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Sprache & Literatur

»Lyrik lebt!«

Zu Gast bei Dinçer Güçyeter vom Elif Verlag

»Dinçer Güçyeter// 0-33 jahre alt/ verehrt die möwen/ fällt immer wieder/ auf die schnauze/ schreibt, spielt, verlegt/ ein alberner narr« – so lautet Dinçers Biographie in seinem Gedichtband ein glas leben (2012). Der Dichter, Schauspieler und ehemalige Mechaniker findet, dass Gedichte oft zu Unrecht als kompliziert und altmodisch gelten. Um zu zeigen, dass »Lyrik lebt«, hat er vor fünf Jahren den Elif Verlag gegründet. Sein eigener Gedichtband war das erste Projekt des Nettetaler Verlags, der mittlerweile 21 Veröffentlichungen vorzuweisen hat. Im renk.-Interview erzählt uns Dinçer von seinen Projekten und von seiner Begeisterung für das Poetische.

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In deiner Autorenbiographie bezeichnest du dich als »albernen Narren«, der immer wieder auf die Schnauze fällt. Wie kommt es zu dieser Beschreibung?

Mein Lektor hat damals auf meine Biographie gewartet. Ich habe mir tagelang den Kopf zerbrochen und gedacht, im Grunde habe ich nichts im Leben geschafft. Diese Zeilen geben vor allem das wieder, was andere Leute über mich denken. Viele Menschen wollen mir seit Jahren weismachen, dass alles, womit ich mich beschäftige, zu nichts gut ist. Für sie ist es allein schon wahnsinnig, Gedichte zu schreiben. Noch wahnsinniger ist es, wenn man einen Verlag gründet, der nur Gedichte veröffentlicht.

Was hast du gemacht bevor du Verleger wurdest?

Mit fünfzehn Jahren habe ich eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker angefangen und danach ein Jahr lang gearbeitet. Mit dem Geld, das ich verdient habe, bin ich dann für zwei Monate nach Istanbul gegangen. Diese Erinnerung ist bei mir nach wie vor sehr präsent. Nach der eher sicheren und strukturierten Umgebung, in der ich zu Hause als Gastarbeiterkind gelebt habe, hat mir diese Zeit gezeigt, wie schön das Chaos sein kann. Alles Seltsame fing damals an. (lacht)

Danach habe ich noch dreizehn Jahre lang als Zerspanungsmechaniker gearbeitet. Aber parallel dazu lief das Theater. Morgens stand ich an der Drehmaschine und abends habe ich Schauspiel- und Dramaturgieunterricht genommen. 2002 habe ich dann angefangen, mich als Schauspieler zu bewerben. Es fing mit ganz kleinen Rollen an, bevor ich ab 2010 auch bessere Rollen bekommen habe. Drei Jahre später kam dann das Angebot, als Dramaturg und Regisseur ein Laienensemble zu leiten. Damit verdiene ich auch heute noch mein Brot-Geld.

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Kannst du dich an das erste Gedicht erinnern, das du geschrieben hast?

Ich habe Ende der neunziger Jahre angefangen, Gedichte zu schreiben. »Ebene Wege« ist das erste Gedicht, das ich in deutscher Sprache verfasst habe. Peinlich! Ich wollte es eigentlich nicht in meinem Gedichtband veröffentlichen, aber mein Lektor hat gesagt, die Jugendsünden gehören dazu. Davor habe ich versucht, auf Türkisch zu schreiben, doch das hat nicht so gut funktioniert – irgendwie fehlte mir der Klang. Aber auch heute ist es oft noch so, dass ich auf Türkisch denke und dann auf Deutsch schreibe.

Wie kamst du darauf einen eigenen Verlag zu gründen?

Es macht mir Spaß, mit den Texten anderer Dichter zu arbeiten und diese in einer passenden Form zu veröffentlichen. Ich habe Freude an dem Prozess, die Texte zu sammeln, auszuwählen und das passende Cover dazu zu finden. Ich selbst war eigentlich das Versuchskaninchen für den Verlag. Wir haben als Erstes meinen eigenen Gedichtband veröffentlicht und dann geschaut, wie der Prozess der Vermarktung läuft. Heute haben wir 21 Veröffentlichungen. Für einen Lyrikverlag ist das kein kleines Sortiment. Mittlerweile spricht man auch über den Elif Verlag. Das freut mich natürlich sehr. Wir haben als Verlierer angefangen, deshalb ist für uns jeder kleine Erfolg eine Überraschung. Das ist das Schöne an der Geschichte.

Ich kann mir allerdings vorstellen, dass es nicht besonders lukrativ ist…

Nein, wir betreiben den Verlag aber auch nicht aus lukrativen Gründen, sondern aus Freude an der Sache. Mittlerweile kann ich zumindest die Druckkosten decken und unseren wunderbaren Grafiker Ümit Kuzoluk bezahlen. Grundsätzlich ist alles, was bei uns im Verlag passiert, persönlich. Wir sind eher spontan und haben keine großen zukunftsorientierten Pläne. Wir wollen ja das Leben damit erleichtern und nicht noch komplizierter machen. Auch die Regeln des Literaturbetrieb nehme ich nicht besonders ernst. Ich schreibe natürlich Rechnungen und Emails, kommuniziere mit Institutionen und organisiere Lesungen, aber die meisten Vorschriften der Branche ignoriere ich einfach.

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Euer Programm umfasst regionale und internationale Lyrik, Debütanten und Preisträger*innen. Nach welchen Kriterien wählt ihr die Dichter*innen aus, die ihr verlegt?

Ich lese die Texte und gehe dann nach dem Bauchgefühl. Mir ist es wichtig, dass ein Dichter so schreibt, wie er lebt, dass er also authentisch ist. Wenn ich diese Energie spüre, habe ich das Gefühl, dass der Autor zum Verlag passt. Außerdem gebe ich auch Lyrikanthologien heraus. Dieses Jahr ist wieder ein Sammelband unter dem Titel »Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe« erschienen, der fünfzig Dichter*innen aus dem deutschsprachigen Raum vereint.

Ihr übersetzt und veröffentlicht auch wichtige Stimmen der türkischen Gegenwartslyrik, die vorher kaum oder gar nicht auf Deutsch erhältlich waren, z.B. Lâle Müldür oder İlhan Berk. Ist es dir ein besonderes Anliegen diese türkischen Dichter in Deutschland zugänglich zu machen?

Auf jeden Fall. Als ich fünfzehn, sechzehn Jahre alt war, habe ich mit diesen Dichtern versucht, in die Welt zu blicken – das prägt. Ihre Texte zu veröffentlichen, bedeutet für mich auch, ihnen die Treue zu zeigen. Zusammen mit Özlem Özgür Dündar haben wir mit den Übersetzungen aus dem Türkischen begonnen. Uns war es wichtig, dass die Gedichte auch in der deutschen Sprache einen kräftigen Körper, eine Anatomie haben. Am Ende waren wir überzeugt davon, dass uns das gelungen ist und dass wir diese Texte mit den deutschen Lesern teilen können. Ich bin sehr glücklich, dass wir das geschafft haben und dass auch das Echo auf diese Veröffentlichungen so positiv ist.

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Das Motto des Elif Verlags lautet »Lyrik lebt!«. Was genau fasziniert dich persönlich an Lyrik?

Das ganze Leben ist lyrisch. Du findest an jeder Ecke ein Gedicht, einen Kontrast gegenüber dem Gewohnten. Ich glaube außerdem, dass Lyrik wichtig ist für den Prozess der Selbsterkenntnis. Es ist wie bei den Archäologen – je tiefer man gräbt, desto mehr Geschichte kommt zum Vorschein. Aber das Schöne an Gedichten ist auch, dass man beim Schreiben an die ganze Welt denkt und nicht nur an sich selbst.

Die Welt sieht ja heutzutage so frei aus, aber ich persönlich habe das Gefühl, alles wird immer konservativer. Meine Devise ist es, die Dinge einfach laufen zu lassen und auszuprobieren, auch wenn man damit auf die Schnauze fällt. Es ist kein Weltuntergang, wenn man sich mal blamiert. Und genauso ist es auch in der Lyrik.

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Das Motto klingt auch ein bisschen wie eine Kampfansage an die gegenteilige Annahme, Lyrik sei nicht lebendig…

Ja, die Lyrik hat es schwer heutzutage. Die Leute haben wirklich Angst vor Lyrik. Dabei liegen dort die Wurzeln der Literatur. In der Antike haben die Leute ihre Sorgen und Freude besungen, also lyrisch deklamiert. Ich finde es schade, dass Lyrik heute nicht mehr zu den Tagesthemen des Literaturbetriebs gehört. Die Bestseller-Romane kommen zum Beispiel ins Schaufenster der Buchhandlungen – Lyrik nicht, weil sie sich nicht so gut verkauft. Aber man sollte diese Sparte nicht als altmodisch abtun. Es ist so, wie Klaus Mann gesagt hat: »Es ist unser Leben, es muss besungen werden.«

Welchen Wert hat Lyrik deiner Meinung nach im Zeitalter der immer schnelleren Kommunikation und immer größeren Flut an Texten?

Lyrik enthält all die Feinheiten und Kleinigkeiten, die wir oft gar nicht mehr sehen wollen. Die Zwischentöne, die wir in all dem Rummel nicht mehr hören und für die wir keine Zeit mehr haben. Und wenn man zum Beispiel an Brecht, an Lorca oder an Nâzım Hikmet denkt, merkt man, dass Lyrik gar nicht so schwer ist, wie viele immer denken. Einfach lesen!

elifverlagbuecher

Credits
Text: Julia Marx
Fotografie: Darwin Stapel

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