Victim Blaming

Warum die Täter-Opfer-Umkehr so gefährlich ist

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Victim Blaming (übersetzt: Opfer-Beschuldigung) ist aktuell ein oft verwendeter Begriff. Dabei ist gemeint die Schuld und damit die Verantwortung für die Tat von den Täter*innen auf die Betroffenen zu übertragen. Aktuell ist diese Täter-Opfer-Umkehr im Fall Rammstein/Till Lindemann zu beobachten. Frauen, die mit ihren Missbrauchsanschuldigungen gegen Rammstein Sänger Till Lindemann an die Öffentlichkeit getreten sind, wird jetzt vorgeworfen, dass sie vorher gewusst hätten, worauf sie sich einlassen.

Folgende Kommentare findet man unter Instagram-Fotos von Influencerin Kayla Shyx, die vor drei Wochen ein YouTube-Video veröffentlicht hat, in dem sie von ihren Erfahrungen im Backstagebereich eines Rammstein-Konzertes berichtet. Das Video hat schon über 5,7 Mio. Klicks und hat die Anschuldigungen von Seiten verschiedener Frauen gegen Lindemann in den Vordergrund der deutschen Medienlandschaft gerückt. Mit ihrem Mut hat sie weitere Frauen dazu inspiriert, ihre Erfahrungen öffentlich zu teilen.

Gleichzeitig wurde sie aber zur Zielscheibe für Victim Blaming.

Auf Social Media machen sich Rammstein/Lindemann-Unterstützer*innen über die Naivität der “Row Zero – Girls” (Frauen, die zu Till Lindemanns Backstage “Partys” eingeladen wurden) lustig. Es sei ja absehbar gewesen, was hinter der Bühne passiert. Opfer von Missbrauch als “Groupies” abzustempeln “relativiert die Ernsthaftigkeit der Situation und fördert eine patriarchalische Gesellschaft. Während Männer in Machtpositionen scheinbar immer noch viel zu oft tun und lassen können, was sie wollen, liegt die Verantwortung oft in den Händen der Opfer”, schreibt Leila Herrmann für Vogue Germany.

War dein Rock zu kurz? Hast du Alkohol / Dr0gen konsumiert? Warst du nachts alleine unterwegs? 

Diese Fragen werden Opfern s3xuellen Missbrauchs immer zuerst gestellt – auch und sogar von Polizeibeamt*innen. “Mich hat kaum jemand gefragt: ‘Was brauchst du, damit es dir besser geht?’ Es wurde immer nur mit dem Finger auf mich gezeigt. Wirklich einfühlsam hat niemand reagiert” berichtet Tanja, eine Betroffene von s3xualisierter Gewalt.

Die Täter-Opfer-Umkehr kann in verschiedenen Kontexten auftreten, wie beispielsweise bei Verbrechen, Diskriminierung, Missbrauch oder Gewalt. Statt dem Opfer Empathie und Unterstützung entgegenzubringen, wird ihm/ihr die Schuld zugeschoben und es wird dem Opfer vorgeworfen, dass es selbst für die Situation verantwortlich sei oder dass es Maßnahmen hätte ergreifen können, um das Geschehene zu verhindern.

Diese Umkehrung der Rollen kann dazu führen, dass Opfer sich schuldig fühlen, sich zurückziehen oder ihre Erfahrungen und Leiden verheimlichen. Sie trägt zur Aufrechterhaltung eines ungerechten Systems bei, da die Verantwortung von den tatsächlichen Täter*innen abgewälzt wird und die strukturellen oder individuellen Ursachen des Fehlverhaltens nicht angegangen werden.

Oft ist es einfach die Angst, dass ihnen selbst etwas Ähnliches passieren könnte. Nach dem Motto: “Wenn die betroffene Person durch ihr Verhalten die Tat provoziert hat und mitschuld ist, muss ich mich selbst nur richtig verhalten, dann passiert mir schon nichts.”

Sherry Hamby, Psychologie Professorin und Gründungsredakteurin der Fachzeitschrift Psychology of Violence, führt dieses Denken auf den Gerechte-Welt-Glauben (just-world hypothesis) zurück. Demnach haben Menschen das Bedürfnis zu glauben, dass die Welt ein geordneter, vorhersehbarer und gerechter Ort ist, an dem die Menschen bekommen, was sie verdienen.

Leila Herrmann fasst es in ihrem Artikel perfekt zusammen:

“Frauen sollten Minirock tragen und sich frei fühlen können, ohne Angst haben zu müssen, dass lüsterne Blicke auf ihnen lauern, sie bedrängt oder angefasst werden. Sie haben das Recht auf Konzerten und Partys zu tanzen ohne Übergriffe zu riskieren. Die Aufgabe unserer Gesellschaft ist es, den Blick auf Victim Blaming endlich zu schärfen. Denn auch diejenigen, die keine Opfer sind, können dazu beitragen, dass Männer sich anders verhalten: indem man Opfern glaubt, sie schützt, ermutigt, sich zu öffnen – und die Täter zur Rechenschaft zieht.”

Lasst uns gemeinsam gegen Victim Blaming kämpfen und den Opfern von Gewalt eine Stimme geben. An dieser Stelle möchten wir Betroffene ermutigen, sich Hilfe zu holen. Egal ob im Zweifelsfall oder bei akutem Bedarf, es gibt Unterstützung und anonyme Beratung. Ihr seid nicht allein. Lasst uns gemeinsam für eine solidarische und sichere Gesellschaft eintreten.

Hier findet ihr Telefonnummern, wo ihr Hilfe und Beratung erhalten könnt:

Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“
ab sofort unter der neuen kürzeren Nummer 116 016.

Männerhilfetelefon
0800 1239900 

Hilfe-Telefon S3xueller Missbrauch
0800 22 55 530

 

Quellen:
vogue.de
amnesty.ch
hateaid.org
theatlantic.com

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