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Gesellschaft & Geschichten

„Wenn ich diese Stadt verlassen muss, bleiben mir meine Erinnerungen.“

Für viele Menschen hat sich Social Media zu einer Art Tagebuchersatz entwickelt. Vor allem die Zahl an Menschen, die ihre Migrationsgeschichte auf Instagram, YouTube oder Twitter erzählen, steigt stetig an. Wir haben uns mit drei Social-Media-Persönlichkeiten getroffen:  Şafak Salda, Berlin Postası und Berlin Muhtarı. Alle drei porträtieren in verschiedenen Online-Medien ihr Leben in Deutschland und Berlin – auf türkischer Sprache. 

ŞAFAK SALDA

Früher hast du in einer Radiosendung über dein Leben in Deutschland berichtet. Warum hast du diese eingestellt?

Aus politischen Gründen. Ich ging zu einem Protest gegen die AfD. Die Zeitschrift Merhaba interviewte mich und fragte, für welche Partei ich stimme. Sie haben auch andere Leute gefragt, aber wir haben nicht geantwortet und nur Witze darüber gemacht. Dann veröffentlichten sie das Interview; im nächsten Monat gab es ein Bild von mir, auf dem stand: „Er stimmt für den HDP“. Das habe ich nie gesagt. Aber dann bekam ich Hassbriefe.

Was wäre passiert, wenn du dich dazu geäußert hättest?

Sie hätten mich nicht hier arbeiten lassen, die meisten Leute sind faschistisch gesinnt. Ich habe angefangen, mich zu fragen:  „Will ich die Leute weiterhin so zum Lachen bringen?“ Ich entschied mich dagegen und verließ das Radio. Die Zukunft ist sowieso digital, deshalb hatte ich keine festen Pläne, in Zukunft im Radio zu arbeiten. 

Wie läuft es mit deinem Youtube-Kanal?

Nachdem ich das Radio verlassen hatte, ging es mir nicht mehr um Geld. Deutschland ist ein Sozialstaat, also muss man sich keine Sorgen machen. Aber ich hatte jahrelang offen gesprochen. Also fragte ich mich, ob ich mit meinen Ideen Geld verdienen könnte oder nicht. Ich kaufte eine Kamera und Ausrüstung. Es dauerte einige Zeit, bis der Kanal eine Reichweite erzielte, aber jetzt habe ich über 30.000 Abonnenten. Auf meinem Kanal spreche ich normalerweise über Deutschland, die Türken hier und meine Erfahrungen. Ich habe auch zwei Programme bei TD1, „Geschichten der Migration“ und „Der, die, das“. In beiden Sendungen spreche ich über aktuelle Themen und mit Interviewpartnern. Also verdiene ich letztendlich doch wieder Geld mit dem, was ich am liebsten tue. Es ermöglicht mir, meine Projekte freier zu gestalten und Ziele schneller zu erreichen. Aktuell plane ich, einen Dokumentarfilm zu drehen. 

Wie stehst du zu deinen Followern?

Heute ist der Trend zur Aufrichtigkeit. Wir haben alle die Nase voll von Drehbuchinhalten, Hollywood macht das sowieso am besten. Jeder hat Apple TV und Netflix, als Hobby an dieser Front zu produzieren ist aussichtslos. Das Einzige, was ich anbieten kann, ist Aufrichtigkeit. 

Vor einer Weile habe ich eine Flasche Weißwein getrunken, die Kamera eingeschaltet und meine Migrationsgeschichte erzählt. Am nächsten Morgen hatte ich 5000 Views.

Das verstößt gegen alle Regeln des Marketings, der Hochladezeit, der Hashtags, das Video hat nicht einmal ein Logo, Intro oder Outro. Nur Aufrichtigkeit.

Wie bist du nach Deutschland gekommen?

Ich kam 2004. Ein großer Teil meiner Familie lebte hier, also kam ich direkt zu ihnen. Ich begann bei der Agentur Anadolu zu arbeiten. Später wechselte ich zu Metropol FM.

Meinst du damit die Anadolu Agency, die man aus der Türkei kennt? [Die Anadolu Agency ist eine staatliche türkische Nachrichtenagentur, die als regierungsfreundlich und parteiisch gilt, Anm. d. Red.]

Ja, hier gibt es eine Niederlassung. Aber damals war dje Agency nicht so politisch wie heute. Nach einiger Zeit als Korrespondetn merkte ich, wie sich das Arbeitsklia zu ändern begann. KollegInnen fingen an, einige meiner Nachrichtensegmente nicht mehr zu senden, und legten mir immer mehr Steine in den Weg. Ich kündigte und wechselte schnell zu Metropol FM. Eines der Dinge, die mich dazu brachten, dort zu arbeiten, war, dass es eine deutsche Firma ist, aber es stellte sich heraus, dass sie auch wie „wir“ waren. Am Ende des Tages sind Sie genau wie Ihr Hörer.

Es ist hier wie in der Mikro-Türkei, wirklich…

Ja, aber nicht wie ein Mikro Kadıköy oder Cihangir.

Eine neue Welle von Migranten hat Kadıköy und Cihangir nach Berlin gebracht. Was hältst du von dieser neuen Bewegung?

Es ist eine sehr kleine Gruppe, höchstens 2%. Wenn Sie zum Beispiel eine Radiosendung machen, ist diese Gruppe überhaupt nicht wichtig. Es ist eine Gruppe, die weder vom Marketing noch von den Chefs berücksichtigt wird. Deshalb konzentriert man sich auch nicht auf sie. Persönlich ist es eine sehr wertvolle Gruppe. Aber für meine Tante, die 1965 kam, und ihre Kinder bedeutet sie nichts.

Denkst du, dass es zu einer Konfrontation zwischen diesen Gruppen kommen könnte?

Ja, natürlich. Die neuen Migranten schmälern die alten, und umgekehrt. Die älteren Migranten kennen ihre eigenen Erfahrungen; die Migration lässt einen Menschen wirklich wachsen. Beide haben Vorurteile gegeneinander. Wenn Sie fragen würden, welche Gruppe offener ist, sich gegenseitig kennenzulernen, würde ich sagen, es ist die ältere Gruppe. Diejenigen, die jetzt gekommen sind, sind snobistischer. Ich finde ihre Wahrnehmung von Deutsch-Türken krank. Sie schauen auf sie herab, kommen dann nach Deutschland und sagen: „Es gibt keine Diskriminierung“. Aber das war bei denen, die vorher gekommen sind, nicht der Fall.

Fühlen Sie sich weit entfernt von den Deutschen? Ist Ihre Verbindung zur Türkei stärker?

Natürlich fühle ich mich so. Aber das ist nicht nur mein Problem, sondern ein Problem von allen. Ich mache viermal im Jahr Stand-Up-Touren in Istanbul.  Und meine Familie ist immer noch dort, also besuche ich sie. Einer meiner Füße ist eigentlich immer in der Türkei.

Warum hosten Sie Ihren YouTube-Kanal auf Türkisch?

Mit meinen Deutschkenntnissen könnte ich vielleicht kellnern oder so. Aber für die Medien muss man die Sprache gut beherrschen. Und ich werde nie so gut Deutsch sprechen können wie Türkisch.

Liegt das daran, dass Sie glauben, die Sprache nicht gut genug zu kennen, oder liegt es an Ihrem Publikum?

Ich glaube, es ist so: In der Türkei waren wir eine gute Minderheit, die in einer schlechten Mehrheit lebt. Hier sind wir, um Teil einer nicht so schlechten Mehrheit zu sein, auf eine schlechte Minderheit angewiesen. Die Welt ist ein Dorf, also könnte ich genauso gut etwas aus meinen Talenten herausholen und versuchen, Menschen zu erreichen, die Türkisch sprechen und wie ich denken. Ich muss dazu in der Lage sein, mich auszudrücken.

Dich fasziniert das Thema Migration. Du führst Interviews mit MigrantInnen früherer Generationen. Denkst du, dass der persönliche  Migrationsprozess überhaupt irgendwann enden kann? 

Meine Migration ist jedenfalls noch nicht beendet. Und ich glaube, es gibt nicht genug Quellen zu diesem Thema. Es gibt nicht genug Dokumentarfilme usw. Wenn andere das schon früher getan hätten, dann würde ich wohl nicht mehr daran arbeiten.

Wem folgen Sie auf YouTube?

Cüneyt Özdemir und Zeynep Bastık. BBC Türkçe und DW Türkçe. Ich verfolge auch die deutsch-türkischen YouTuber und die Heute-Show. Ich schaue nicht wirklich viel auf YouTube und hatte beim Launch meines Channels wenig Ahnung von der “Youtube-Kultur”.

Vedat Milor hat kürzlich behauptet, dass der beste Döner in Deutschland serviert wird. Was meinen Sie dazu?

In Sachen kulinarischer Vielfalt ist Berlin großartig. Aber wenn es um die türkische Küche geht, dann wird es immer die Türkei sein. Es ist allerdings schon über 10 Jahre her, dass ich einen deutschen Döner gegessen habe…

BERLİN POSTASI

Wann bist du nach Berlin gezogen?

Das war am Dienstag, den 14. Oktober 2003. Ich wollte in Deutschland studieren, zugleich war es mein erster Flug und mein erster Aufenthalt im Ausland.  Ich habe Wirtschaftsingenieurwesen an der Technischen Universität Berlin studiert. Ich kam einen Tag nach Beginn des Semesters nach Deutschland, deshalb erinnere ich mich. Wir wurden so etwas wie eine Generation in der Mitte der Migration. Wir sind nicht wie die älteste Gruppe von Migranten, aber auch nicht wie die Neuankömmlinge. Wir haben also Probleme mit den Neuankömmlingen.

Inwiefern Probleme?

Ich sehe in ihnen mein früheres Ich, das nach seiner Ankunft in Berlin  vollkommen naiv aus dem Flugzeug stieg. Und mit der Zeit habe ich erkannt, dass einige meiner Verhaltensweisen idiotisch waren. So verhalten sich die Neuankömmlinge heute oft:  Zum Beispiel, wie sie die Deutsch-Türken anschauen, als ob sie besser wären als sie. Ich mag keine Snobs, und ich mag es, dass es hier entspannter ist; diese Istanbuler Snobhaftigkeit hier zu sehen, stört mich.

Unter den Neuankömmlingen gibt es auf Facebook zwei Fraktionen, die durch die Gruppen „New Wave Berlin“ und „The Other Berlin Wave“ vertreten sind. Verfolgst du diese Gruppen?

Damals hatten wir auf Facebook eine Gruppe namens „Deutsch-Türken“. Diese Solidaritätsgruppe ist mir bekannt. Dann bin ich der „Neuen Welle“ beigetreten. Ich bin nicht sehr aktiv, aber manchmal teile ich meine Erfahrungen mit Neuankömmlingen oder schreibe einen Kommentar, wenn es einen lustigen Beitrag gibt.

Wie verlief dein Start in Berlin?

Damals gab es noch kein Social Media. Man konnte Menschen, mit denen man in dieser Riesenstadt zurechtkam, nur durch das Zusammentreffen mit ihnen kennen lernen. Es gab keine Bars oder Cafés, in denen man Türken treffen konnte. Es gab kein Café Kotti oder Luzia. Es hat also lange gedauert, bis ich mich hier daran gewöhnt habe; heute ist es einfacher.

Was hast du nach dem Studium gemacht?

Naja, das Studium an sich hat sich ein bisschen gezogen… Ich habe 2017 abgeschlossen. Ich wollte in die Türkei zurückkehren, aber sowohl für mich als auch für die Türkei haben sich die Dinge geändert. Ich konnte die deutsche Staatsbürgerschaft noch vor dem Abschluss erwerben und bin geblieben.

Wie sehr fühlen Sie sich mit Deutschland verbunden? Fühlen Sie sich mit Berlin verbunden?

Wie ich schon sagte, als ich hierher kam, war ich zum ersten Mal im Ausland, und ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Das wurde mir klar, als ich mich an der Universität eingeschrieb. Weil ich vorhatte, zurückzukehren, war ich 2007 dem Studentenclub beigetreten, aber ich habe nie wirklich darauf geachtet, was dort passiert. Ich fühlte mich hier nicht heimisch, also dachte ich, wozu? Aber dann begann ich mich für die Migrationsgeschichte meiner eigenen Familie zu interessieren und begann, die Idee der Migration als Konzept näher zu betrachten. Da wuchs mein Interesse an Deutschland. Nach Gezi entschied ich mich, nicht in die Türkei zurückzukehren. Ich glaube, als ich diese Entscheidung traf, begann ich, mich hier zu Hause zu fühlen. Ich lebte ein Jahr lang in Dortmund und mochte es nicht, also kam ich zurück nach Berlin. Aber für mich bedeutet Deutschland einfach nur Berlin, und dann sind es wirklich nur fünf U-Bahn-Haltestellen. Es ist wie im Film 40 Quadratmeter, unser Deutschland ist einfach so groß.

Ich fühle mich mit Berlin sehr verbunden, aber ich bin mir auch bewusst, dass es eine sehr kleine Insel in ganz Deutschland ist.

Wie hat „Berlin Postası“ angefangen?

Es begann als Blog im Jahr 2011. Als ich mich in der Literatur umsah, wurde mir klar, dass die Menschen oft über ihre Migrationsgeschichten schrieben. Ein Diplomat zum Beispiel ging für zwei Jahre nach Istanbul und schrieb über seine Erfahrungen. Ich sah, wie wichtig die Schreibkultur in Deutschland ist. Unser Leben zieht an uns vorbei, und daran können wir nicht viel ändern. Ich dachte mir: „Wenn ich morgen oder übermorgen nicht hier bleiben kann, hätte ich nichts mit meiner Zeit hier zu tun. Also dachte ich, damit Neuankömmlinge nicht dieselben Probleme haben wie ich, kann ich vielleicht helfen. Ich dachte, sie könnten sich über den Blog mit mir in Verbindung setzen. Erst kürzlich habe ich mich an YouTube gewandt. Ich habe den YouTube-Kanal seit 2016, aber er war nur mit Sprachaufnahmen gefüllt.

Auf welchen sozialen Medien oder anderen Kanälen ist „Berlin Postası“ zu finden?

Ich habe den Blog, Youtube, Facebook und Twitter. Ich wollte über Nachrichten oder Ereignisse, die uns betreffen, informiert werden, und Facebook ist der beste Kanal dafür. Als ich anfing, Twitter selbst zu benutzen, habe ich auch einen für den Blog eröffnet. Es entwickelte sich organisch.

Wie läuft es mit deinem Youtube-Kanal? 

Youtube habe ich gewählt, weil es eine schnelle Lösung ist. Da ich die technische Seite der Dinge zunächst nicht verstanden habe, habe ich es nur für den Podcast verwendet. Und ich dachte, dass die Leute, mit denen ich Interviews führe, vielleicht nicht ihr Gesicht zeigen wollen und dass es einfacher wäre, sie zu überzeugen, wenn es nur eine Sprachaufnahme wäre. Ich gewöhne mich gerade erst an Videoformate. Manchmal bin ich zu faul, um zu schreiben, und das Sprechen macht mehr Spaß und ist schneller. Und ich glaube, dass ich auf diese Weise auch mehr Menschen erreiche.

Wen hast du auf Youtube abonniert?

Ich mag Talk-Channel, zum Beispiel Mesut Süre, Caner Özyurtlu und Post42. Ich schaue mir gerne Kanäle an, die unterhaltsamer und komischer sind. Und hiphop.de, den deutschen Rap-Channel.

Was sind deine nächsten Ziele?

Vielleicht kann ich ein Video auf Deutsch drehen. Hier leben, etwas für die Gesellschaft tun.

BERLİN MUHTARI

Was hat dich nach Berlin verschlagen?

Es ist 6 Jahre her. Ich kam aus Ankara für einen Master-Abschluss. Ich dachte, ich mache den Master und ziehe dann zurück. Am Ende habe ich Berlin wirklich geliebt. Im Jahr 2013 wurde die Situation in der Türkei komplizierter und ich wollte nicht mehr zurückkehren. Ich habe an der Freien Universität Soziologie studiert und hatte vor, zu promovieren und eine glatte Akademiker-Karriere hinzulegen. Das hat allerdings nicht funktioniert. Ich kenne viele Leute, die für eine akademische Karriere hierher kommen, aufgeben und einen anderen Weg einschlagen.

Ist das akademische Leben und Arbeiten in Deutschland denn schwer?

Es ist anders als in der Türkei. Um ehrlich zu sein, war es nach der METU (Middle East Technical University) ein bisschen enttäuschend. Dort ist die Kultur eine ganz andere. An der METU können Sie persönliche Kontakte zu Ihren Professoren aufbauen. Hier gibt es so etwas nicht, die Profs sind so weit entfernt. Und alles dreht sich um Statistiken und Zahlen. Für die Sozialwissenschaften ist es eine Enttäuschung. Kurz gesagt: Das Universitätsleben hier hat mir nicht gefallen, aber Berlin hat mir gefallen. Also beschloss ich, eine Arbeit zu finden und zu bleiben. Jetzt arbeite ich in einem IT-Unternehmen. Am Ende blieb ich und wurde ein Angestellter.

Wie sieht das Leben der Angestellten hier aus?

Bevor ich hierher kam, hatte ich nur eine Vorstellung vom Wirtschaftsleben in der Türkei. Dort waren alle extrem unglücklich. Ich hatte also Angst und hatte keine hohen Erwartungen. Aber ich sah, dass das Leben der Angestellten hier menschlicher ist, also würde ich sagen, dass es hier besser ist.

Erzähl’ uns ein bisschen was über Berlin Muhtarı.  

Mein Instagram-Account ist noch ganz frisch, knapp ein Jahr alt.  Als ich zum ersten Mal nach Berlin kam, dachte ich darüber nach, mein Leben hier zu dokumentieren. Die Stadt ist seit Beginn sehr interessant für mich. Mit neuen Arbeitsplätzen und Freunden, die mich besuchten, lernte ich immer mehr kennen. So fasste ich den Entschluss, dass selbst wenn ich die Stadt verlasse, meine Momente auf Berlin Muhtarı weiterleben können. Ich bin seit sechs Jahren hier, aber wer weiß, ob ich noch sechs weitere Jahre hier sein werde. Außerdem kommen viele Leute aus der Türkei, deshalb wollte ich etwas für sie tun. Wahrscheinlich wurde ich von der New Wave Berlin Facebook-Gruppe beeinflusst. Blogs sind irgendwie gestorben und ich weiß nichts über YouTube. Also ist meine Fotografie auf Instagram für mich das beste Medium. 

Im Gegensatz zu anderen Beeinflussern ist Berlin Muhtarı eine „Ode an Berlin“. Andere migrantische Influencer beschäftigen sich eher mit Problemen, die mit Migration zusammenhängen. Was ist deine Motivation?

Viele kritische Influencer sind schon viel länger hier, wissen mehr über Deutschland und seine Bürokratie und haben mehr durchgemacht. Vielleicht hat mich die schwierige Seite der Dinge noch nicht wirklich berührt. Natürlich erlebe ich auch die Schattenseiten der Ferne. Auf der anderen Seite liebe ich Berlin wirklich und möchte es mit anderen teilen. Auf meinem Account dreht sich alles um Berlin, nicht um Deutschland per se.  Außerdem macht die Kurzweiligkeit von Instagram mehr Spaß. Vielleicht wäre mein Ton in einem anderen Format, zum Beispiel einem Blog, kritischer. 

Und wieso verfasst du deine Posts auf Türkisch?

Zuerst dachte ich daran, es auf Englisch zu machen, und versuchte es. Aber es schien gezwungen, und der Dialog kam nicht aufrichtig rüber. Außerdem gibt es eine Menge Instagram-Berichte über Berlin, und viele davon sind sehr gut, aber es gab keinen einzigen auf Türkisch. Also habe ich es auf Türkisch gemacht.

Du sagst, dass du nicht weißt, ob du in sechs Jahren noch hier leben wirst. Hast du Pläne für deine Zukunft in Berlin?

Wahrscheinlich werde ich hier bleiben, aber ich sage das nur, weil ich nicht weiß, wohin ich gehen würde. Wahrscheinlich würde ich nicht in die Türkei zurückgehen, aber ich weiß nicht, ob ich in eine andere Stadt ziehen würde. Wir sind eine Art geschlossene Gemeinschaft. Zumindest lebe ich so. Alle meine Freunde sind auch aus der Türkei gekommen. Das scheint mir nicht sehr organisch zu sein. 

Es ist, als ob wir alle nur vorübergehend hier sind. 

Vielleicht liegt das daran, dass ich Deutschland nicht sehr gut kenne. Man verpasst zum Beispiel die Ereignisse auf Deutsch. Ich glaube also nicht, dass diese ‚Geschlossenheit‘ auf Dauer sehr nachhaltig ist.

Welche Orte in Berlin magst du besonders gern?

In Neukölln gibt es eine Bar namens Frollein Langer. Es ist meine Lieblingskneipe und auch mein erster Instagram-Beitrag handelt von ihr. An eine Wand der Kneipe habe ich “Berlin’s beste Bar” geschrieben.  Ich mag auch Wedding, wo ich wohne. In den letzten Jahren war mein Lieblingsviertel Neukölln, aber ich werde Kreuzberg immer lieben.

 

Interview und Bilder: Asena Bulduk

Englische Übersetzung: Matze Kasper

Deutsche Übersetzung: Hannah Nieswand

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