Cripping Up

"Du kriegst keinen Oscar wenn du wirklich behindert bist."

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Wir alle haben wahrscheinlich schon Filme, Theaterstücke oder Serien gesehen, in denen Menschen mit Behinderung vorkamen. Doch habt ihr mal abgecheckt, ob diese Personen wirklich eine Behinderung haben oder diese nur spielen? In den meisten Fällen spielt nämlich ein*e Schauspieler*in ohne Behinderung diese Rolle –und da spricht man von Cripping up.

Was ist Cripping Up?

Die Problematik beim Cripping up (oder auch Disability Drag genannt) besteht darin, dass behinderte Menschen immer noch stark unterrepräsentiert sind und sie aufgrund ihrer Behinderung oft auch nicht für bestimmte Rollen ausgewählt werden. Außerdem werden Schauspieler*innen, die eine Rolle mit Behinderung spielen sollen und tatsächlich eine Behinderung haben, als authentisch wahrgenommen – was nicht verwunderlich ist, da sich die Schauspieler*innen ohne Behinderung in kurzer Zeit nicht das nötige Wissen und die Erfahrungen aneignen können.

„Du kriegst keinen Oscar, wenn du wirklich behindert bist“Raul Krauthausen

Was hat Cripping up eigentlich für eine Bedeutung und wie übersetzt man das?:

Die Bezeichnung „Cripping up“ setzt sich aus den Begriffen crip (übersetzt: Krüppel) und up (übersetzt: hoch) zusammen. Hierbei wird der Begriff „Krüppel“ als „positiver Kampfbegriff“ umgedeutet. Georg Kasch, Experte zum Thema Cripping up, kommentiert in einem Interview mit „zett“:

„Hoch, weil das ja immer als hohe Kunst der Verwandlung gilt, als nicht-behinderte*r Schauspieler*in eine Behinderung zu spielen“

Kasch kritisiert das „Cripping up“ und begründet diese in seinem Essay „Cripping up – Was problematisch daran ist, wenn Schauspieler ohne Behinderung Rolle mit Behinderung spielen“. Denn mittlerweile kritisieren viele Menschen u.a. das „Blackfacing“, also dass weiße Personen in Filmen, Serien, Theaterstücken oder auch beim Verkleiden an Karneval, ihre Gesichter schwarz färben, um eine schwarze Person darzustellen (was richtig und wichtig ist). Aber ist es beim Cripping up nicht auch eine Art Nachahmung?

Ja ist es. Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung werden von „able-bodied actors“ nachgeahmt. Dafür bekommen die jeweiligen Personen sogar oft noch Auszeichnungen, viel Applaus oder krasse Anerkennung, weil es als ein exzentrischer Rollenwechsel angesehen wird.

Menschen mit Behinderung als Schauspieler:innen

Im Transkript von „die neue Norm“, wo Judyta Smykowski, Raul Krauthausen und Jonas Karpa über „Behinderung im Film“ sprechen, sagt Raul:

„Mein erster Film, den ich je erlebt habe, war, glaube ich in der Schule, Grundschule. ,Die Vorstadtkrokodile‘ handelt von einer Rabauken-Gruppe, die einem Kriminalfall, glaube ich, auf die Schliche kommen. Und ein Junge im Rollstuhl spielt damit und ist in der Version, die ich gesehen habe, aus den Achtzigern natürlich Außenseiter und muss eine Heldentat vollbringen, damit er in der Gruppe überhaupt Anerkennung findet. Und diese Heldentat basiert darauf, dass er das Verbrechen live gesehen hat. Und das macht ihn natürlich zu jemandem mit einem Informationsvorsprung in der Gruppe. Und dadurch wird er dann plötzlich geschätzt. Und ich habe mich damals als ich den Film in der Schule gesehen habe, in Grund und Boden geschämt, weil ich war als rollstuhlfahrender Mensch kein Außenseiter und dachte immer, ich muss jetzt extrem dankbar sein in meinem Freundeskreis, dass ich kein Außenseiter bin und dass ich ein, wie soll ich sagen, Dankbarkeitsgefühl hatte, das unerträglich war. Und dann hat sich das auch so angefühlt, diesen Jungen imFernsehen zu sehen, sich an, wie so ein Blick in den Spiegel mir vorkam und ich dann die ganze Zeit dachte: sosieht es also bei mir die ganze Zeit aus, und ich wäre am liebsten weinend aus der Klasse gegangen. Und wirhaben ihn, glaube ich, über drei Stunden gekuckt. Also drei Wochen lang.“

In derartigen Filmen wird behindertes Leben als minderwertig oder sinnlos dargestellt. Diese Darstellung nennt man dann „Disability Death Porn“.  Häufig sind die Stories der Filme mit Rollen, die behinderte Menschen darstellen, dass sie eine Behinderung durch einen Unfall oder eine Krankheit haben oder sogar den Wunsch haben zu sterben.

In seiner Diplomarbeit befasste sich Raul Krauthausen mit der Darstellung behinderter Menschen im deutschen Fernsehen. Dabei fand er heraus, dass es immer um die Metapher der Erlösung gehe. Also es geht immer darum, dass die Person extrem unter der Behinderung leidet und nur durch „Heilung“, also eine Form von Therapie, Medikamente oder Technologien das Glück wieder gefunden werden kann. Dabei wird dann der Wunsch nach dem Tod der Rolle als eine Art Erlösung betrachtet. Zum einen für die Person selbst, als auch für das Umfeld. Raul kritisiert dabei, dass genau das, wofür sich die Behindertenbewegung die letzten Jahrzente einsetzt, in derartigen Filmen gar nicht stattfindet und, dass ein Leben mit Behinderung auch Lebenswert ist und dass die Personen auch nach einem Unfall und entsprechender Betreuung und Versorgung nach das gleiche oder mehr Lebensglück empfinden kann, wie vor dem Unfall.

Die Drehbuchautor*innen der Filme, die keine Behinderung haben, versuchen bei der Rolle der Person mit Behinderung ihre eigene Wahrnehmung darüber zu erzählen. Doch wäre es nicht sinnvoller, wenn man schon „able-bodied actors“ für die Rolle einstellt, zumindest eine Person mit der Behinderung, die in dem Film dargestellt wird, hinzuzuziehen? Eigentlich schon. Denn indem mutmaßlich „Lebensrealitäten“ von Personen mit Behinderung dargestellt werden, immer die Behinderung im Vordergrund steht, mit dem Kriterium ein*e Held*in oder das Opfer zu sein, bedient man sich an Stigmata. 

Autorin: Rojda Çomak

Quellen:
www.facebook.com/raul.krauthausen/photos/a.732175023467379/3896769690341214/?type=3
www.zeit.de/zett/2020-04/cripping-up-wenn-nicht-behinderte-schauspielerinnen-menschen-mitbehinderung-spielen?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F
www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=16109:cripping-up-wasproblematisch-daran-ist-wenn-schauspieler-ohne-behinderung-rollen-mit-behinderungspielen&catid=101:debatte&Itemid=84
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