der Architektur, auf Grabsteinen, in Teppichen oder Stickereien zu finden. Die Menschen glaubten, dass Dek sie vor Krankheiten und bösen Blicken (nazar) schützt und dass es ihnen Schönheit, Fruchtbarkeit und Stärke gibt.

Wie dieser Brauch entstanden ist, ist nicht bekannt. Es wird jedoch vermutet, dass ein Nomadenvolk, die Karaçiler, die Tätowierungen einführte. Sie zogen singend und tanzend von Dorf zu Dorf und nahmen im Gegenzug für die Tätowierungen Geld, Kleidung oder Essen.

Hauptsächlich Frauen übten den Beruf der Tätowiererin aus und wurden Dekkake genannt. Die weiblichen Tätowierten wurden als Medkuke und die männlichen als Medkuk bezeichnet.

Nachdem sich die Person ein Motiv ausgesucht hatte, wurde es auf der Haut vorgezeichnet. Mit einem Gemisch aus Ruß und Muttermilch wurden dann mit drei, fünf oder sieben fest zusammengebundenen Nadeln die Tätowierungen gestochen. Es wurde dabei die Muttermilch einer Mutter, welche ein Mädchen gebar, verwendet. Man glaubte, dass besonders diese Milch durch ihren höheren Fettgehalt für eine längere Haltbarkeit der Tätowierung sorge. Die meisten jungen Frauen und Männer ließen sich im Frühling tätowieren, da die Tätowierungen in den kalten Jahreszeiten durch die geringere Durchblutung der Haut schlechter verheilen würden.

Es gibt unzählige Symbole mit vielschichtigen Bedeutungen. Die Sonne ist eines davon. Oft wurde sie zwischen den Augenbrauen oder auf den Händen verewigt. Sie sollte, so sagt man, das Leben der Person erleuchten und den Körper mit Licht durchfluten. Außerdem den Tätowierten Stärke und Hoffnung verleihen.

Faszinierend ist auch die Darstellung der Sonne mit neun Punkten. Tätowiert an der rechten Schläfe, stellte sie die Person nach außen hellhörig, aufmerksam und intelligent dar.

Aus praktischen Gründen ließen sich Frauen sich auch ihren Schmuck tätowieren. Denn es kam vor, dass sie bei der Feldarbeit ihre Schmuckstücke verloren und sich deshalb für das Tätowieren von Fußketten, Kämmen oder Anstecknadeln entschieden. Verzierende Elemente wie Sonne, Mond, Sterne und Blumen bestärkten dabei die Schönheit des Körpers.

Die Gazelle sollte eine Anziehung des anderen Geschlechts bewirken. Sogar Glück in der Ehe und Attraktivität versprach sie. Häufig wurde diese möglicherweise ein Liebesbeweis, den nur die geliebte Person sehen konnte.

Tattoos als Heilmittel

Die Symbole sollten nicht nur bestimmte Wünsche erfüllen, sondern auch Schmerzen bekämpfen. Wie beispielsweise die Kornähre am Handgelenk gegen Schmerzen beim Melken oder bei der harten Feldarbeit. Zusätzlich versprach sie den Menschen Segen, Fruchtbarkeit und Wohlstand.

Bei der starken körperlichen Arbeit auf dem Land, bei der es auch um Schnelligkeit ging, half der Tausendfüßler. Die Tätowierten trugen ihn am Fußgelenk und glaubten, damit problemlos in der Lage zu sein, schwere Arbeiten erledigen zu können.

Darüber hinaus lauerten in den trockenen Landschaften Anatoliens und Mesopotamiens viele Gefahren durch giftige Pflanzen und Kleintiere. Der Skorpion, der Käfer und die Blume bewahrten die Menschen vor dem Gift jener. Aber auch der Schutz gegen Nazar – die bösen Blicke – darf nicht fehlen und wurde durch das Auge gegeben.

Die Tätowierungen behandelten nicht nur irdische Themen mit ihren Motiven, sondern auch überirdische. Beispielsweise die Verbindung von Himmel und Erde durch den Baum des Lebens. Dieser entspringt der Erde, strebt gen Himmel, streckt seine Äste in alle Richtungen und symbolisiert Lebenskraft und Unsterblichkeit. Auch das Kreuzmotiv galt als Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits und wurde häufig verwendet.

Ob die lebensverbessernden Absichten durch den Einsatz der Symbole auch in Wahrheit erfüllt wurden, sei dahingestellt. Klar ist allerdings, dass die Tätowierungen den Menschen Hoffnung auf Besserung ihrer Probleme gaben. Ein Gefühl von Stärke und Schönheit bereicherte dabei ihr Leben.

Sünde im Islam

Heutzutage wird Dek nicht mehr praktiziert, da Tätowierungen im Islam häufig als Sünde angesehen werden. In der Zeit, in der der Brauch ausgeübt wurde, schien dieser Glaube keine allzu große und strenge Rolle zu spielen. Es war verbreitet, dass diese Annahme sich damals auf den Ramadan und das Zucker- und Opferfest beschränkte. Durch diesen Wandel lassen sich einige ihre Tätowierungen mittlerweile aus Scham weglasern oder versuchen sie zu verstecken.

Wie so viele Bräuche stirbt mit den letzten Trägern der Tätowierungen auch diese Tradition aus. Doch die Symbole bleiben zumindest teilweise in Architektur, auf Grabsteinen, in Teppichen oder Stickereien bestehen.

Credits
Text: Selin Bahar Sarikaya
Fotos: Ali Şekeroğlu

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