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Kunst & Design

"Es ist schön, eine Frau zu sein."

Wer in Köln auf der Suche nach ausgefallenen Geschäften ist, wird im Belgischen Viertel fündig. Etwas fernab von angesagten Klamotten-, Schmuck- und Dekoläden befinden sich die Lingerie-Boutiquen von Demet Taha. Wir haben sie in einer Ihrer Läden, der gleichzeitig auch ihr Atelier ist, besucht. Zwischen Spitze und Seide sprachen wir über Träume, die Liebe zu Dessous und dem Leben als vielfältiges Buffet.

Taha, Köln

Liebe Frau Taha, wie sind Sie zur Lingerie-Schneiderei gekommen?

Ich bin gelernte Herrenschneiderin und habe lange Jahre als solche gearbeitet. Aber meine eigentliche Passion war immer die Damenunterwäsche. Das Schneidern von Dessous ist die Königsklasse der Schneiderei. Kleidungsstücken geben einem die Möglichkeit Ungenauigkeiten durch Stoffe zu kaschieren und verzeihen eher Fehler. Aber sie können keinen zu großen BH nähen, ohne dass es auffällt. Präzision steht an erster Stelle. Das ist eine große Herausforderung und macht für mich den Reiz aus. Außerdem liebe ich Frauen! Sie bringen mit Ihren Allüren, ihrem Charme, ihren Macken und ihrer Vielfalt Leben ins Leben. Das begeistert mich immer wieder aufs Neue. Ich lebe und arbeite nach dem Motto: Es ist schön, eine Frau zu sein! Selbständiges Arbeiten in diesem Bereich war immer mein absoluter Traum.

Taha, Köln

Wie haben Sie sich diesen Traum verwirklicht?

Am Anfang meiner Selbständigkeit habe ich von zu Hause aus gearbeitet. Meine Wohnung war also gleichzeitig auch mein Atelier. Da ich damals schon meine kleine Familie hatte, lag mir viel daran, meine Arbeit auf einem sicheren Fundament aufzubauen. Meinen Kundenstamm habe ich von zu Hause aus aufgebaut. Meine ersten Kundinnen mochten das Ambiente in unserer Wohnung: Altbau, hohe Decken, lichtdurchflutete Räume. Wir haben stundenlang über Mode gesprochen und dabei Tee getrunken. Nach zwei Jahren hatte ich so viele Kunden, dass meine Familie kaum mehr Platz in der Wohnung hatte. Außerdem hatte es mich nach der langen Zeit wieder nach draußen gezogen. Mode bringt den Wunsch nach Bestätigung mit sich. Ich kreiere ein Kunstwerk aus Stoff und erwarte Applaus. Wie ein Künstler, der sein Stück auf der Bühne vorführt. Die Reaktionen aus dem Umfeld nähren meine Fantasie. Zu Hause arbeiten ist ein sehr zurückgezogenes Arbeiten, und mir fehlte auf Dauer der Kontakt zu Menschen.

Damit scheint die Entscheidung gefallen zu sein, ein Geschäft mit Atelier zu eröffnen. Wie sind Sie zum heutigen Atelier in der Moltkestraße gekommen?

Zufälle haben in meinem Leben immer eine sehr große Rolle gespielt. Dass ich vor zehn Jahren mein Geschäft mit Atelier im Belgischen Viertel eröffnet habe, war auch ein Zufall. Ich wohnte damals bereits hier im Viertel. Als das Ladenlokal gegenüber meiner damaligen Wohnung frei geworden war, nutzte ich die Chance und hatte es sofort angemietet. Mit diesem Schritt hatte ich mir einen großen Traum erfüllt: mein eigenes Atelier!

Ich war damals, vor über zehn Jahren, eine der Ersten hier im Viertel. Mein Atelier lag ziemlich abgelegen und fern ab vom Zentrum des Belgischen Viertels. Aus diesem Grund stand mein Umfeld meiner Entscheidung teilweise skeptisch gegenüber, aber ich hatte mich nicht beirren lassen und wollte mein Projekt unbedingt umsetzen.

Taha, Köln

Wie würden Sie die Beziehung Ihren Kundinnen beschreiben?

Es gibt zwei Kategorien an Gütern: Bedarfs- und Luxusgüter. Meine Produkte fallen in die zweite Kategorie. Dann unterscheidet man wiederum zwischen einer Bäckerei und einer Patisserie. Ich bin die Patisserie. In unseren Boutiquen passiert mehr als einfach nur der Verkauf von Unterwäsche, denn hinter jedem Stück steckt auch eine Lebensphilosophie. Wir zelebrieren eine Lebensart. Es geht einerseits um ein Kleidungsstück, aber gleichzeitig auch um das Gefühl, das es der Frau gibt. Die Menschen sind heutzutage sehr gestresst. Wenn ich merke, dass eine Kundin abgehetzt und unter Druck meinen Laden betritt, gebe ich ihr erstmal Zeit runterzukommen und zu entspannen. Schließlich ist sie gekommen, um sich etwas zu gönnen. Ich zeige ihr, dass ich nur für sie da bin und wir alle Zeit der Welt haben. Die Kundin aufzufangen und dafür zu sorgen, dass sie sich in meiner Boutique wohlfühlt, ist Teil meiner Arbeit.

Das heißt, das eigentliche Verkaufsgespräch beginnt erst, wenn die Atmosphäre stimmt?

Ganz genau! Der Verkauf von Unterwäsche ist etwas sehr Intimes. Es ist meine Aufgabe, die  Wünsche und Sehnsüchte meiner Kundin zu erkennen. Nicht jeder Frau steht die gleiche Wäsche; jede Frau ist einzigartig. Das zu erkennen und meine Kundinnen zu verstehen, ist die Grundlage meiner Arbeit. Um das zu erreichen, muss ich aber erst einmal das Vertrauen meiner Kundin gewinnen. Gott hat mir das Nähen als Begabung geschenkt. Diese habe ich erkannt und dafür bin ich unendlich dankbar. Ich kann gut nähen und das ist ein Geschenk für andere, nicht für mich. Dieses Geschenk möchte ich weitergeben. Ich habe hart dafür gearbeitet, um meinen Traum zu verwirklichen. In meinen Lehrjahren bin ich oft mit blutigen Fingern ins Bett gegangen. Doch der Wille und Ehrgeiz waren immer da. Jetzt übe ich meine Arbeit mit Herzblut aus. Ich bin Schneiderin mit Leib und Seele!

Taha, Köln

Taha, Köln

Ihre Eltern stammen aus der Türkei. Spielt Ihre Herkunft in Ihrem Alltag überhaupt eine Rolle?

Ich bin zwar in Deutschland geboren, aber in der Türkei aufgewachsen. Ich war ein sogenanntes „Kofferkind“. Meine Eltern haben in Deutschland gearbeitet und ich bin bei meinen Verwandten in Antalya aufgewachsen. Ich spreche gerne über meine türkischen Wurzeln. Aber nur die wenigsten halten mich für eine Türkin. Es ist immer wieder erstaunlich, wie reich das Land der Fantasien ist. Ich werde oft für eine Französin gehalten. Wenn ich dann sage, dass ich türkische Wurzeln habe, kommt erstmal ein „Oh!“, und dann lange nichts mehr. Ich sehe den Menschen an, was sich in ihren Köpfen abspielt. Meist folgt dann die Frage: „Aber dann stammen sie bestimmt aus Istanbul?“ Als wäre Istanbul die Garantie für die Modernität der Türkei. Das ist wirklich jedes Mal aufs Neue amüsant. Ich muss dann immer schmunzeln. Wenn man nicht den Klischeebildern entspricht, erzeugt das erstmal Verwirrung.

Taha, Köln

Inwiefern hat Sie ihr kultureller Hintergrund beeinflusst?

Die Geschichte der Migration ist sehr vielschichtig. Wir sind unter anderen Bedingungen in unser Leben gestartet als Menschen, die hier geboren sind. Man ist wie ein Baum ohne Wurzeln. Unsere Wurzeln liegen in einem Land, das uns auch wiederum fern ist. Ein seltsamer Zustand. Ich glaube fest daran, dass Gefühle wie Ängste und Sehnsüchte über Generationen weitergegeben werden. Jeder von uns trägt die Geschichte seiner Vorfahren in sich. Der Wunsch, den Erwartungen seiner Eltern zu entsprechen hat mir den Antrieb gegeben, mehr zu erreichen zu wollen.

Und konnten Sie diese Erwartungen aus ihrer Sicht umsetzen?

Ich hatte mehr Möglichkeiten als meine Eltern und kann heute mit Stolz sagen, dass ich diese genutzt habe. Ich bin erfolgreich mit meiner Arbeit und vor allem glücklich. Ich gebe meine Erfahrungen gerne an junge Menschen weiter. Außerdem fühle ich mich sehr wohl in Deutschland. An der einen oder anderen Stelle kommt dennoch immer wieder die Türkin in mir hoch. Ich träume auf Deutsch, zähle aber auf Türkisch. Ich bin eine typisch türkische Mama mit allem was dazugehört. Und wenn ich übermüdet bin, vertausche ich die Artikel. In manchen Situationen gebe ich es komplett auf und spreche einfach nur noch Türkisch (lacht). Ich sehe unsere, das heißt die Situation der Migranten, sehr positiv. Das Leben ist wie ein Buffet voller unterschiedlicher Spezialitäten. Wenn ich Lust auf deutsches Essen habe, bediene ich mich dort. Wenn ich Lust auf etwas Türkisches habe, greife ich hier zu. Oder vielleicht doch Italienisch? Wir haben die Wahl. Das ist doch etwas Wunderbares!

Taha, Köln

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