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Musik & Tanz

Mecnun Giasar – vom Rebell zum Starchoreographen

Er sei schon immer ein „Rebell“ und „Problemkind“ gewesen, brach die Schule nach der 7. Klasse ab und zog hinaus in die große, weite Welt. Mecnun Giasar hatte einen Traum, welchen er in jungen Jahren nicht nur verfolgte, sondern auch verwirklicht hat. Er ist Tänzer und steht neben Weltstars wie Rihanna und Heidi Klum auf der Bühne. Wie der 27-jährige Nürnberger zu einer der gefragtesten Tänzer und Choreographen weltweit wurde, erzählt er uns im Interview.

 

 

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Mecnun, ich möchte gleich mit deinem Namen beginnen: Ins Deutsche übersetzt, bedeutet es „besessen sein“ oder „wie verrückt lieben“. Passt es zu deinem Charakter? 

Als ich angefangen habe, mich mit meinem Namen auseinanderzusetzen, habe ich festgestellt, dass es wie die Faust aufs Auge passt. Ich bin ein sehr poetischer Mensch. Mecnun ist bekannt aus dem Liebesgedicht „Leyla und Mecnun“ und zählt zu den ältesten Gedichten in der Weltgeschichte. In dieser Geschichte ist Mecnun vor Liebe gestorben und ich sehe darin Parallelen: Ich bin ebenfalls ein sehr bedingungsloser und liebender Mensch – besonders bezogen auf meine Arbeit, auf meine Mitmenschen und wofür ich stehe.
Ich bin auf einer emotionalen Art und Weise mit dem Ursprung meines Namens gebunden. So habe ich für den Song „Leila“ von dem Weltstar Reynmen beispielsweise auch ein Kurzfilm produziert, in der ich sogenannte movement-orientated (Bewegungsorientierte) Techniken nutze. 

Bevor wir auf deine Tanz-Karriere kommen, erzähl doch erstmal, wer du bist?

Ich bin Nürnberg geboren und aufgewachsen – genau genommen in Fürth – aber seit zehn Jahren bin ich eigentlich kaum in Deutschland. Ich bin aber nicht nur Tänzer. Ich arbeite auch als Art-Director, Performer und Choreograph.

Du hast nach der 7. Klasse die Schule verlassen – hast du keinen Ärger von deinen Eltern bekommen?

Besonders Eltern mit Einwanderungsgeschichte wollen das Beste für ihre Kinder, da sie viel für ihre Kinder aufgegeben haben, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Meine Geschwister und ich haben immer die Freiheit gehabt zu leben und danach zu streben, wonach wir wollen, ohne viel Druck. Zwar war ein gewisser Druck in so jungem Alter da, aber der ist normal – alle Eltern sorgen sich um ihre Kinder und um ihre Zukunft. Ich hatte das Glück, dass mein Vater ebenfalls Künstler ist. Er macht Musik und hat mich immer verstanden und mir vertraut. Es gab natürlich Höhen und Tiefen und manchmal hat man sich verloren gefühlt. Gedanken wie, ‚ich muss zur Schule‘ oder ‚man braucht eine Ausbildung, um arbeiten zu können‘, begleiten einen ständig. Dennoch habe ich tatsächlich noch nie etwas gemacht, was gesellschaftlich gesehen eher als akzeptiert galt. Ich habe mein Hobby wirklich zu meinem Beruf machen können. 

Dazu gehört sehr viel Mut – insbesondere nicht mit dem Strom zu schwimmen.

Wenn man im Leben wirklich ohne Pause hart arbeitet und alles dafür gibt, dann kommt das irgendwann und irgendwie zurück. Egal wann, egal wie – daran glaube ich. Ich bin sehr glücklich über meine Entscheidungen. Meine Lehrer*innen waren aber sehr traurig darüber, dass ich die Schule abgebrochen habe. Sie besuchten uns sogar zu Hause, weil ich eigentlich nicht schlecht in der Schule war, nur zu faul. Darauf bin ich auch nicht stolz. Aber ich bin stolz auf meine Intuition und auf meine Träume, die ich verwirklichen konnte.

Willst du irgendwann doch nochmal deinen Abschluss nachholen?

Nein. Ich war bisher in 48 Ländern unterwegs: Das Leben ist meine Uni – auch die Erfahrungen, die ich gemacht habe. Alles, was mich bisher interessiert hat, wie zum Beispiel Fotografie, Videografie oder Musik, habe ich mir selbst beigebracht. Und mittlerweile arbeite ich mit den Besten der Welt zusammen. 

Wie kam es dazu, dass du mit Weltstars auf einer Bühne warst?

Mit etwa 16 Jahren wurde ich international für Workshops, Seminare und Performances gebucht. Dadurch bin ich viel um die Welt gekommen und irgendwann kennt man sich in der Tanz-Community. Ich war schon immer jemand, der herausgestochen ist – mit der Zeit kamen Anfragen und Kollaborationen. 

Welche Auftritte zählst du zu den Höhepunkten in deiner Tanz-Karriere?

Ich bin mit BTS auf Tour gegangen, das ist eine der erfolgreichsten K-Pop-Boygroups, die es überhaupt gibt – damals wusste ich das nicht. Aber sie haben offenbar alle Rekorde gebrochen: Michael Jackson, Queens, Beyoncé. Wir standen vor einem Publikum mit 350.000 Menschen. Im Jahr 2017 hat mir dann Rihanna auf Instagram geschrieben. Und als sie angefangen hat mir auf Instagram zu folgen, habe ich verstanden, dass ich irgendetwas richtigmache. Sie zählt zu meinen Vorbildern, vor allem, weil sie immer treu zu sich selber geblieben ist. Wir brauchen Künstler*innen, die gesellschaftskonfrontierende Themen ansprechen. Und für mich ist das eine große Ehre und vor allem auch eine Anerkennung, für das, was ich mache.

Versuchst du mit deinen Choreographien auch ganz bestimmte Themen „anzusprechen“ beziehungsweise auszudrücken?

Ich habe 2018 in Barcelona eine Theatershow „Piece of Mind“ kreiert. In dieser Zeit bin ich mir als Künstler nähergekommen. Es war ein Prozess, in dem ich festgestellt habe, was für mich wichtig ist und was meine Prioritäten sind. Aber auch, was mich zum Beispiel belastet und wie ich Politik und Gesellschaft betrachte. Ich habe angefangen mich beispielsweise mit der Fluchtmigration auseinanderzusetzen und habe dieses Thema aufgegriffen und versucht zu verkörpern. Ich wollte zeigen, dass Menschen nicht ohne Grund flüchten und was Flucht bedeutet. Es kamen Künstler*innen, Rapper*innen und Sänger*innen hinzu. Schließlich wurde daraus eine Dokumentation: „Yacht – The Boat of Life“.

Für zwischenmenschliche beziehungsweise humanitäre Themen habe ich mich schon immer eingesetzt – wahrscheinlich liegt es daran, dass ich natürlich auch intersektional Betroffen bin von Diskriminierung durch meine Homosexualität und die Herkunft meiner Eltern. Ich bin von Beginn an in meinem Leben auf Grenzen gestoßen. Es fing damit an, dass ich damals zu Schulzeiten mit neongrünen Haaren, pinken Ohrringen und lackierten Fingernägeln herumgelaufen bin und natürlich gab es Blicke in der U-Bahn oder bei der Dönerbude nach der Schule. Bei allem war ich immer ich selbst. Auch wenn ich in der Schule dafür ausgelacht wurde. Die Bühne ist wie ein Sprachrohr. Und bei Gelegenheit versuche ich diese gesamten Erfahrungen und Eindrücke dort zum Ausdruck zu bringen. 



Spannend. Zu Anfang sprachst du über dein Theaterstück „Piece of Mind“. Wie kam das Stück beim Publikum an? 

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Manche sind aufgestanden und gegangen, andere wiederum haben geweint. Es gab auch Leute, die waren glücklich. Und das ist das Geilste daran! So ist nämlich auch das Leben. Jede*r hat seinen eigenen Prozess sowie sein eigenes Leben.

Es gibt zwei Substanzen in meinem Leben, die mich stärken: Empathie und Wahrheit. Die bringen mich dazu, zusammen mit der Leidenschaft, die Gesellschaft zu konfrontieren. 

Was für Schwierigkeiten können einem auf solch einer Laufbahn begegnen?

Die erste Schwierigkeit, die ich hatte, war die Frage, verstehen mich die Menschen? Andersherum dachte ich, dass alle Menschen so fühlen und empfinden wie ich. Das war mein Fehler, so etwas zu erwarten. Ich würde für Menschen sterben, die ich liebe. Es gab Situationen in meinem Leben, die dazu geführt haben, dass ich alles aufgeben wollte und auf gar nichts mehr Lust hatte. Letztendlich habe ich verstanden, dass es mein Job ist, das zu machen, an was ich glaube.

Wer sind deine Vorbilder?

Meine Eltern – sie haben mir nichts außer Liebe beigebracht. Gleich danach meine Freunde. Ich bin umgeben von wunderschönen Menschen und Künstler*innen. Zu meinen weiblichen Vorbildern zähle ich Rihanna, Beyoncé und Paris Goebel. Aber in erster Linie meine Eltern, die haben mich total inspiriert und sind die selbstlosesten Menschen, die ich kenne – wobei jede*r wird wahrscheinlich so eine Beziehung zu seinen Eltern haben. 

Nicht unbedingt: Das Thema Homosexualität beispielsweise ist aus einer Türkeistämmigen Community oft noch ein Tabuthema. 

Es hat sehr viel damit zu tun, von wem man umgeben ist und was für ein Bild man von einer Gesellschaft hat. Ich kann es denjenigen, die Homosexualität kritisieren, nicht übelnehmen, weil es für sie etwas Unbekanntes ist. Ich liebe meine Kultur und bin so dankbar dafür. Und ich wäre niemals derjenige, der ich jetzt bin, wenn ich nicht gewusst hätte, wie ich zu lieben habe und was ich zu respektieren habe. Ich hoffe, ich kann ein Beispiel sein und Menschen Mut machen in ihren Entscheidungen. Das ist insbesondere an die Menschen ausgerichtet, die nie einen Platz gefunden haben.

Was planst du für die Zukunft?

Geplant war eine Tour, die wegen der Corona Pandemie verschoben werden musste. Zurzeit bin ich mit dem Umzug nach Berlin beschäftigt. Dort habe ich einige Projekte als Art-Director und den Freiraum, Neues auszuprobieren.

Können wir dich denn auch in Deutschland sehen?

Ich denke, es wird Zeit auch in Deutschland ein wenig lauter zu werden. Gemeinsam mit dem Oberbürgermeister meiner Heimatstadt planen wir zum Beispiel kulturelle Projekte. Es ist Zeit in dem Land etwas zu machen, in dem ich groß geworden bin.

Welche Botschaft möchtest du renk. Leser*innen mitgeben?

Höre immer auf deine Intuition und auf dein Herz. Ich glaube daran, dass wir nur einmal auf die Welt kommen. Jede*r hat Talente, seine eigenen Wahrheiten und Geschichten, die gehört werden möchten. Und wir brauchen eine mutige Jugend, die sich traut. Man sollte das machen, was einen glücklich macht. Eine Frage, die sich jede*r selbst stellen sollte, ist: Mit was für einem Gefühl gehe ich ins Bett? Letztendlich hat man alles im Leben selber in der Hand und kann es ändern. Aber: dass soll keine Ermutigung sein, die Schule abzubrechen. Also geht zur Schule!

Artikel: Autorin: Özge Kabukcu
Videoschnitt: Nitzan Sheps

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