Zu Gast bei Kabus Kerim – Im Auftrag des Denims

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Viele kennen Kerim Yüzer aka. Kabus Kerim als Teil der Rap-Formation Cartel. Wir treffen Ihn im Istanbuler Flagship Store seiner Raw Denim Marke Blue Matters. Betritt man den Laden, fühlt man sich wie auf einer kleinen Zeitreise durch die Geschichte des beliebten blauen Stoffes. Überall liegen alte Jeans-Werbeanzeigen, Schuhcreme-Boxen und Nähzeug. Die Marke wurde von Ece Müftüoğlu Narcy und Didem Çakar ins Leben gerufen, Kerim stößt später dazu und widmet sich vor allem den Details. Dazu gehören Knöpfe aus Olivenholz oder Reisverschlüsse aus Kupfer.

An diesem Nachmittag sprechen wir mit dem Denim-Botschafter über Sternzeichen, Mode, und ja, auch ein bisschen über Cartel.

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Du bist Wassermann? Ich auch. Das sind die besten.

Das sag ich auch immer. Damit kommen viele nicht klar. Allein diese Arroganz! Man weiß halt, was man ist und was man drauf hat. Ich finde, das ist eine gesunde Selbsteinschätzung. Aber mal im Ernst. Viele Leute meinen, ich sei zu arrogant, weil ich viele Sachen nicht akzeptiere. Ich kann nicht akzeptieren, dass ich lebenslang irgendeinen Scheiß machen muss, nur weil ich keine Ausbildung habe. Das ist es nicht. Wenn man in sich geht, findet jeder seine Talente. Jeder beeinflusst jeden, sei es positiv oder negativ. Ich lass mich lieber positiv beeinflussen und mache mein eigenes Ding. Dabei bin ich selber im Reinen mit mir und damit irgendwie glücklich. Ich habe nicht Design studiert und konnte trotzdem bei Adidas im Design-Team kreativ mitarbeiten. Das hat wirklich damit zu tun, wie du dich einer Sache hingibst.

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Wie kamst du zur Mode?

Bei uns im Kiez und bei Cartel war ich schon immer der Typ, der für die Klamotten zuständig war. Mein erstes kleines Label für Hiphop-Streetwear hatte ich 1995. Daraus wurde aber nichts. 2001 wurde ich Vater. Damals hatte ich einen Job beim Bayerischen Rundfunk in der Grafik. Am Tag der Geburt meines Sohnes wurde mir klar, dass ich nicht mehr für irgendjemanden arbeiten möchte. Als ich sechs Monate alt war, ließen mich meine Eltern bei meinen Großeltern in der Türkei zurück. Ich wollte es anders machen und soviel Zeit wie möglich mit meinem Sohn verbringen. Ich bin dann mit ihm durch ganz Deutschland gereist und habe auf Floh- und Designmärkten Möbel gekauft und verkauft. Zwei Jahre später hatte ich einen Laden in Nürnberg. Bald kamen Designer von Adidas auf mich zu und boten mir einen Job an. Ich hatte mit meiner Auswahl dieses „Vintage-Ding“ mitgeprägt. 2003 wussten die Leute noch nicht, was das überhaupt sein soll. Adidas hat es dann zwei Jahre später neu aufgelegt.

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Du hast also quasi ein Gespür für Trends?

Mir haben schon mehrere Leute gesagt, dass ich wohl das Talent habe, kommende Trends zu sehen. Dabei muss ich in kein Magazin schauen. Adidas hat mich dann auch machen lassen. Dafür bin ich dankbar. Irgendwann bin ich zufällig in Istanbul in den Ece und Didems Laden gekommen und habe sie kennengelernt. Sie haben jemanden gesucht, der ein bisschen Ahnung hat. Die Zusammenarbeit hat sich dann einfach so ergeben. Wir versuchen, dass unsere Kleidung fair hergestellt wird, alles Made in Istanbul, handgewebt und nicht überteuert. Und mir liegt auch sehr am Herzen, dass wir keine umwelt- und gesundheitsschädlichen Waschungen anbieten. Bei den Kollektionen habe ich mich von alten türkischen Modellen inspirieren lassen. Hier ist zum Beispiel eine Anzeige von 1927. Sie ist genauso gelayoutet wie die damalige Levi’s Werbung und heißt „Kot“ (Auf Türkisch „Jeans“ – Anm. d. Red.). So hieß der Erfinder. Schau mal, hier steht: „Waschen sie ihre Hose mit kaltem oder Meerwasser“. Das ist geil! Und das hat der Typ in den 30er Jahren gemacht. 100 Jahre später entdecken wir das wieder neu.

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Gibt es ein bestimmtes Jahrzehnt, das dich besonders inspiriert?

Ach, eigentlich alles was alt ist. Ich wühle auch musikalisch sehr viel in der Vergangenheit herum. Mein Spitzname ist Kerim Diggins – ich bin ständig am graben. Ich bin immer wieder auf Flohmärkten, und werde auch immer wieder fündig. Das ist schon grausam. Irgendwie habe ich ein Händchen dafür, dass ich dort zufällig irgend ein Teil finde, was danach schreit, ans Tageslicht zu kommen. Das poliere ich dann auf und präsentiere es den Leuten. Das ist in der Musik und der Mode so. Ein Zyklus, der sich immer wieder wiederholt.

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Wie reagierst du, wenn du auf Cartel angesprochen wirst?

Eine Zeit lang hat es mich genervt, gerade die Frage, warum wir auseinandergegangen sind. Das ist privat. Aber natürlich ist es auch ein Teil der türkischen Musikgeschichte und ich bin froh immer noch dazu zugehören und es präsentieren zu dürfen. Es gab ja ohnehin keinen richtigen Abschluss. Es ist mir auch klar, dass die Leute immer noch interessiert sind und immer noch Fragen stellen wollen. Da komm ich nicht drum rum. Es ist wie ein Tattoo, dass du am Arm trägst.

Was hörst du gerade so?

Also ich muss ehrlich sagen: Tagsüber höre ich fast überhaupt keine Musik. Das ist für mich im Alltag keine Entspannung, sondern Lärm. Wenn ich zuhause Musik höre, setze ich mich bewusst hin und tauche in die Musik ein. Von Klassik bis Motörhead, je nach Laune.

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Was für eine Rolle spielt Musik für dich heute?

Eine sehr große. Auflegen ist für mich ein Ritual. So eine Art schamanistischer Akt,  mit dem ich mich reinwaschen kann. Ich nenne mich auch nicht DJ. Ich mach da halt irgendwas, damit die Leute tanzen.

Im Publikum sind so viele Leute aus verschiedenen Bereichen und jeder hat einen anderen Status. Der eine ist Verkäufer, der andere Anwalt. Ab einem Punkt zählt das nicht mehr und alle tanzen zusammen. Sie vergessen ihre Religion, Rang, Geschlecht, nehmen die Masken ab und umarmen sich. Erwachsene werden wieder zu 14-jährigen Kindern. Genau wie ich auf der Bühne. Das innere Kind kommt hervor.

Und das soll nie sterben?

Genau. Das geht Hand in Hand damit. Das ist mein Ding.


Text: Sarah Ungan
Fotos: Sarah Ungan, Ercan Inan
Blue Matters

 

 

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