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Sprache & Literatur

Tayfun Guttstadt – Gestrandet.

Geflüchtete in der Türkei

Im Oktober 2016 ist Tayfun Guttstadts Gestrandet. Geflüchtete zwischen Syrien und Europa. Eine Reportage aus der Türkei beim Unrast Verlag erschienen. Der junge Hamburger Autor gibt besonderen Einblick in das Leben und die Perspektiven von Geflüchteten in der Türkei. Er hat renk. exklusiv ein Kapitel daraus zur Verfügung gestellt. In diesem berichtet er von seinen Begegnungen bei einem Treffen in einem alternativen Cafe in Kadıköy mit Kulturschaffenden aus dem gesamten Nahen Osten. Sie setzen sich dafür ein, die Seele des Nahen Ostens am Leben zu erhalten und ihn gleichzeitig zu erneuern.

3. Kapitel: Menschen

Die Zukunft des globalen Nahen Ostens

Wenige Länder blicken auf so eine lange Geschichte zurück wie Syrien. Die im heutigen Syrien gelegenen Städte waren durch einen Großteil der bekann­ten Geschichte von immenser Bedeutung für die gesamte zivilisierte Welt. In der arabischen Welt zählt Syrien sicherlich zu den Ländern mit der besten Schul- und Universitätsausbildung. Unter den Flüchtlingen findet sich eine hohe Anzahl von Menschen mit Universitätsabschluss und Berufserfahrung aus der Mittelschicht. Die Kreativen wollen natürlich alle nach Istanbul. Hier finden sich die interessantesten Menschen. So jemand wie Ali-Rıza zum Bei­spiel. Sein Vater ist aus dem Iran, seine Mutter aus Saudi-Arabien, geboren ist er in der Türkei, er spricht fließend Arabisch und Türkisch. Mit seinen langen Haaren, seinem vollen Bart, der großen Brille und dem Trenchcoat gleicht er einer Mischung aus gläubigem Muslim, Hippster und Neo aus dem Hollywood-Streifen Matrix. Das beschreibt sein Universum ebenfalls tref­fend. Seine Perspektive ist international, er fühlt sich dem Erbe des Nahen Ostens verpflichtet und um seine Ziele zu verfolgen, bedient er sich der Kunst und der modernen Kommunikationsmittel. Um sich schart er junge Kreative und Intellektuelle aus dem gesamten Nahen Osten. Die großen Kulturstädte der muslimischen Welt sind alle verloren. Bagdad und Damaskus sind physisch zerstört, Kairo und Teheran intellektuell tot. Istanbul ist unsere letzte Hoffnung. Sein enger Freund Nour stammt aus Syrien. Er hat ebenso viel Haar und Bart wie Ali-Riza, nur viel heller, rötlich-braun. Mit seiner blassen Haut und seiner bei­nahe zierlichen Art wirkt er eher wie ein Mensch aus Dänemark oder Schwe­den. Nour ist Musiker, er macht eine Art orientalischen Ambient-Rock, den er auf Soundcloud (Mohammed Nour Shammout) zur Verfügung stellt. Er teilt die Vision Ali-Rizas: Das kulturelle Erbe der islamischen Welt muss er­halten bleiben. Mit der von ihnen gegründeten Plattform Selam versuchen sie, die Menschen aus der Türkei, dem Iran, Syrien und dem Irak zusammen­zubringen und gemeinsam an einer künstlerisch-politischen Renaissance des Nahen Ostens zu arbeiten.

Ali-Rıza, dessen Dokumentation über den syrischen Maler Mohammad Zaza vor einem Jahr auf dem staatlichen Sender TRT ausgestrahlt wurde, beschwert sich, dass immer nur die Religiösen sprechen. Das ist auf beiden Seiten so, sagt er, schon seit sechs Jahren. Selbst den konservativen Syrern geht das auf den Geist. Der türkische Staat versucht, die Syrer ausschließlich in mus­limischen Verbänden zu organisieren. Damit die, die eine andere Vision von Gesellschaft teilen, hierbleiben, müssen wir gemeinsam alternative Grundlagen aufbauen. Sonst fahren alle nach Berlin!, sagt er mir bei einer Zigarette vor dem kleinen aber zweistöckigen Komşu-Café, das im aufkommenden Viertel Yeldeğirmeni direkt neben Kadıköy liegt. Unten gibt es einen Tresen und eine kleine Küche, in der vegetarisch gekocht wird, oben Platz zum Sitzen und Musizieren. Von den anwesenden sechs Musikern spielen vier Oud, die ara­bische Laute. Wir musizieren zusammen, nach einer Dreiviertelstunde ver­stummen Oud, Gesang, Klarinette und Gitarre und es beginnt ein Gespräch, in dem die Soziolog*innen und Philosoph*innen unter den Anwesenden das Ruder übernehmen. Es sind auch ein paar deutsche Erasmus-Student*innen anwesend, für die Kadıköy und Yeldeğirmeni neben Beyoğlu die beliebtesten Viertel sind, doch sie halten sich vornehm zurück. In der Gedankenwelt der das Wort ergreifenden Syrer*innen spielt ein ambivalenter Punkt die zentrale Rolle: Der Nahe Osten müsse komplett erneuert werden, seine Seele dabei aber bestehen bleiben. Sie betonen ihre Nähe zu großen islamischen Den­kern wie al-Kindi und al-Farabi. Während Mawlana in den USA ein Bestseller ist, hat Sartre großen Einfluss auf die modernen arabischen Denker. Diese Art von Überschneidungen müssen wir als Ansatz verwenden, sagt Sameer, der in Syrien Philosophie studiert hat. Nour merkt an, dass der Sufismus, der im Nahen Osten lange sehr einflussreich war, die Gesellschaft auch vor religiö­sem Extremismus geschützt hat. Was unangesprochen und schwer wie Blei im Raum stehen bleibt, ist die Ungewissheit, die sie alle begleitet. Welcher der Anwesenden wird morgen noch hier sein? Die syrische Kurdin Beriwan erklärt, dass sie und ihr Mann, der begnadete Oud-Spieler Wassim, sich sehr über dieses Treffen freuen, aber leider nur für zwei Tage hier seien. Dann gehe es aufs Boot nach Griechenland. Wir wollen unbedingt nach Berlin, sagt Was­sim. Ali-Rıza lächelt mich an. Anschließend an das Treffen nimmt er mich und Nour mit in ein gemütliches Büro zweier Istanbuler Bloggerinnen, gegenüber eines Hostels, in dem sich junge Tourist*innen die Klinke in die Hand geben. Die Bloggerinnen sind gute Freundinnen und wollen Ali-Riza und Nour hel­fen. Gemeinsam wird überlegt, wie man die kulturelle Arbeit auf lange Sicht finanzieren könnte. Bisher wurden einige Ausstellungen und Performances mit Musik und Live-Malereien auf die Beine gestellt, Künstler wie Publikum eine Mischung aus Türk*innen, internationalen Einwohner*innen Istanbuls und Geflüchteten. Man überlegt, ob man mit Klamottendesigner*innen zu­sammenarbeiten und T-Shirts mit Motiven der syrischen Künstler*innen be­drucken könnte. Gerade dieser Tage wird das Abkommen zwischen der EU und der Türkei ausgehandelt und der Gedanke an die Milliarden, die für die Versorgung der Geflüchteten bereitgestellt werden sollen, drängt sich auf. Ali-Rıza will eigentlich nichts mit Staatsgeldern zu tun haben. Gamze, eine der Bloggerinnen, denkt, man sollte dieses Geld nicht im AKP-Sumpf versi­ckern lassen, sondern lieber sinnvoll verwenden. Vertraust du deiner Arbeit nicht? Wir machen doch tolle Sachen. Ali-Rıza ist sich nicht sicher.

Elif, die Bloggerin, serviert uns Filterkaffe mit Milch, alle rauchen, während vor allem über Persönliches geredet wird.

Nour lacht zwar viel, ist aber eigentlich sehr melancholisch. Viele unserer Freunde wollen weg aus der Türkei. Aber ich denke es ist egal, wie das Land ist, es kommt drauf an, wer dich begleitet. Es herrscht nicht nur ein Mangel an Kon­takt zwischen den Gemeinschaften, sondern auch in den Gemeinschaften selber. Es sind mittlerweile, nach dem Militärcoup, auch viele Ägypter gekommen. Die Ausreise aus Ägypten ist sehr schwer geworden, sonst würden sicher viel mehr kommen.

Die Flüchtlinge leben nur so vor sich hin, sie arbeiten, mieten ein Haus. Sie nehmen ihr Schicksal hin. Ich selbst wollte lange kein Türkisch lernen, weil ich den Gedanken ablehnte, auf Dauer hier zu bleiben. Mittlerweile denke ich, dass ich wohl noch lange hierbleiben werde und will Türkisch lernen. Aber ich weiß ja immer noch nicht, was morgen mit mir geschehen wird. Diese Ungewissheit macht uns alle fertig. Wir müssen irgendwie überleben und das ist oft schon sehr schwer für uns. Wir versuchen viele Dinge, aber die Wirtschaft ist momentan auch sehr schwach. Vielleicht sollte ich einfach als Teejunge arbeiten.

Elif hört ihm aufmerksam zu und antwortet wie immer besonnen: Viel­leicht kannst du den arabischen Instagramaccount für eine Bekannte organisie­ren, eine sehr erfolgreiche Brautmodendesignerin. Damit könntest du ein wenig Geld verdienen.

Doch Ali-Rıza schüttelt den Kopf. Wir wollten eine Art Verein gründen, aber haben es uns dann wieder anders überlegt. Der türkische Staat versucht, alle Syrer in muslimischen Verbänden zu organisieren. Das Einzige, was sie dort für Integration tun, sind gemeinsame Fastenbrechen während des Ramadan. Die sind sehr islamisch. Auch von den Arabern werden nur die Islamisten aus­gesucht. Sie sehen alle gleich aus. Aber sonst haben sie auch nichts miteinander zu tun. Deshalb passiert auch nichts seit sechs Jahren. Es wird die ganze Zeit von der Ummah geredet, aber mittlerweile haben alle genug von diesem Ge­rede, weil nichts passiert ist. Ein Filmemacher, der der Regierung nahesteht, hat gleichzeitig mit mir begonnen, eine Dokumentation über die Syrer zu machen. Er hat dann aber schnell aufgegeben, weil die Syrer viel diverser waren, als er dachte. Er hatte erwartet, dass alle dem Kalifen Erdoğan hinterherrennen! Die islamistischen Bestrebungen der Regierung laufen also oft ins Leere, weil sie gar nichts mit den Syrern zu tun haben, nichts über sie wissen wollen.

Viele der Syrer hassen den Islam jetzt. Aber das ist etwas Gutes. Die, die sich später wieder des Islams annehmen, werden ein schönes, ein gesundes Verhältnis zu ihrer Religion haben, so war es auch bei mir. Jede Religion und jede Ideologie verfällt ja bereits ab dem Moment ihrer Gründung. So ist es mit dem Islam, so ist es mit dem Marxismus. Es sind eigentlich nur Ausdrücke eines bestimmten Trends, der in der Zeit herrscht. Der Trend unserer Zeit ist Ökologie, und dem sollten wir uns zuwenden. Doch auch diese Idee wird bereits jetzt ausgehöhlt, Coca Cola hat doch auch schon Ökoprodukte rausgebracht.

Es könnte jederzeit Krieg in der Türkei ausbrechen. Das kann man vielleicht nicht verhindern. Aber die Samen, die wir jetzt sähen, und das, was wir auf­bewahren und weitergeben könnten Grundsteine für die Gesellschaft nach dem Krieg sein.

Ich frage ihn, was es ist, das er aufbewahren möchte. Wenn ich das in Worte fassen könnte, wäre ich schon einen gewaltigen Schritt weiter, sagt er mit einem verkniffenen Lächeln. Die Seele des Nahen Ostens vielleicht. Aber Worte machen alles kaputt, das fühle ich. Ich will es nicht benennen.

tayfun-guttstadtDer Autor Tayfun Guttstadt ist in Hamburg geboren und aufgewachsen und hat dort Islamwissenschaften studiert. Er lebte vier Jahre in der Türkei und war u.a. in der dortigen Umweltschutzbewegung politisch aktiv. Inzwischen ist er nach Berlin gezogen. Zuletzt erschien von ihm 2014 im Unrast Verlag der Titel: Çapulcu. Die Gezi-Park-Bewegung und die neuen Proteste in der Türkei.

 

 

 

 

 

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