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Sprache & Literatur

Selim Özdoğan – Über Drogen und Heimat

An einem verregneten Herbsttag in Istanbul trafen wir den Kölner Selim Özdoğan. Wir verschwanden in einer Seitenstraße im Stadtteil Beyoğlu und ließen uns den türkischen Çay schmecken. Er lebt nun seit August 2014 in dieser Metropole und sammelt Inspirationen für seinen neuen Roman. Wir sprachen nicht nur über die Stadt, sondern auch über seinen Roman „DZ“, das Bewusstsein und über den Konsum diverser Drogen.

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Beim Lesen von „DZ“ hatte ich plötzlich Lust die fiktive Droge „wmk“ zu probieren, war das beabsichtigt?

In dem Buch geht es um Wahrnehmungsveränderung, wie die Welt anders unter Einfluss von
Drogen erlebt wird. Aber das Lesen ist ja auch eine Wahrnehmungsveränderung. Bei „DZ“ bekommt man vielleicht Lust auf Drogen, die es gar nicht gibt. Man nimmt die Welt anders wahr, wenn man Angst hat, verliebt ist, oder wenn man wütend ist. Ich freue mich, dass das Buch „DZ“ eine Wirkung hat. So verstehe ich auch Literatur oder überhaupt Kunst. Das ist eine Droge, weil du Sachen anders wahrnimmst.

Im Buch ist die Rede davon, dass eine irreale Droge nicht die Realität beeinflussen kann. Aber nun reden wir darüber. War das Drogen-Thema bewusst ausgesucht, um einen offenen Diskurs zu starten?

Gerne wäre ich in der Lage, mit einem Buch so einen Diskurs mitgestalten zu können. Ich finde es komisch wie wir mit Drogen umgehen. Alkohol wird nicht als Droge wahrgenommen, weil er legal ist. Wir müssten aber, wenn wir das rein ökonomisch und wirtschaftlich sehen, auch Cannabis legalisieren.

Obwohl wir aufgeklärt sind, uns für rational und wissenschaftlich halten, ist man beim Drogenthema emotional oder moralisch. Es hat keine Logik, was ein Medikament und was eine Droge ist. Was wir als Medikament bezeichnen, wird als Droge missbraucht. Es ist willkürlich. Wir sagen nie, dass wir bereits eine Drogengesellschaft sind, doch in Wirklichkeit ist fast jeder von uns schon abhängig.

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Damian und Zoe – die zwei Hauptfiguren aus dem Buch, die sich soeben dem Rausch hingeben

In deinem Roman geht es nicht nur um Drogen, sondern auch um das Bewusstsein. Wolltest du vielleicht andeuten, dass jeder Mensch sein Bewusstsein kontrollieren kann?

Ja, das kann man grundsätzlich. Aber wichtiger ist zu sehen, dass sich das Bewusstsein ändert.
Du wachst morgens auf und bist ein sehr viel disziplinierterer Mensch, als du es abends bist. Das trifft auf alle Menschen zu. Das Bewusstsein verändert sich ständig.

Wenn du drei Stunden auf der Fähre warst und dann Boden unter den Füßen hast, fühlt sich das komisch an. Auch die Wahrnehmung verändert sich. Es geht gar nicht so sehr darum zu sagen, man kann die Wahrnehmung lenken. Man kann sie sicher bis zu einem gewissen Grad lenken. Wichtiger ist, sie ist nicht statisch. Sie ist ein Prozess, der sich verändert.

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Die Hauptfigur in „DZ“ entdeckt eine Internetplattform als seine neue Heimat. Als gebürtiger Kölner mit einem türkischen Hintergrund lebst du seit August in Istanbul. Fühlst du dich in Istanbul heimisch?

Irgendwie nicht. Ich kann das nicht beantworten. Schön finde ich, irgendwo fremd zu sein und die Sprache zu sprechen. Das passiert mir sonst nicht. Als ich nach drei Tagen aus Slowenien wieder nach Istanbul kam, war ich zu Hause. Aber ich kann mir nicht vorstellen in dieser Stadt zu leben, weil sie zu laut und zu voll ist. Wenn ich hier leben sollte, dann nicht in Beyoğlu.

Slowenien hat nur zwei Millionen Einwohner. Hier gehen täglich drei Millionen Menschen über die İstiklal (Haupteinkaufsstraße in Beyoğlu-Istanbul).

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Schreibst du demnächst wieder einen Roman mit einem deutsch-türkischen Thema?

Ja, ich sitze im Moment daran. Der Roman wird ganz anders, da er einen anderen Ansatz hat. Die Geschichte geht so: 1989 lernt eine deutsche Hippie-Frau, die auf dem Landweg von Indien kommt, einen türkischen Germanistikstudenten kennen. Sie verlieben sich und bekommen einen Sohn. Sie leben in Istanbul, bis das Kind die Grundschule besuchen muss. Der Mutter gefällt das Bildungssystem in der Türkei nicht. Dann fahren sie nach Deutschland. Dem Vater gefällt wiederum Deutschland nicht und sie trennen sich. Der Junge kommt aus der Türkei direkt auf eine Waldorfschule. Das ist die Vorgeschichte.

Die eigentliche Geschichte spielt in der Gegenwart und der Junge wird von seiner Freundin verlassen, weil er sich nicht um seine Identität, Kultur und Wurzeln kümmert. Er nimmt das nicht ernst, geht dann aber nach Istanbul und fängt an, einiges besser zu verstehen. Es ist für mich tatsächlich schön, nun in Istanbul zu sein. Und irgendwie auch lustig. Auf der İstiklal hängt die Weihnachtbeleuchtung das ganze Jahr und es gibt in dieser Ecke mehr Kirchen als Moscheen. Grotesk.

Ich bin mit dem Geschriebenen ganz zufrieden. Aber es ist mein erster Versuch, ein weitgehend lustiges Buch zu schreiben. Das finde ich schwierig.

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Da sind wir schon sehr gespannt auf deinen nächsten Roman.

2015 erscheint Selim Özdoğans nächster Roman „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“. Sein aktuelles Werk „DZ“ ist 2013 im Haymon Verlag erschienen.

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Credits
Text: Nur Şeyda Kapsız
Fotos: Yalçın Eser
Illustrationen: Rikk Nerlig
http://www.selimoezdogan.de

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