Von Aghet bis Agos

Armenisches Leben in der Türkei damals und heute

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Aleppo, Jerusalem, Teheran, Beirut, Nikosia, Bukarest – all diese Städte haben eine Gemeinsamkeit: ein armenisches Viertel, meistens mit einer Kirche, manchmal mit einem eigenen Krankenhaus, fast immer mit Restaurants, die Chash, Chorowats und Dolma anbieten. Denn schon im frühen Mittelalter wanderten Armenier*innen aus ihren tradionellen Siedlungsgebieten in Ostanatolien im Südkaukasus aus, um Handel zu treiben.

Der Genozid im Osmanischen Reich in den Jahren 1915-16 trieb viele von ihnen in die verschiedensten Teile der Welt, viele sogar bis nach Nord- und Südamerika oder Australien. In den USA und Russland leben beispielsweise je ca. eine Millionen Menschen armenischer Abstammung. Armenien selbst hat lediglich drei Millionen Einwohner*innen.

Der bekannte Fotograf Ara Güler, Wikimedia Commons

Und doch gibt es auch heute noch armenisches Leben in der Türkei. Der vor kurzem verstorbene gefeierte Fotograf Ara Güler, die Schriftstellerin Jaklin Çelik, der Boxer Garbis Zakaryan, die Autorin Fethiye Çetin, der 2007 ermordete Journalist Hrant Dink, der Fußballspieler Aras Özbiliz: all diese Persönlichkeiten haben haben armenische Wurzeln und die moderne Türkei geprägt.

 

 

 

 

2000 Jahre Geschichte

Über 2000 Jahre lässt sich armenische Geschichte im Kaukasus und in Ostanatolien zurückverfolgen. Armenier*innen gehören somit zu den ursprünglichen Bevölkerungsgruppen dieser Region und bildeten bis zum Völkermord in einigen heute türkischen Gebieten sogar die Mehrheit.

Im sogenannten Toleranzsystem des Osmanischen Reichs wurden die Armenier*innen seit Mitte des 15. Jahrhunderts als millet, also religiöse Gemeinde, akzeptiert. Dennoch waren sie Menschen muslimischer Religionszugehörigkeit deutlich untergeordnet, woraufhin ihnen ab 1839 infolge von grundlegenden Reformen des Osmanischen Reichs gleiche Rechte garantiert wurden. Folgend begann eine Zeit der kulturellen Blüte für armenische Künstler*innen, Architekt*innen und Musiker*innen.

Beispielsweise wurde das erste gewerblich geführte Theater im Osmanischen Reich, das Arevelyan Thatron (sog. Orientalisches Theater), von dem Armenier Güllü Agop gegründet. Auch die Zahl der armenischen Schulen, in denen neben Türkisch und Armenisch auch Französisch und Italienisch unterrichtet wurde, stieg rasant an. Es entstanden Museen, Kulturvereine, Bibliotheken und Zeitungen, die sich mit armenischen Belangen befassten.

In allen größeren Städten der Türkei hatten die Armenier eigene Stadtviertel, wie hier das Ermeni Mahallesi in Bursa; Wikimedia Commons;

Doch trotz der offiziellen rechtlichen Gleichstellung lebten Armenier*innen nicht in Sicherheit: bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts – damals lebten etwa 2,4 Millionen Armenier*innen im Osmanischen Reich – kam es unter Sultan Abdülhamit II. zu schweren Massakern, denen mehr als 200.000 Menschen zum Opfer fielen und die etliche weitere in die Diaspora trieben.

Aghet – Die Katastrophe

In den Jahren 1915 und 1916 kam es dann zu den grausamen Ereignissen, die im Armenischen als Aghet bezeichnet werden: die Katastrophe. Zwischen 800.000 und 1,5 Millionen Angehörige der armenischen Minderheit wurden im damaligen Osmanischen Reich systematisch und mit dem Ziel der vollständigen Vernichtung deportiert, zu Todesmärschen gezwungen und ermordet. Zu den Opfern gehörten auch zahlreiche Aramäer*innen, Assyrer*innen und Pontosgriech*innen. All das geschah unter Mitwissen auch deutscher Militärs, denn das Deutsche Reich war zu dieser Zeit Verbündeter des Osmanischen Reiches.

Im Jahr 1914 lebten bei einer Gesamtbevölkerung von 20 Millionen zwischen 1,2 und 1,9 Millionen Armenier*innen, verteilt auf dem gesamten Gebiet des Osmanischen Reiches. Heute sind es nur noch rund 70.000, der Großteil von ihnen in Istanbul – einer Stadt mit bis heute noch stehenden armenischen Kirchen, Friedhöfe oder Schulen als Erbe vergangener Zeiten.

Nachdem der Deutsche Bundestag im Juni 2016 dem Europäischen Parlament und zahlreichen anderen Staaten folgte und beschloss, die Ermordung von 1,5 Millionen Armenier*innen im Osmanischen Reich als Völkermord einzustufen, tobten sowohl der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, als auch Mitglieder der kemalistischen Oppositionspartei CHP oder türkischer Verbände in Deutschland. Denn die türkische Regierung weigert sich bis heute, den Genozid an der armenischen Bevölkerung als solchen anzuerkennen. Zahlreiche Wissenschaftler und Konferenzen kamen zum selben Schluss, der jedoch immer wieder geleugnet wird: was 1915 und 16 geschah, ist als Völkermord zu bezeichnen.

Der Kampf um Anerkennung

Einige Politiker*innen, wie der Parlamentsabgeordnete Garo Paylan der HDP, setzen sich aktiv für eine offizielle Anerkennung dessen ein. Und auch in der türkischen Zivilgesellschaft sind die Belange der armenischen Bevölkerung spätestens seit der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink im Januar 2007 ins Bewusstsein gerückt. Der Herausgeber der türkisch-armenischen Wochenzeitung Agos wurde auf offener Straße von einem Nationalisten erschossen. Daraufhin gab es in Istanbul Demonstrationen mit über 100 000 Menschen, die ihre Empathie und Trauer ausdrückten.

„Hepimiz ermeniyiz“ stand auf ihren Schildern: „Wir sind alle Armenier“.

Journalist Hrant Dink

„In der Türkei hat es mit der Ermordung von Hrant Dink ein Aufrütteln gegeben, denn, all das, was er versucht hatte zu initiieren, also, mit Dialog, Gesprächsbereitschaft, mit Empathie aufeinander zuzugehen, ist jäh unterbrochen worden durch diesen klar politischen Mord. Daraufhin sind hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen. Es hat bei Intellektuellen schon ein Umdenken gegeben: viele, die sich vor der Ermordung Hrant Dinks nicht mit dem Genozid beschäftigt haben, oder von Vertreibung gesprochen haben, haben danach eine klarere Position bezogen.“

So Ilias Uyar, ein deutsch-armenischer Anwalt aus Köln. Er ist mit vier Jahren nach Deutschland gekommen, seine Eltern sind Anfang der Achtziger Jahre aus der Türkei geflohen „aufgrund der kritischen Lage für Minderheiten“. Heute engagiert er sich bei der Initiative Anerkennung Jetzt, die sich zum Ziel gesetzt hat die Anerkennung des Völkermords an den Armenier*innen, Aramäer*innen und Assyrer*innen und Pontosgriech*innen zu erreichen und die Debatte in die Politik und Gesellschaft zu tragen“

Ein Leben im Geheimen

Viele Armenier*innen in der Türkei erleben auch heute noch Diskriminierung und leben ihre Kultur nur in ihren Gemeinden aus; indem sie christliche Feste feiern, sich mit ihren armenischen Namen ansprechen und ihre Sprache benutzen.  „Je eher ein geschützter Raum vorhanden ist, desto einfacher ist es, sein Armeniertum auszuleben, wobei man natürlich trotzdem aufgrund des Rassismus der Mehrheitsbevölkerung mit Diskriminierung konfrontiert ist. Zum Beispiel dahingehend, dass die Bezeichnung „ermeni“ (z.Dt.: Armenier) in der Türkei immer noch als Schimpfwort gebraucht wird oder dass Armenier als Landesverräter, als Unsicherheitsfaktor, als nicht vertrauenswürdige Menschen betrachtet werden“, so Uyar.

Wer war meine Großmutter?

Andere wissen gar nichts von ihren armenischen Wurzeln, denn die Armenier*innen, die die Gräueltaten der diktatorischen jungtürkischen Regierung überlebten, wurden oftmals gezwungen, zum Islam zu konvertieren. Viele von ihnen waren noch Kinder, wurden von türkischen oder kurdischen Familien aufgenommen oder als Arbeitskräfte missbraucht, bekamen türkisierte Namen und wuchsen mit muslimischen Bräuchen auf. Die Autorin Fethiye Çetin arbeitet in ihrem Buch Anneannem sowohl die Geschichte ihrer Großmutter, die der Deportation entkommen konnte, als auch ihre eigene auf. Denn Çetin wusste bis ins Erwachsenenalter nichts von ihren armenischen Wurzeln.

Armenische Frauen und Kinder Anfang des 20. Jahrhunderts; Wikimedia Commons;

Reiche Kultur und enge Gemeinschaft

Jedoch gibt es auch Armenier*innen in der Türkei, die ihre Kultur nicht verheimlichen, vor allem in Istanbul. Neben der erfolgreichen türkisch-armenischen Wochenzeitung Agos erscheinen mit Jamanak und Marmara zwei traditionsreiche armenischsprachige Tageszeitungen. Im Aras-Verlag werden seit 1993 Werke von und über Armenier*innen veröffentlicht.

Die beiden armenischen Sportvereine Taksim SK und Şişlispor haben erfolgreiche Sportler*innen armenischer Abstammung hervorgebracht. Hinzu kommen mehr als drei Dutzend Kirchen – die meisten davon apostolische, der Sitz des Patriarchats von Konstantinopel der Armenisch Apostolischen Kirche sowie zwei äußerst renommierte armenische Krankenhäuser. Allein in Istanbul gibt es noch sechzehn Schulen, in denen auch die armenische Sprache unterrichtet wird.

Armenisches Leben gibt es noch. Es ist nicht ganz verschwunden, sondern historisch wie auch heute noch zumindest teilweise präsent.

„Die kulturellen, religiösen und ethnischen Minderheiten haben dieses Land geprägt. Sie machen die Türkei zu dem Land, das es ist“

sagte Ara Güler 2014 im Interview mit dem Tagesspiegel. Ein Satz, den man sich von Zeit zu Zeit in Erinnerung rufen sollte.

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