440 Paar schwarze High-Heels

Ein Interview mit Vahit Tuna über sein Kunstwerk “İsimsiz” („Untitled“)

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Es ist Sommer 2019 und im Herzen von Istanbul, dem Stadtteil Beyoğlu, erblicken die Menschen 440 Paar schwarze High-Heels an den Rückwänden des Yanköşe-Hochhauses.  Auf den ersten Blick sieht es nach einer Werbung von der Marketingabteilung eines Modelabels aus. In Wahrheit ist es aber der Versuch, durch eine 6-monatige analoge Illustration, das Thema „Frauenmorde in der Türkei“ am Leben zu halten. Hier der Künstler Vahit Tuna im Interview über sein Kunstwerk mit den 440 High-Heels, welches symbolisch für die 440 Frauen steht, die 2018 in der Türkei von Männern ermordet wurden.

In Deutschland war Ihr Kunstwerk in allen nennenswerten Zeitungen und Nachrichten zu sehen, aber der Künstler Vahit Tuna selbst wurde kaum erwähnt. Wir wollen den Künstler Vahit Tuna kennenlernen.

Zunächst möchte ich Ihnen für Ihr Interesse an „Untitled“ danken. Diese Arbeit sollte so viele Menschen wie möglich erreichen, um den Status der Femicide-Bewegung in der Welt zu erhöhen. Die Wucht des Werkes kann hier den Künstler natürlich unsichtbar machen. Das ist normal und vielleicht auch eine gute Sache.

Seit 1995 arbeite ich an zeitgenössischer Kunst in Istanbul. Hauptsächlich geht es in meinen Arbeiten um die Umkehr von Macht- und Freiheitverhältnisse oder um dekonstruktive Ansätze. Mit einem Stipendium von der Akademie Schloss Solitude hatte ich 2003 die Gelegenheit erhalten in Stuttgart zu leben und zu arbeiten. Ich lebe mein Leben, in dem ich Kunst und Grafikdesign sowohl finanziell, als auch mental als Widerstand betrachte. Während meiner 25-jährigen Kunstproduktion wurden meine Arbeiten in vielen nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt. Ich habe 5 persönliche Ausstellungen, von denen die erste in Stuttgart war.

Die Wucht des Werkes kann hier den Künstler natürlich unsichtbar machen. Das ist normal und vielleicht auch eine gute Sache.

Was stellt „Untitled“ dar und wen wollen Sie mit Ihrem Kunstwerk erreichen?

Das Werk „Untitled“ wird im Stadtteil Beyoğlu an den Wänden des Yanköşe-Hochauses gezeigt, dem zeitgenössischen Kunstraum von der Marke Kahve Dünyası. Es ist ein Kunstraum, welches seit 2017 für die Öffentlichkeit konzipiert worden ist. Eine sehr belebte Straße, die für den Dialog stehen soll. Die Yanköşe-Koordinatorin Nilüfer Şaşmazer schlägt mindestens 3 Künstler für jede Ausstellung vor und die Jury wählt dann einen Künstler aus.

Die “İsimsiz” („Untitled“) Installation widmet sich der wachsenden Anzahl an Frauenmorde, die in den letzten 10 Jahren, besonders im familiären Umfeld, gewaltsam äußerten. Neben dem Thema Frauenmorde widmet sich meine Arbeit auch der Rolle der Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft. Der Fokus liegt auf dem politischen Charakter und auf den auffällig geringen Strafen, die gegen die männlichen Täter verhängt wurden. Es ist eine Arbeit für alle, die die Straße überqueren und an der Debatte teilnehmen wollen.

Besonders interessant an „Untitled“ ist, dass das Kunstwerk offen zugänglich ist und nicht in irgendeinem Atelier steht. Gab es aufgrund dieser Öffentlichkeit großen Gegenwind?

In der Türkei ist es leider nicht möglich, Kunstwerke im öffentlichen Raum zu sehen. Skulpturale, installative oder gestalterische Arbeiten, die früher in den wichtigsten Zentren Europas zu sehen waren, funktionieren hier nicht. Solche Arbeiten werden in der Regel in geschützten Stadtgebieten ausgestellt, entweder auf Plätzen oder in sicher gehaltenen Gärten oder Fassaden. Es ist allgemein bekannt, dass Kunst hauptsächlich in Innenräumen wie Galerien, Messen oder Museen ausgestellt wird. Deshalb denke ich, dass das Yanköşe-Projekt mit seinen ständig wechselnden Künstler*innen an einem sehr wichtigen Ort von Istanbul steht.

In der Türkei tauchen in letzter Zeit immer wieder Videos auf, in denen Ehemänner auf bestialische Art und Weise ihre Ehefrauen töten. Der besonders traurige Höhepunkt war der Mord an Emine Bulut am 18. August 2019. Das Video von dieser Tat löste eine landesweite Debatte aus. Unter dem Hashtag #eminebulut und #ölmekistemiyoruz (dt.Wir wollen nicht sterben) gab es zahlreiche Proteste. Wie haben Sie diese Debatte wahrgenommen und hat sich etwas nach der Debatte verändert?

In unserem gegenwärtigen Alltag lernt oder kommuniziert die ganze Welt, indem sie auf helle Bildschirme schaut. Social Media und andere Medien werden täglich intensiv genutzt. Jeder hat täglich die Macht, sich gegenseitig anzuschauen, zu kommentieren, zu mögen oder zu reagieren. Dieser rege kommunikative Austausch kann aber auch schnell ins Negative schwappen, wenn die Sprache auf diesen Plattformen eine faschistische und diskriminierende Konnotation erhält.

Durch die große Fülle der geteilten Inhalte und Bilder über das Essen, das Reisen, Selfies, den eigenen Körper, Karikaturen, Kunstwerke von Künstlern, lustige Videos, kontroverse Debatten und Frauenmorde werden zu viele Momente in einer kurzen Zeitspanne absorbiert. Dadurch gehen wichtige Ereignisse unter. Da diese Posts von Milliarden von Menschen gemacht werden, fließen sie, wie ein großer, vielarmiger und komplexer Fluss, der nicht aufhört.

Genau in diesem fließenden Strom kam das schreckliche und brutale Familiendrama sowie der Mord an Emine Bulut zum Vorschein. Das bestialische Bild des Monsters wurde für alle sichtbarer. Wenn es nicht gefilmt und geteilt worden wäre, hätte niemand gewusst, wie Tausende Frauen Opfer von Gewalt wurden. Sie hätten ihr Leben einfach in Unwissenheit weitergelebt. Dementsprechend erscheint es so, als ob die folgenden Frauenmorde, kurz nach dem Bulut-Mord, nicht mehr wahrgenommen werden. An diesem Punkt können wir sagen, dass die gewaltsame Demonstration der Frauenmorde die Menschen nicht mehr so stark beeinflusst. Dieses schreckliche Bild ist immer weiter in sich “verfault“ und zur “Gewohnheit” geworden.

Das bestialische Bild des Monsters wurde für alle sichtbarer.

Damit das gesamtgesellschaftliche Problem oder die Diskussion “Frauenmorde“ nicht einfach untergeht wurde die Installation von „Untitled“ geschaffen. Es ist der Versuch diese Wunde durch einen analogen Apparat, der nicht einfach so verschwinden kann, 6 Monate lang offen zu halten.

Wie auch in vielen anderen Themen, hat die Türkei auch beim Thema „Frauen“ ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits sind in der Türkei 12 Prozent der Vorstandsmitglieder aus den 30 größten Konzernen weiblich (fast so viel wie in Deutschland), andererseits gibt es viele Frauen, die in starker finanzieller Abhängigkeit von ihren Ehemännern leben und deshalb vieles erdulden müssen. Haben Sie für dieses gesellschaftliche Phänomen eine Erklärung?

Vor kurzem las ich einen Artikel über die Anzahl von weiblichen Akademikerinnen und Wissenschaftlerinnen weltweit im Vergleich und stellte fest, dass die Türkei in diesem Ranking sogar den ersten Platz belegte. Es bestätigt, dass mehr Frauen berufstätig sind, aber dennoch gibt es ein großes ökonomisches sowie bildungsförderndes Gefälle zwischen den Metropolen und Anatolien. Nach wie vor ist die Arbeit von Frauen schlecht bezahlt, viele werden vom Arbeitsgeber nicht pflichtversichert. Dies erzeugt eine Ungleichheit, gegen die die Regierung ankämpfen sollte. Wirtschaft und Kapital konzentrieren sich sonst weiterhin nur auf Männer und stärken weiterhin ihre exklusiven Privilegien.

Welche Rolle spielt für Sie die Kunst in solchen politischen Prozessen und kann Kunst wirklich etwas bewirken?

Die fordernde und kollektive Einheit der Künstler ist wichtiger als die Kunst. Unsere Aufgabe ist es, das Bewusstsein für politische Probleme zu schärfen. Wenn wir über Kunst sprechen, denke ich nicht, dass Kunst eine Rolle für die Veränderung der Gesellschaft spielt – es wäre ein sehr ehrgeiziger Diskurs.

Die Kunst ist mehr ein Anstoß zu einem kollektiven Denkprozess, als ein Instrument der Kritik.

Was planen Sie für die Zukunft?

Letzten Monat habe ich eine persönliche Ausstellung veranstaltet. Jetzt werde ich mich für einige Jahre in eine Ruhe-, Denk und Lernphase begeben.

 

Text: Emre-Can Tan
Fotos: FluFoto

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