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Gesellschaft & Geschichten

Bruderland Südkorea

Umzingelt von südkoreanischen Amcas im Kriegsmuseum

Denkt man an Südkorea, dann denkt man an K-Pop, K-Beauty und K-Dramen. Dem könnte man K-Food, K-Cafés und K-Fashion hinzufügen. Man denkt an K-Leistungsdruck, K-Überarbeitung und K- Schönheitsoperationen. Das „K“ für Korean wird mittlerweile weltweit erfolgreich vermarktet. K-Bruderland ist dabei reserviert für die Türkei.

Bei südkoreanischem Amca (dt. Onkel) denkt man vielleicht als erstes an Psy und sein One-Hit-Wonder „Gangnam Style“. Doch was hat es mit dem symbolischen Beziehungsstatus Bruderland zwischen Südkorea und der Türkei auf sich? Was haben die südkoreanischen Amcas damit zu tun?

Foto: Kim You Jin – Kriegsmuseum Seoul, Südkorea

Wir reisen nach Südkorea und zwar in das Kriegsmuseum in der Hauptstadt Seoul, um zusammen mit der deutsch-türkischen Studentin İlayda mehr über die türkisch-südkoreanische Beziehung zu erfahren. Sie erzählt uns von den Erinnerungen ihres Großvaters, der im Koreakrieg kämpfte. Hier treffen wir auch die besagten südkoreanischen Amcas. Man nennt sie im Bruderland Ajussis.

Foto: Michael Kuchinke-Hofer – İlayda vor dem „Pavillon der Einheit“ in Berlin

Im Museum

Warme, leicht muffige aber trockene Luft schlägt uns entgegen als wir den U-förmig gestalteten Ausstellungsraum betreten. Von dem Feinstaub draußen spüren wir hier drinnen nichts. Die weißen Masken für den Mund ziehen wir daher wieder aus. Der Ausstellungsraum ist übersät mit Fotografien und Relikten aus dem Koreakrieg der 1950er, durch den die Trennung in Nord und Süd sich endgültig verfestigte. Denn diese war vor dem Koreakrieg als Notlösung gedacht. Einen Friedensvertrag gibt es bis heute noch nicht. Die Dauerausstellung ist denjenigen Nationen gewidmet, die damals Südkorea unterstützten. Dazu gehört auch die Türkei mit 21.212 Soldaten und Deutschland mit $47.619.

Foto: Kim You Jin

Meine Aufmerksamkeit wandert zu einer gigantischen, langen Wand mit unzähligen eingerahmten Fotos, angeordnet im Stil der Petersburger Hängung. Sie zeigen Kriegsveteranen, viele davon sind türkische Soldaten. Es ist ein beladenes Ensemble von Eindrücken, das Geschichten zu erzählen scheint.

Ich bemerke noch nicht, dass İlayda verschwunden ist. Stattdessen betrachte ich eine schwarz-weiße Fotografie von einem türkischen Kriegsveteranen auf dessen Schoß ein koreanisches Mädchen mit Topfschnitt sitzt. Es erinnert mich an Szenen aus dem türkisch-koreanischen Film „Ayla: The Daughter of War“ (2017). Die Hauptfigur Ayla heißt mit richtigem Namen Eunja Kim und wurde von dem türkischen Stabsunteroffizier Süleyman Dilbirliği während des Koreakrieges aufgenommen und gepflegt, nachdem sie ihre Eltern im Krieg verlor. Nach dem Krieg kehrte Dilbirliği in seine Heimat zurück. Der Versuch, die damals 5-jährige südkoreanische Pflegetochter mitzunehmen, war vergebens. Vor zwei Jahren haben sich die beiden zum ersten Mal wieder in Seoul getroffen und ihre Geschichte für den Oscar-nominierten Kinofilm geteilt. Der Film ist ein gelungenes Beispiel für die emotionale Verbundenheit zwischen der Türkei und Südkorea und verdeutlicht den Status „Bluts-Bruderland“.

Foto: Kim You Jin

Ein Gemurmel hinter mir unterbricht meine Gedanken und ich bemerke endlich, dass İlayda verschwunden ist. Wir sind nicht mehr die Einzigen im Raum. Als ich mich umdrehe, finde ich sie umzingelt von ca. 20 südkoreanischen Ajussis bzw. Amcas vor. Eine Hälfte der südkoreanischen Onkel ist klassisch in Anzug gekleidet. Die andere Hälfte in Wanderkleidung mit Anglerhut; ebenso klassisch für südkoreanische Onkel. Beunruhigen tut mich die mafia-artige Formation allerdings nicht, denn Südkorea ist eines der sichersten Länder der Welt. Vielmehr sieht es nach einer Museumstour aus und İlayda ist plötzlich zur Museumsführerin geworden:

„Sie haben alle angefangen zu klatschen, haben sich bei mir bedankt und haben mir die Hände geschüttelt.“

Foto: Kim You Jin – Widmung an Sadık Asimgil

»Ich hatte gerade ein paar Fotos von meinem Opa gemacht als der Tourguide kam und angefangen hat über die türkischen Kriegsveteranen zu sprechen. Als er kurz aufgehört hat zu sprechen meinte ich dann ‚Das ist mein Opa, den sie da sehen‘. Und was dann passiert ist, ist wirklich faszinierend. Sie haben alle angefangen zu klatschen, haben sich bei mir bedankt und haben mir die Hände geschüttelt. Sie waren sehr stolz auf mich und ich habe angefangen zu weinen, war sehr berührt von der Situation, weil ich echt stolz auf meinen Opa war.«, klärt sie mich auf.

Foto: Kim You Jin

Während der Koreakrieg als „vergessener Krieg“ in westlichen Medien beschrieben wird, sind die Spuren dieses Krieges in der Erinnerung südkoreanischer Amcas und Teyzes (dt. Tanten, ko. Ajummas) fest verankert. İlayda steht jetzt vor der Vitrine für die türkischen Soldaten. Die große Aufschrift „Die Türkei, Bruder-Nation geformt durch Blut“ hinter ihr springt mir in den Blick. Darunter liegen Fotografien und Zeitungsartikel von İlayda’s Großvater Sadık Asimgil, für den wir hierhergekommen sind. Denn İlayda’s Großvater ist ein Kriegsveteran. Er hat 1950 für 3 Monate am Koreakrieg teilgenommen.

„Turkey, Brother Nation Forged in Blood“

Foto: Familienarchiv Asimgil – Sadık Asimgil (links) bei der FIFA Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea

»Mein Opa ist in der Türkei aufgewachsen und hat sein ganzes Leben in der Türkei verbracht, in Mersin. Wir kommen aus Mersin. Seitdem ich klein bin fahre ich jedes Jahr in die Türkei, in unsere Heimatstadt. Mein Opa, der immer an Korea zurückdachte und wirklich jede Nacht von Korea träumte, hat mir von klein auf über Korea erzählt; dass er im Koreakrieg war und dass er die koreanischen Leute und die koreanische Mentalität sehr mochte. Das war mein erster Kontakt zu Korea.«

Foto: Michael Kuchinke-Hofer

Begeisterung und Leidenschaft

İlayda hat sich ihre Leidenschaft für Südkorea in koreanischer Schrift auf ihren linken Unterarm tätowieren lassen. Es bedeutet Wasserfee, die Bedeutung ihres Namens. Letztes Jahr war sie vier Mal in Südkorea, alle vier Jahreszeiten hat sie erlebt. Dieses Jahr hat die Studentin den ersten Preis für eine Reise nach Seoul in einem Sprachwettbewerb auf Koreanisch gewonnen.

Foto: Michael Kuchinke-Hofer

»Ich spreche fließend Koreanisch. Habe das in zwei Jahren eigenständig als Hobby gelernt. Ich habe einen Sprachkurs besucht und mit koreanischen Freunden Zeit verbracht und entsprechend die koreanische Kultur und die Sprache kennengelernt. Dahinter stecken sehr viel Fleiß und sehr viel Eifer und Motivation.«, verrät sie uns.

„Ich spreche fließend Koreanisch. Habe das in zwei Jahren eigenständig als Hobby gelernt.“

Foto: Michael Kuchinke-Hofer

10.000 Abonnenten zählt die Influencerin auf ihrem Korea-basierten Instagram-Account ilaayyda_.  Darunter auch viele Südkoreaner. »Wenn ich sage, dass ich Türkin bin, dann sagen sie ‚Oh, Türkei das ist ja unser Bruderland.‘. Wenn ich dann erzähle, dass mein Opa selbst im Krieg war, dann sind sie alle sehr fasziniert und sehr gerührt und bedanken sich bei mir. Dann sage ich 감정 받았다 (gamjeong badatda; dt. gerührt sein, wertschätzen).« Auch umgekehrt fällt das Wort Bruderland oftmals in Begegnungen mit Südkoreanern. 67 Jahre haben die Verbundenheit über Kontinente hinweg nicht schwinden lassen.

„Wenn ich erzähle, dass mein Opa selbst im Krieg war, dann sind sie alle sehr fasziniert und sehr gerührt und bedanken sich bei mir.“

Foto: Michael Kuchinke-Hofer

İlayda hat eine kleine, schwarze Box mitgebracht, die vertikal mit chinesischen und koreanischen Zeichen bestückt ist. Die Aufschrift bedeutet „6.25. Kriegserinnerung“. Der Koreakrieg begann offiziell am 25. Juni 1950. Aus der Box nimmt sie die Kriegsdienstmedaille ihres Großvaters hervor. Diese und andere Erinnerungsstücke hat İlayda vererbt bekommen.

»Meine Familie findet, dass ich die Einzige bin, die den Wert dieser Dinge überhaupt verstehen kann, weil mein leidenschaftliches Interesse an Korea sehr groß ist. Ich habe einen Brief von meinem Opa bekommen, der über ein Erlebnis von ihm 1950 in Korea erzählt, das hat er mir auch persönlich erzählt. Als er mit der NATO zusammen gegen China kämpfte, hatte er im Krieg damals einen Helm und wurde von den Gegnern angeschossen. Hätte er den Helm 2cm weiter hinten getragen, wäre die Kugel durch seinen Kopf geschossen. Das war sein allergrößtes Abenteuer in Korea.«

„Meine Familie findet, dass ich die Einzige bin, die den Wert dieser Dinge überhaupt verstehen kann, weil mein leidenschaftliches Interesse an Korea sehr groß ist.“

Foto: Michael Kuchinke-Hofer

Das letzte Mal hat sie ihren Opa 2012 gesehen, zwei Jahre bevor er verstorben ist. Insgesamt sind im Koreakrieg 892 türkische Soldaten gefallen. In Busan, einer Hafenstadt im Süden von Südkorea, wurde ein Friedhof für die Gefallenen des Krieges errichtet. Dort sind auch türkische Soldaten begraben worden.

Kriegserinnerungen

Die Unterstützung von Südkorea durch die Türkei bedeutete nicht nur eine Veränderung im Beziehungsstatus zum Bruderland Südkorea, sondern auch eine Veränderung der Außenpolitik der Türkei seit Mustafa Kemal Atatürk. Der blondhaarige, blauäugige Begründer der türkischen Republik, wie er gerne beschrieben wird, sagte: „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt“. Damit setzte er damals die Basis für die türkische Außenpolitik. Dieser kemalistische Leitsatz wurde erstmals durch die Teilnahme am Koreakrieg gebrochen. Der Leitsatz hatte sich nahezu 30 Jahre nach dem Tod Atatürks bis zur Unterstützung am Koreakrieg gehalten. Zuvor intervenierte die Türkei nicht in politische Angelegenheiten der Außenwelt, wie es für die USA üblich war, die auch am Koreakrieg teilnahmen und sogar den Oberbefehl über die UN-Truppen in Südkorea übernahmen. Die Sowjetunion und China unterstützten derweil Nordkorea.

Bild: Familienarchiv Asimgil – Sadık Asimgil und Kameraden

Im Vergleich erlebten die türkischen Soldaten die Differenz zu den Amerikanern aber auch die Ähnlichkeiten zu den Südkoreanern deutlich. So wie Südkorea hatte auch die Türkei wirtschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Während die amerikanischen Soldaten awesome Mahlzeiten, fancy Fahrzeuge und amazing Feierlichkeiten genossen, verdienten türkische Soldaten umgerechnet ca. 5 Euro monatlich für ihre Hilfe im Krieg. Das ist sehr wenig für den Einsatz in einem Krieg. Die damaligen türkischen Führungskräfte glaubten, dass die Teilnahme am Koreakrieg ihre Beziehungen zum Westen verbessern würde. Durch die Unterstützung konnte die Türkei letztlich der NATO beitreten. Daraus erhoffte man sich wirtschaftliche Vorteile.

Bild: Familienarchiv Asimgil

In seinem Tagebuch beschreibt ein weiterer Kriegsveteran Mehmet Aziz Erkmen gerade diese Differenzen und Ähnlichkeiten. Er kennt auch İlayda’s Großvater Sadık Asimgil. Bei seiner Ankunft in Busan zählt Erkmen 36 amerikanische Kriegsschiffe. An seinem 2. Tag wechselt er sein Monatsgehalt bei einem amerikanischen Soldaten. Von diesem erhält er 12.500 Won. Heute würde man für 5 Euro 5.861 Won bzw. 34 Lira bekommen, d.h. der Wert des südkoreanischen Wons hat sich seit 1950 mehr als verdoppelt. Im nächsten Moment stellen sich südkoreanische Mädchen vor die Soldaten und fragen „Sekschi, okey?“. Gemeint ist auf Englisch ‚Sexy, okay?‘. Also Anspielungen auf ein sexuelles Zwangs-Abenteuer aus der Armut und Verzweiflung heraus. Derselbe amerikanische Soldat habe jedes Mädchen belästigt, das ihnen begegnete.

Bild: Familienarchiv Asimgil

An anderen Tagen wandern die Einwohner zusammen mit den Soldaten durch das Land. Verwaiste, weinende Kinder, die keine Kleider tragen, betteln mit den Worten „chap chap“ kniend nach etwas zu Essen. Die Szenen aus der Lebenswelt im Koreakrieg erscheinen uns wie ein Schauspiel aus einem Theaterstück über eine weit entfernte Welt, doch es war die Realität in Südkorea und für die türkischen Soldaten. Die türkischen Soldaten teilen oftmals ihre Vorräte, sodass sie selber nichts mehr haben. Für diese verwaisten Kinder gründen die türkischen Soldaten die sogenannte Ankara Schule, die auch Ayla besuchte. Noch heute kennen südkoreanische Amcas und Teyzes aus dieser Schule traditionelle türkische Lieder.

Bild: Familienarchiv Asimgil

Über Sadık Asimgil schreibt Erkmen am 31. Dezember 1950. Sie befinden sich in dem Stadtteil Jak-dong in Bucheon, zwischen Seoul und Incheon. An diesem Tag passiert etwas nie Dagewesenes. Kistenweise Bier zusammen mit Putenfleisch werden in die Lager gebracht. Ein Festmahl. Der Silvesterabend kann fast beginnen. Es fehlt nur noch die Musik. Sadık Asimgil bastelt sich eine türkische Oud aus einem Flaschenhalskürbis und Ästen. Er stimmt die Saiten des traditionellen Instrumentes. In Begleitung von dem Darbuka-Rhythmus des Soldaten Basri Duman aus Ankara und dem Gesang des Soldaten Burhan Toroğlu aus Bakırköy-İstanbul feiern sie ins neue Jahr 1951.

Bild: Familienarchiv Asimgil – Sadık Asimgil spielt türkische Volkslieder

»Das ist mein Opa. Er ist bekannt für seine Musik und lebensfrohe Stimmung. Zu Hause, wenn wir uns in der Türkei trafen, gab es immer ein Familienfest. Mein Opa spielte mit meinem Vater zusammen Darbuka (dt. Handtrommel) und wir tanzten mit meiner Schwester und meiner Mutter. Jetzt weiß ich auch, woher das kommt; also, dass er auch 1950 schon so war.«

Bild: Familienarchiv Asimgil

Die Spuren des Koreakrieges erstrecken sich über den Globus hinweg bis nach Deutschland. Söhne, Töchter und Enkel geben die Geschichten weiter und halten sie am Leben. İlayda lebt den koreanischen Traum und vielleicht auch den Traum ihres Opas; ein Südkorea ohne Krieg, ohne kleiderlose Kinder, die weinend um Essen betteln müssen. Ein Südkorea, das sich den Weg aus der Armut hochgekämpft hat und die Hilfe der türkischen Soldaten nicht vergisst. Ein Bruderland, in dessen Lebenswelt heute auch seine Enkelin eingebunden ist. Der Koreakrieg ist nicht vergessen.

Foto: Michael Kuchinke-Hofer – Deutsch-Türkisch-Südkoreanische Freundschaft – Lee Sang Mun & İlayda

 

Text: Duygu Özturan
Fotos und Abbildungen:  Michael Kuchinke-Hofer, Kim You Jin, Familienarchiv Asimgil

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