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Musik & Tanz

Nachtisch zum Nachdenken

Ein Gespräch mit der Rapperin Tice

Ich treffe mich mit Tice, der tiefstimmigen Rapperin aus Düsseldorf, an einem Samstagabend im Bi Nuu am Schlesischen Tor, wo sie ein paar Stunden später auftreten wird. Während wir uns einen schwarzen Çay holen und über die Anfänge ihrer Rap-Karriere sprechen, beginnt türkischer Hiphop aus den Boxen des Ladens zu boomen – der vermutlich türkische Besitzer hat uns wohl belauscht. Tice erzählt von ihrem unerwarteten Erfolg, Emotionen und Musik, einer Identität zwischen zwei Kulturen und dem zuckersüßen Nachtisch, nach dem ihre letzte EP betitelt ist.

Ein plötzlicher, unerwarteter Anfang

Seit 2014 steht Tice als Rapperin in der Öffentlichkeit. Zuerst kam die kostenlose EP Each One Tice One heraus, 2015 folgte die zweite EP Trümmerfrau und ihre neueste Veröffentlichung, Baklava, erschien letztes Jahr. Jetzt Anfang 30, schreibt sie Texte, seitdem sie 15 ist. „Du kannst dir ausrechnen, wie lange ich Musik mache“, erläutert sie mit ihrem trockenen Humor und kichert dabei.

Man fragt sich, warum Tice mit über 15 Jahren Erfahrung als Texterin so lange gewartet hat, um auf die Bühne zu springen. 2014 ging sie zum ersten Mal in Bochum in ein „richtiges“ Studio, um Each One Tice One aufzunehmen, nur nicht für ein größeres Publikum: „Ich wollte diese erste EP eigentlich nur für mich persönlich machen. Ich wollte einfach etwas haben, das ich vielleicht irgendwann mal Leuten in meinem Umfeld oder meinen Kindern zeigen könnte. Ich wollte einfach gute Musik haben, die ich selber gemacht habe, die man sich anhören kann.“

Diese Einstellung hatte ihrem Kollegen im Studio aber nicht gefallen, da er in ihren Songs zu viel Potential und Qualität sah – die EP wurde kostenlos als Download online gestellt. „Dann habe ich gesehen, wie viele Reaktionen darauf kommen. Dann kamen halt mehr Auftritte, mehr Anfragen, und da habe ich gedacht, vielleicht kann ich im Endeffekt doch meinen Traum leben und auf der Bühne stehen.“

„Ich habe nicht damit gerechnet. Ich hatte nicht gedacht, dass es mal soweit kommen kann, weißt du?“

Emotionen, die tief gehen

Während ich am Aufnahmegerät herumfummele, erzähle ich ihr, dass ich schon mal eine Interviewaufnahme komplett verloren habe und nur sicher sein möchte, dass heute alles funktioniert, wie es soll. Wieder dieses Kichern – sie erzählt, wie sie einmal quer durch Deutschland gefahren ist, um Aufnahmen mit einem anderen Rapper zu machen, nur um später zu merken, dass das Aufnahmegerät nicht an war. Durch solche Geschichten erahnt man, warum Tice so viele positive Reaktionen auf ihre Musik bekommt – man kann sich mit ihr identifizieren, egal ob in ihren Songtexten oder im Gespräch.

Denn der Anziehungspunkt bei Tices Musik ist nicht nur ihr präziser Flow oder ihre einzigartige Stimme, sondern die Emotionen, die sich durch die Zeilen ihrer Lieder beschreiben lassen. „Gefühle kennt jeder. Ich würde nicht sagen, dass ich besondere Gefühle habe. Das, was ich erlebt habe, haben auch viele andere erlebt, und wenn ich darüber schreibe, dann kann ich jemand anderem damit helfen. Ich habe mir etwas Gutes getan und vielleicht auch noch jemand anderem.“

„Das, was ich erlebt habe, haben auch viele andere erlebt.“

Insbesondere bei Songs wie Ich bin so ist das mit Sicherheit der Fall. Die viereinhalbminütige Ballade beschreibt ihren Weg seit ihrer Schulzeit, tiefe, dunkle Gefühle kommen zum Wort. Es ist eine persönliche Geschichte, und gleichzeitig wirft Ich bin so Einblicke in die Welt einer Frau zwischen zwei Kulturen. So emotionsvoll ist das Lied, dass manche es nicht auszuhalten scheinen. „Das haben mir auch viele, besonders Frauen geschrieben, dass sie es sich nicht anhören können aufgrund ihrer eigenen Geschichte, die sie in den Kulturen erlebt haben.“ Es sei wie eine Wunde aufmachen. „Ich finde es schön“, sagen sie, „aber mir kommen die Tränen.“

 

Deutsch, türkisch, oder einfach Baklava?

Obwohl bei weitem nicht jedes Lied ein Spiegel der deutsch-türkischen Gesellschaft ist, spielen Tices Emotionen und persönliche Erfahrungen eine große Rolle in ihrer Kunst; ihre kulturelle Identität ist selbstverständlich ein Teil davon. Früher waren ihr aber Teile ihrer türkischen Kultur, insbesondere die Sprache, fremder als jetzt. „Ich hatte nicht so die türkischen Freunde und auch nicht so die deutschen Freunde, sondern war immer irgendwo im Nirgendwo unterwegs. Mir war es wichtig, die deutsche Sprache zu beherrschen, weil man in jungen Jahren oft damit konfrontiert wird, dass man halt anderer Herkunft ist.“ Mittlerweile hat sie ihr Türkisch aber aufgefrischt. „Mir war es auch wichtig zu zeigen, ich habe zwei Kulturen und ich interessiere mich für beide und natürlich wollte die Sprache wieder aufleben.“

„Ich habe zwei Kulturen und ich interessiere mich für beide.“

Passend ist dann der Name ihrer neuesten EP, Baklava. Die zuckrige Süßigkeit isst sie selber gerne – „Das Lustige ist, ich nehme nicht so viel zu davon“, lacht sie. Mag der Titel auf den ersten Blick klischeehaft klingen, dahinter steht viel mehr als ein typisches Symbol der türkischen Konditorei: „Ich definiere mich ein Stück Baklava. Das hat bestimmt jeder mal gegessen, aber nicht alle mögen es. Man sollte immer nur ein Stück essen und genießen, weil es doch schwer im Magen liegt und viele Leute auch nicht mit dem vielen Zucker umgehen können.“ Genauso wie mit ihrer Musik.

 

Seit ihrem unerwarteten Start 2014 hat Tice schon drei baklavavolle EPs rausgehauen. Mit ihren emotionellen, rührenden Texten gewinnt sie ständig neue Fans dazu. Darunter ist auch ihre Zeitgenossin Sookee, mit der sie letztes Jahr auf Tour ging. Und die Zukunft? Sie hofft auf eine eigene Tour und ein eigenes Album, nimmt sich aber Zeit dafür. Steine in ihren Weg sollte keiner legen. Mit Hatern hat sie bisher keinen Stress gehabt – eine Besonderheit in der Rap-Szene. „Es hat bisher niemand gesagt, was du da machst ist Scheiße. Und selbst wenn: Mittelfinger hoch, weiter.“

Lust auf Nachtisch? Tice kann man auf Facebook folgen und Spotify hören, auf ihrer offiziellen Webseite kann man ihre neuste EP Baklava bestellen.

Fotografie: Samet Durgun

 

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