Das kleine Cruising 1×1

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Die schattigen Ecken von Parks, abgelegene Parkplätze oder versteckte Winkel öffentlicher Toiletten: Orte, die für viele lediglich Durchgangsstationen des Alltags sind, bergen für andere eine ganze Welt des verborgenen Begehrens.

Eine Welt des Cruising.

Cruising – die Praxis, öffentliche Orte aufzusuchen, um spontane, anonyme sexuelle Begegnungen mit anderen zu haben – ist mehr als nur die Suche nach einem flüchtigen Abenteuer. Es ist eine kulturelle Praxis mit eigenen Codes und ungeschriebenen Gesetzen. Es ist Widerstand gegen heteronormative Erwartungen und erzählt Geschichten von Verbot und Befreiung, Risiko und Nervenkitzel, Lust und Sex. Auch für mich.

Die Geschichte des Cruising erstreckt sich über Jahrhunderte und ist fest verwoben mit der LGBTQIA+-Geschichte. Es entwickelte sich in Zeiten, in denen gleichgeschlechtliche Intimität illegal war und die Verfolgung – besonders von Männern, die Sex mit Männern (MSM) hatten – allgegenwärtig war. 

Für Männer, die Sex mit Männern haben, diente der öffentliche Raum als Zufluchtsort, im Gegensatz zum oft weiblich konnotierten privaten Raum. Die Parks, Toiletten und Saunen boten und bieten Freiheit, während queere Frauen sich oft in privateren Treffs daheim, wie Buchclubs, zurückgedrängt fanden.

In den Momenten, bevor ich einen Cruising-Ort betrete, rast mein Herz noch immer. Die Dunkelheit, das Unbekannte und die stumme Kommunikation in Form von Blicken und Gesten erzeugen eine Mischung aus Spannung und Lust. In diesen Momenten verliere ich mich im aufregenden Wechselspielen aus Verstecken und Entdecken, in unerwarteten Begegnungen und aufregenden Abenteuern: Ein Blick, ein Nicken, ein Griff in den Schritt. Cruising hat, wie jede Kulturpraxis, seine individuellen, oft subtilen Ein- und Ausschlusskriterien, klare Codes und Regeln.

So faszinierend Cruising auch sein mag, und so wichtig es gerade auch für Menschen ist –  die ungeoutet sind oder an Orten leben, an denen es nicht so einfach ist, gleichgeschlechtlich intim zu werden – so birgt es doch auch immer (noch) Risiken: Anonymität kann bisweilen auch zu Übergriffigkeit führen. Ich selbst musste auch schon einmal lautstark darauf hinweisen, dass mir eine Person doch bitte nicht weiter folgen solle, nachdem derjenige nicht auf meine vorherigen Hinweise hören wollte. Es ist zwar eine Welt des stillen Einverständnisses, aber eben auch eine, in der man manchmal lauter werden muss, um gehört zu werden. 

Ein weiterer kritischer Punkt in der Cruising-Kultur ist die Frage nach Inklusion und Exklusion. Während die Anonymität des Cruising für einige von uns Freiheit und Abenteuer symbolisiert, kann sie für andere Gefahr und Ausschluss bedeuten. Besonders für FLINTA* und BIPoC kann die Teilnahme an öffentlichem Cruising riskant sein. Daher ist es wenig überraschend, dass es kaum explizit sichere Cruising-Räume für diese Gruppen in Deutschland gibt. Und noch viel wichtiger ist es daher, die existierenden Räume geheim zu halten.

 Auch in Berlin gab es über Covid das Aufkommen von FLINTA*-Cruising-Orten, bei denen dann extra Sicherheitspatrouillen gewährleisteten, dass nur Eingeweihte Zutritt hatten. Aber wie bestimmt man, wer dazugehört? 

In den LGBTQIA+-Communities wird kontinuierlich über Sicherheit, Inklusion und Selbstbestimmung diskutiert. Die Frage bleibt offen: Kann es eine Cruising-Kultur geben, die frei von Kontrollmechanismen ist? Ein Raum, der für alle zugänglich ist, unabhängig von Geschlecht oder Identität? Inklusion und Exklusion bleiben zentrale Themen in der Welt des Cruising, die es weiter zu erforschen und zu diskutieren gilt. 

Ihr seht, Cruising ist also viel mehr als nur Sex zwischen Männern in Büschen und Dünen. Und bei allem, was Cruising ist oder nicht ist, bei aller Komplexität und bei allen Chancen und Risiken, bei aller Kritik, steht eines fest: Cruising geschieht überall. Ob im Berliner Tiergarten oder im Hamam in Teheran, ob am Strand an der spanischen Küste oder an der Autobahnraststätte in Kolumbien. Ob ihr es nun wahrnehmt, oder unwissentlich daran vorbeigeht. 

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